Sabine Lehnert hatte drei Regeln für ihren Papagei aufgestellt, wenn sie zur Arbeit ging: nicht an den Vorhängen knabbern, nicht die Türklingel nachmachen, und die Finger — na ja, Krallen — von der Alexa im Flur lassen. Zwei davon hatte Rocco eingehalten.
Die Sache fiel ihr zum ersten Mal an einem Dienstag im März auf. Sabine kam von der Physiotherapiepraxis heim, in der sie seit elf Jahren an der Rezeption saß, stellte die Tasche ab und wollte sich einen Tee machen. Auf dem Küchentisch stand eine Lieferung von Amazon. Sie hatte nichts bestellt. Drin: eine Wassermelone, eine Packung Rosinen, ein Kilo Brokkoli.
„Peter", rief sie ins Wohnzimmer, „hast du wieder nachts online eingekauft?"
Ihr Mann Peter, pensionierter Straßenbahnfahrer, saß vorm Fernseher, Tatort-Wiederholung, und schüttelte den Kopf, ohne aufzuschauen. „Ich hab kein Amazon-Konto, das weißt du doch."
Sie zuckte mit den Schultern und stellte die Wassermelone in den Kühlschrank. Zwei Tage später kam ein Drachen. Ein richtiger, bunter Kinderdrachen, obwohl in der Wohnung seit zwanzig Jahren kein Kind mehr lebte. Dann eine LED-Lampe. Dann Eis am Stiel, sechsmal hintereinander, bis der Gefrierschrank aus allen Nähten platzte.
Sabine begann, die Bestellliste auf ihrem Handy zu kontrollieren, jeden Abend, wie eine Buchhalterin, die einer Unterschlagung auf der Spur ist. Die Beträge waren klein, dreißig, vierzig Euro, nie mehr. Aber es waren fünfzehn Bestellungen in drei Wochen, für die niemand in der Wohnung eine Erklärung hatte.
Der Verdacht fiel zuletzt auf den, der die ganze Zeit über in seinem Käfig neben dem Fenster gesessen und mit dem Kopf gewippt hatte, als würde er Radio hören.
Rocco war ein Graupapagei, den Sabine vor sieben Jahren von ihrer verstorbenen Tante geerbt hatte, zusammen mit einem Perserteppich und einer Standuhr, die nie richtig ging. Der Vogel konnte das Telefon nachmachen, das Klingeln des Herdtimers, Peters Husten am Morgen und, seit Neuestem offenbar, den Tonfall, mit dem Sabine jeden Abend „Alexa, setz Milch auf die Liste" sagte.
Sie stellte ihm eine Falle. Am Freitagvormittag ging sie zur Arbeit, ließ aber ihr altes Tablet auf dem Sideboard liegen, die Kamera-App eingeschaltet, gerichtet auf den Käfig und das schwarze Alexa-Gerät daneben.
Als sie abends die Aufnahme ansah, hielt sie den Tee in beiden Händen, ohne einen Schluck zu nehmen, bis er kalt war.
Rocco kletterte aus seinem Käfig, hüpfte auf die Anrichte, direkt neben das Gerät, und sagte mit einer Präzision, die selbst Sabine erschreckte: „Alexa." Ein rotes Licht leuchtete auf. Der Vogel wartete, den Kopf leicht geneigt, fast so, als würde er die Antwort abwägen. Dann: „Bestelle Wassermelone." Und kurz danach, in einem völlig anderen, tieferen Register — offenbar Peters Stimme, die er sich irgendwo abgehört hatte —: „Bestelle Eis."
Zwischendurch, wenn keine Antwort kam, schimpfte er leise vor sich hin, in einer Wortfolge, die verdächtig nach dem klang, was Sabine sagte, wenn der Drucker klemmte.
Sie rief ihre Tochter Franziska an, die in Frankfurt in der IT-Branche arbeitete, und schickte ihr das Video. Franziska rief innerhalb von zwei Minuten zurück, kaum imstande zu sprechen vor Lachen. „Mama, der Vogel hat dir gerade dreihundertzwanzig Euro Amazon-Bestellungen beschert. Du solltest ihm eine eigene Kreditkarte geben."
Das war der Moment, in dem aus der Geschichte ein Nachbarschaftsgespräch wurde. Sabine erzählte es Frau Brenner von gegenüber, die es beim Bäcker weitererzählte, der es dem Postboten erzählte, und binnen einer Woche kannte halb Bad Homburg den Papagei, der online einkaufte. Ein Lokalreporter der Taunus-Zeitung rief an und wollte ein Foto von Rocco für die Wochenendbeilage, an einem Samstag, zwischen zwei und drei Uhr nachmittags, wenn das Licht im Wohnzimmer am schönsten falle.
Peter quittierte die ganze Geschichte bislang mit einem müden Grinsen und begann, für den Fototermin extra die Käfigstange zu polieren. Zwei Tage vorher kam die Kreditkartenabrechnung, die echte, mit Papier, die er noch immer lieber las als die App. Er strich mit dem Finger die Amazon-Buchungen entlang, eine nach der anderen, murmelte die Beträge, und blieb an einer Zeile hängen, die er sich zweimal vorlesen musste: hundertachtzig Euro an einen Online-Shop für Aquarienzubehör.
„Das war nicht der Vogel", sagte er und schob den Zettel über den Tisch zu Sabine, als würde er ihn nicht mehr in der Hand halten wollen. „Rocco kann kein Aquarium bestellen, das Wort kennt er nicht mal."
Sabine wählte die Nummer der Bank, während sie mit der freien Hand schon nach der Klarsichthülle für die Unterlagen griff. In der Warteschleife lief ein Klavierstück, dreimal von vorne, bevor jemand ranging. Die Sachbearbeiterin erklärte es ihr am Ende so: Bei einer der Rocco-Bestellungen sei ein Zahlungslink offenbar über eine gefälschte Amazon-Benachrichtigung gelaufen, die Sabine selbst, im Trubel der vergangenen Wochen und halb überzeugt, es handle sich um eine echte Rückfrage zur nächsten Vogel-Bestellung, angeklickt und bestätigt hatte. Von da an hatte jemand anderes Zugriff auf die Kartendaten gehabt.
Sabine ließ die Karte noch am Telefon sperren, während Peter neben ihr stand und den Zettel jetzt zusammengefaltet in der Hemdtasche verstaut hatte. Zwei Tage später saß sie in der Filiale der Sparkasse, auf einem der harten Plastikstühle, und beobachtete, wie die Sachbearbeiterin mit ihrem Kugelschreiber gegen den Bildschirmrand tickte, während das System lud. Am Ende unterschrieb Sabine ein Formular, das ihr die Rückerstattung von zweihundertzwölf Euro zusicherte, Aquarienbestellung inklusive, und bekam eine neue Karte in einem grauen Umschlag ausgehändigt, der nach Drucker roch.
Zuhause zog sie den Stecker der Alexa aus der Steckdose im Flur, wickelte das Kabel ordentlich um das Gerät und stellte es in das oberste Fach des Wohnzimmerschranks, neben die Fotoalben, die sowieso keiner mehr ansah.
„Willst du sie wirklich nicht mehr benutzen?", fragte Peter.
„Ich benutze sie schon noch", sagte Sabine. „Nur nicht mehr im Flur, wo ein Vogel sie erreichen kann."
Rocco durfte bleiben, wo er war, im Käfig am Fenster, mit Blick auf den Garten und die Amsel, die dort jeden Morgen im Rasen nach Würmern stocherte.
Als die Journalistin schließlich vorbeikam, an einem Samstag kurz nach zwei, mit einer Kamera, die größer war als erwartet, saß Rocco auf seiner Stange, sagte „Guten Tag" für das Foto und dann, mitten in Peters Erklärung, wie alles angefangen hatte, mit Sabines Stimme: „Alexa, Milch auf die Liste."
Die Journalistin lachte und machte noch ein Bild. Rocco wartete einen Moment, den Kopf leicht geneigt, und rief es noch einmal, lauter: „Alexa." Nichts leuchtete auf, nirgendwo im Zimmer. Er rief es ein drittes Mal, ins Leere, mit derselben Hartnäckigkeit wie an jenem Freitag im März. Sabine sah zu Peter hinüber, der mit dem Zeigefinger sacht an der Käfigstange entlangfuhr, die er zwei Tage zuvor poliert hatte, und beide sahen einander an, ohne dass einer von ihnen etwas dazu sagte.







