Die Auffahrt zum ehemaligen Schacht Konrad II ist eine einzige Schlaglochkette. Helene geht zu Fuß die letzten zweihundert Meter, an den Stacheldrahtrollen vorbei, die irgendwer im September nicht abgeholt hat. Oben auf dem Plateau steht die Wismut-Halle, in der sie seit der Schließung 2018 die Restbestände verwaltet. Ihre Aufgabe: Listen führen, Meldeformulare fürs Landratsamt ausfüllen, überwachen, dass niemand die alten Rohre klaut. Die Löhne der drei letzten Angestellten zahlt die bundeseigene Ruhrkohle-Tochter, die hier nur noch als Briefkastenadresse existiert. Helene verdient 2.940 Euro brutto. Ihren Vater haben sie 1991 nach der Wende mit 41.000 D-Mark und einem blauen Baumwollhemd nach Hause geschickt.
In ihrem Büro hängt ein Röhrenmonitor, der seit Wochen die Füllstände der Auffangbecken zeigt. Um 10:15 Uhr piepst die Anlage. Helene stellt den Kaffee zu hart auf den Fensterbogen, die Tasse reißt am Henkel. Das Becken III unten an der östlichen Halde hat einen Anstieg von 40 Zentimetern innerhalb von sechs Stunden. Sie ruft in der Zentrale in Zwickau an, verbindet sich viermal, bis endlich eine Stimme sagt: „Das Problem ist bekannt. Die Wartezeit beträgt ein paar Tage.“ Helene fragt: „Was kommt danach?“, und die Stimme sagt: „Nach der Sanierung. Aber die Sanierung ist leider auf das Frühjahr verschoben.“ Der Regen trommelt gegen die Scheibe, der letzte Bus fährt um 17:20 Uhr, und das Wasser steigt.
Nachts schickt Marlene eine Sprachnachricht, die Helene erst um halb sieben Uhr morgens abhört. „Mama, Oma hat erzählt, dass du wieder bis elf auf der Zeche warst. Du hast kein einziges Mal gefragt, was ich mit meinem Geburtstag mache.“ Im Hintergrund klappert der Fahrkartenautomat, Marlene wartet am Busbahnhof Altenburg. Helene hat den Ausbildungsplatz im Helios-Klinikum falsch ausgesprochen, als sie das letzte Mal telefonierten. Seitdem funktioniert der Kontakt nur über Oma.
Mittags fährt Helene mit einem der letzten Werksgeländewagen, einem Golf Variant mit 320.000 Kilometern, hinunter zu Becken III. Sie muss sehen, was dort passiert. Das Wasser ist grau wie Spülwasser nach einem Bratenguss. Ein Fuchs ist im Matsch verendet, halb eingesunken, das Fell von einer gelblichen Kruste überzogen. Helene notiert den Pegelstand: 268 Zentimeter über Soll. Dann geht sie in die Hocke, nimmt einen toten Halm und sieht die Schlieren auf der Oberfläche. Bakterien, denkt sie, die hier überlebt haben, während oben Rentner auf der Halde Pfützen fotografieren.
Am nächsten Morgen bringt der Postbote ein Einschreiben von der Bergbau-Sanierungsgesellschaft. Darin: eine Kostenübernahme, die ausschließlich für die Verkapselung der Schachtabdeckungen vorgesehen ist. Für die kontaminierten Wasserbestände gibt es nur einen Satz: „Langzeitbeobachtung.“ Helene legt das Schreiben in die Schublade mit der Aufschrift „Altlasten 2012“, die längst aus allen Nähten platzt. Sie ruft den Bürgermeister an. Der sagt: „Frau Klemperer, wir haben zurzeit einen Hochwasserentlastungsplan, da passen solche Altanlagen nicht hinein.“ Helene legt auf, zieht die Jacke an und geht zu dem verlassenen Pumpenhaus, in dem ihr Vater immer seinen Meißel abgelegt hat. Der Meißel liegt noch dort, an der Betonwand, auf einem Holzbrett.
Im November, als der Pegel zum ersten Mal über das Warnniveau gestiegen war, hatte Helene bereits einmal gehandelt: Sie hatte über das Kontrollrohr C4 zwanzig Liter Glycerin ins Becken gegeben, weil sie in einer alten Fachzeitschrift aus dem Landratsamt-Archiv einen Artikel über Sulfatreduzierer gelesen hatte, die sich mit Glycerin füttern lassen. Zwei Wochen lang war nichts passiert, dann hatte sich die Sulfatfahne merklich verschmälert. Sie hatte es niemandem erzählt, weil sie nicht wusste, ob es Zufall war oder Wirkung.
Jetzt, mit dem neuen Anstieg, fährt sie nach Gera und sucht einen Doktoranden heraus, der an der TU Bergakademie Freiberg zum Thema „Bioremediation schwermetallbelasteter Grubenwässer“ publiziert hat. In einem Café auf der Reichsstraße wartet er mit einem Tablet, auf dem ein Diagramm zu sehen ist: Glyzerin füttert Bakterienstämme, die uranhaltiges Wasser entgiften, indem sie die Metalle in ihre Zellwände einbinden. Helene erzählt ihm von November. Er nickt, tippt etwas in sein Tablet und sagt: „Dann haben Sie es schon getroffen. Für ein ganzes Becken dieser Größe würde man normalerweise mit tonnenweise Glycerin rechnen, aber wenn Sie gezielt über die Einleitstelle dosieren, reicht eine deutlich kleinere Menge, um den Prozess anzustoßen. Die Bakterien vermehren sich selbst weiter, wenn das Milieu stimmt.“ Er zeichnet ihr eine Kurve auf eine Serviette: kleine Initialmenge, exponentielles Wachstum der Kolonie. Helene fragt: „Was kostet das?“ Er sagt: „Für die nächste Dosis vielleicht fünfzehn Euro.“ Sie bedankt sich, nimmt seine Handynummer für Rückfragen und einen Kugelschreiber vom Tisch mit, weil Marlene gern mit dieser Sorte schreibt.
Zurück auf dem Gelände schraubt Helene den Deckel des Kontrollrohrs C4 wieder auf und kippt einen zweiten Kanister mit 20 Litern Glycerin in das stehende Abwasser, diesmal mit dem Wissen, was sie tut und warum. Draußen zieht der Regen in Schlieren über das Becken, als würde er das ganze Tal langsam durchspülen. Sie misst, dokumentiert, wartet. Nach drei Tagen ist die Sulfatfahne am Ufer schmaler. Nach einer Woche haben sich dunkle, feste Klümpchen an der Beckenwand abgesetzt, die aussehen wie verklumpter Kaffeesatz. Helene denkt an das Foto auf ihrem Sperrbildschirm: Uran in kristalliner Form, gebunden an Eisenoxid, festgehalten in den Zellwänden von Bakterien, die hier schon länger überlebt haben als das Bergwerk.
Der entscheidende Abend kommt, als die Sanierungsgesellschaft endlich einen Trupp schickt, drei Männer in weißen Overalls. Sie schreiten das Becken ab, ziehen Messgeräte durchs Wasser, nicken sich zu. Dann sagt einer: „Das ist unter Kontrolle. Die Fahne ist nicht mehr mobil.“ Der andere, ein Mann mit einem Klemmbrett, fragt Helene: „Wer hat das genehmigt?“ Helene sieht die drei an. „Was genehmigt?“, fragt sie. Der Mann sagt: „Da hat jemand Bio-Stimulanzien eingebracht. Der Grenzwert ist unterschritten, aber das schreiben wir nicht als Natur auf.“ Helene sagt: „Ich war das. Ich habe die Verantwortung übernommen, weil der Bescheid sagt, dass Sie erst im Frühjahr kommen.“ Der Mann mit dem Klemmbrett wird rot. Sein Kollege ruft in der Zentrale an. Sie stehen zwischen Schachtdeckel und Fuchsbau und warten.
Um 19:30 Uhr klärt sich der Himmel. Der dritte Mann, bis dahin stumm, zeigt auf das Wasser und sagt: „Das ist das Beste, was ich in zwanzig Jahren auf dieser Halde gesehen habe. Sie haben ein Verfahren angewendet, das keine Schlacken erzeugt.“ Alle schweigen einen Moment. Helene sieht die drei Männer an, dann sagt sie: „Ich möchte das gemeldet haben.“ Sie nimmt das Tablet vom Trupp, tippt eine kurze Meldung an die Gewässerschutzbehörde, bricht aber nach der dritten Zeile ab. Stattdessen ruft sie Marlene an. Marlene hebt ab, sagt: „Mama?“, und Helene sagt: „Ich habe heute Bakterien gefunden, die das Wasser sauber gemacht haben. Am Freitag komme ich zu deinem Geburtstag. Und ich wollte fragen, ob du die Torte mit dem Regenbogen magst oder eine andere.“ Marlene ist kurz still. Dann sagt sie: „Bring etwas mit, das auf der Grube gewachsen ist.“ Helene lacht, bis die Tränen kommen, und verspricht es.
Am Dienstag darauf steht in der Regionalzeitung ein Artikel über die Halde bei Konrad II, in dem von einer „biologischen Selbstreinigung“ die Rede ist, ohne dass Helenes Name fällt. Die Sanierungsgesellschaft übernimmt die Beobachtung. Helene erhält eine Abmahnung, weil sie eigenmächtig Substanzen eingebracht hat. Sie unterschreibt, legt die Abmahnung zu den anderen Papieren und stellt fest, dass ihre Kontrollliste für den Monat nur noch 14 offene Punkte hat statt 41.
Am Freitag fährt sie mit einem Algenknäuel im Einmachglas nach Altenburg. Marlene öffnet die Tür, schaut das Glas an und sagt: „Das sieht aus wie der Letzte Tümpel von Wismut.“ Helene sagt: „Das ist es auch.“ Dann nimmt sie ihre Tochter in den Arm, zum ersten Mal seit drei Monaten, und Marlene drückt das Einmachglas zwischen ihnen fest, damit es nicht umkippt.







