Der Werkstattvertrag meiner Schwiegertochter

Mein Sohn Jonas ist zweiundzwanzig. Seit acht Monaten ist er mit Franziska zusammen, sechsunddreißig Jahre alt, ein Sohn aus erster Ehe, gerade sieben geworden. Als er es uns beim Kartoffelsalat auf der Terrasse in Lemgo erzählte, ist meinem Mann Dieter die Gabel aus der Hand gefallen. Klapperte auf den Teller, Nachbars Hund hat vom Zaun rübergebellt, als hätte er's auch nicht fassen können.

„Wir heiraten im Frühling", sagte Jonas. Trocken, so wie er das mit vierzehn schon gesagt hat, wenn er wusste, dass Ärger kommt.

Ich muss dazu sagen: Wir sind keine Familie, die aus Prinzip gegen alles ist. Dieter hat die Autowerkstatt seines Vaters übernommen, ich mache die Buchhaltung nebenher, wir haben Jonas in die Lehre geschickt, KFZ-Mechatroniker, guter Abschluss, Note zwei Komma eins. Er sollte die Werkstatt mal weiterführen. Das war nie ausgesprochen, aber es stand im Raum wie der Geruch von Motoröl, der einfach nicht aus der Kleidung geht.

Franziska kannte ich vom Sehen. Sie arbeitet in der Bäckerei Wenzel am Markt, verkauft mir seit Jahren mein Roggenbrot. Nett, höflich, müde Augen. Ich hatte nie etwas gegen sie – bis mein Sohn sagte, er wolle sie heiraten.

Dreizehn Jahre Unterschied. Ein Kind, das nicht seins ist. Und, was mich am meisten wurmte: eine Frau, die schon einmal gescheitert war, mit einem Jungen, der noch nie im Leben Verantwortung getragen hat außer für seinen Kater und sein Auto.

„Du bist zweiundzwanzig", sagte ich. „Du hast noch nicht mal deine erste eigene Wohnung."

„Ich zieh zu ihr."

„In die Sozialwohnung am Bahndamm? Mit einem fremden Kind?"

„Er heißt Paul."

Dieter sagte gar nichts. Er stand auf, ging raus in die Werkstatt, obwohl Sonntag war und er da nie hingeht. Ich hörte ihn eine Stunde lang an einem Getriebe schrauben, das schon repariert war.

In den Wochen danach haben wir alles versucht. Vernünftig geredet. Unvernünftig geschrien. Ich hab Franziska einmal in der Bäckerei zur Seite genommen, zwischen den Brötchentabletts, und gefragt, ob ihr klar sei, dass sie meinem Sohn die besten Jahre stiehlt. Sie hat mich nur angeguckt und die Zange mit dem Krustenbrot weitergereicht, als hätte ich nach dem Preis gefragt.

Was ich damals nicht wusste: Franziskas Ex-Mann hatte sie mit fünfundzwanzigtausend Euro Schulden zurückgelassen, aufgenommen für ein Geschäft, das er verzockt hat. Sie zahlte seit vier Jahren ab, jeden Monat, während sie Paul allein großzog. Das hat sie niemandem erzählt. Auch Jonas nicht, bis er es zufällig aus einem Brief der Sparkasse erfuhr, der auf ihrem Küchentisch lag.

Er hat es uns nicht gesagt. Er hat einfach angefangen, jeden Samstag mit Paul zum Fußballtraining nach Bad Salzuflen zu fahren. Hat dem Jungen Schienbeinschoner gekauft. Hat, wie ich später erfuhr, heimlich zweihundert Euro im Monat von seinem Lehrlingsgehalt zurückgelegt, um Franziskas Schulden mit abzustottern.

Die Hochzeit sollte im Mai sein, standesamtlich, klein, im Rathaus Lemgo. Wir waren nicht eingeladen. Das hat mehr wehgetan als alles, was vorher gesagt wurde.

Drei Wochen davor rief mich Franziska an. Ihre Stimme war anders, kein Bäckerei-Ton mehr. „Paul hat gefragt, ob er Jonas Papa nennen darf", sagte sie. „Ich wollte, dass Sie das von mir hören, nicht von Ihrem Sohn."

Ich saß in der Küche, das Telefon in der einen Hand, in der anderen der Werkstattvertrag, den Dieter schon Wochen vorher aufgesetzt hatte – die Übertragung der Werkstatt auf Jonas, sein Erbe, alles vorbereitet, nur noch nicht unterschrieben, weil wir ihm das eben noch vorenthalten hatten. Als Druckmittel, wenn ich ehrlich bin. Vierzig Jahre Familienbetrieb, und wir wollten sie ihm entziehen wegen einer Frau, die mein Brot verkauft und ihre Schulden allein trägt.

Ich legte auf und ging zu Dieter in die Werkstatt. Er lag unter einem Passat, nur die Beine ragten raus.

„Komm hoch", sagte ich. „Wir müssen reden."

Er kam hoch, Ölflecken auf der Stirn, und ich hielt ihm den Vertrag hin. „Wenn wir warten, bis er unsere Erlaubnis will, warten wir ewig. Er hat sie längst nicht mehr gebraucht."

Zur Hochzeit sind wir trotzdem nicht eingeladen worden – nicht sofort. Ich musste selbst hin. Bin zwei Tage vor dem Termin zur Bäckerei gegangen, außerhalb der Öffnungszeiten, hab an die Hintertür geklopft. Franziska machte auf, Mehl an den Händen.

„Ich will nicht mehr über Alter reden", sagte ich. „Ich will wissen, ob ihr am Samstag Zeugen braucht."

Sie hat nicht geweint, nicht gelächelt groß, nichts von dem, was man erwartet. Sie hat nur genickt und die Tür ein Stück weiter aufgemacht.

Am Tag der Hochzeit habe ich den unterschriebenen Werkstattvertrag in einen Umschlag gesteckt, mit rotem Band verschnürt, wie Dieters Mutter es früher immer gemacht hat. Kein großes Wort dazu. Ich hab ihn Jonas einfach in die Innentasche seines Anzugs gesteckt, bevor er zum Standesamt losfuhr.

Paul trug einen viel zu großen Anzug und hielt während der Zeremonie Jonas' Hand, nicht Franziskas. Als der Standesbeamte fragte, ob jemand Einwände habe, war es totenstill im Saal – bis Paul laut fragte, wann es endlich Kuchen gebe. Ein paar Leute haben gelacht, auch Dieter, zum ersten Mal seit Wochen richtig.

Ich zahle noch immer mein Roggenbrot bei Franziska, jeden Freitag. Sie rechnet es mir inzwischen nicht mehr ab – "Familienrabatt", sagt sie und schiebt mir das Brot über die Theke, als wäre nie etwas anderes gewesen zwischen uns als das.

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