Ingrid Brandtner stand in der Tür des Wohnzimmers und wischte sich die Hände an der Kittelschürze ab, obwohl sie gar nicht nass waren. Draußen, auf der Frankfurter Allee in Erfurt, rumpelte gerade die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, und irgendwo im Treppenhaus roch es nach dem Sonntagsbraten der Nachbarin von unten. Drinnen roch es nach etwas anderem. Nach Kernseife, nach kaltem Kamillentee, nach den letzten Tagen ihres Vaters.
"Ruf Sabine an. Sag ihr, sie soll den Kater bringen. Ich will mich verabschieden." Ihr Vater, Herbert Brandtner, achtundsiebzig Jahre alt, ehemaliger Schlosser bei einem Erfurter Maschinenbaubetrieb, sprach so leise, dass Ingrid sich über das Bett beugen musste, um ihn zu verstehen. "Aber tragt ihn nicht einfach hin. Redet mit ihm. Er versteht das. Er war immer schlauer als der Dackel von den Hofmanns."
Ingrid nickte und ging zum Telefon im Flur, einem alten Gerät mit Wählscheibe, das ihr Vater seit fünfundzwanzig Jahren nicht austauschen wollte. Ihre Schwester Sabine wohnte drei Straßen weiter, in der Puschkinstraße, mit dem Kater ihres Vaters, den er zu ihr gegeben hatte, als er ins Pflegebett musste.
Mauzi war ein grauer Kartäuser-Mischling, sechzehn Jahre alt. Fast blind, mit trüben Augen, die aussahen wie zwei angelaufene Silbermünzen. In den letzten Jahren, bevor Herbert bettlägerig wurde, waren Mensch und Tier unzertrennlich gewesen. Sie hatten stundenlang zusammen auf dem Balkon gesessen, er mit seiner Zeitung, die er kaum noch lesen konnte, der Kater auf seinem Schoß, beide schweigend, während unten die Straßenbahn ihre Runden drehte.
Ein müder Mann. Ein müder Kater. Und das schien beiden zu genügen.
Sabine kam nach zwanzig Minuten mit der Transportbox. Ihr Gesicht war blass, die Augen gerötet. Sie hatte auf dem Weg mit dem Kater gesprochen, im Auto, so wie ihr Vater es verlangt hatte, obwohl sie sich dabei ein bisschen dumm vorgekommen war. "Papa will dich sehen, Mauzi. Er wartet auf dich."
Als sie das Zimmer betraten, konnte Herbert die Hand kaum noch heben. Seine Finger zitterten auf der gehäkelten Wolldecke, die seine verstorbene Frau vor Jahrzehnten gemacht hatte. Seine Augen, noch voller Leben, suchten etwas im Raum ab. Jemanden.
Sabine öffnete die Box und setzte Mauzi vorsichtig aufs Bett.
"Sag Papa auf Wiedersehen, Mauzi. Er ist hier."
Aber Mauzi brauchte keine Erklärung. Er ging zielstrebig los, tastete sich mit den Schnurrhaaren voran, fand das Gesicht seines Menschen und drückte sich mit dem ganzen Körper dagegen.
"Mauzi." Herberts Stimme war kaum mehr als ein Hauch. "Mein Mauzi."
Der Kater rieb seine Wangen sacht an Herberts Bäckchen, an den Augenlidern, an den rissigen Lippen. Ohne Eile. Mit einer Zärtlichkeit, die man einem Tier kaum zutraut. Als wolle er jedes Detail in seinem Gedächtnis festhalten. Als wüsste er, dass dies der letzte Abschied war.
Aus den müden Augen liefen stille Tränen. Ingrid sah es und griff nach dem Papiertaschentuch auf dem Nachttisch, aber sie wischte nicht das Gesicht ihres Vaters ab. Sie ließ ihn weinen.
Mit einer Kraftanstrengung, die man ihm gar nicht mehr zugetraut hätte, hob Herbert die Hand. Leicht. Zittrig. Und legte sie auf das warme Fell seines Freundes. Die Finger gehorchten kaum noch. Aber Mauzi spürte die Berührung. Und drängte sich noch näher heran. Als könnte seine Wärme das Unvermeidliche aufhalten. Als könnte er den ganzen Schmerz mitnehmen.
"Danke… für alles…"
Das waren fast seine letzten Worte. Dann erschlaffte seine Hand. Und Mauzi rührte sich nicht. Er blieb dort. Neben dem Gesicht. Wie ein stiller Wächter.
Im Zimmer herrschte eine Ruhe, die fast unwirklich wirkte. Nur das Schnurren des Katers war zu hören. Gleichmäßig. Beharrlich. Wie ein Gebet. Als versuche er, das Leben noch ein paar Augenblicke festzuhalten.
Sabine setzte sich an den Bettrand und nahm die Hand ihres Vaters zwischen ihre beiden. "Papa, wir sind hier. Du bist nicht allein."
In diesem Moment hob Mauzi den Kopf und miaute. Ein einziges Mal. Ein leiser Laut, so voller Trauer, dass Ingrid im Flur, wo sie gerade mit zwei Tassen Kamillentee stand, die niemand mehr trinken würde, die Kehle zuschnürte. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei, ihr Klingeln drang gedämpft durch das gekippte Fenster, und für einen Herzschlag wirkte diese ganz alltägliche Stadtgeräusch wie aus einer anderen Welt.
Dann berührte der Kater erneut die geschlossenen Lider seines Menschen. Ein Mal. Und noch ein Mal. Und noch ein weiteres Mal. Als wolle er jede Angst aufsaugen. Jeden Schmerz. Jede Spur von Einsamkeit.
Niemand zählte die Stunden. Die Zeit stand still in diesem Zimmer, zwischen einem Mann, der diese Welt verließ, und einem Kater, der sich weigerte, ihn allein gehen zu lassen. Irgendwann gegen drei Uhr morgens fiel Ingrid kurz in einen unruhigen Schlaf auf dem Sessel neben dem Fenster; als sie aufwachte, hatte sich nichts verändert, außer dass die Straßenlaterne draußen erloschen war.
Als der Morgen anbrach, war Mauzi immer noch da. Er hatte sich keinen Zentimeter entfernt. Er hatte keine Angst gezeigt. Er war bis zum Ende geblieben. Er bewahrte die letzte Stille seines besten Freundes.
Erst als Sabine ihn auf den Arm nahm und an die Brust drückte, stieß Mauzi einen langen Seufzer aus. Er vergrub die Schnauze in ihrer Hand. Und wurde ganz ruhig. Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand. Bis zum letzten Augenblick.
Drei Wochen nach der Beerdigung saß Ingrid am Küchentisch ihres Vaters, vor sich den grünen Ordner mit der Aufschrift "Wichtige Papiere", den Herbert ihr eigenhändig gezeigt hatte, bevor er nicht mehr sprechen konnte. Darin lag das Testament, ein Sparbuch über zwölftausend Euro, und ein handgeschriebener Zettel: "Mauzi bleibt bei Sabine. Das Geld für den Tierarzt und das Futter zahlt Ingrid aus meinem Anteil am Sparbuch, solange der Kater lebt."
Ihr Cousin Dieter, der seit Jahren behauptete, Herbert habe ihm die Garage am Roten Berg versprochen, war zwei Tage nach der Beerdigung aufgetaucht und hatte auf sein "mündliches Wort" gepocht. Ingrid hatte ihm ruhig den Ordner gezeigt, die Unterschrift, das Datum, den Stempel des Notars aus der Juri-Gagarin-Ring. Es gab keine Garage für Dieter im Testament, nur die Klausel für Mauzi. Dieter hatte vor der verschlossenen Wohnungstür gestanden, während Ingrid drinnen den Ordner wieder in die Schublade legte, und war schließlich gegangen, ohne dass sie ihm noch einmal aufmachte.
Ingrid rief am selben Nachmittag bei der Sparkasse an und ließ ein eigenes kleines Konto einrichten, zweckgebunden, mit monatlicher Überweisung an Sabine für Katzenfutter und Tierarztbesuche. Sie unterschrieb den Dauerauftrag mit demselben Kugelschreiber, mit dem ihr Vater früher die Schichtpläne im Betrieb abgezeichnet hatte, und legte ihn zurück in den grünen Ordner. Dann rief sie Sabine an, um ihr zu sagen, dass alles geregelt sei, und hörte im Hintergrund, leise und gleichmäßig, das Schnurren von Mauzi.







