Sie hörte es durch die halb geschlossene Tür. Ihr Mann Jonas stand am Fenster, das Telefon am Ohr, und seine Stimme hatte diesen Ton, den sie nur von den ersten Wochen ihrer Beziehung kannte. Weich. Verschwörerisch.
»Mäuschen, heute geht es nicht. Ich habe es meiner Frau versprochen.«
Pause.
»Komm, sei nicht so. Du weißt doch, dass ich das wieder gutmache.«
Marion blieb im Flur stehen. Die Einkaufstasche mit dem Gemüse für das Abendessen zog an ihrem Arm. Sie hatte den Schlüssel gerade erst ins Schloss gesteckt, war noch einmal zurückgegangen, weil sie die Post aus dem Briefkasten holen wollte — Rechnungen, ein Prospekt vom Baumarkt. Und jetzt das.
Sie stieß die Tür auf. Jonas fuhr herum, drückte das Handy weg, als hätte es ihn gebissen.
»Mit wem hast du gesprochen?«
»Mit einem Kollegen. Warum?«
»Ach. Dein Kollege ist also ein Mäuschen?«
Er zuckte mit den Schultern. »Du hast dich verhört. Das war was anderes.« Er griff nach seiner Jacke, die über der Stuhllehne im Flur hing, und ging an ihr vorbei zur Wohnungstür. »Ich bin kurz unten, Zigaretten holen.«
Marion blieb stehen, die Post noch immer in der Hand, und starrte auf die geschlossene Tür.
So schnell also.
Sie stellten die Tat in einem Altbau in der Mainzer Neustadt. An den Wänden hingen vergilbte Tapeten mit einem Blumenmuster, das die Vormieterin in den Siebzigern hatte kleben lassen. Der Kater der Nachbarin strich jeden Morgen durch den Hinterhof und sprang auf die Mülltonnen, als wäre das sein Revier. Die Heizung gluckste in den Nächten, als führe jemand durch das Treppenhaus. Zwölf Jahre lebten Jonas und Marion nun hier. Und davon fast sechs in dieser Ehe.
Jonas war Bauingenieur, arbeitete seit Januar bei einem neuen Projekt in der Stadtmitte. Marion betreute die Buchhaltung einer mittelständischen Spedition am Rheinufer. Zwei Autos standen vor dem Haus, ein älterer Opel und ihr silberner Skoda. Das Kinderthema war aufgeschoben worden, erst einmal die Karriere, dann ein gemeinsames Konto für eine größere Wohnung. So hatten sie es sich zurechtgelegt.
Jetzt legte sich Marion die Frage zurecht, wer dieses Mäuschen war.
Sie kannte eine Frau aus Jonas’ Abteilung. Britta Sommer, seit Jahren im selben Büro, ein bisschen geschwätzig, aber zuverlässig. Marion rief sie am nächsten Morgen von der Arbeit aus an.
»Britta, ich bin’s, Marion. Sag mal, bei euch hat doch vor kurzem jemand Neues angefangen?«
»Ach, du meinst die Weißhaupt. Klar, die ist in der Projektsteuerung. Warum?«
»Jonas hat erzählt, sie hätte so ein auffälliges Parfüm. Ich wollte nur wissen, ob er mir das wieder irgendwie besorgen kann. Kaufst du ihr mal was ab, ohne dass sie es mitbekommt?«
»Da bin ich überfragt. Die redet mit niemandem. Schmale Person, hohe Absätze, Gesicht wie aus dem Katalog. Unsere Mädels sind nicht gut auf sie zu sprechen. Aber Parfüm? Keine Ahnung. Ich halt die Augen offen.«
»Ist sie eigentlich vergeben?«
»Verheiratet, so viel ich weiß. Ihr Mann holt sie manchmal ab. So ein Dunkelhaariger mit einem dicken Schlüsselbund am Gürtel. Nett sieht er aus, aber das täuscht ja oft.«
Marion bedankte sich und legte auf. Am selben Abend suchte sie den Namen im Netz. Lia Weißhaupt, Projektkoordinatorin bei einer Baufirma, genau wie Britta gesagt hatte. Auf den Fotos posierte Lia vor einer Eisdiele, auf einem Bootssteg, in einem Weinberg bei Ingelheim. Und irgendwo, tief in einem Album vom Mai, stand ihr Mann daneben. Dirk Weißhaupt, das Profil war offen. Beruf: Sachverständiger für Immobilienbewertung. Handynummer direkt im Profil hinterlegt.
Marion machte einen Screenshot. Sicherheitshalber.
Fünf Tage später, auf dem Weg zum geplanten Abendessen in der Innenstadt, hörte sie ihn wieder. Jonas telefonierte im Bad, das Wasser lief, aber die Stimme drang durch die Tür wie der Dampf, der unter dem Spalt hervorquoll.
»Lia, nein, heute nicht. Ich habe es meiner Frau versprochen. Mäuschen, hör auf. Ich mache es doch wieder gut. Ja. Ja. Bis morgen.«
Marion lehnte an der Wand neben dem Lichtschalter und drückte die Finger in den Putz, bis die Fingerspitzen weiß wurden.
Also gut.
Sie brauchte Beweise. Nicht für das Gericht oder für einen großen Auftritt — sie brauchte sie für sich selbst. Damit sie sich nie wieder einreden konnte, sie hätte etwas falsch verstanden.
Der Plan stand nach zwei Tagen.
»Ich fahre Freitag zu meiner Tante nach Koblenz. Sie braucht Hilfe beim Umräumen der Garage. Bleibe bis Sonntag.«
»Ja klar, fahr ruhig. Ich komm hier allein zurecht.« Jonas nickte ihr zu, aber seine Augen gingen dabei zum Handy auf der Fensterbank. Mehr brauchte sie nicht zu sehen.
Am Freitagmorgen stellte sie die Reisetasche in den Kofferraum, winkte ihm zu und fuhr nicht nach Koblenz, sondern in die Tiefgarage eines Einkaufszentrums in der Innenstadt. Den Wagen ließ sie dort stehen. Mit der Straßenbahn fuhr sie zurück in den Stadtteil, stieg zwei Haltestellen früher aus und ging den Rest zu Fuß. In der Hand eine Tüte vom Bäcker, darin der Zweitschlüssel für die Wohnungstür.
Gegen halb zehn war noch alles still. Aber kurz nach zehn ging im Wohnzimmer das Licht an. Marion stand gegenüber auf der anderen Straßenseite, hinter einem geparkten Lieferwagen. Eine Weile passierte nichts.
Dann trat eine Frau auf den Balkon. Sie hatte die Haare zu einem lockeren Knoten gebunden, trug ein helles Oberteil, das kaum über die Hüften reichte. Sie stützte sich auf das Geländer, zog an einer Zigarette und blies den Rauch in den Mainzer Abend.
Lia. Das musste sie sein.
Marion hob das Handy, fotografierte, filmte eine halbe Minute. Sie hielt die Luft an, obwohl ihr schwindelig wurde. Nicht vor Angst. Vor Ekel.
Ihr Mann war da drin. In der Wohnung, die sie eingerichtet hatten, zwischen den Möbeln, die sie gemeinsam ausgesucht hatten. Und auf dem Tisch stand vermutlich der kleine Blumentopf, den Marions Mutter zur Hochzeit geschenkt hatte.
Marion öffnete die Kontakte und wählte die Nummer, die sie seit Tagen auswendig kannte.
Es klingelte viermal.
»Weißhaupt.«
»Herr Weißhaupt, Sie kennen mich nicht. Aber mein Mann kennt Ihre Frau Lia sehr genau. In diesem Moment sind die beiden in meiner Wohnung in der Mainzer Neustadt. Ich kann Ihnen die Adresse geben.«
Am anderen Ende war es still. Dann ein Geräusch, als würde ein Stuhl über den Boden scharren.
»Sagen Sie mir, wo.«
Er brauchte zwanzig Minuten. Er parkte gegenüber, stieg aus, zog die Jacke glatt, als ginge er zu einem Ortstermin. Seine Haare waren kürzer als auf den Fotos, die Wangen unrasiert. Er wirkte nicht zornig. Er wirkte wie ein Mann, der gerade am Telefon erfahren hat, dass sein bestes Pferd lahm ist.
Marion trat aus dem Schatten des Lieferwagens und ging ihm entgegen.
»Ich habe Schlüssel. Wir gehen hoch. Keine Vorwarnung.«
Er nickte. »Dann eben so.«
Sie stiegen die Treppen hinauf. Das Licht über dem Flur im dritten Stock flackerte, es flackerte schon seit Jahren, aber an diesem Abend fiel es Marion zum ersten Mal wirklich auf. Im Treppenhaus roch es nach Putzmittel und Zigarettenrauch. Irgendwo lief ein Fernseher, die Stimme einer Nachrichtensprecherin drang durch eine Tür.
Marion schob den Schlüssel ins Schloss. Langsam. Kein Klicken, das sie hätte verraten können. Die Wohnungstür glitt auf.
Sie gingen durch den Flur. Dirk dicht hinter ihr, so nah, dass sie seinen Atem hörte. Vor der Schlafzimmertür blieb Marion stehen. Einen Moment. Sie spürte die Kälte des Schlüssels in der Handfläche.
Dann stieß sie die Tür auf.
Jonas saß aufrecht im Bett, die Decke über dem Schoß. Lia lag halb unter dem Laken, die Hand auf seinem Unterarm. Auf dem Boden lag eine weiße Bluse, daneben ein einzelner Ohrring.
Marion hörte ihre eigene Stimme, als wäre sie nicht ihre: »Na, ihr beiden Turteltauben. Liegst du bequem?«
Jonas riss die Augen auf. »Marion, was—«
»Was ich hier mache? Das ist meine Wohnung. Und du verschwindest jetzt. Du und deine …« Sie suchte nach dem Wort, das sie sich den ganzen Weg zurechtgelegt hatte, aber es kam ihr nicht über die Lippen. Stattdessen deutete sie mit dem Kinn auf Lia. »Die da auch.«
Lia griff nach dem Laken, zog es sich bis unters Kinn und rutschte vom Bett. Ihre Zehen stießen gegen den Knauf des Kleiderschranks. Sie sah nicht zu Jonas. Sie sah zu Dirk.
»Dirk, hör zu. Ich weiß auch nicht, was das hier ist. Bitte.«
Dirk stand mit den Händen in den Jackentaschen. Er zog eine Hand heraus, rieb sich über den Mund. Dann drehte er sich um und ging in Richtung Küche.
Marion folgte ihm. Sie hörte, wie im Schlafzimmer Kleider gerafft wurden, ein Reißverschluss, ein unterdrücktes Schluchzen.
In der Küche standen drei dreckige Gläser neben dem Kühlschrank, vom Vortag oder von der letzten Woche, das spielte jetzt keine Rolle. Marion zog die Kühlschranktür auf. Zwischen den Vorräten stand eine Flasche Riesling, halb voll. Sie nahm zwei Gläser aus dem Schrank, die mit dem schmalen Stiel, und schenkte ein.
Dirk trank, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen. Draußen war das Licht im Nachbarhaus erloschen.
»Was für ein Blödsinn«, sagte er.
»Ja. Gewaltiger Blödsinn.« Marion stellte das Glas härter ab als nötig. Sie spürte keine Genugtuung. Eher so etwas wie einen Riss, der durch den ganzen Abend ging, als hätte jemand ihr Leben in zwei Teile geknackt und ihr nur eine Hälfte in die Hand gedrückt.
Aus dem Flur kamen Schritte. Jonas stand in der Tür, das Hemd halb zugeknöpft, den Schlips in der Hand.
»Ich will das erklären. Es ist nicht so, wie du denkst. Das mit Lia ist …«
»Was?« Marion drehte sich um. »Ein Versehen? Ein Betriebsunfall? Du bist mir auf sie gefallen?«
»Wir können doch reden.«
»Es gibt nichts zu reden. Du packst deine Sachen. Heute noch. Die Wohnung bleibt bei mir, das Auto nehme ich, die gemeinsamen Konten lasse ich morgen sperren. Und was Lia angeht, kann sie gleich mitkommen.«
Jonas machte einen Schritt auf sie zu. Dirk stand auf. Nicht aggressiv, nur sehr gerade. Einfach aufgerichtet, die Jacke offen, das leere Glas noch in der Hand.
»Ich würde jetzt gehen«, sagte Dirk. »Wenn ich du wäre. Und nimm deine … deine Lia mit. Bevor ich einen Fehler mache, den ich mit einem teuren Anwalt noch teurer bezahlen muss.«
Lia kam ins Wohnzimmer. Ihre Augen waren gerötet, der Lidstrich verschmiert, als wäre sie auf dem Weg vom Schlafzimmer irgendwo hängen geblieben. Sie hatte die Bluse falsch geknöpft.
»Dirk, bitte. Ich kann erklären, wenn du mitkommst.«
»Wir haben nichts zu besprechen. Ich schlafe bei meinem Bruder in Wiesbaden. Und du holst morgen deine Sachen, wenn ich nicht da bin. Die Einladung zur Scheidung bekommt dein Anwalt. Mein Anwalt heißt Rohrbeck, den kennst du ja.« Er lächelte nicht.
Lia öffnete den Mund. Dann schloss sie ihn wieder.
Jonas stopfte wahllos Kleidung in den Rucksack. Er griff nach dem Ladekabel, das neben dem Bett lag, als wäre das in diesem Moment das Wichtigste. Marion stand im Wohnzimmer und sah ihm zu. Zwölf Jahre, und am Ende war er mit einem Rucksack und einem Ladekabel auf dem Absatz verschwunden. Er sagte nichts mehr. Nicht einmal auf Wiedersehen.
Als sich die Tür hinter ihm schloss, war es in der Wohnung so still, dass Marion den Kühlschrank summen hörte.
Dirk und sie tranken die Flasche leer. Nicht aus Rache, nicht aus Erleichterung. Eher, weil Bleiben allein schlimmer gewesen wäre. Sie redeten über Belangloses: dass der Fußballverein im nächsten Spiel gegen den Abstieg spielte, dass auf der Kaiserstraße die Baustelle nie fertig wurde, dass der beste Döner in Mainz bei Bahar sei. Sie redeten über ihre Kindheit. Über die erste Wohnung, die erste Scheidung, die sie als Kinder miterlebt hatten.
Irgendwann fiel Dirk das Glas aus der Hand. Nicht kaputt, es rollte über den Teppich. Er hatte die Augen schon halb zu.
Marion holte eine Decke aus dem Schrank im Flur. Die Graue, mit den Fransen. Sie breitete sie über ihm aus, während er auf dem Sofa lag und schon gleichmäßig atmete.
Sie blieb noch eine Weile im Sessel am Fenster sitzen. Von draußen drang das ferne Rauschen der Züge aus dem Bahnhof, die letzten Bahnen der Linie 66. Irgendwo im Hinterhof fauchte der Kater der Nachbarin.
Marion musste grinsen. Der Mann, dessen Frau gerade mit ihrem Mann im Ehebett gelegen hatte, schlief auf ihrem Sofa. Und sie mochte seine Art, wie er vorhin den Schlüsselbund umklammert hatte, als wäre er ein Rettungsring.
Sie schlief schlecht. Der Kopf brummte, die Gedanken kreisten. Aber am Morgen, gegen neun, stand sie auf und machte Kaffee. Dirk saß bereits am Küchentisch und starrte in die Tasse, die er sich allein genommen hatte.
»Ich habe vom Bäcker an der Ecke Brötchen geholt«, sagte er. »Ich wusste nicht, ob du noch schläfst.« Die Tüte lag auf dem Tisch, daneben ein Becher Butter, den er aus dem Kühlschrank kannte, als hätte er hier schon öfter gefrühstückt.
»Danke. Du weißt, wo alles steht?«
»Ich bin Sachverständiger. Ich schaue nach, bevor ich frage.«
Sie frühstückten schweigend. Draußen zog eine Straßenbahn vorbei, die Bremsen quietschten in der Kurve. Es war Samstag. Ein Müllwagen rumpelte durch die Straße.
Dirk zog seinen Autoschlüssel aus der Jacke. »Ich fahre dann. Den Rest regelt der Anwalt. Und ich hole Lias Sachen am Montag. Sie soll nicht mehr in die Wohnung.«
»Ich lasse die Schlösser austauschen«, sagte Marion. »Bevor Jonas auf dumme Gedanken kommt.«
Dirk nickte. An der Tür drehte er sich noch einmal um.
»Jetzt haben wir beide etwas gemeinsam, das wir nicht wollten.«
Marion hielt die Klinke fest. »Dann sollten wir vielleicht mal was trinken gehen. Freiwillig. Ohne Notfall.«
Er sah sie an. Einen Tick länger, als es für eine Verabschiedung nötig war.
»Können wir machen. Ich kenne einen Italiener in der Altstadt. Klein. Aber die haben einen miesen Hauswein. Genau richtig.«
»Klingt gut.«
Er ging. Der Kater der Nachbarin strich ihm draußen um die Beine und sprang dann auf die Mülltonne. Marion sah ihm nach, bis er in sein Auto stieg.
Die Scheidung lief schnell. Keine Kinder, keine gemeinsame Immobilie, kein Grund für einen Rosenkrieg. Beim Termin im Amtsgericht sprachen sie kaum miteinander. Jonas legte den Kugelschreiber nach der Unterschrift so vorsichtig auf den Tisch, als wäre er aus Glas. Marion schob ihren Stuhl zurück und ging. Draußen regnete es. Genau so, wie es sich anfühlte.
Am nächsten Tag kam der Schlüsseldienst. Drei neue Zylinder für Wohnungs- und Haustür. Die alten legte Marion in die Schublade von Jonas’ ehemaligem Nachttisch. Seine restlichen Sachen packte sie in Umzugskartons: Bücher, Werkzeug, zwei Krawatten, eine Taschenlampe, ein Paar alte Turnschuhe. Sie stellte alles in den Hausflur und schickte ihm eine SMS mit den Worten: »Steht vor der Tür. Bis Sonntag.«
Er kam am Freitag. Marion hörte ihn durch die geschlossene Wohnungstür hantieren. Kisten über den Flur ziehen, die Treppe hinunter, ein dumpfes Aufschlagen im Treppenhaus, dann die Haustür. Sie stand hinter dem Türspion und sah zu, wie er zum Wagen ging. Er sah kurz zu dem Fenster hoch. Sein Gesicht wirkte angestrengt, als hielte er einen Satz zurück, der sich nicht lohnte.
Dann stieg er ein und fuhr davon.
Lia zog zu ihren Eltern nach Bingen, hieß es. Dirk meldete sich nach zwei Wochen. Er hatte einen Termin in der Nähe, eine Wohnung am Rheinufer, die bewertet werden musste. Ob Marion Lust habe, danach beim Italiener vorbeizuschauen.
Sie sagte ja.
Der Italiener war wirklich klein. Zehn Tische, rot karierte Decken, an der Wand ein Schwarz-Weiß-Foto vom alten Hafen. Dirk bestellte die Flasche Hauswein, genau wie angekündigt. Sie redeten vier Stunden. Über Gerichtstermine, über die seltsame Stille in der Wohnung, über die Frage, ob man sich jemals wieder so nah an einen Menschen herantraut.
Als sie gingen, war die Stadt ruhig. Die Lichter der Autos spiegelten sich im nassen Asphalt. An der Ecke wartete die letzte Bahn.
Dirk blieb stehen. »Ich bin froh, dass ich das nicht allein durchstehen muss.«
Marion zog den Mantel enger. »Ich auch.«
Sie hatte keine Antwort auf die Frage, was aus den beiden würde. Aber sie wusste, dass in der Schublade ihres Nachttischs jetzt ein neues Schlüsselpaar lag. Und dass sie am Montag einen Termin beim Notar hatte. Jonas’ Namen aus dem Mietvertrag zu tilgen, das war der letzte Rest, der noch an ihm erinnerte.
Als sie nach Hause kam, brannte das Licht über der Haustür zum ersten Mal seit Monaten, ohne zu flackern. Der Hausmeister hatte es endlich repariert. Marion schloss die Tür auf, zog die Schuhe aus und ging in die Küche. Auf dem Tisch stand noch die Tüte vom Bäcker, leer, und daneben der Becher Butter, den Dirk glatt vergessen hatte.
Sie strich sich eine Scheibe Brot. Es war erst Viertel vor zwölf. Aber sie schmierte die Butter dick auf, dicker als nötig. Weil sie es konnte. Weil das Brot ihr gehörte. Und weil niemand mehr da war, der ihr sagte, wie viel genug war.







