# Der Faden vom Blumenstand

Ich war einundsechzig, als Bernd anfing, sich zweimal am Tag zu rasieren.

Sechsunddreißig Jahre Ehe, zwei erwachsene Kinder, ein Enkelkind und ein Mann, der plötzlich wiederentdeckte, dass es Duschgel mit Zedernholzduft gibt. Er kaufte es in der Drogerie am Wandsbeker Marktplatz, gleich neben dem Stand, an dem wir täglich vorbeikamen – dem Blumenstand, wo ich seit fünfzehn Jahren jeden Freitag einen Strauß für acht Euro holte, weil Frau Petersen mir immer einen Zweig Eukalyptus dazugab, „damit es im Flur besser riecht".

Über das Duschgel wäre ich vielleicht hinweggegangen. Aber das Handy, das plötzlich unter seinem Kopfkissen schlief statt auf dem Nachttisch, das nicht.

„Ich mag es eben ordentlich auf dem Nachttisch", sagte er, als ich direkt fragte, während ich gerade Zwiebeln für die Suppe schnitt, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen.

Ich stritt nicht. Ich schnitt weiter. Aber am selben Abend, als er den Müll runterbrachte, fand ich in der Tasche seiner Winterjacke – die er seit einem Monat kaum noch auszog, obwohl in der Wohnung zweiundzwanzig Grad herrschten – einen zerknüllten Kassenbon von einem Restaurant am Gänsemarkt. Abendessen für zwei Personen, einhundertzehn Euro, darunter der Posten: „Blumenstrauß – Aufpreis, achtzehn Euro".

Ich sagte ihm nicht, dass ich ihn gefunden hatte. Ich steckte den Bon zurück, genau so gefaltet, wie er gelegen hatte, die Ecke nach innen.

Zwei Wochen später hörte ich ihn auf dem Balkon. Er telefonierte leise, aber das Fenster stand einen Spalt offen, weil ich Wäsche aufhängte.

„Noch etwas Geduld. Ich verkaufe das Grundstück in Wohltorf, regle den Rest, und dann sind wir frei."

Das Grundstück in Wohltorf. Fast einen Hektar von meinem Vater geerbt, seit neunzehnhundertzweiundneunzig formell auf meinen Namen eingetragen, aber Bernd sprach seit Jahren von „unserem Grundstück", als hätte er vergessen, wessen Name im Grundbuch stand.

An diesem Abend machte ich keine Szene. Ich tat etwas anderes – ich rief meine Tochter Sabine an, die in einer Notarkanzlei in Eppendorf arbeitet, und fragte, ob ich am nächsten Morgen vorbeikommen könnte, bevor die Kanzlei für Mandanten öffnet.

***

Einen Monat lang tat ich so, als wüsste ich nichts. Es war wohl der schwerste Monat meines Lebens – ich kochte ihm Grünkohl mit Pinkel, bügelte Hemden, wir saßen abends zusammen vor der Tagesschau, und jeden Abend sah ich einen Mann an, der plante, mit meinem Vermögen und einer Frau zu verschwinden, von der ich nur wusste, dass sie rote Rosen und Schokoladendessert mochte – auch das stand auf dem Bon, obwohl er mir seit zwanzig Jahren erzählte, er möge keine Süßigkeiten.

Ich erfuhr mehr, als ich wollte. Die Nachbarin aus dem Erdgeschoss, Frau Wichmann, die den ganzen Tag auf der Bank neben den Mülltonnen sitzt und alles mitbekommt, erwähnte beiläufig, sie habe Bernd „mit einer Dame, wohl von der Arbeit, sehr elegant, roter Mantel" gesehen, wie sie an der Ecke in sein Auto gestiegen seien.

Sie hieß Yvonne. Zweiundvierzig Jahre alt, arbeitete in derselben Versicherungsgesellschaft, bei der Bernd nach der Rente noch als Berater aushalf. Das fand ich selbst heraus, ganz ohne Detektiv – es reichte, sein Anrufprotokoll durchzusehen, während er mit dem Hund der Nachbarn spazieren ging, den er manchmal „zur Bewegung" ausführte.

Der Plan, den er sich zurechtgelegt hatte, war einfach. Das Grundstück in Wohltorf verkaufen – knapp ein Hektar, in diesem Jahr etwa dreihunderttausend Euro wert – und dabei als Bevollmächtigter unterschreiben, denn irgendwann, vor langer Zeit, in einem Moment der Schwäche und des Vertrauens, hatte ich ihm eine Vollmacht für Behördenangelegenheiten ausgestellt. Das Geld vom gemeinsamen Sparkonto abheben, auf dem einhundertzwanzigtausend Euro lagen, über Jahre für das Alter zurückgelegt. Und mit Yvonne irgendwohin verschwinden, wo – wie ich ein weiteres Mal mithörte – „uns niemand kennt".

Bevor er etwas davon umsetzen konnte, handelte auch ich.

***

Ich ging mit Sabine zum Notar und widerrief die Vollmacht. Das dauerte zwanzig Minuten und kostete fünfundachtzig Euro. Das Dokument ging sofort ans Grundbuchamt, damit kein Verkauf des Grundstücks ohne meine direkte Zustimmung mehr möglich war.

Danach fuhr ich zur Sparkasse am Rathausmarkt, wo unser gemeinsames Konto geführt wurde, und überwies fünfzigtausend Euro – meinen Anteil der Ersparnisse, mit dem Berater bis auf den Cent genau errechnet aus dem, was ich über Jahre von meinem Lehrerinnengehalt eingezahlt hatte – auf ein neues, eigenes Konto, das ich drei Tage zuvor eröffnet hatte, damit die Einzahlung nicht wie etwas Plötzliches auffiel.

Auf dem gemeinsamen Konto ließ ich siebzigtausend Euro stehen. Nicht aus Mitleid. Ich wollte nur, dass alles nachvollziehbar und fair blieb, falls jemand einmal fragen würde.

Am Freitag kam Bernd früher nach Hause als sonst, roch nach demselben Zedernholzduschgel, mit einem Gesicht, das ruhig wirken wollte und es nicht schaffte.

„Ich war bei der Bank", sagte er, setzte sich an den Tisch, ohne die Jacke auszuziehen. „Das Konto ist… anders, als ich dachte."

„Ich weiß", antwortete ich und stellte einen Teller Grünkohl vor ihn hin, denselben, den ich am Tag des Duschgels geschnitten hatte. „Ich habe unsere Ersparnisse aufgeteilt. Fair, auf den Cent genau."

„Und das Grundstück?"

„Auch erledigt. Ich habe die Vollmacht am Mittwoch widerrufen."

Er schwieg. Der Löffel stand still in der Suppe, der Dampf stieg zwischen uns auf wie etwas, das gleich verschwinden würde.

„Du musst mir nicht erklären, wer Yvonne ist", fügte ich hinzu. „Ich habe den Bon vom Gänsemarkt gesehen. Ich weiß von den Rosen. Und ich habe dich auf dem Balkon gehört, wie du von der Freiheit gesprochen hast, die ihr euch mit meinem Geld kaufen wolltet."

Da stand er auf. Der Stuhl kratzte über das Laminat. Er sagte etwas davon, dass „es nicht so war", dass er „nur reden wollte", aber ich zog schon die Mappe aus der Schrankschublade – dieselbe, in der ich seit dreißig Jahren die Schulzeugnisse der Kinder aufbewahrte, jetzt lagen darin ein Kontoauszug, eine Kopie der notariellen Urkunde über den Widerruf der Vollmacht und ein aktueller Grundbuchauszug für das Grundstück in Wohltorf.

Ich legte die Mappe auf den Tisch, neben seinen Teller mit dem kalt werdenden Grünkohl.

„Du kannst zu Yvonne gehen", sagte ich. „Aber du gehst mit dem, was dir gehört. Nicht mit dem, was ich vierzig Jahre lang als Lehrerin zurückgelegt habe."

***

Am Sonntag kam Sabine mit dem kleinen Finn, meinem Enkel, und wir aßen zu dritt am selben Tisch, nur dass ein Stuhl leer blieb. Finn, der vier Jahre alt ist, fragte, warum Opa nicht da sei, und Sabine antwortete ruhig, Opa sei weggezogen, und das sei nichts Schlimmes, denn jetzt habe Oma mehr Platz für Blumen.

Tatsächlich fuhr ich am Montag zum Stand von Frau Petersen und kaufte nicht nur einen Strauß Tulpen, sondern drei. Ich stellte sie in drei verschiedene Zimmer.

Bernds Nachricht kam am Dienstag. Er schrieb, das Grundstück brauche er eigentlich gar nicht, „das alles ließe sich noch klären", er vermisse den Grünkohl. Ich antwortete nicht.

Stattdessen rief ich meinen Finanzberater an, mit dem ich mich für Donnerstag verabredete, um zu besprechen, wie ich die fünfzigtausend Euro anlegen sollte, die jetzt mir allein gehörten. Irgendjemand in dieser Stadt musste endlich ausrechnen, wie viel die Geduld einer Frau wert ist, die sechsunddreißig Jahre lang Grünkohl gekocht hat für einen Mann, der ihr Verschwinden geplant hatte.

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