In der Aula der TU Dortmund roch es nach frischer Farbe und Verdünner. Aus den Boxen lief leise ein alter Herbert-Grönemeyer-Song — die Studenten hörten gar nicht hin, alle filmten mit dem Handy die rote Schleife auf der Motorhaube. Ich stand etwas abseits, in meinem alten dunkelblauen Anzug, aus dessen Ärmel Fäden hingen. Ich hatte im letzten Jahr zwölf Kilo abgenommen, das Jackett hing an mir wie an einem Kleiderbügel. In der Innentasche steckte ein weißer Umschlag — dreihundert Euro und ein Zettel, auf den ich mit der Hand geschrieben hatte: „Für das, was noch kommt." Das war alles, was ich geben konnte, ohne das Geld für die Nebenkosten anzurühren.
Hinter der Glaswand stand Karin Brandt. Selbst wer keine Wirtschaftsnachrichten schaut, würde ihren Namen kennen — „Brandt MedTech" beliefert Krankenhäuser im ganzen Land mit Geräten. Ihr Name stand auf Tafeln neben Lehrstühlen, an Stiftungen, an Klinikeingängen. Sie trug einen beigen Hosenanzug, der mehr gekostet hatte als mein gebrauchter Opel Astra. Sie reichte Sandra ein Lederetui mit Schlüsseln.
„Du hast bewiesen, dass du es verdient hast, nach Hause zurückzukommen", sagte Karin, ihre Stimme so gleichmäßig wie die einer Radiosprecherin.
Sandra nahm die Schlüssel. Und sah mich direkt an. Ich würde gern sagen, ich hätte gewusst, was sie dachte. Nein. In dieser Sekunde spürte ich nur, wie der Umschlag in meiner Tasche schwerer wurde als ein Ziegelstein.
Aber dann erinnerte ich mich, womit alles angefangen hatte.
November, Nacht, Schneeregen. Ich war sechsundvierzig und trug noch immer Briefe aus, in Dortmund-Dorstfeld. Einer der jüngeren Zusteller war krank geworden, also übernahm ich seinen Bezirk zusätzlich zu meinem eigenen. Als ich aus dem Verteilzentrum kam, lief mir das Eiswasser schon in den Kragen. Ich fuhr einen Rewe an, der rund um die Uhr geöffnet hatte, am Stadtrand — holte mir einen Kaffee, Schmerztabletten und eine Tiefkühlpizza.
Und da sah ich sie.
Ein Mädchen stand bei den Einkaufswagen unter einer schwachen gelben Lampe. Der graue Pullover war viel zu dünn für dieses Wetter. Ihr Haar war dunkel vor Nässe, die Lippen fast weiß. Sie hielt fünf welke Rosen, eingewickelt in nasses Zeitungspapier. Die Blütenblätter waren an den Rändern braun, die Blätter zerrissen. Sie ging auf einen Mann mit Einkaufswagen zu:
„Kaufen Sie eine Blume, bitte. Fünf Euro."
Der Mann ging vorbei, ohne hinzusehen. Zwei weitere ignorierten sie, bevor ich aus dem Auto stieg.
„Hast du eine Genehmigung fürs Verkaufen?", fragte ich.
Sie zuckte zusammen. Die Augen weiteten sich, als wolle sie gleich weglaufen. Ich hob beide Hände.
„War nur ein Scherz."
Sie musterte mich mit ernstem Blick.
„Wollen Sie kaufen?"
„Was kosten alle zusammen?"
„Fünfundzwanzig."
Ich gab ihr einen Fünfziger. Sie zählte die Blumen zweimal, bevor sie sie mir reichte.
„Ich hab kein Wechselgeld."
„Behalt's."
Ihr Gesicht wurde starr.
„Ich bettle nicht."
„Ich hab nicht gesagt, dass du bettelst."
„Sie haben mehr gegeben."
„Nenn's Mengenrabatt."
Ihr Mundwinkel zuckte. Ich sah, wie sie zitterte.
„Wann hast du zuletzt gegessen?"
„Ich hab gegessen."
„Was?"
Sie sah irgendwohin zum Parkplatz.
„Essen."
„Na, das erklärt alles."
Drinnen war ein Schnellrestaurant. Ich sagte, ich brauche einen Kaffee, und fragte, ob sie etwas Warmes wolle. Sie lehnte zweimal ab. Beim dritten Mal bot ich an, sie könne selbst zahlen — vom Blumengeld. Sie folgte mir, zwei Schritte hinter mir bleibend. Bestellte einen Cheeseburger, Pommes und heißen Tee. Sie aß langsam, so als könnte schnelles Essen jemandes Aufmerksamkeit wecken. Irgendwann in der Mitte wickelte sie zwei Chicken Nuggets in eine Serviette und steckte sie in die Pullovertasche.
„Hebst du dir das für morgen auf?"
„Für morgen."
Und genau in dem Moment schaltete in mir etwas um.
„Wie heißt du?"
Sie zögerte.
„Sandra."
„Ich bin Klaus."
Sie nannte keinen Nachnamen.
„Wo sind deine Eltern?"
Ihre Schultern verkrampften sich.
„Mir geht's gut."
„Kindern, denen es gut geht, verkaufen nachts keine Rosen vorm Supermarkt."
„Ich bin neun."
Sie war acht. Das erfuhr ich erst später.
Ich ging vom Tisch weg und rief die Polizei an. Dachte, ich sei leise gewesen. War ich wohl nicht leise genug. Als ich mich umdrehte, war der Stuhl leer. Ich sah sie durch die automatische Tür rennen.
„Sandra!"
Bis ich auf den Parkplatz raus war, schmerzte schon mein Knie. Sie schlüpfte zwischen zwei Autoreihen hindurch und fiel auf den nassen Asphalt. Sprang wieder auf, bevor ich sie erreichen konnte.
„Kommen Sie nicht näher!"
Ich blieb fünf Meter entfernt stehen. Der Regen lief mir in die Augen.
„Ich will dich nicht fangen."
„Sie haben die angerufen."
„Ja."
„Ich geh nicht zurück."
„Wohin gehst du nicht zurück?"
Sie umschlang sich mit den Armen und schwieg.
„Ich lass dich nicht einfach im Regen stehen. Aber ich fass dich auch nicht an."
Der Streifenwagen kam nach zehn Minuten. Die Sozialarbeiterin erst nach fast einer Stunde. Frau Meissner, eine erschöpfte Frau im braunen Mantel, sah aus, als hätte sie seit zwanzig Jahren nicht geschlafen. Sandra war letzte Nacht aus einem Kinderheim geflohen. Ein älterer Junge im gleichen Zimmer hatte ihr das Essen weggenommen und sie bedroht.
„Und wo ist ihre Familie?", fragte ich.
„Die Mutter hat sie vor ein paar Jahren bei Bekannten gelassen", sagte Frau Meissner. „Die haben sie dann dem Jugendamt gemeldet. Die Mutter haben wir nie gefunden."
Ich sah zu Sandra hinüber — sie saß im Streifenwagen und umklammerte immer noch die Papiertüte mit den angebissenen Nuggets.
„Was passiert jetzt?"
„Notunterbringung für heute Nacht. Morgen die Papiere."
Ich habe Sandra nicht in jener Nacht mit nach Hause genommen. So läuft das Leben nicht. Man kann nicht ein verängstigtes Kind auf einem Parkplatz finden und einfach entscheiden, dass es jetzt einem gehört. Aber am nächsten Morgen rief ich Frau Meissner an. Drei Tage später wieder. Noch eine Woche später fragte ich, was nötig sei, damit ein verwitweter Postbote ohne eigene Kinder Pflegevater werden könne.
Sieben Monate später betrat Sandra mein Haus mit einer schwarzen Mülltüte, in der alle ihre Sachen waren. Blieb im Flur stehen, zog die Schuhe aus, ohne mich anzusehen.
„Wie lange bin ich hier?"
„So lange, wie man's erlaubt."
Jetzt, siebzehn Jahre später, stand sie in der Aula mit den Schlüsseln eines Ferrari in der Hand. Und sah mich an.
„Na?", Karin Brandt neigte den Kopf, lächelnd. „Sag was, Sandra. Verabschiede dich von deinem… Mann."
Sandra umklammerte die Schlüssel, bis ihre Knöchel weiß wurden. Dann drehte sie sich zu mir um und streckte die Hand aus:
„Wo ist der Umschlag, Papa?"
Ich erstarrte. Sie hatte mich noch nie „Papa" genannt bis zu diesem Tag. Immer nur „Klaus" oder „Herr Wagner" — wie die Nachbarn.
Ich holte den Umschlag heraus. Sie nahm ihn, öffnete ihn, las den Zettel laut vor:
„‚Für das, was noch kommt.'"
Karin schnaubte.
„Und das ist alles, was er dir geben kann?"
Sandra antwortete nicht. Sie steckte meinen Umschlag in ihre Handtasche. Dann ging sie zum Tisch, wo Karin die Mappe mit den Fahrzeugpapieren liegen gelassen hatte. Es war der Schenkungsvertrag — ich sah das Deckblatt obenauf liegen. Sandra nahm die Mappe, schlug sie auf, las etwas, blätterte die Seiten um. Und riss sie entzwei. Dann noch einmal. Und noch einmal.
In der Aula legte sich eine Stille über alles, aus den Boxen lief noch etwas über Regen und Glastüren zu Ende.
Sandra zog aus der Mappe einen weichen weißen Umschlag, in dem Karin offenbar die Fahrzeugpapiere aufbewahrt hatte. Legte die Ferrari-Schlüssel hinein. Verschloss ihn. Reichte ihn Karin.
„Tut mir leid, aber ich habe schon einen Vater. Und der ist nicht für einen Ferrari zu haben."
Karin nahm den Umschlag. Ihr Gesicht verlor jeden Ausdruck.
„Du verstehst nicht, worauf du verzichtest."
„Ich versteh's schon", Sandra lächelte. „Auf ein Auto. Nicht auf meinen Vater."
Sie hakte sich bei mir unter. Wir verließen die Aula. Durch die Scheibe sah ich, wie Karin den Umschlag öffnete, die Schlüssel herausnahm. Hielt sie in der Handfläche, als wisse sie nicht, was sie damit anfangen solle.
Und Sandra drückte meinen Arm und sagte:
„Komm, Papa. Zu Hause werden die Piroggen kalt."
Im Auto holte sie meinen Umschlag heraus, legte ihn mir auf die Knie.
„Heb ihn auf. Das gehört uns. Für das, was noch kommt."
Und ich konnte nicht anders. Ich fragte, was mir seit siebzehn Jahren auf der Zunge lag:
„Warum bist du nicht mitgefahren? Sie ist doch deine Mutter."
Sandra sah aus dem Fenster, zum roten Ferrari, der noch immer mit der Schleife dastand.
„Eine Mutter ist die, die dir Nuggets vom Spätkauf zu essen gibt und keine Polizei ruft, wenn du aus dem Heim abgehauen bist. Diese Frau ist nur eine Spenderin."
Sie startete meinen alten Astra beim dritten Versuch.
„Und noch was, Papa. Ich hätte damals die Polizei gerufen. Ich weiß bis heute nicht, wie du es gewagt hast, es nicht zu tun."
„Ich hab sie gerufen."
„Ich weiß. Aber du bist geblieben, während sie unterwegs waren. Und hast auf die Sozialarbeiterin gewartet. Das ist was anderes."
Sie fuhr vom Parkplatz. Im Rückspiegel wurde der rote Ferrari immer kleiner, bis er hinter der Kurve verschwand.
Und der Umschlag mit den dreihundert Euro lag auf meinen Knien. Und Sandra brachte uns nach Hause — über die nasse Dortmunder Straße, zu den Piroggen, zu unserem siebzehnjährigen Leben, das in keinen Wagen der Welt gepasst hätte.







