Vierundzwanzig Jahre für eine Currywurst

Karin Brandes stellt jeden Abend um sechs den Klapptisch auf ihren Balkon in der Dortmunder Nordstadt. Ein Kaffeebecher, eine Packung Kekse, der Blick auf die Bushaltestelle unten an der Münsterstraße. Sie wartet nicht auf den Bus. Sie wartet auf ein Auto, das seit acht Monaten nicht mehr gekommen ist.

Zweiundsiebzig ist sie. Früher hat sie in der Kantine der Westfalenhütte gearbeitet, dreiunddreißig Jahre lang, Frühschicht, Spätschicht, die Hände immer nach Spülmittel riechend. Ihren Sohn Torsten hat sie allein großgezogen, seit sein Vater 1988 nach Recklinghausen zu einer anderen Frau gezogen ist und nie wieder anrief. Sie hat für ihn Klassenarbeiten geübt, ihm mit vierzehn das erste Moped repariert, weil kein Geld für die Werkstatt da war, und mit sechsundvierzig einen Kredit über neuntausend Mark aufgenommen, damit er seine Kfz-Meisterprüfung machen konnte.

Heute gehört ihm eine Werkstatt in Lünen. Eine gute, mit zwei Angestellten und einem Hebebühnen-Paar, das er sich vor drei Jahren geleistet hat. Karin war ein einziges Mal dort, zur Eröffnung, hat Kaffee aus Pappbechern ausgeschenkt und sich zu Tode geschämt, weil sie nicht wusste, wohin mit den Händen.

Der Anruf, der alles kippte, kam an einem Dienstag im Januar. Torstens Frau Bianka war dran, nicht Torsten selbst. Sie brauchten die zwölftausend Euro, die Karin noch auf dem Sparbuch hatte – Reste aus der Erbschaft ihrer eigenen Mutter –, für eine neue Diagnosesoftware und die Anzahlung auf einen Firmenwagen. „Das kriegst du zurück, Mama, versprochen", hatte Torsten am Telefon gesagt, mit dieser Stimme, die er als Kind benutzte, wenn er wusste, dass er zu weit gegangen war. Karin ist am nächsten Morgen zur Sparkasse gelaufen und hat das Sparbuch aufgelöst.

Danach kam nichts zurück. Kein Geld, keine Erklärung. Nur eine wachsende Stille, die sich Woche für Woche über die Wohnung legte wie Staub, den keiner mehr wegwischt.

Am Anfang hat sie noch angerufen. „Wie geht's der Werkstatt?" „Wie geht's meiner Enkelin?" Ihre Enkelin Marlene ist sieben, geht in die Grundschule an der Lindenhorster Straße, mag Prinzessinnenfilme und hasst Brokkoli – das weiß Karin noch aus den Zeiten, in denen sie das Kind jeden Freitag hütete. Seit dem Sommer sieht sie Marlene nur noch auf Fotos, die Bianka manchmal in die Familien-WhatsApp-Gruppe stellt, ohne einen einzigen Satz dazu.

Die Nachbarin, Frau Öztürk aus dem dritten Stock, bringt ihr manchmal Ayran und bleibt eine halbe Stunde auf dem Balkon sitzen. Sie ist es, die Karin eines Abends im März fragt: „Und was, wenn Sie einfach mal selbst hinfahren? Ohne anzurufen." Karin schüttelt den Kopf. Sie will nicht betteln. Sie will nur, dass er von selbst kommt.

Der Sommer geht vorbei. Der Herbst auch. An Karins Geburtstag im Oktober klingelt das Telefon um 21:47 Uhr – Torsten, mit einer Nachricht statt eines Anrufs: „Alles Gute Mama, bin im Stress, meld mich bald." Sie liest die Nachricht dreimal. Dann legt sie das Handy weg und schaut auf den leeren Stuhl gegenüber, den sie all die Jahre für Besuch bereitgehalten hat.

Im November wird es kälter, und Karin holt den Klapptisch nicht mehr raus. Stattdessen sitzt sie am Küchenfenster, von wo aus sie die Straße auch sehen kann, nur wärmer. Eines Nachmittags klingelt es tatsächlich an der Tür – nicht Torsten, sondern Herr Wallek vom Sozialverband VdK, den Frau Öztürk ihr vermittelt hat. Karin hatte gezögert, ihn überhaupt reinzulassen. Doch er bringt Formulare mit, spricht ruhig, fragt nach der Sparbuch-Geschichte, nach dem Kredit von 1998, den Karin nie ganz zurückgezahlt bekam, nach allem.

Am 3. Dezember fährt Karin zum ersten Mal seit Monaten selbst nach Lünen. Nicht um zu betteln. Sie hat einen Termin bei einem Notar in der Kurt-Schumacher-Straße, den ihr Herr Wallek empfohlen hat. In der Tasche: das alte Sparbuch, eine Kopie des handschriftlichen Schuldscheins, den Torsten ihr 1998 unterschrieben hat – „Ich zahle Mama die 9.000 DM zurück, sobald ich kann" – und die Kontoauszüge, die zeigen, dass in achtundzwanzig Jahren kein Cent zurückgekommen ist.

Der Notar ist ein sachlicher Mann mit grauer Krawatte. Er hört zu, blättert die Papiere durch, nickt kurz. Karin erklärt ihm, dass sie ihr kleines Reihenhaus in der Nordstadt – das Einzige, was ihr geblieben ist, abbezahlt seit zwölf Jahren – nicht mehr, wie ursprünglich mündlich zugesagt, Torsten vererben will. Stattdessen setzt sie testamentarisch ihre Enkelin Marlene als Alleinerbin ein, mit einer Verwaltungsklausel, die erst greift, wenn das Kind volljährig ist, und mit einem Vermerk, dass Torsten von der Erbfolge ausgeschlossen wird. Zusätzlich lässt sie eine Forderung über die zwölftausend Euro rechtlich als Darlehen protokollieren, mit einer Frist zur Rückzahlung binnen zwei Jahren.

Der Notar fragt sie zweimal, ob sie sich sicher ist. Karin nickt nicht theatralisch, sie sagt es einfach: „Ich bin sicher." Dann unterschreibt sie mit dem Kugelschreiber, den ihr die Sekretärin reicht, langsam, aber ohne zu zittern.

Eine Woche später steht Torsten vor ihrer Tür in der Nordstadt. Er hat von seinem eigenen Anwalt erfahren, dass beim Grundbuchamt eine Vormerkung eingetragen wurde und dass ein Notar ihn angeschrieben hat wegen der Forderung. Er klingelt Sturm, klopft, ruft durch den Briefkastenschlitz. Karin öffnet nicht sofort. Sie stellt erst den Wasserkessel ab, den sie gerade aufgesetzt hatte, dann geht sie zur Tür und lässt die Kette drauf.

„Mama, was soll der Scheiß mit dem Notar?", sagt er, die Stimme laut, aber brüchig. „Das ist doch unser Haus, das war doch immer klar –"

„Es war nie eures", sagt Karin durch den Türspalt. „Es war meins. Und die zwölftausend Euro waren auch meine. Du hast zwei Jahre Zeit, sie zurückzuzahlen. Danach übernimmt das Amtsgericht."

„Und Marlene?", fragt er, plötzlich leiser.

„Marlene bekommt, was ich habe. Nicht du. Wenn du willst, dass sie mich kennt, bring sie vorbei. Freitags hatte ich immer Zeit für sie."

Er steht noch eine Weile vor der Tür, die Hand auf dem Türrahmen, dann geht er, ohne ein weiteres Wort. Karin macht die Kette nicht sofort wieder ab. Sie geht zurück in die Küche, gießt sich den Tee auf, den Kessel hatte sie schließlich pünktlich vom Herd genommen, und setzt sich ans Fenster.

Drei Wochen später, an einem Freitagnachmittag, klingelt es wieder. Diesmal ist es Bianka, mit Marlene an der Hand, einem Rucksack mit Wechselsachen und einem unsicheren Lächeln. „Sie wollte zur Oma", sagt Bianka nur. Karin macht die Kette ab, kniet sich vor Marlene hin, die sofort von den Brokkoli-Schnitzeln erzählen will, die sie in der Schule essen musste. Auf dem Küchentisch, unter der Obstschale, liegt noch der Durchschlag des Notarvertrags. Karin lässt ihn dort liegen und schiebt Marlene einen Stuhl an den Tisch.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Vierundzwanzig Jahre für eine Currywurst