Der Regen trommelte gegen das Küchenfenster, als Jonas die Gabel hinlegte und auf den Teller starrte, als läge da ein totes Tier. „Weißt du, was Sandra mir gestern beim Fußball erzählt hat? Dass ihre Frau jeden Abend frisch kocht. Selbst unter der Woche. Und was kriege ich? Aufgewärmte Linsensuppe vom Montag!“
Katharina wischte mit dem Lappen über die Arbeitsplatte, obwohl dort längst nichts mehr zu wischen war. Sie brauchte eine Beschäftigung für die Hände, damit sie nicht anfing, mit Tellern zu werfen. Draußen zog ein Lastwagen am Haus vorbei, und das Wasser in den Regenrinnen gluckerte, als würde das ganze Viertel weinen.
„Die Suppe ist gut“, sagte sie und wrang den Lappen über dem Spülbecken aus. „Selbst gekocht, mit Möhren und Sellerie. Kein Fertigzeug.“
„Ich rede nicht von gut. Ich rede von Mühe. Von Liebe. Du machst das nur noch so nebenbei, als wär ich ein Untermieter, dem man das Essen hinstellt.“
Sandra. Diese verdammte Sandra. Die Frau seines Bruders Markus, die blondierte Vorzeige-Schwägerin aus dem Münchner Speckgürtel, die ihre Instagram-Profile vollpostete mit Sauerteigbroten, selbstgemachten Pralinen und Erntekörben aus dem Schrebergarten. Katharina kannte Sandra persönlich vielleicht dreimal im Jahr, wenn überhaupt. Aber sie wusste, dass Sandra seit einem halben Jahr einen Thermomix hatte, weil Jonas’ Mutter Hannelore es bei jedem einzelnen Telefonat erwähnte, mit einer Betonung, als wäre das Küchengerät ein Gottesbeweis.
„Dann geh doch zu Sandra“, sagte Katharina. Sie sagte es ruhig, während sie den Topf in den Kühlschrank stellte. Der Topfdeckel klapperte, weil ihre Hand zitterte. „Vielleicht bekocht sie dich gleich mit. Markus hat sicher nichts dagegen, wenn ihr euch die Hafermilch teilt.“
„Jetzt fang nicht wieder so an!“
Jonas griff nach der Fernbedienung. Der Fernseher plärrte los, irgendeine Quizshow, und der Applaus füllte die Küche wie ein Hohn. Katharina schaute auf seine Hände, die die Fernbedienung hielten, diese Hände, die früher ihre Hand gesucht hatten, im Kino, auf der Straße, unter dem Küchentisch bei seinen Eltern, wenn seine Mutter wieder über das Essen dozierte. Achtzehn Jahre. Achtzehn Jahre lang hatte Katharina diese Hände unter dem Tisch gedrückt, wenn Hannelore sprach. Und achtzehn Jahre lang hatte Jonas nie den Mund aufgemacht.
Das Telefon klingelte um Viertel nach acht, es war ein Donnerstag, und natürlich war es Hannelore. Katharina konnte es am Klingelton erkennen, irgendwann hatte sie für die Schwiegermutter einen eigenen Rufton eingestellt, wie ein Warnsignal.
„Kathrinchen, du kommst doch am Samstag zum Geburtstag? Ich werde achtzig, stell dir vor! Die ganze Familie kommt. Markus und Sandra bringen ihren Nusskuchen mit, den aus dem Internet, mit dem karamellisierten Zucker obendrauf. Sandra hat mir das schon am Telefon beschrieben, so liebevoll! Aber du musst nichts mitbringen, nein, wirklich nicht, kauf lieber was beim Bäcker, wenn du keine Zeit hast, das versteht jeder.“
„Ich bringe was mit“, sagte Katharina.
„Ja? Oh, wie schön! Vielleicht einen Obstkuchen? Sandra sagt, ihr Thermomix macht den Rührteig in unter zwei Minuten. Aber das ist ja auch so eine neue Maschine, nicht wahr, die hat ja damals dreitausend Euro gekostet. Markus sagt, für seine Sandra kauft er nur das Beste.“
„Ich muss auflegen, Hannelore. Der Abwasch.“
„Ach so. Ja, dann mach mal. Der Jonas hat ja immer Hunger nach der Arbeit, das kennt man ja. Männer brauchen das.“
Katharina legte auf, bevor Hannelore noch einmal ausholen konnte. Sie kannte diese Anrufe. Sie kamen jeden Abend, pünktlich nach der Tagesschau, und jeder einzelne war ein kleines Tribunal: Wer hatte was gekocht, wer hatte beim letzten Familienfest was Schlechtes angehabt, wer war dicker geworden, dünner geworden, älter geworden. Und in jedem dieser Tribunale saß Katharina auf der Anklagebank, während Sandra in Abwesenheit zum Freispruch lächelte.
Am Samstag fuhr Katharina nach Nürnberg, zu dem griechischen Restaurant, in dem Hannelore ihren Achtzigsten feierte. Auf dem Beifahrersitz stand der gedeckte Apfelkuchen, den sie am Abend zuvor aus dem Ofen geholt hatte. Der Teig war ihr fast perfekt gelungen, das Rezept ihrer Großmutter, das einzige, das bei ihr nie misslang, weil es keine Perfektion verlangte, sondern nur Geduld. Der Kuchen duftete nach Butter und Zimt, und auf dem Rücksitz lag die kleine rote Schachtel mit den polierten Ohrringen, die Katharina für die Schwiegermutter besorgt hatte, echte Silberauflage, neunundachtzig Euro, nicht billig, aber elegant.
Das Restaurant war voll, dreißig Gäste, Freunde aus dem Chor, Nachbarn, Verwandte bis ins dritte Glied. Hannelore thronte am Kopfende wie eine barocke Madonna, und neben ihr stand, als wäre sie eigens dafür angeheuert worden, Sandra, das Handy in der Hand, um jeden Moment zu dokumentieren.
„Ich habe gestern bis Mitternacht in der Küche gestanden“, sagte Sandra, noch bevor Katharina ihren Stuhl gefunden hatte. „Aber das ist es mir wert. Für die liebste Schwiegermutter der Welt backe ich, bis die Hände bluten!“ Ein Raunen ging durch den Raum, jemand rief „Bravo!“, und Hannelore legte ihre Ringe blitzen lassende Hand auf Sandras Arm, als ob sie die Tochter wäre, die ihr das Schicksal vorenthalten hatte.
„Na, Katharina?“, rief Hannelore quer über den Tisch. „Was hast du Schönes mitgebracht? Zeig her, damit alle es sehen können!“
Katharina stellte den Kuchen auf den Tisch und nahm das Backpapier ab. Der Zimtzucker glitzerte im Licht der Wandlampen, und für einen Moment dachte sie, das sei es gewesen, dieser eine Moment, in dem etwas so Einfaches wie ein Apfelkuchen genügen müsste.
„Ah, Apfelkuchen“, sagte Hannelore und machte eine Pause, die den ganzen Saal zum Schweigen brachte. „Sandra hat ja Nu-uss-kuchen mitgebracht. Mit gerösteten Walnüssen. Und karamellisiertem Zucker. Wie beim Konditor. Aber deiner ist sicher auch ganz lecker. Für einen einfachen Familienkuchen.“
Jemand lachte nervös. Katharina spürte, wie ihr die Röte in den Nacken stieg, aber sie zwang sich, die Serviette auf ihrem Schoß glatt zu streichen, als wäre nichts geschehen. Aus dem Augenwinkel sah sie Jonas, der neben seinem Bruder saß und auf sein Schnitzel starrte, als zähle er die Panadekrümel.
„Na ja“, sagte Hannelore und beugte sich vor, „die Sandra hat halt eine Ausbildung als Konditorin gemacht. Ach nein, das war ja ein Kurs. Ein Online-Kurs. Aber man sieht es, oder? Man sieht es!“
Das war der Moment, in dem Katharina etwas spürte, das stärker war als Wut: eine eiskalte Gewissheit. Sie sah die Gäste an, die sich gegenseitig zulächelten wie Statisten in einem Stück, dessen Text sie längst auswendig kannten. Sie sah Hannelores schmale Lippen, die sich an dem Wort „Konditorin“ festgesogen hatten. Und sie sah Jonas, der gerade dabei war, sich ein drittes Mal Bratensoße über das Fleisch zu schöpfen, als wäre seine Frau nicht gerade vor dreißig Leuten in den Dreck gezogen worden.
„Jonas?“, sagte Katharina. Sie sprach leise, aber der Raum wurde so still, dass man die Uhr über dem Tresen ticken hörte.
„Hm?“
„Wenn ich deinen Ansprüchen nicht genüge – die Tür ist da drüben.“
Sie zeigte auf den Ausgang.
Die Kellnerin blieb auf halbem Weg stehen, zwei Teller in den Händen. Markus verschluckte sich an seinem Weißbier. Hannelore öffnete den Mund, aber es kam kein Ton. Jonas legte das Messer hin und sagte: „Was redest du da? Jetzt setz dich wieder.“
„Ich rede von achtzehn Jahren, Jonas. Ich rede davon, dass deine Mutter mich abkanzelt, wann immer ihr danach ist, und du sitzt daneben und tust so, als wäre ich ein Möbelstück, das man eben nicht wegstellen kann, weil es zu schwer ist. Also: Wenn ich dir nicht genüge, geh. Aber ich gehe jetzt. Und wenn mir noch einmal jemand einen Kuchen unter die Nase hält, als müsste ich mich für meine Existenz absichern – dann ist das die letzte Feier, die ich in diesem Saal verbringe, und die nächste Rechnung bezahlt ihr selbst.“
Sie stand auf, griff nach ihrer Handtasche, ließ die rote Schachtel mit den Ohrringen – dieses letzte, dumme, hoffnungsvolle Opfer – auf dem Tisch stehen und ging. Sie hörte noch, wie Hannelore „Aber die Unterhaltung hat doch gerade erst angefangen!“ sagte, als wäre das eine Antwort.
Draußen regnete es noch immer. Der Parkplatz war halb leer, und in der Ferne rumpelte eine Straßenbahn durch die Nacht. Katharina atmete aus und merkte, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Sie zählte ihre Schritte bis zum Auto: dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig Schritte, und niemand kam ihr nach.
Sie fuhr nicht nach Hause. Sie fuhr zu dem kleinen Hotel am Plärrer, wo sie früher mit Jonas übernachtet hatte, als sie sich noch heimlich trafen, weil ihre Eltern nichts von ihm wissen sollten. Jetzt war das Hotel ein Ort, an dem sie allein in einem Zimmer mit kaltem Laminat saß und auf ihr Handy starrte, das alle zwanzig Minuten summte: „Komm zurück, ich regle das mit meiner Mutter.“ Dann: „Es war doch nur ein Kuchen, Katharina!“ Dann: „Du bist hysterisch, schlaf dich aus.“ Sie las die Nachrichten, löschte sie und legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.
Am Morgen danach klingelte Hannelore. Katharina zögerte, dann nahm sie ab.
„Kathrinchen!“, die Stimme der Schwiegermutter war süßlich wie abgestandener Likör. „Ich will mich ja nicht einmischen, aber der Jonas sitzt hier und weint. Wirklich, er weint. Wegen dir. Wegen eines Kuchens. Jetzt sag mir mal, was das soll. Ich verbiete dir, uns das anzutun!“
„Du verbietest mir?“, fragte Katharina ruhig.
„Na ja, ich als Mutter. Wir müssen zusammenhalten. Die Familie! Was sollen die Leute denken, wenn die Schwiegertochter einfach vom Geburtstag verschwindet? Ich sage es dir, wie es ist: Das geht nicht. Ich habe heute schon mit drei Nachbarinnen gesprochen, und alle sagen, du musst dich entschuldigen. Bei mir. Und bei Sandra. Du hast ihr den Abend verdorben.“
Katharina schloss die Augen. Sie hörte, wie hinter Hannelores Stimme der Kaffeevollautomat in der Küche lief, dieses teure Gerät, das ihr Sohn und seine Frau ihr zum siebzigsten Geburtstag geschenkt hatten, und sie hörte, wie die alte Frau auf etwas kaute. Wahrscheinlich ein Stück von Sandras Kuchen, dachte Katharina. Und dann dachte sie: Lass sie. Soll sie kauen. Soll sie zusehen, wie sie ohne mich zurechtkommt.
„Hannelore“, sagte sie, „ich melde mich wieder, wenn ich bereit bin, über die Scheidung zu sprechen. Bis dahin ruf bitte nicht mehr an.“
Sie legte auf. Dann zog sie ihre Schuhe an, ging die drei Treppen hinunter, warf in der Lobby zwei Münzen in den Waffelautomaten und aß die Waffeln im Stehen auf, während draußen die Stadt im Nieselregen verschwamm.
In der darauffolgenden Woche erledigte sie Dinge, die seit Jahren liegen geblieben waren. Sie meldete sich zum Spanischkurs an, den sie mit Anfang Dreißig abgebrochen hatte, weil Jonas gesagt hatte, das bringe doch nichts, sie würden ja nie nach Spanien fahren. Sie kaufte sich im Buchladen am Hauptmarkt einen dicken Führer über den Jakobsweg, blätterte darin auf dem Heimweg und las die erste Seite an der Fußgängerampel, bis es grün wurde und wieder rot und noch einmal grün. „Du willst also pilgern?“, fragte ihre Schwester Lena am Telefon, als Katharina davon erzählte. „Allein?“ – „Ich will erst mal wissen, ob ich das Zeug dazu habe“, sagte Katharina. – „Und wenn nicht?“ – „Dann gehe ich trotzdem. Um es herauszufinden.“
Mittwochs suchte sie eine Wohnung. Der Makler war ein junger Mann mit schütterem Haar und einem Maßband, das er ständig auf- und zurollte. Er zeigte ihr eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Gostenhof, fünfter Stock, Fahrstuhl kaputt. Die Wohnung lag in der Abendsonne, und die Wände waren hell gestrichen, aber leer. Katharina zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch und runter, während der Makler über die Vorzüge der Lage sprach: Café um die Ecke, Supermarkt gegenüber, Multi-Kulti-Quartier, sehr gefragt. „Wie hoch ist die Miete?“, fragte sie. „Siebenhundertachtzig kalt“, sagte er. „Plus Nebenkosten. Liegt das im Rahmen?“ Sie nickte, obwohl sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Wohnung allein mieten würde, ohne dass jemand mit ihr über den Preis verhandelte.
Am Donnerstag stand sie vor dem Haus, in dem sie mit Jonas gelebt hatte, einem gepflegten Altbau in der Südstadt, mit dem Fahrradkeller und dem kleinen Balkon zur Hofseite. Jonas war auf der Arbeit, das wusste sie. Die Schlüssel lagen noch in ihrer Handtasche, und sie merkte, wie ihr der Schlüsselbund plötzlich wie ein Fremdkörper vorkam, ein Instrument, das zu einem Leben gehörte, das sie nicht mehr führte. Sie schloss die Tür auf, ging in die Küche und öffnete den Hängeschrank. Oben links, hinter den Vorratsdosen mit Mehl und Zucker, stand der alte Aschenbecher, den Jonas in den ersten Monaten ihrer Beziehung auf dem Flohmarkt in Fürth gefunden hatte. Er hatte nie geraucht, aber der Aschenbecher war aus türkisgrünem Glas, handgeformt, und er hatte gesagt, er erinnere ihn an das Meer, an das sie irgendwann zusammen fahren würden. Sie hatte das Meer nie gesehen, und der Aschenbecher stand die ganzen Jahre über in der Küche, weil niemand wusste, wohin damit.
Katharina holte ihn herunter, wickelte ihn in ein Küchenhandtuch und legte ihn in ihre Tasche. Sie holte einen Zettel aus der Schublade neben dem Ofen, denselben Zettel, auf dem sie sonst Einkaufslisten schrieb, und setzte an: „Ich habe den Aschenbecher geholt. Den Rest regelt meine Anwältin. Ich wünsche dir, dass du irgendwann am Meer sitzt. Ich hoffe, es gefällt dir dort allein.“ Dann zögerte sie. „Allein“ setzte sie wieder ab. „Ich hoffe, es gefällt dir dort“, schrieb sie stattdessen. Sie legte den Zettel auf den Küchentisch, direkt neben die Kaffeemaschine, und sie wusste, dass Jonas ihn finden würde, sobald er nach Hause kam, denn er trank jeden Abend genau eine Tasse Kaffee, bevor er den Fernseher einschaltete.
Als sie ging, hörte sie, wie die Wohnungstür leise ins Schloss fiel. So leise hatte sie die Tür immer geschlossen, wenn Jonas nach der Nachtschicht schlief, aus einer Fürsorge, die niemand je bemerkt hatte.
Am Freitag kam die SMS: „Du warst in der Wohnung? Und der Aschenbecher ist weg. Das ist Einbruch, Katharina!“ Dann: „Ich kann das verstehen. Wirklich. Bring ihn wieder, und dann reden wir.“ Dann, nach einer Stunde: „Weißt du, was du uns antust? Meine Mutter musste zu Arzt. Bluthochdruck. Wegen deiner Szene beim Geburtstag.“ Katharina las die Nachrichten und löschte sie. Sie saß am Fenster ihrer neuen Wohnung und sah den Tauben zu, die auf dem gegenüberliegenden Dachfirst saßen. Es waren sieben. Sieben Tauben. Sie zählte sie, weil sie es konnte, weil niemand sie davon ablenkte.
Am sechzehnten Tag nach ihrem Auszug klingelte Jonas. Es war ein Sonntag, und Katharina war gerade dabei, das Bücherregal aufzubauen, mit einem Akkuschrauber, den sie sich im Baumarkt gekauft hatte. Das Regal hatte dreißig Kilo gewogen, und der junge Mann an der Kasse hatte gefragt, ob sie Hilfe brauche. „Nein“, hatte sie gesagt. „Ich will sehen, ob ich es allein schaffe.“ Jetzt hatte sie bereits das erste Brett an die Wand gedübelt, und der Schweiß lief ihr unter den Haaransatz, als sie den Anruf annahm.
„Katharina? Ich stehe vor deiner Tür. Ich will dich sehen. Bitte.“
Sie legte den Akkuschrauber weg und ging in den Flur. Durch den Spion sah sie Jonas, im Türrahmen, das Handy am Ohr, die Schläfen feucht vom Regen. Er trug die olivgrüne Jacke, die sie ihm vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte, und auf dem Flur vor der Tür stand ein Päckchen, in Geschenkpapier gewickelt. „Bitte“, hörte sie aus dem Handy, „ich weiß, ich habe Fehler gemacht. Aber ich will nicht, dass es so endet. Ich habe dir etwas mitgebracht. Mach auf. Lass uns reden. Ich habe mit meiner Mutter gesprochen – das heißt, ich habe es versucht. Sie wollte nicht zuhören. Aber ich habe es versucht, das zählt doch, oder?“
Katharina lehnte die Stirn an die Tür und spürte das kalte Holz. Früher, dachte sie, hätte sie jetzt geöffnet. Früher hätte sie ihm den Regen aus dem Gesicht gewischt. Früher hätte sie gesagt: „Komm rein, du Arsch, ich mach dir einen Tee.“ Aber das Früher war ein Land, in dem sie nicht mehr lebte.
„Ich habe die Scheidung eingereicht“, sagte sie durch das Handy. „Meine Anwältin schickt dir die Unterlagen morgen. Wir sehen uns beim Notar, nicht vor meiner Tür.“
„Wieso? Das ist Wahnsinn! Du wirfst achtzehn Jahre weg!“
„Nein, Jonas. Ich sortiere sie endlich. Und bevor du fragst: Der Aschenbecher bleibt hier. Er hat mich daran erinnert, dass du einmal jemand warst, der mir das Meer versprochen hast. Das will ich nicht vergessen. Aber ich gehe da nicht mehr mit dir hin.“
Er stand noch lange im Flur, das sah sie durch den Spion, mit dem Päckchen in der Hand und dem Regen in den Haaren. Irgendwann drehte er sich um und ging die Treppe hinunter, und das Päckchen legte er nicht vor die Tür, sondern nahm es wieder mit, als hätte er begriffen, dass für Geschenke der Moment vorbei war.
Katharina ging zurück ins Wohnzimmer und nahm den Akkuschrauber in die Hand. Das Regal stand noch schief an der Wand, aber sie hielt es fest, bis es lotrecht war. Draußen hörte der Regen auf, und die sieben Tauben auf dem Dachfirst breiteten gleichzeitig die Flügel aus und flogen weg, als hätten sie ein unsichtbares Zeichen bekommen. Katharina setzte den Akkuschrauber an die nächste Schraube und zog sie fest. Das Geräusch hallte durch die leere Wohnung, und es klang nach etwas, das sie noch nie gehört hatte, nach einem Anfang, der keinen Applaus brauchte.







