Der Hausschlüssel unter dem Blumentopf in Rottenburg

Ich bin die Postbotin in der Marktgasse, seit elf Jahren schon, und ich kenne fast jede Klingel zwischen der Bäckerei Fend und dem alten Milchladen an der Ecke. Bei Hausnummer sieben, bei Frau Irmgard Lechner, mache ich immer eine kleine Pause – nicht wegen der Post, sondern weil ihre Küche nach Zwetschgenkuchen riecht, egal zu welcher Jahreszeit ich komme.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Zeugin von etwas werde, das mir noch Wochen später nachgeht, wenn ich abends mit der Tasche voller nicht zugestellter Pakete nach Hause radle.

Es war ein Donnerstag im März, kurz vor sechs, das Licht schon bläulich über den Dächern, irgendwo bellte der Schäferhund vom Nachbarn. Ich brachte Frau Lechner einen Brief vom Amtsgericht Tübingen, sperrig, mit rotem Stempel, und sie öffnete die Tür schneller als sonst – im Morgenmantel, die Haare noch mit Lockenwicklern.

„Kommen Sie, kommen Sie", sagte sie und zog mich fast am Ärmel ins Wohnzimmer, „mein Sohn hat gerade angerufen, er kommt mit den Kindern, sie stehen gleich vorm Haus!"

Ich kannte die Geschichte in Bruchstücken, so wie man Nachbarschaftsgeschichten eben kennt: Ihr Sohn Bastian, Anfang vierzig, hatte vor zwei Jahren die kleine Kfz-Werkstatt seines Vaters übernommen, die Werkstatt an der Ammertalstraße, die der alte Lechner vierunddreißig Jahre lang geführt hatte. Und irgendwann, so raunte man im Dorfladen, hatte Bastian den Betrieb komplett auf seine eigene Frau überschrieben – Grundbuch, Gewerbeschein, alles –, angeblich aus steuerlichen Gründen, und Frau Irmgard hatte davon erst erfahren, als der Steuerberater versehentlich einen Brief an sie statt an ihren verstorbenen Mann adressiert hatte.

Seitdem, hieß es, redeten Mutter und Sohn kaum noch miteinander. Monatelang kein Anruf. Ich selbst hatte gesehen, wie Frau Lechner an manchen Abenden allein am Küchenfenster saß, das Licht an, den Fernseher aus, als würde sie auf ein Auto warten, das nicht kam.

Aber an diesem Donnerstag kam es doch.

Ich stand noch mit meiner Tasche in der Diele, als draußen ein Kombi hielt, ein grauer VW Passat mit Tübinger Kennzeichen, und zwei Kinder herausstürmten, ein Junge von vielleicht sieben, ein Mädchen jünger, beide mit Matschhosen und viel zu großen Gummistiefeln. Sie rannten über den Kiesweg, noch bevor der Motor ausging, und schrien „Oma, Oma!" so laut, dass die Amsel vom Zaun aufflog.

Frau Lechner vergaß den Brief, vergaß mich, vergaß sogar ihre Lockenwickler. Sie kniete auf den Steinplatten vor der Tür, die Arme weit offen, und die Kinder fielen praktisch in sie hinein.

Hinter ihnen, langsamer, kam Bastian aus dem Auto. Er trug seine Werkstattjacke noch, die mit dem Ölfleck am Ärmel, und blieb ein paar Schritte vom Gartentor entfernt stehen, die Hände in den Taschen vergraben. Ich sah, wie seine Mutter über die Köpfe der Kinder hinweg zu ihm hinüberschaute – nicht vorwurfsvoll, eher fragend, so als wollte sie wissen, ob er jetzt bleiben würde oder nur abliefern.

„Die Kleinen haben gefragt, ob wir vorbeikommen", sagte er schließlich, die Stimme rau, „ich dachte, vor dem Abendessen wäre noch Zeit."

Ich hatte eigentlich längst weiterfahren müssen, meine Tour war noch nicht zu Ende, aber ich blieb noch einen Moment am Gartentor stehen, tat, als würde ich etwas in meiner Tasche suchen. Man wird neugierig, wenn man Menschen seit Jahren kennt.

Drinnen wurde es laut. Der Junge zog sofort die alte Spielzeugkiste unter dem Fernsehtisch hervor, in der noch die Matchbox-Autos von Bastians eigener Kindheit lagen, und das Mädchen wollte unbedingt in die Küche, weil sie den Kuchen roch, noch bevor jemand ihn erwähnt hatte. Der Wohnzimmertisch, auf dem sonst nur die Fernbedienung und ein Stapel Rätselhefte lagen, verschwand unter Bauklötzen und Buntstiften.

Ich hörte, wie Frau Lechner den Kaffee aufsetzte, wie das Wasser im Kessel zu singen begann, und wie sie Bastian etwas zurief, das ich nicht ganz verstand – irgendetwas über den Kuchen, der noch eine Viertelstunde brauche. Er antwortete nicht gleich. Dann, nach einer Pause, die mir länger vorkam, als sie wohl war, sagte er nur: „Gut."

Als ich zwei Wochen später wieder klingelte – diesmal mit einem Paket, Bastelsachen für die Enkelkinder, wie sich später herausstellte – erzählte mir Frau Lechner beim Kaffee, was in der Zwischenzeit passiert war. Ich hatte nicht gefragt, sie wollte es einfach loswerden, so wie manche Leute an der Tür reden, weil die Postbotin zufällig gerade da ist und nicht weiterträgt, was sie hört.

Der Brief vom Amtsgericht, den ich damals gebracht hatte, war die Antwort auf eine Anfrage gewesen, die sie selbst gestellt hatte – bei einer Fachanwältin für Familienrecht in der Wilhelmstraße, noch bevor Bastian mit den Kindern aufgetaucht war. Es ging um den Pflichtteil, den ihr verstorbener Mann ihr am gemeinsamen Betrieb eigentlich zugesichert hatte, mündlich, vor Zeugen, aber nie schriftlich fixiert. Zweiundsiebzigtausend Euro, so stand es in dem Schreiben, hätte ihr rechtlich zugestanden, bevor Bastian die Werkstatt auf seine Frau überschrieb.

Sie hatte das Papier drei Tage lang auf der Anrichte liegen lassen, sagte sie mir, neben der Obstschale mit den Mirabellen, die schon zu weich wurden. Sie hatte es immer wieder angesehen und wieder weggelegt.

Dann, an dem Abend, an dem die Kinder bei ihr Bauklötze über den Wohnzimmerboden verstreut hatten und Bastian ihr beim Abwasch half, ohne dass sie ihn darum gebeten hatte, hatte sie sich entschieden – nicht wegen der Umarmung an der Tür, sagte sie, sondern weil sie am nächsten Morgen aufgewacht war und gewusst hatte, was sie tun wollte, ganz nüchtern, wie eine Rechnung, die beglichen werden muss.

Sie hatte den Anwaltstermin abgesagt. Nicht den Anspruch – den ließ sie sich schriftlich bestätigen, damit er im Grundbuch als Belastung eingetragen werden konnte, ein Nießbrauchrecht auf einen Teil der Werkstatteinnahmen, lebenslang, zweitausendzweihundert Euro im Jahr, das war, was am Ende ausgehandelt wurde. Aber sie hatte darauf bestanden, dass Bastian selbst zum Notar in die Königstraße kam, mit ihr zusammen, nicht sein Anwalt allein.

Als ich das nächste Mal an ihrer Tür klingelte, im April, sah ich die Kopie der notariellen Urkunde auf dem Küchentisch liegen, unter der Obstschale beschwert, als wollte sie verhindern, dass sie noch einmal wegfliegt. Daneben ein Foto von den Kindern, mit Filzstift bemalt, das der Junge ihr wohl geschenkt hatte.

„Er hat lange gebraucht, bis er verstanden hat, dass ich das nicht aus Bosheit mache", sagte sie und schenkte mir, wie immer, Kaffee ein, obwohl ich eigentlich nur das Einschreiben abgeben wollte. „Aber er ist gekommen. Er stand da, in seiner Werkstattjacke, und hat unterschrieben."

Ich nickte, trank meinen Kaffee aus, so schnell es die Höflichkeit erlaubte, denn meine Tour wartete. An der Tür drehte ich mich noch einmal um. Auf der Fensterbank stand der Blumentopf mit dem Efeu, und ich wusste, ohne dass sie es mir je gesagt hatte, dass darunter seit diesem Frühjahr ein zweiter Hausschlüssel lag – für Bastian, für die Kinder, für den Tag, an dem einer von ihnen kommen würde, ohne vorher anzurufen.

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