In Hamburg gibt es diese eine Dachterrasse am Elbufer, wo im September schon der Wind von der Nordsee reinzieht und man abends fröstelt, obwohl noch Sommer im Kalender steht. Genau dort wollte Jonas Reimann seiner Freundin Mira sagen, dass er sie liebt. Er hatte nur ein Problem: Sein Konto zeigte 340 Euro, und selbst die waren schon für Bahntickets reserviert.
Jonas, 29, betrieb ein winziges Musiklabel in einem umgebauten Hinterhof in Altona. Drei Bands, ein Proberaum mit undichtem Dach, ein Vertrag mit einer Vertriebsfirma, der ihn mehr kostete, als er einbrachte. Jeden Cent, den er auftreiben konnte, hatte er gerade in Vorschüsse für zwei Gitarristen aus Leipzig gesteckt, die er unbedingt für sein Label gewinnen wollte. Mira hatte ihm drei Wochen vorher gesagt, sie brauche „mal wieder richtig Zeit zu zweit, nicht zwischen zwei Terminen". Er hatte genickt und nichts versprochen, weil er wusste: Er hatte kein Geld für irgendwas Großes.
Dann las er in einer Fluglinien-Kundenzeitschrift im Wartezimmer seines Zahnarztes einen Absatz über die Britischen Jungferninseln: Interessenten, die eine Immobilie kaufen wollten, bekämen oft eine kostenlose Besichtigungstour samt Unterkunft gestellt. Jonas rechnete kurz. Dann rief er bei einer Maklerin in Road Town an und erzählte ihr, er besitze ein Plattenlabel (stimmte) und wolle eine Insel kaufen, um dort ein Tonstudio zu bauen (stimmte nicht im Geringsten).
„Wir würden Sie herzlich einladen", sagte die Maklerin, ohne zu zögern.
Eine Woche später standen Jonas und Mira auf einer Rollbahn in der Karibik, während ein Fahrer mit einem gebügelten Hemd ihre zwei Rucksäcke in den Kofferraum eines Geländewagens wuchtete, der mehr wert war als alles, was Jonas je besessen hatte. Sie besichtigten fünf Tage lang Inseln – Jonas nannte gegenüber der Maklerin immer neue Details für sein angebliches Studio, Mira presste sich die Hand vor den Mund, wenn er von „optimaler Raumakustik am Meer" faselte. Abends lagen sie am Pool, aßen gegrillten Fisch mit den Fingern, und niemand sprach mehr von Vorschüssen oder Vertriebsverträgen. Einmal, am dritten Abend, hatte Jonas die Worte schon im Mund – er hatte sogar tief Luft geholt –, aber dann brachte der Kellner die Rechnung, und der Moment war weg, verschluckt von Zahlen und Wechselkursen, die er im Kopf durchrechnete.
Am vierten Tag fragten sie die Maklerin, ob es noch etwas gebe, das sie ihnen nicht gezeigt hatte.
Es gab etwas.
Die Insel hieß Moskito Cay – unbewohnt, von einem Korallenriff umschlossen, mit einem weißen Sandstrand, an dem Meeresschildkröten ihre Eier vergruben. In der Mitte zwei kleine Süßwasserteiche und ein Hügel, dicht bewachsen mit wildem Grün. Jonas stand am Bug des Bootes und wusste sofort: Diese Insel war das Bild, das er sein ganzes Leben mit sich herumgetragen hatte, ohne einen Namen dafür zu haben.
„Was kostet sie?", fragte er.
„Zwei Millionen achthunderttausend Euro", sagte die Maklerin.
„Ich kann Ihnen hundertvierzigtausend bieten." Er hatte diese Summe nicht.
„Der Preis liegt bei zwei Millionen achthunderttausend." Sie zeigte keine Regung.
„Hundertsechzigtausend. Mein letztes Angebot." Auch das hatte er nicht.
Sie flogen mit dem Helikopter zurück zur Villa. Vor der Tür standen bereits ihre beiden Rucksäcke, ordentlich nebeneinander gestellt. Die Maklerin hatte sie hinausgeworfen.
Am Flughafen dann die nächste Nachricht: Der Rückflug war annulliert, ein technischer Defekt. Hunderte Passagiere irrten ziellos durch das Terminal, manche setzten sich einfach auf den Boden, andere schrien am Schalter herum. Mira sah zu Jonas. „Und jetzt?"
Er ging zum Charterschalter, obwohl er die 1.800 Dollar, die dort verlangt wurden, nicht besaß. Er mietete trotzdem eine kleine Propellermaschine, die eigentlich für Privatkunden reserviert war – etwas, das er noch nie zuvor getan hatte. Dann zählte er die gestrandeten Passagiere im Terminal, teilte die Summe durch die Köpfe und kam auf 39 Dollar pro Ticket. Er lieh sich eine Schiefertafel von der Reinigungskraft, schrieb in Großbuchstaben: NORDSTERN AIR. EINWEGFLUG NACH SAN JUAN – 39 DOLLAR.
Mira stand neben ihm, hielt die Tafel hoch über den Kopf, während er von Passagier zu Passagier ging, Dollarscheine einsammelte, Namen auf eine Passagierliste kritzelte, die er aus dem Notizbuch seines Labels gerissen hatte. Eine Stunde später war die Maschine voll. Als sie an Bord gingen, als Letzte, drückte Mira seine Hand so fest, dass er die Nägel spürte. „Du bist verrückt", sagte sie. „Total verrückt." Es klang nicht wie ein Vorwurf.
Die Maschine hob ab, kurz nach Sonnenuntergang, und über den Wolken, mit den 39-Dollar-Passagieren hinter ihnen, die erschöpft schliefen oder leise Karten spielten, sagte Jonas es endlich. Kein Feuerwerk, keine große Geste – nur seine Stimme, die gegen den Motorenlärm ankämpfte, und Miras Kopf, der sich an seine Schulter lehnte, als hätte sie darauf gewartet, dass er es genau hier tut, in einem geliehenen Flugzeug über dem Atlantik, mit leerem Konto und einer Insel, die ihm nicht gehörte.
Zurück in Hamburg zahlten sie die Charterrechnung in Raten ab, Monat für Monat, vom Umsatz des Labels. Die zwei Gitarristen aus Leipzig unterschrieben doch noch, weil Jonas ihnen von der Geschichte mit der Tafel erzählte und sie lachend sagten, bei so einem Label wollten sie dabei sein. Von Moskito Cay hörte er nichts mehr – bis zu jenem Dienstag im Januar, dreieinhalb Monate später, als sein Handy klingelte, während er gerade Kabel in seinem undichten Proberaum verlegte.
Es war die Maklerin aus Road Town. Der Eigentümer, sagte sie, habe plötzlich selbst Geldsorgen, ein Haus in London, eine Scheidung, sie wisse es nicht genau. Ob sein Angebot noch stehe.
Jonas stand mit dem Telefon am Ohr zwischen Kabeltrommeln und einem halb aufgebauten Mischpult, und durch die Tür sah er Mira, die gerade mit zwei Kaffeebechern über den Hof kam. Er hob die Hand, damit sie wartete.
„Hundertsechzigtausend", sagte er. „Immer noch."
Am anderen Ende war es kurz still. Dann: „Die Insel gehört Ihnen."
Er hatte das Geld noch immer nicht. Aber das, dachte er, während Mira die Kaffeebecher auf den Amp stellte und fragend die Augenbrauen hochzog, würde sich schon klären lassen.







