Und die Kästen tragen jetzt deinen Namen, Tamara

Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, als ich die Kellertreppe hinunterging und den Geruch von feuchtem Putz roch. Nicht den normalen Kellergeruch, der seit Jahren in unserem Haus in der Wiclefstraße hing — dieser süßliche Modergeruch nach alten Kartoffeln und kaltem Beton. Nein, das hier war anders. Frisch. Als hätte jemand am Vormittag gewischt. Und ich hatte den Keller seit dem Tod meines Vaters vor elf Monaten nicht mehr aufgeschlossen.

Der Hausverwalter, Herr Nowak, stand schon unten, den Rücken zur Tür vom Abstellraum C14. Neben ihm Frau Krause aus dem dritten Stock, die ihren Schlüsselbund umklammerte, als wollte sie sich damit verteidigen. Und zwischen den beiden: mein Mann Viktor, die Hände in den Taschen seiner hellen Jacke, das Kinn so hoch, wie er es immer trug, wenn er sich im Recht fühlte.

„Da bist du ja“, sagte er. Nicht: „Komm her“ oder „Wir müssen reden“. Nur: „Da bist du ja.“ Als hätte er auf mich gewartet, und zwar zu lange.

Ich blieb auf der vorletzten Stufe stehen. Der Kellerflur war kalt, das Neonlicht flackerte über dem Sicherungskasten, und ich konnte meine eigenen Fingerknöchel weiß werden sehen, weil ich den Schlüssel so fest hielt. C14. Der Raum, in dem mein Vater nach seiner Scheidung alles gelagert hatte, was er nicht hatte wegwerfen können. Werkzeugkisten, alte Möbel, sein geliebtes Motorradgespann, das seit sieben Jahren aufgebockt in der Ecke stand und langsam Rost ansetzte. Und jetzt stand mein Mann davor wie ein Gerichtsvollzieher.

„Was ist hier los?“, fragte ich, obwohl ich es schon ahnte.

Frau Krause machte einen Schritt auf mich zu, und ich sah, dass sie rote Ränder um die Augen hatte. Sie weinte nicht, aber sie hatte geweint. „Ich will das nicht, Tamara“, sagte sie. „Ich will in diese Sache wirklich nicht hineingezogen werden. Aber dein Mann —“

„Sag es ihr“, unterbrach Viktor, und seine Stimme war so ruhig, dass mir die Knie weich wurden. Nicht laut, nicht wütend. Nur ruhig. Diese Ruhe, die ich an ihm kannte, bevor er eine Entscheidung verkündete, gegen die es keinen Widerspruch gab.

Frau Krause nahm sich zusammen. „Viktor hat mir erzählt, dass dein Vater Schulden hatte. Dass ihr den Keller räumen müsst, weil die Bank das Haus …“ Sie stockte und sah zu Boden. „Dass die Bank das Haus übernimmt, wenn bis Ende des Monats nicht gezahlt wird. Und dass du das vor allen verheimlichst.“

Ich hörte das Summen der Neonröhre. Und ich hörte, wie mein Herz auf einmal viel zu laut schlug, als wäre es der einzige Laut im ganzen Haus.

„Das stimmt nicht“, sagte ich. Mehr brachte ich nicht heraus.

„Tamara.“ Viktor zog eine Hand aus der Tasche und hielt mir einen Zettel hin. Ich kannte diese Bewegung. Er hielt ihn mir nicht hin wie eine Information. Er hielt ihn mir hin wie einen Urteilsspruch. „Ich hab die Unterlagen gefunden. In deiner Kommode. Ganz hinten unter der Winterschublade.“

Da war sie, die Lüge. Nicht der Zettel — der Zettel mochte echt sein, irgendein Mahnbescheid, irgendeine alte Forderung von meinem Vater, die ich nie gesehen hatte, weil er seine Finanzen mit niemandem teilte. Die Lüge war die Reihenfolge. Viktor hatte nicht zuerst den Zettel gefunden und dann Frau Krause informiert. Er hatte zuerst Frau Krause informiert und dann den Zettel hervorgeholt. Andersherum.

„Ich hab sie gebeten, nicht zu Hause zu reden“, fuhr Viktor fort, und jetzt sah er Frau Krause an, nicht mich. „Ich dachte, hier unten, wo die Papiere liegen, versteht sie es besser. Damit du nicht wieder abstreiten kannst, dass es deinen Vater betrifft. Es betrifft uns alle, Tamara. Wenn das Haus an die Bank geht, stehen wir alle auf der Straße. Und du sitzt auf einem Keller voller Sachen, die längst verkauft sein müssten, um die Schulden zu decken.“

Frau Krause nickte, obwohl man dem anmerkte, dass sie es nicht wollte. „Nur ein paar Sachen, Tamara. Wenn du was Gutes zum Verkaufen hast, können wir das Geld ja auf ein Treuhandkonto legen. Bis alles geklärt ist.“

„Ein Treuhandkonto“, wiederholte ich. „Bei wem denn?“

Kurze Stille. Viktor sah auf den Zettel in seiner Hand, als stünde dort die Antwort.

„Bei mir“, sagte er.

Und in dem Moment, in dem er es sagte, wurde mir klar, dass die letzten drei Monate ein einziger langer Anlauf gewesen waren. Die Gespräche darüber, wie alt das Haus war, wie teuer die Fassadensanierung werden würde, wie gut der Markt gerade für sanierte Altbauten sei. Dass unser Stadtteil in Halle nicht mehr ziehe, dass Familien ins Paulusviertel wollten, nicht an die Saale. Dass man aus dem zwanzig Jahre alten Motorradgespann meines toten Vaters noch gutes Geld machen könne, wenn man es rechtzeitig abstoße.

Rechtzeitig. Als gebe es einen Ablauf. Und der Ablauf hieß: Ich öffne den Keller, ich räume die persönlichen Sachen meines Vaters in einen Container, und der Erlös aus dem Verkauf fließt auf ein Konto, das nur Viktor kontrolliert. Der Erlös aus Dingen, die ihm nicht gehören. Aus einem Vater, den er nie gemocht hatte, weil er sich von ihm nichts hatte sagen lassen.

Ich sah zu Frau Krause. „Hat er Ihnen gesagt, dass mein Vater ein Testament gemacht hat?“

Frau Krause schüttelte den Kopf. Ihre Lippen waren schmal geworden, und sie hielt den Schlüsselbund jetzt vor die Brust wie einen Rosenkranz. „Davon hat er nichts gesagt.“

„Natürlich nicht“, sagte ich. „Das Testament liegt nicht im Keller. Das weiß er. Es liegt beim Notar in der Steinstraße. Und es regelt, dass mir der Kellerinhalt gehört. Alles. Und dass nur ich entscheide, was damit passiert.“

Viktor schnaubte. Leise, kaum hörbar. Aber ich hörte es, und Frau Krause hörte es auch.

„Dann zeig es“, sagte er. „Wenn es da ist, dann zeig es. Wir haben nichts zu verbergen, oder?“

Ich hatte Viktor nie so sprechen hören. Nicht in elf Jahren Ehe. Nicht einmal in den Tagen, als meine Mutter im Krankenhaus lag und er mit den Ärzten über Behandlungsabbruch diskutierte, weil er fand, man müsse auch mal loslassen können. Er hatte damals schon so gesprochen, aber nur mit mir. Nie vor anderen. Nie mit dieser Brillanz der öffentlichen Vernunft.

„Ich muss es nicht zeigen“, sagte ich. „Ich muss gar nichts. Aber ich kann euch etwas anderes zeigen.“

Ich ging an ihm vorbei zur Tür. Der Schlüssel klemmte. Von innen war das Schloss verrostet, und ich hörte, wie Viktor hinter mir sagte: „Sie wird jetzt die arme Tochter spielen. Das macht sie gut. Elf Jahre hat sie das gut gemacht.“

Ich schloss auf. Und als ich die Tür öffnete, kam mir dieser Geruch entgegen, der mich in die Knie zwang. Nicht der Modergeruch vom Flur. Der Geruch von meinem Vater. Von Maschinenöl und Leder und der Schuhcreme, mit der er sonntags seine Stiefel polierte, wenn meine Mutter noch schlief und wir beide allein in der Küche saßen und Radio hörten. Der Geruch von dem Jahr, in dem ich fünfzehn war und er mir beibrachte, an einer Simson S51 den Vergaser auszubauen, und seine Hände dabei so ruhig blieben, als wäre die Maschine ein Kind.

Ich machte das Licht an. Die Funzel über dem Werktisch flackerte kurz, dann warf sie ihr gelbes Licht auf die Plane, die jemand über das Motorradgespann gelegt hatte. Und die Plane lag falsch.

Ich blieb stehen. Mir wurde kalt, obwohl es stickig war.

„Du warst hier“, sagte ich.

Viktor sagte nichts. Er stand in der Tür, Frau Krause hinter ihm, und sah auf die Plane, als hätte er sie noch nie gesehen. Aber die Plane lag glatt gestrichen. Unser Keller hatte diese Unordnung, die mein Vater „Ordnung für sich“ nannte. Nichts war je glatt gestrichen. Nichts war je ordentlich. Die Plane lag wie frisch aufgezogen.

Ich zog sie herunter.

Darunter stand das Gespann, wie ich es kannte: blaugrau, mit dem langen Seitenwagen, das Rücklicht fehlte, das Vorderrad platt. Aber der Tank war geputzt. Und auf dem Sitz des Seitenwagens stand ein weißer Karton.

Ich öffnete ihn. Darin lagen Papiere. Die Papiere, nach denen Viktor gesucht hatte, als er in meiner Kommode unter der Winterschublade gewühlt hatte. Nicht die alten Mahnungen. Nicht die von meinem Vater. Meine eigenen Unterlagen. Unterlagen von einer Erbschaft, die vor drei Jahren still und leise über ein Berliner Nachlassgericht abgewickelt worden war, als meine Mutter starb und ihr Bruder uns beide überraschend bedachte. Ein kleines Sparbuch. 18.700 Euro. Nicht viel, aber genug, um ein Loch zu stopfen. Genug, um einen Keller zu retten. Genug, um nicht verkaufen zu müssen.

Viktor hatte das Sparbuch nie gesehen. Er wusste nicht einmal, dass es existierte. Aber der Karton in der Werkzeugkiste, der war neu. Und er trug oben auf dem Deckel, in frischem Kugelschreiber, die Worte: Für T. — Wenn man im Keller nachliest. Schrift, die ich kannte. Nicht Viktors. Die meines Vaters.

Ich musste mich setzen. Auf die Kante des Werktischs, zwischen Schraubenschlüssel und leeres Einmachglas. Meine Finger rieben über die Stelle, wo der Karton gestanden hatte. Mein Vater hatte ihn dort hingestellt. Vor elf Monaten, vielleicht in der letzten Woche vor seinem Schlaganfall, als er wusste, dass er nicht mehr lange würde aufräumen können. Und ich hätte ihn nie gefunden, wenn Viktor nicht diese schwachsinnige Szene mit Frau Krause inszeniert und mich heruntergeholt hätte, um mich öffentlich zu demütigen.

Da begann ich zu lachen. Ich konnte nicht anders. Es brach aus mir heraus, trocken und bellend, und hallte in dem kleinen Raum, bis Frau Krause einen Schritt zurücktrat und Viktor zum ersten Mal an diesem Abend keinen Ton mehr herausbrachte.

„Was ist da drin?“, fragte Frau Krause. „Tamara, was ist in dem Karton?“

Ich hielt ihr das Sparbuch hin. Kein Testament, kein Notar, keine große Rede. Nur das kleine blaue Sparbuch mit dem Aufdruck der Saalesparkasse und einer Zahl, die auf dem Deckblatt in Filzstift notiert war. 18.700.

„Da“, sagte ich. „Da ist euer Treuhandkonto. Nur dass es nicht euch gehört. Und dass niemand davon erfährt, wenn er nicht in meiner Kommode wühlt.“

Viktor starrte auf das Sparbuch, und ich konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Nicht Reue. Rechnen. Er rechnete. 18.700. Was man damit machen konnte. Welche Nettokaltmiete man davon zahlen konnte, wenn man sich überwarf. Wie viele Monate Alimente für die beiden Kinder das abdeckte, wenn er jetzt einfach ging. Ich sah es an seinen Augen, die ganz ruhig wurden, so ruhig wie seine Stimme, als er mich Frau Krause hatte vorführen lassen.

„Das hast du mir verschwiegen“, sagte er.

„Das ging dich nichts an“, sagte ich. „Und weißt du, was mein Vater in dem Karton noch hinterlassen hat? Einen Brief. Einen einzigen, kurzen Brief. Ich kannte ihn nicht, bis gerade eben. Er liegt unter dem Sparbuch. Soll ich vorlesen, was drinsteht?“

„Nein“, sagte Frau Krause, und ihre Stimme kippte. „Das ist privat. Das geht uns nichts an. Ich habe nur getan, was er verlangt hat.“ Sie sah zu Viktor, und zum ersten Mal sah sie ihn anders an. Als wäre er ein Fremder, der sich in ihr Haus geschlichen hatte. „Du hast gesagt, sie will das Haus verkaufen und sich mit dem Geld absetzen. Das hast du gesagt, Viktor. Wörtlich.“

„Ich hab gesagt, ich hab Sorge —“, begann Viktor.

„Wörtlich“, wiederholte sie, und dann machte sie kehrt.

Ich hörte ihre Schritte auf der Steintreppe, schnell, tappend, als sie sich am Geländer festhielt. Die Tür nach oben fiel ins Schloss.

Dann standen wir beide da. Viktor und ich. Das gelbe Licht von der Funzel, die Plane auf dem Boden, der Karton in meiner Hand, und zwischen uns das Motorrad, das mein Vater nie wieder würde starten können.

„Ich wollte dich nicht bloßstellen“, sagte Viktor. „Ich wollte, dass du aufwachst. Dieses Haus, dieser Keller, das ist alles Vergangenheit. Ich denke an unsere Zukunft, Tamara. An die Kinder. Dass wir hier rauskommen, bevor uns die Bude über dem Kopf saniert wird.“

Er machte einen Schritt in den Raum, auf mich zu, und ich trat hinter den Werktisch. Nicht aus Angst. Aus Klarheit. Als ich den kalten Beton unter den Sohlen spürte, wusste ich, wo ich stand. Nicht vor ihm. Neben meinem Vater. Und es gab in diesem Raum keine gemeinsame Zukunft mehr.

„Du hast nicht an die Kinder gedacht, als du Frau Krause angelogen hast“, sagte ich. „Du hast nicht an die Kinder gedacht, als du erzählt hast, mein Vater hätte Schulden. Weißt du, wie sie das genannt haben, als du auf dem Bau gearbeitet hast? Den Leuten Geschichten erzählen, bis sie unterschreiben? Wohnungsbetrug.“

Er blieb stehen. Sein Gesicht bewegte sich kaum, nur der Kiefer mahlte einmal links. Dann nickte er, ganz langsam, und es war kein Nicken, das mir recht gab. Es war das Nicken, mit dem er ein Spiel für beendet erklärte.

„Du kannst mir glauben oder nicht“, sagte er. „Ich hab in deinem Interesse gehandelt. Und wenn du mir nicht glaubst, dann reden wir eben über Anwälte. Ich hab elf Jahre in diese Familie investiert. Nicht dass hier irgendwer so tut, als hätte ich das umsonst gemacht.“

Da sah ich auf das Sparbuch in meiner Hand. Auf die alten Ölflecken auf dem Deckel, die von Vaters Händen stammten. Und dann tat ich das Einzige, was sich richtig anfühlte: Ich legte die Plane ordentlich zurück über das Gespann, schaltete das Licht aus und zog die Tür zu, bis das Schloss schnappte.

Draußen im Flur drehte ich mich um. Viktor stand noch im Dunkeln, die Hand auf dem Türrahmen.

„Der Keller bleibt zu“, sagte ich. „Für dich. Für Frau Krause. Für die Nachbarn. Für alle. Wenn sich jemand hier unten noch einmal zu schaffen macht, ruf ich nicht die Polizei. Dann ruf ich deinen Chef an. Und deine Mutter. Und die Eltern von Frau Krause, die vor zwei Jahren unser gebrauchtes Auto gekauft haben und immer noch auf den zweiten Schlüssel warten.“

Ich ging die Treppe hoch, ließ die Tür hinter mir offen. Oben im Treppenhaus war es still, nur aus der Wohnung von Frau Krause hörte ich eine Toilettenspülung rauschen. Ich blieb vor unserer Wohnungstür stehen und sah auf die Klingel. Darunter das schmale Schild mit unseren Namen: Tamara und Viktor Waldmann. Ich nahm es ab und drehte es um. Die Schrauben hielt ich in der Hand, klein und kalt, und wog sie eine Weile hin und her. Dann ging ich hinein.

Am nächsten Morgen saß ich um halb acht am Küchentisch, als Viktor mit gepackter Reisetasche im Flur stand. Er sprach zum Display seines Handys, tippte eine Nummer, irgendein Wagen für die Fahrt zum Bahnhof. „Du kannst mich nicht aus dem Haus werfen“, sagte er, ohne aufzusehen. „Das Haus gehört uns nicht. Es gehört dir nicht. Das weißt du genau so gut wie ich. Es ist geerbt, und Erbe ist Erbe, und wenn du glaubst —“

„Das Haus gehört mir nicht“, sagte ich. „Stimmt. Es gehört auch meinem Bruder in Bruchsal. Und meiner Tante in Bonn. Und den beiden Cousinen meiner Mutter, die seit zwanzig Jahren zerstritten sind. Wenn du es unbedingt verkaufen willst, musst du es jetzt mit denen besprechen. Die Adressen liegen auf dem Schrank im Flur. Oben, wo du nicht hinkommst ohne Leiter.“

Er sagte nichts. Er nahm die Tasche und ging, ohne die Tür hinter sich richtig zu schließen. Der Zugwind von der Treppe wehte herein und warf ein Werbeblatt vom Schuhschrank.

Ich saß noch eine Weile da. Dann rief ich bei der Sparkasse an und ließ mir die Kontobewegungen des Gemeinschaftskontos der letzten elf Monate zusenden. 4.300 Euro hatte Viktor über eine App auf das Konto seiner Firma umgebucht. „Für Material“, stand in der Betreffzeile. Material, das wir nie bestellt hatten. Ich ließ die Belege in einem Umschlag nach Hause schicken, steckte sie zusammen mit einem Ausdruck der Kontoauszüge in den weißen Karton aus dem Keller und schrieb mit einem Edding auf den Deckel: Notfallordner. Für die Anwältin.

Dann fuhr ich zu dem Haus mit der Werkstatt im Hinterhof in der Hafenstraße, wo mein Vater jeden Samstag sein Gespann gepflegt hatte, wenn das Wetter es zuließ. Der Hof war zugewachsen, der Rollrost eingerostet, und auf der Mauer saß ein grauer Kater, der mich anstarrte, als hätte er gewusst, dass ich komme. Ich hatte zwei Männer von einem Schrotthändler aus Leipzig bestellt, die kamen am Nachmittag und holten das Gespann. Sie bargen es aus dem Keller, ohne ein Wort, und als sie es auf die Ladefläche hoben, fiel die Plane halb hinunter und wehte über den Bürgersteig wie ein trauriges Tuch.

Ich sah dem Lastwagen nach, bis er um die Ecke bog. Der Kater sprang von der Mauer und verschwand in einem Durchgang.

Eine Woche später klingelte Viktor abends an der Tür. Ich ließ ihn warten. Der Sommerregen prasselte auf das Vordach, und ich sah durch den Spion, wie er den Kragen seiner Jacke hochzog. Er hatte keinen Schlüssel mehr. Ich hatte das Schloss ausgetauscht, am selben Tag, als der Abschleppwagen vor dem Haus gehalten hatte. 230 Euro inklusive Mehrfachverriegelung, bar bezahlt, die Rechnung steckte in meiner Geldbörse, hinter dem Foto der Kinder.

Ich öffnete nicht. Er rief durch den Briefschlitz: „Was soll das? Ich wohne hier. Das hier ist meine Adresse. Das ist mein Keller, den du einfach leer räumst, ohne mit mir zu reden! Das Gespann war mindestens zwölftausend wert!“

Ich stand im Flur, die Stirn an der Innenseite der Tür, während er draußen weitersprach. Seine Stimme wurde lauter, dann wieder leiser, als käme jemand die Treppe herauf. Einmal schlug er mit der flachen Hand gegen den Türrahmen.

Dann zog ich einen Brief unter der Fußmatte hervor. Den hatte ich dort hingelegt, bevor ich nach Hause gekommen war. Er war an ihn adressiert, in meiner Handschrift, mit dem Balken des Hauses in der Wiclefstraße oben links. Er musste ihn nicht öffnen. Ich wusste, dass er den Umschlag erst aufreißen würde, wenn er wieder im Auto saß. Und ich wusste, was darinstand: Ich beantrage die Gütertrennung rückwirkend. Deine Anteile an der Erbschaft meiner Mutter werden, solange das Verfahren läuft, eingefroren. Ich habe die 18.700 angelegt, in einem Festgeldkonto mit dreijähriger Zinsbindung. Für die Kinder. Und damit du es gleich einschätzen kannst: Es sind noch 14.200 übrig, nachdem ich die neue Tür bezahlt habe.

Ich hörte, wie seine Schritte auf dem Kies vor dem Haus verhallten. Dann war es still, nur der Regen fiel auf die Blätter vor dem Fenster.

Ich setzte mich an den Küchentisch und schob die kleine gelbe Spielzeugpostkutsche zur Seite, die mein Vater mir mitgebracht hatte, als ich sieben war und er zum ersten Mal mit dem Gespann durch den Harz gefahren war. Sie stand im Küchenregal, neben dem Portweinglas, aus dem er sonntags trank. Er hatte nie gewollt, dass ich das Haus verkaufe. Er wollte, dass ich bleibe, wo ich atmen kann, hatte er gesagt, Jahre später, am Telefon aus dem Harz, als ich mit Viktor schon längst in Halle wohnte und die Wiclefstraße nur noch Postadresse war.

Ich nahm das leere Einmachglas vom Fensterbrett, spülte es aus und stellte es vor die Blumen, die Frau Krause am Tag danach kommentarlos vor die Tür gelegt hatte. Stiefmütterchen. Neun Stück, in einem Topf, mit einem Zettel, auf dem nur stand: Tut mir leid.

Den Zettel legte ich in den Notfallordner, zu den anderen Papieren. Und dann schrieb ich, was noch fehlte, auf die letzte Seite: Die Kinder bleiben bei mir. Wer fragt, dem sage ich die Wahrheit. Viktor hat nicht uns verlassen. Er hat schon vorher nicht dazugehört.

Draußen fuhr ein Bus die Haltestelle an, ich hörte die Türen zischen. Ein Kind rief etwas auf der Straße, das ich nicht verstand. Und ich saß da, unter der Lampe, die mein Vater vor dreißig Jahren über dem Tisch angebracht hatte, und fühlte zum ersten Mal seit Monaten, wie langsam Wärme in meine Hände zurückkam.

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