Der Junge, der nach Vinnyzja tanzen lernte

An dem Morgen, als die Rakete auf die Poliklinik in der Kyjiwska-Straße einschlug, roch es im Wartezimmer nach Kaffee aus dem Automaten und nach nassem Regenmantel. Mira Hawrylenko saß mit ihrem Sohn Tymofij auf der dritten Bank von links und blätterte in einer Broschüre über Zeckenimpfungen, weil draußen der Frühling begonnen hatte und die ersten warmen Tage kamen. Tymofij war sieben. Er hatte an diesem Tag zum ersten Mal seine neuen Turnschuhe an, dunkelblau mit einem grünen Streifen, und er wollte unbedingt, dass der Arzt sie sieht.

Um 10:47 Uhr gab es keine Poliklinik mehr.

Was danach kam, weiß Tymofij nur aus Bruchstücken, die ihm später Ärzte und Verwandte erzählt haben, weil er selbst dreißig Tage im künstlichen Koma lag. Verbrennungen auf fast der Hälfte seines Körpers. Splitterwunden am Rücken und an den Beinen. Ein gebrochener rechter Arm. Seine Mutter war noch auf der Bank gesessen, als das Dach einstürzte. Sie starb, bevor der erste Rettungswagen die Straße erreichte.

Ein Krankenwagen der Bundeswehr brachte Tymofij zusammen mit vier anderen verletzten Kindern nach Deutschland, in eine Spezialklinik für Brandverletzungen bei Bochum. Sein Onkel Roman, der jüngere Bruder seiner Mutter, flog zwei Tage später nach, mit einem Rucksack und der Telefonnummer eines Krankenhauses, das er noch nie gehört hatte.

"Als ich ihn zum ersten Mal sah, nach dem Koma, hat er nach seinen Turnschuhen gefragt", erzählt Roman heute. "Nicht nach seiner Mutter. Er hat sie noch gesucht, glaube ich, ohne es zu wissen. Die Schuhe waren für ihn das Letzte, was noch da war von dem Tag davor."

Die Ärzte in Bochum sprachen zunächst vorsichtig. Über dreißig Operationen standen bevor — Hauttransplantationen, Narbenkorrekturen, eine Rekonstruktion der Sehnen im rechten Unterarm, weil die Finger sich nach der Verletzung kaum noch schließen ließen. Eine Physiotherapeutin, Frau Bertelmann, sagte Roman in einem der ersten Gespräche offen: Es sei nicht sicher, ob der Junge je wieder normal laufen oder mit der rechten Hand etwas Feines greifen könne, einen Stift zum Beispiel, oder einen Löffel.

Tymofij hat davon, nach eigener Aussage, wenig verstanden — und noch weniger davon geglaubt.

Die Reha dauerte Monate. Kompressionsanzüge, die auf der Haut wie eine zweite, zu enge Haut saßen, mussten dreiundzwanzig Stunden am Tag getragen werden, damit die Narben nicht wulstig wuchsen. Es gab Tage, an denen er schrie, wenn die Bandagen gewechselt wurden, und Tage, an denen er einfach nur auf dem Klinikflur saß und den anderen Kindern zusah, die Fußball auf dem kleinen Innenhof spielten, ohne mitmachen zu können.

Der Wendepunkt kam nicht durch eine Operation, sondern durch einen Zufall: eine Pflegerin brachte ein altes Akkordeon aus dem Personalraum mit, das ein pensionierter Kollege dort vergessen hatte, und zeigte Tymofij, wie man den Balg auseinanderzieht. Die steifen Finger konnten die Tasten kaum drücken. Er übte trotzdem, jeden Tag zwanzig Minuten, dann dreißig. Nach vier Monaten holperte er sich durch ein einfaches Volkslied, schief, aber erkennbar.

"Ich glaube, das Akkordeon hat ihm gezeigt, dass die Hand wieder etwas kann", sagt Roman. "Und wenn die Hand etwas kann, dann kann vielleicht auch der Rest wieder etwas."

Weniger als ein Jahr nach dem Angriff ging Tymofij wieder zur Schule, in eine ukrainischsprachige Willkommensklasse in Bochum, mit langen Ärmeln auch im Sommer, weil die Kompressionswäsche unter der Kleidung getragen werden musste und die Mitschüler nicht fragen sollten. Er kam trotzdem gut zurecht. Und dann fragte er Roman etwas, mit dem der Onkel nicht gerechnet hatte: ob er zum Tanzunterricht in der Nachbarschaft gehen dürfe. Ein Mädchen aus seiner Klasse hatte davon erzählt.

Roman hat kurz gezögert — wegen der Haut, wegen der Narben, wegen der Blicke, die andere Eltern in so einem Kurs unweigerlich werfen würden. Dann hat er den Jungen angemeldet.

Die erste Tanzstunde war eine Katastrophe, sagt Tymofij heute selbst und lacht dabei. Er trat der Tanzlehrerin zweimal auf den Fuß, weil sein rechtes Bein noch nicht richtig gehorchte. Aber er blieb. Sechs Wochen später stand er, in einem eigens angefertigten hautfarbenen Kompressionsanzug unter dem Hemd, bei der kleinen Vorführung des Tanzstudios in einem Gemeindesaal in Bochum-Wattenscheid vor etwa vierzig Zuschauern und tanzte einen Tango.

Es war kein perfekter Tango. Die Musik war "Por una Cabeza", von einer alten CD, die etwas kratzte. Seine Tanzpartnerin, ein Mädchen namens Lotte aus der Nachbarklasse, führte einen Großteil der Drehungen, weil Tymofijs Balance noch nicht stabil war. Aber als die letzten Töne verklangen und er die Verbeugung machte — mit dem rechten Arm, der vor zwei Jahren kaum bis zur Schulter zu heben war —, standen im Saal fast alle auf.

Roman filmte die letzten zwanzig Sekunden mit dem Handy, weil ihm der Akku fast ausgegangen war und er nicht wusste, ob er das ganze Stück würde aufnehmen können. Auf dem Video, das er später seiner Mutter in Winnyzja schickte, ist zu hören, wie eine Frau neben ihm sagt: "Wer ist das für ein Kind?" Und eine andere antwortet: "Das ist der Junge, der überlebt hat."

Heute, mit neun Jahren, geht Tymofij zweimal wöchentlich zum Tanzen und einmal zur Akkordeonstunde. Die dreißigste Operation liegt hinter ihm, eine einunddreißigste ist für den Winter angesetzt, um eine Narbe am Ellbogen zu lockern, die das Beugen noch einschränkt. Roman hat inzwischen eine kleine Wohnung in Bochum gemietet, mit einem Balkon, auf dem Tymofij im Sommer die Turnschuhe trocknen lässt, die dieses Mal wirklich seine eigenen sind — dunkelblau, mit einem grünen Streifen, fast genau wie die alten.

Auf die Frage, was er am meisten vermisst, antwortet er nicht mit einem Satz über seine Mutter. Er sagt: "Dass sie meinen Tango nicht gesehen hat." Dann zieht er den Ärmel etwas höher, zeigt die Narbe am Unterarm, ganz sachlich, wie eine Landkarte, und fragt, ob er noch eine Runde Akkordeon üben darf, bevor das Abendessen fertig ist.

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Der Junge, der nach Vinnyzja tanzen lernte