Der Kontostand von Fräulein Nowak

Als Herr Brandt an diesem Dienstagmorgen die Filiale der Sparkasse in der Kaiserstraße aufschloss, roch es nach frisch gemahlenem Kaffee aus der Maschine im Kundenbereich und nach dem Bohnerwachs, das die Reinigungskraft am Vorabend über den Steinboden gezogen hatte. Es war der 2. September, draußen nieselte es leicht, die Straßenbahn quietschte an der Haltestelle vorbei wie jeden Morgen. Ein ganz normaler Tag, dachte er. Bis kurz nach neun.

Da kam sie herein.

Eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig, in einer viel zu dünnen Jacke für das Wetter. Die Ärmel ausgefranst, die Hose an den Knien durchgescheuert. Ihre Haare hingen in strähnigen Zöpfen, als hätte sie sie seit Wochen nicht gewaschen. Barfuß war sie nicht – aber ihre Turnschuhe hatten Löcher, durch die man die grauen Socken sah. Auf dem Rücken trug sie einen Rucksack, dessen Reißverschluss mit einer Sicherheitsnadel notdürftig zusammengehalten wurde.

Das Gemurmel in der Schalterhalle verstummte. Eine ältere Dame in Steppmantel zog ihre Handtasche enger an den Bauch. Ein Mann im grauen Anzug, der gerade an einem der Automaten stand, machte einen Schritt zur Seite, als könnte Armut ansteckend sein. Eine Mutter zog ihre Tochter am Ärmel zu sich heran und flüsterte ihr etwas ins Ohr – vermutlich: nicht hinsehen.

Die junge Frau schaute niemanden an. Sie ging geradewegs zu den Schaltern, den Rücken durchgedrückt, die Schritte gemessen, auch wenn ihre Zehen in den kaputten Schuhen bei jedem Schritt auf den kalten Fliesen leicht zuckten.

Der Sicherheitsmann, ein bulliger Typ namens Kowalski, der sein Hemd immer eine Nummer zu eng trug, war sofort bei ihr.

„Fräulein, das hier ist keine Anlaufstelle für Sie." Seine Stimme war höflich einstudiert, aber kalt. „Die Bahnhofsmission ist zwei Straßen weiter, am Nettelbeckplatz. Dort kann man Ihnen helfen. Ich muss Sie bitten zu gehen."

Sie blieb stehen, atmete einmal hörbar aus und sah ihm direkt in die Augen.

„Ich möchte nur meinen Kontostand abfragen", sagte sie. Ihre Stimme war klar, ruhig, fast zu höflich für die Situation. „Mehr nicht."

Ein leises Kichern ging durch die Reihe der Wartenden.

„Kontostand?" Kowalski zog die Augenbrauen hoch. „Sie haben hier kein Konto. Ich bitte Sie jetzt, freiwillig zu gehen, bevor ich Kollegen holen muss."

„Ich habe ein Konto", wiederholte sie, ohne lauter zu werden, aber mit einer Festigkeit, die seltsam unpassend zu ihrer Erscheinung wirkte. „Und ich habe das Recht zu erfahren, wie viel Geld darauf liegt."

Ein Raunen ging durch die Halle. Jemand hinter ihr flüsterte: „Die hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank." Ein anderer: „Soll ich die Polizei rufen?" Zwei Herren an der Wartebank lachten offen, einer stieß den anderen mit dem Ellbogen an.

Die Frau zuckte nicht zusammen. Sie weinte nicht, sie schrie nicht, sie senkte den Kopf nicht. Sie wartete einfach.

Dann kam er.

Herr Brandt, Filialleiter, dreiundvierzig Jahre alt, mit einem Bäuchlein, das der maßgeschneiderte Anzug kaum kaschierte, und einer Frisur, die er jeden Morgen mit zu viel Gel nach hinten kämmte. Ein Mann, der Menschen nach der Marke ihrer Schuhe einordnete.

„Was ist hier los?", fragte er gereizt, als hätte man ihn aus einem wichtigen Telefonat gerissen – dabei hatte er nur mit seiner Frau über den Grillabend am Wochenende gesprochen.

Kowalski deutete auf die junge Frau. „Die Dame hier behauptet, sie hätte ein Konto bei uns und will den Kontostand wissen."

Brandt musterte sie von oben bis unten, die zerschlissene Jacke, die kaputten Schuhe, den Rucksack mit der Sicherheitsnadel. Ein Anflug von Ekel huschte über sein Gesicht.

„Wie heißen Sie?", fragte er, ohne sie zu duzen, aber im Ton, den man sonst für Bettler an der Ampel reserviert.

„Elena Marchetti", sagte sie. „M-A-R-C-H-E-T-T-I."

Brandt schnaubte. „Diesen Namen kenne ich nicht aus unserer Kundenkartei, und den würde ich mir merken." Er wandte sich an die Wartenden, halb entschuldigend, halb genüsslich. „Es tut mir leid für die Störung, meine Damen und Herren."

„Prüfen Sie es einfach", sagte Elena. „Zeigen Sie mir, dass ich unrecht habe."

Etwas an ihrer Ruhe irritierte Brandt mehr, als er zugeben wollte. Er winkte eine Kollegin am Schalter drei heran, eine junge Sachbearbeiterin namens Frau Kessler, die gerade ihren zweiten Tag nach der Ausbildung hatte und bei jedem Wort zusammenzuckte.

„Tippen Sie den Namen ein. Nur damit wir das hinter uns bringen." Er sagte es mit dem Unterton eines Mannes, der einer Show beiwohnt, deren Ende er längst kennt.

Frau Kessler tippte zögerlich E-L-E-N-A M-A-R-C-H-E-T-T-I in die Maske. Der Cursor blinkte. Dann erschien ein Ergebnis – und Frau Kesslers Finger erstarrten über der Tastatur.

„Herr Brandt", sagte sie leise, „das kann nicht stimmen."

„Was denn?"

Sie drehte den Bildschirm ein Stück zu ihm. Er beugte sich vor, die überhebliche Miene noch auf den Lippen – und erstarrte selbst. Auf dem Bildschirm stand nicht nur ein aktives Depot- und Girokonto. Es stand eine Zahl mit sechs Nullen davor, dazu ein Vermerk in roter Schrift: „Sperrvermerk – Rückfrage bei Vorstand erforderlich, Kontoinhaberin: Erbin des Nachlasses Anton Marchetti."

Anton Marchetti. Der Name, den jeder in der Filiale kannte, weil sein Bauunternehmen halb Neuölsburg mit Wohnblöcken vollgestellt hatte, bevor er im Frühjahr an einem Herzinfarkt gestorben war. Sein Vermögen hatte in der Zeitung gestanden, mit einer Zahl, die kein Mensch in der Schalterhalle je auf einem eigenen Kontoauszug gesehen hatte.

Frau Kessler flüsterte fast: „Das ist die Enkelin. Es gab eine Suchmeldung des Nachlassgerichts, weil sie – untergetaucht war."

Brandt richtete sich auf. Sein Gesicht hatte die Farbe gewechselt, von überheblichem Rosa zu einem unangenehmen Grau. Er drehte sich zu Elena um, die noch immer regungslos vor dem Schalter stand, die Riemen ihres kaputten Rucksacks mit beiden Händen umklammert.

„Sie sind… Sie sind die Marchetti-Enkelin?"

„Ich habe meinen Großvater ein Jahr nicht gesehen", sagte Elena, und zum ersten Mal zitterte ihre Stimme ein wenig. „Meine Stiefmutter hat mich aus dem Haus geworfen, nachdem er in die Klinik kam. Ich hatte keinen Ausweis mehr, kein Handy, kein Geld für den Bus. Ich habe zwei Monate am Hauptbahnhof geschlafen, weil ich dachte, es gäbe niemanden mehr, der mir glaubt, wer ich bin."

Kowalski, der Sicherheitsmann, war einen Schritt zurückgewichen, die Hand, die eben noch auffordernd auf die Tür gezeigt hatte, hing nun nutzlos an seiner Seite. Die Dame mit der Steppjacke hatte ihre Handtasche losgelassen. Der Mann im grauen Anzug starrte auf seine eigenen, plötzlich viel zu glänzenden Schuhe.

Brandt räusperte sich, suchte nach Worten, die es nicht gab. „Ich – wir hätten selbstverständlich sofort–"

„Sie hätten mich selbstverständlich sofort rausgeworfen", sagte Elena, ohne Bitterkeit, nur mit der Nüchternheit eines Menschen, der zwei Monate lang gelernt hatte, wie die Welt tatsächlich funktioniert. „Genau das hätten Sie getan. Das haben Sie ja gerade versucht."

Niemand in der Halle lachte mehr. Irgendwo tropfte noch die Kaffeemaschine, ein einzelner Espresso lief unbeachtet über den Rand der Tasse.

Elena legte ihren Rucksack auf den Tresen, zog den Reißverschluss mit der Sicherheitsnadel auf und holte eine zerknitterte, wasserfleckige Mappe heraus – ihre Geburtsurkunde, ein abgelaufener Personalausweis und ein Brief vom Nachlassgericht, den sie vor zwei Monaten aus einem Briefkasten gezogen hatte, den ihre Stiefmutter längst hätte leeren sollen.

„Ich brauche einen neuen Ausweis, Zugriff auf mein Konto und einen Termin mit dem Notar, der den Nachlass meines Großvaters verwaltet", sagte sie. „Notar Dr. Feldmann, Kanzlei am Schlossplatz. Rufen Sie ihn an. Er kennt mich seit meiner Kindheit."

Brandt nickte hastig und rief tatsächlich selbst an, mit zitternden Fingern, die die Nummer zweimal falsch wählten. Zwanzig Minuten später stand Dr. Feldmann, ein hagerer Mann mit Aktentasche und echter Fassungslosigkeit im Gesicht, in der Schalterhalle und umarmte Elena, bevor er sich überhaupt bewusst wurde, wie das für einen Notar aussah.

„Wir haben dich zwei Monate gesucht", sagte er. „Deine Stiefmutter hat behauptet, du wärst nach Frankreich gezogen, zu Verwandten. Sie hat versucht, die Verwaltungsvollmacht für das Bauunternehmen auf sich zu übertragen, solange du als vermisst galt."

Elena hörte zu, ohne die Fassung zu verlieren. Nur ihre Knöchel auf dem Rucksackriemen wurden für einen Moment weiß.

Drei Wochen später betrat Elena erneut dieselbe Filiale – diesmal in einem einfachen, aber sauberen Wollmantel, die Haare frisch geschnitten, aber ohne jeden Schmuck, ohne Auftritt. Sie hatte einen Termin mit Herrn Brandt vereinbart, persönlich, ohne Umwege über Assistentinnen.

Er empfing sie in seinem Büro, servierte ihr Kaffee mit zittriger Hand und einer Höflichkeit, die drei Wochen zuvor unvorstellbar gewesen wäre. Sie lehnte den Kaffee ab.

„Ich bin nicht hier, um mich zu beschweren", sagte sie. „Ich bin hier, weil ich mein gesamtes Vermögen von dieser Bank abziehen möchte. Alle Konten, alle Depots meines Großvaters, insgesamt vier Komma zwei Millionen Euro. Die Volksbank am Marktplatz hat mir bereits ein neues Depot eingerichtet."

Brandt erblasste. „Frau Marchetti, wenn es um jenen… Vorfall geht, ich kann Ihnen versichern, Herr Kowalski wurde bereits–"

„Herrn Kowalski mache ich keinen Vorwurf", unterbrach sie ihn. „Er hat getan, was man ihm beigebracht hat: Menschen nach ihrer Kleidung zu beurteilen. Das Problem sind nicht die Wachleute, Herr Brandt. Das Problem ist die Bank, die solche Wachleute so schult, und ein Filialleiter, der es genauso hält."

Sie öffnete ihre Ledermappe – neu, aber schlicht – und legte den unterschriebenen Kontoauflösungsantrag auf den Tisch, daneben eine Kopie des Übertragungsauftrags an die Volksbank.

„Vier Komma zwei Millionen Euro", wiederholte sie. „Elf Jahre lang hat mein Großvater sein Geld hier angelegt, weil er dieser Filiale vertraute. Ich vertraue ihr nicht mehr. Sie haben bis Freitag Zeit, den Transfer zu bestätigen."

Brandt öffnete den Mund, um zu widersprechen, um zu retten, was zu retten war – ein Kunde dieser Größenordnung bedeutete für die Filiale mehr als nur Zahlen, es bedeutete seinen eigenen Bonus, vielleicht seine Stelle. Aber Elena war bereits aufgestanden.

An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

„Übrigens", sagte sie, „die Bahnhofsmission am Nettelbeckplatz, die Sie mir damals empfohlen haben. Ich habe heute Morgen dorthin gespendet. Fünfzigtausend Euro, für neue Betten und warme Mahlzeiten im Winter. Für Menschen, die genau da schlafen, wo ich geschlafen habe – bevor jemand entscheidet, ob sie es wert sind, ernst genommen zu werden."

Sie ging, der Reißverschluss ihrer neuen Handtasche schloss sich mit einem leisen, sauberen Klicken – kein Vergleich zu der Sicherheitsnadel, die sie einmal zusammengehalten hatte. Draußen hatte der Nieselregen aufgehört. Die Straßenbahn fuhr vorbei, diesmal ohne zu quietschen.

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