Die Sache mit der Werkstatt in der Bachstraße

Karin Vogler wischte sich die Hände an der Schürze ab, als das Telefon klingelte. Halb neun am Abend, Dienstag, die Nachrichten liefen noch im Hintergrund. Ihr Schwiegersohn Matthias. Seine Stimme klang zu ruhig für das, was er dann sagte.

„Karin, ich muss dir was sagen. Die Werkstatt läuft jetzt unter meinem Namen. War einfacher wegen der Bank."

Sie setzte sich auf den Küchenstuhl, den ihr Mann Rüdiger vor elf Jahren noch selbst zusammengeschraubt hatte, bevor der Krebs ihn holte. Elf Jahre. So lange hatte sie die Kfz-Werkstatt am Ortsrand von Gütersloh allein weitergeführt, nachdem Rüdiger gestorben war. Zweiundvierzigtausend Euro hatte sie vor drei Jahren investiert, neue Hebebühne, neue Diagnosegeräte, damit ihre Tochter Sabine und Matthias den Betrieb übernehmen konnten, wenn sie selbst kürzertrat. Auf dem Papier hatte sie sich als stille Gesellschafterin eintragen lassen. Vierzig Prozent. Das hatte der Notar in Bielefeld ihr bestätigt, schwarz auf weiß.

„Was heißt, unter deinem Namen?"

„Ich hab die Anteile übernommen. Sabine und ich, wir dachten, das regelt sich einfacher, wenn nur einer draufsteht. Für die Kreditlinie bei der Sparkasse."

Draußen bellte der Hund der Nachbarn, wie jeden Abend um diese Zeit, drei kurze, dann Ruhe. Karin hörte im Fernsehen die Verkehrsmeldung für die A2, und sie dachte: Das ist jetzt also der Moment, in dem er mir sagt, dass vierzig Prozent von etwas plötzlich null Prozent sind.

„Und meine Anteile?"

Eine Pause, die zu lang war, um noch zufällig zu sein.

„Karin, das war doch nie schriftlich richtig sauber gemacht damals. Der Notartermin, weißt du noch, das war eher so ein… Vorvertrag. Rechtlich bindend war das nie."

Sie sagte nichts. Rührte in der kalten Kaffeetasse, die seit dem Nachmittag auf dem Tisch stand.

„Ich ruf dich morgen nochmal an", sagte Matthias und legte auf, bevor sie antworten konnte.

Karin blieb sitzen. Die Nachrichtensprecherin redete über die Inflation, über gestiegene Handwerkerpreise. Ironisch, dachte Karin, ausgerechnet heute. Sie stand auf, ging zum alten Sekretär im Wohnzimmer, dem einzigen Möbelstück, das noch nach Rüdigers Pfeifentabak roch, obwohl er seit Jahren nicht mehr geraucht hatte, bevor er starb. Sie öffnete die untere Schublade. Dort lag die Mappe. Rot, etwas ausgeblichen, mit der Aufschrift „Werkstatt – Verträge" in Rüdigers Handschrift.

Am nächsten Morgen rief sie nicht Matthias zurück. Sie rief Herrn Brockmann an, den Notar in Bielefeld, bei dem sie den Gesellschaftervertrag hatte beurkunden lassen.

„Frau Vogler, natürlich erinnere ich mich. Das war kein Vorvertrag. Das war ein vollständig beurkundeter Gesellschaftsvertrag, eingetragen im Handelsregister. Ihre vierzig Prozent existieren, unabhängig davon, was Ihr Schwiegersohn behauptet."

„Kann er das einfach ändern? Ohne mich zu fragen?"

„Nicht rechtswirksam, nein. Wenn er beim Handelsregister eine Änderung eingereicht hat, ohne Ihre Unterschrift, dann ist das anfechtbar. Wollen Sie, dass ich mir das ansehe?"

Karin schaute aus dem Küchenfenster. Der Nachbarsjunge fuhr mit seinem Fahrrad über den Gehweg, die Kette schepperte, weil sie zu locker war, genau wie im letzten Sommer schon. Irgendwo roch es nach frisch gemähtem Rasen, obwohl es schon September war und eigentlich zu kalt dafür.

„Ja", sagte sie. „Sehen Sie sich das an."

Zwei Tage später saß sie im Wartezimmer der Kanzlei, eine alte Ausgabe der Apotheken Umschau auf den Knien, ungelesen. Herr Brockmann kam mit einem Ausdruck herein, den er ihr auf den Tisch legte.

„Er hat versucht, eine Änderung der Gesellschafterliste einzureichen. Mit einer Unterschrift, die angeblich Ihre ist. Frau Vogler – das ist nicht Ihre Unterschrift."

Karin betrachtete das Papier lange. Die Schleife beim „K" war zu rund. Ihres sah anders aus, eckiger, seit sie als junge Frau in der Sparkassenfiliale in Gütersloh gelernt hatte, Kontoauszüge zu unterschreiben.

„Das ist Sabines Unterschrift", sagte sie leise. „Sie hat als Kind meine Unterschrift immer nachgemacht, wenn sie Schulaufgaben unterschreiben lassen musste, die ich nicht gesehen hatte."

Herr Brockmann sagte nichts, ließ ihr Zeit. Draußen fuhr ein Linienbus vorbei, die Bremsen quietschten an der Haltestelle, ein Geräusch, das Karin seit Jahrzehnten kannte und das sie nie störte, außer heute.

„Was kann ich tun?"

„Wir erstatten Anzeige wegen Urkundenfälschung. Und wir beantragen die Rückeintragung Ihrer Gesellschafterrechte, mit einstweiliger Verfügung, damit er in der Zwischenzeit keine weiteren Verfügungen über die Werkstatt treffen kann."

Karin nickte. Dann fügte sie etwas hinzu, das sie sich erst in diesem Moment klar machte: „Und ich will, dass die Werkstatt aus dem Familienbesitz raus ist, sobald das geklärt ist. Verkaufen. An jemanden, der sie führt, wie Rüdiger sie geführt hätte."

Am Samstag stand Matthias vor ihrer Haustür in der Sommerfelder Straße, mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine Vorladung in der Innentasche trägt und nicht weiß, ob er wütend oder verängstigt sein soll.

„Karin, das ist doch übertrieben. Wir sind Familie."

„Familie fälscht keine Unterschriften, Matthias."

„Sabine wollte doch nur—"

„Sabine hat mich betrogen. Und du hast es gedeckt." Karin stand in der offenen Tür, die Kälte des Abends kroch schon in den Flur, aber sie machte keine Anstalten, ihn hereinzubitten. „Der Handelsregisterauszug wird korrigiert. Ich bin wieder mit vierzig Prozent eingetragen, ab Montag rechtskräftig. Und dann verkaufe ich meinen Anteil an Herrn Pohlmann von der Werkstatt in Verl. Er hat schon zugesagt."

„Das kannst du nicht machen, ohne mit uns zu reden."

„Ich rede gerade mit dir."

Sie schloss die Tür, nicht hart, nicht als Geste, einfach weil es kalt wurde und die Heizung im Flur sowieso schon zu viel Gas verbrauchte diesen Winter. Durch das Milchglasfenster sah sie seinen Schatten noch eine Weile stehen, dann ging er.

Die zweiundvierzigtausend Euro bekam sie nicht zurück, das wusste sie. Aber die vierzig Prozent Anteil, die verkaufte sie drei Wochen später für achtundfünfzigtausend Euro an Herrn Pohlmann, der die Werkstatt in der Bachstraße als zweiten Standort führen wollte. Sabine rief nach der Unterschrift beim Notar dreimal an. Karin ließ das Telefon klingeln, gab dann einer Freundin von der Frauengymnastikgruppe im Sportverein den Rat, ihr Geld nie in etwas zu stecken, das nur einem gehört, wenn ein Notar dabei war, aber Vertrauen dabei fehlte.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Die Sache mit der Werkstatt in der Bachstraße