Den ganzen Sommer über hatte ich das Gefühl, die Pflanze auf dem Aktenschrank würde mir beim Arbeiten zusehen. Vielleicht lag es an den herabhängenden Ausläufern, die immer dann leicht schwankten, wenn jemand im Büro die Tür zu schnell zuzog. Der grüne Busch stand seit Jahren dort oben, drei Umzüge hatte er hinter sich, und niemand konnte mehr sagen, wer ihn eigentlich das letzte Mal gegossen hatte. Morgens goss ich manchmal den Rest aus meiner Wasserflasche in den Topf. Nicht aus Mitleid, sondern weil der Anblick von trockenem Substrat neben einem laufenden Drucker etwas Unordentliches an sich hatte.
In der Personalabteilung nennen wir das Gewächs schlicht «das Ding auf dem Schrank». Kollege Brandt schimpfte neulich, die Ausläufer würden ihm beim Kopierer in den Nacken hängen wie kalte Spaghetti. Ich habe nichts dazu gesagt, nur den Topf ein Stück zur Seite gerückt, bis die weißen Blütenrispen nicht mehr über den Rand ragten. Brandt bemerkte es nicht einmal. Er legte Wert auf anderes, Gehaltsabrechnungen, Sonderzahlungen, pünktliche Feierabende. Dass in unserem Großraumbüro in Köln, dritte Etage, hinter der gläsernen Trennwand, ein Chlorophytum seit elf Jahren denselben Topf bewohnt, hielt er vermutlich für eine Randnotiz.
Der Streit begann an einem Dienstag. Brandt zog einen Aktenordner aus dem Schrank und riss dabei einen Ausläufer ab. Das Knacken des Pflanzenstängels übertönte für einen Moment das Summen der Kaffeemaschine im Flur. Er hielt den abgerissenen Trieb zwischen Daumen und Zeigefinger, als wäre es ein Verlängerungskabel, und warf ihn dann in den Papierkorb neben meinem Schreibtisch.
«Das Gewucher da oben sollte endlich weg», sagte er. «Irgendwann verfängt sich noch jemand darin.»
Ich bückte mich, holte den Trieb aus dem Korb und legte ihn auf die Fensterbank. Die Blätter waren noch feucht vom Kondenswasser der Klimaanlage. Brandt sah mir zu, wie ich das machte, und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das er inzwischen bis zur Schläfe gescheitelt trug, weil oben nicht mehr viel nachwuchs.
«Sie ist nicht gewuchert», sagte ich. «Sie hängt nur. Das ist ein Unterschied.»
«Für mich ist das Unkraut.» Er lachte dabei, aber das Lachen hatte einen Beiklang wie das Klacken einer Tastatur, wenn jemand eine unangenehme E-Mail tippt.
Am nächsten Morgen stand der Topf nicht mehr auf dem Schrank. Ich dachte zuerst, die Reinigungskraft hätte ihn zum Staubwischen heruntergenommen. Aber er lag im Müllraum neben den gelben Säcken, die Blätter noch grün, der Wurzelballen aus dem Plastiktopf gequollen wie ein ausgelaufenes Kissen. Ich trug das Ding zurück ins Büro, stellte es auf meinen alten Spind und drückte die feuchte Erde mit dem Handrücken wieder fest. Als Brandt kam, sagte er nichts. Nur seine Augen blieben eine Sekunde länger am Spind hängen, bevor er seinen Computer hochfuhr.
Ich hätte es dabei belassen können. Stattdessen nahm ich den abgerissenen Trieb von der Fensterbank mit nach Hause und stellte ihn in ein Wasserglas auf die Fensterbank meiner Küche in Köln-Ehrenfeld. Nach drei Wochen trieb er Wurzeln, dünn wie Fäden, die im Gegenlicht der Straßenlaterne silbrig schimmerten. Meine Nachbarin Roswitha, die jeden Nachmittag mit ihrem Dackel namens Herbert am Küchenfenster vorbeigeht, blieb einmal stehen und deutete auf das Glas.
«Die kommt wieder», sagte sie.
Ich nickte nur, obwohl ich bei Pflanzen nicht abergläubisch bin. Aber es tat etwas mit mir, jeden Abend den Wasserstand zu prüfen und den Trieb ein Stückchen zu drehen, damit er zum Licht wuchs.
Im Büro wurde Brandt unterdessen umgänglich. Er bestellte Kaffee für die Abteilung, erkundigte sich nach meinem Wochenende, erzählte von seinem geplanten Umzug nach Düsseldorf. Es war die Art Freundlichkeit, die man jemandem entgegenbringt, von dem man annimmt, er habe vergessen, was vorgefallen ist. Als er fragte, ob ich einen Grünpflanzendienst fürs Büro empfehlen könne, weil «frische Akzente» ja wirklich etwas fürs Raumklima täten, griff ich in meine Schreibtischschublade und holte den Pflanzentopf hervor, den ich dort seit Tagen aufbewahrt hatte.
Es war ein kleiner Übertopf aus Keramik, den ich im Baumarkt am Ebertplatz gekauft hatte, vier Euro neunzig. Ich stellte ihn auf den Tisch zwischen uns. Darin steckte der mittlerweile bewurzelte Trieb, die Blätter von einem kräftigen Grün, das im Licht der Deckenlampe fast künstlich wirkte.
«Die kannst du mit nach Düsseldorf nehmen», sagte ich. «Damit du nicht vergisst, was du hier weggeworfen hast.»
Brandt schaute auf den Topf, dann zu mir, dann wieder auf den Topf. Sein Gesicht zog sich zusammen wie Papier, das man einmal gefaltet hat und nicht wieder glatt bekommt. Er griff danach, zögerte, ließ die Hand wieder sinken. Ich schob ihm den Topf über die Tischplatte, bis er direkt vor seiner Tastatur stand.
«Ist das ein Witz?», fragte er.
»Ein Ableger», sagte ich. «Mehr nicht.»
Dabei wusste ich genau, dass ich es hätte sagen können: Das ist die Pflanze, die du entsorgt hast, bevor sie auch nur eine Chance hatte, jemandem zu gefallen. Aber ich schwieg. Ich beobachtete, wie Brandt den Topf anhob, als wöge er zwanzig Kilo, ihn dann doch neben die Tastatur stellte und den Rest des Vormittags so tat, als stünde dort nichts. Gegen Mittag stellte er ihn in den Flur, neben den Fahrstuhl. Eine Kaffeepause später war er wieder auf meinem Spind.
Kurz vor Feierabend hörte ich, wie Brandt im Flur telefonierte. Er sprach leise, aber die Stimme klang gepresst, wie bei einer Musterabrechnung, die nicht aufgehen will. Ich verstand nur ein paar Worte: «Sandra, die im Büro spinnt.» Ich wusste, dass Sandra seine Frau war, und ich wusste auch, dass er mir nie verziehen hatte, dass ich bei der letzten Weihnachtsfeier tanzen geblieben war, während er früh ging, weil seine Tochter krank war. Es gibt Menschen, die mögen andere nicht wegen dessen, was sie ihnen gespiegelt haben.
Am Freitag nahm ich den Topf mit nach Hause. Ich setzte den Ableger in einen größeren Topf mit Abzugslöchern, mischte Blumenerde mit ein wenig Sand und goss ihn mit abgestandenem Wasser aus der Gießkanne, die ich im Hinterhof stehen hatte. Neben den Briefen vom Mieterschutzbund lag ein Prospekt des Botanischen Gartens. Ich legte ihn beiseite und betrachtete die Pflanze: die Blätter aufrecht, die Spitzen noch hell, als hätte jemand mit einem kleinen Pinsel weiße Linien hineingemalt. Sie war kein Wucher, kein Unkraut. Sie war ein Chlorophytum comosum, und sie hatte einen langen Atem.
Brandt kündigte zum Ende des Quartals. Seine Abschiedsmail an die Abteilung bestand aus zwei Sätzen und einem Smiley. Ich antwortete nicht darauf. Stattdessen nahm ich mir vor, am darauffolgenden Montag den Aktenschrank abzustauben und die Tochterpflanze in die leere Ecke zu stellen, wo früher der Kopierer stand. Sie sollte wuchern können, ohne dass jemand «Unkraut» dazu sagt.
An seinem letzten Arbeitstag kam Brandt noch einmal an meinen Schreibtisch. Er trug eine Papiertüte vom Bäcker und legte sie mir hin, ohne mich anzusehen. Darin lag ein ebenfalls bewurzelter Ableger, den er offenbar in seinem Flur neben dem Fahrstuhl abgetrennt hatte. Die Wurzeln steckten in nassem Küchenpapier. Ein handgeschriebener Zettel war dazugelegt: «Damit du eine hast, die nicht von mir ist.»
Ich hätte lachen können. Stattdessen zog ich den Zettel glatt und klebte ihn innen an meinen Spind, genau dort, wo morgens das Licht aus dem Treppenhaus hinfällt. Dann nahm ich die Pflanze mit nach Hause, stellte sie ins Fenster neben den ersten Ableger und goss beide mit derselben Kanne. Sie standen dicht beieinander, ohne sich zu berühren, die Ausläufer hingen über die Fensterbank wie zwei alte Bekannte, die gleichzeitig auf den Innenhof schauen.
Roswitha blieb am Nachmittag mit Herbert stehen, diesmal länger. Sie betrachtete die beiden Töpfe, dann zeigte ihr Dackel kurz die Zähne, wie immer, wenn ihm etwas zu lange stillhielt.
«Zwei auf einmal», sagte sie. «Da hast du dir ja was eingefangen.»
Ich zog die Gardine ein Stück zur Seite, damit mehr Licht auf die Blätter fiel. Die Kleingartenanlage hinter dem Haus duftete nach frisch gemähtem Rasen, irgendwo spielte ein Kind auf einer Blockflöte drei Töne, wieder und wieder. Aus dem Fenster gegenüber drang das leise Klappern eines Kochlöffels.
«Ja», sagte ich. «Und ich behalte beide.»







