Blinde Tante Hildegard

Das Dorf Grünwald bei Osnabrück roch im September nach Kaminrauch und nassem Laub. Bei Bärbel Wichmann, auf dem kleinen Hof am Ortsrand, war von diesem Geruch kaum etwas zu spüren — denn in der Küche kochte seit dem Morgen eine Hühnersuppe, und auf der Fensterbank standen Geranientöpfe, die schon die Schwiegermutter vor dem Krieg gepflanzt hatte, als sie selbst eine junge Ehefrau in dieser Küche war.

Bärbel war zweiundvierzig, hatte einen Mann namens Heinrich, drei eigene Kinder und zwei Enkelkinder vom ältesten Sohn Frank. Das Haus knarrte vor lauter Menschen. Und trotzdem, als die Nachbarin vom anderen Dorfende, die alte Erna, starb und die Tante ihres Mannes hinterließ — eine entfernte, fast fremde Verwandte — waren es Bärbel und Heinrich, die sagten: Wir nehmen sie.

„Weißt du noch, wie Erna die ganze Nacht bei dir saß, als Anja Lungenentzündung hatte?", sagte Bärbel zu ihrem Mann und trocknete sich die Hände an der Schürze ab. „Niemand hat sie darum gebeten. Sie kam einfach."

Heinrich sagte nichts, nickte nur und holte den Werkzeugkasten, um auf dem Dachboden Platz zu schaffen. Mehr musste man niemandem erklären.

Die Tante hieß Hildegard. Sie war sechsundachtzig, seit zehn Jahren blind und, wie man im Dorf offen sagte, „schon nicht mehr ganz bei sich". Sie vergaß Namen, verwechselte Tageszeiten, weinte manchmal ohne Grund. Allein konnte sie den Löffel nicht zum Mund führen. Niemand hätte es ihr übelgenommen, wäre sie ins Pflegeheim nach Osnabrück gekommen — sie war eine entfernte Verwandte, keine Mutter, keine Großmutter. Aber Heinrich winkte bei solchem Gerede der Nachbarn nur ab.

„Einen Menschen gibt man nicht ab wie einen Hund", sagte er am Küchentisch, und damit war die Sache erledigt.

Sie brachten ihr Bündel mit — drei Kleider, einen abgegriffenen Rosenkranz, das Foto eines Mannes in Uniform. Sie badeten sie, zogen ihr eine saubere Schürze an, banden ihr ein Kopftuch unters Kinn. Über dem Bett hängten sie ein Bild mit Rehen auf, obwohl Hildegard ohnehin nichts mehr sehen konnte. Bärbel fand einfach, eine leere Wand sei unordentlich.

Und der Alltag begann: Kartoffelsuppe und Grünkohl zum Mittag, manchmal Tütensuppe für die Kinder, Tee mit drei Löffeln Zucker, weil Hildegard es süß mochte. Zur Toilette führen, umziehen, waschen. Und ihr Gerede anhören — denn die Alte redete ohne Unterlass, mit dünner, zitternder Stimme, über Dinge, die keinen Sinn ergaben.

Bis eines Abends, als im Küchenfernseher der Wetterbericht lief und Heinrich nach der Arbeit sein Werkzeug wegräumte, Hildegard sich im Bett aufsetzte und sagte:

„Im Schuppen ist ein Dieb. Geh, Heini."

Heinrich musste lachen, ging aber trotzdem. Im Schuppen erwischte er den betrunkenen Nachbarn Klaus, der Kartoffeln und zwei Gläser Sauergurken in einen Sack packte. Reiner Zufall, dachte Heinrich damals. Ein dummer Zufall.

Es vergingen vielleicht zwei Wochen. Hildegard saß auf dem Bett, drehte die Perlen des Rosenkranzes zwischen den Fingern, als sie plötzlich erstarrte und nach Bärbels Ärmel griff.

„Lass Robert nicht in die Stadt fahren. Das Auto zerschellt."

Robert, der jüngste Sohn, wollte am Samstag mit seinem Kumpel Steffen zu einem Konzert nach Osnabrück fahren, im alten Golf von Steffen — demselben, mit dem sie immer zu zweit fuhren, Robert stets vorne auf dem Beifahrersitz. Bärbel zögerte. Heinrich sagte, das sei Unsinn, aber er sah seine Frau an, und etwas in ihrem Gesicht hielt ihn zurück. Robert blieb zu Hause, obwohl er tobte und die Tür so zuknallte, dass die Scheibe zitterte.

Steffen fuhr allein. Am Sonntagmorgen klingelte das Telefon — er war auf der Landstraße nach Osnabrück gegen die Leitplanke gefahren, genau an der Stelle, genau zu der Uhrzeit, zu der sie zu zweit dort hätten vorbeikommen sollen. Der Wagen war auf der Beifahrerseite zerstört, dort, wo Robert immer saß. Steffen selbst kam mit gebrochenem Arm und Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Niemand im Haus sprach es laut aus, aber alle dachten dasselbe.

Von diesem Tag an nannte niemand mehr Hildegards Gerede „Unsinn", wenn sie in der Nähe war. Zwar verwechselte sie weiterhin die Wochentage, erinnerte sich nicht, dass sie vor einer Stunde gegessen hatte, konnte den Löffel noch immer nicht allein zum Mund führen. Aber jetzt hörten sie zu.

Im Oktober bestand Hildegard darauf, einen Lottoschein zu wollen. Sie wiederholte es täglich, mit dünner Stimme, zog Bärbel am Ärmel: kauf einen Schein, kauf einen Schein. Bärbel wiegelte sie eine Woche lang ab, dann eine zweite. Schließlich fuhr Heinrich, als er mit dem Trecker Ersatzteile für die Sämaschine holte, bei der Lotto-Annahmestelle in Osnabrück vorbei und kaufte einen einfachen Schein für sechs Euro fünfzig — eher damit die Alte Ruhe gab, als aus irgendeinem Glauben daran.

Der Schein lag drei Tage auf dem Küchenschrank, bevor überhaupt jemand die Zahlen prüfte. Die Tochter Anja prüfte sie, über die App auf ihrem Handy — und schrie so laut, dass Heinrich die Gabel fallen ließ.

Sie hatten hundertzwanzigtausend Euro gewonnen.

Im Dorf erzählte man sich Verschiedenes — die einen sagten „an die hundert Riesen", andere „gut hundertzwanzig", denn die Familie selbst, wie es bei einfachen Leuten so ist, sprach nur ausweichend davon, damit niemand die genaue Summe kannte. Aber der Betrag war real: 120.000 Euro, überwiesen auf ein Konto bei der Sparkasse Osnabrück, bestätigt durch ein Schreiben, das Bärbel in die Mappe mit den Familiendokumenten legte und in der Kommodenschublade verschloss.

Von dem Geld tilgten sie den Kredit auf das Haus, kauften Frank einen gebrauchten Kombi für seine Lieferungen, und Hildegard bekamen einen neuen geblümten Morgenmantel, Lebkuchen aus Nürnberg, den sie liebte, und eine wunderschöne Bettdecke, weinrot mit goldenen Mustern.

„Die sieht die Decke doch sowieso nicht", sagte jemand im Dorf spöttisch.

„Sie sieht sie anders", antwortete Bärbel und sprach kein Wort mehr darüber.

Jetzt, fast ein Jahr später, wenn im Fernsehen nach achtzehn Uhr die Vorabendserie läuft und draußen frisch gemähtes Gras und Rauch vom Nachbargrundstück in der Luft liegt, sitzt Hildegard auf dieser weinroten Decke, in sauberer Schürze und gestärktem Kopftuch, wie eine Puppe. Sie lässt den Rosenkranz durch die Finger gleiten, wiegt sich leicht hin und her und murmelt mit ihrer dünnen Stimme etwas Gutes — niemand versucht mehr, die Worte zu entziffern, sie setzen sich einfach zu ihr, wer gerade Zeit hat.

Sie erinnert sich noch immer nicht, dass sie gegessen hat. Trifft noch immer nicht allein mit dem Löffel den Mund. Aber Bärbel setzt sich jeden Abend neben sie auf die Bettkante, nimmt ihre Hand in ihre und sagt:

„Na, Tantchen, habt ihr uns noch was zu erzählen?"

Und Hildegard lächelt.

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