Die Kreideherzen von nebenan

Ich arbeite seit neun Jahren als Hausverwalterin in Leipzig, und normalerweise kenne ich den Hof an der Eisenbahnstraße wie meine Westentasche. Aber an diesem Mittwochmorgen blieb ich mit dem Fahrrad stehen, weil etwas nicht stimmte. Der ganze Gehweg vor dem Hauseingang Nummer 14 war voller Farbe. Nicht Müll, keine Scherben – Kreide. Überall Blumen, Sonnen, ungelenke Buchstaben, die sich über die Betonplatten zogen.

Ich schob mein Rad an die Seite und ging näher heran. Zwischen den gezeichneten Tulpen stand in großen, wackeligen Buchstaben: „DANKE FRAU KOWALSKI“. Daneben ein Herz, so groß wie ein Autoreifen.

Frau Kowalski, die Hausmeisterin, stand mit dem Besen in der Hand daneben. Ihr Gesicht war rot, aber nicht vom Ärger. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, und die Kreide an ihrem Ärmel hinterließ einen weißen Streifen auf ihrer Wange.

„Haben Sie das gesehen?“, fragte sie, als sie mich bemerkte.

Ich zuckte mit den Schultern, weil mir nichts Besseres einfiel. Neun Jahre mache ich diesen Job, und ich habe schon viel auf solchen Höfen gesehen: zerbrochene Fenster, verschmierte Wände, Hausflure, die nach Katzenurin riechen. Aber ein bemalter Gehweg als Danksagung – das war neu. Und es machte mich vorsichtig.

Die Sache war die: Frau Kowalski hatte in den letzten Jahren ziemlich viel durchgemacht. Ihr Mann war gestorben, dann hatte sie eine schwere Hüftoperation, und die Hausverwaltung hatte dreimal versucht, sie rauszudrängen, weil sie angeblich zu alt sei. Jedes Mal hatten die Mieter protestiert. Und jedes Mal, wenn ich in so einem Fall vermittle, frage ich mich, wie lange der Frieden hält.

Jetzt standen also Kinderzeichnungen auf dem Bürgersteig, und mir war sofort klar: Das wird Ärger geben. Nicht wegen der Kinder. Sondern weil es hier immer jemanden gibt, der selbst aus einem Blumengruß eine Ordnungswidrigkeit macht.

Der Erste ließ nicht lange auf sich warten. Herr Brammer, dritter Stock, links. Er kam mit seinem faltbaren Einkaufstrolley aus der Haustür, blieb abrupt stehen, als hätte man ihm den Weg mit Klebefolie versperrt.

„Was ist denn das?“, sagte er. Nicht zu den Kindern, die noch in der Nähe hockten und eine weitere Sonne auf den Randstein malten, sondern in meine Richtung. Als wäre ich die Verantwortliche.

„Die Kinder haben gemalt“, sagte ich ruhig. „Für Frau Kowalski. Als Dankeschön.“

„Ich sehe, was sie gemacht haben“, sagte er. Seine Stimme war leise, aber diese Art leise, die man in Mietshäusern fürchtet. „Der ganze Weg ist voll. Da läuft man durch, trägt den Staub ins Treppenhaus. Und wer macht das weg? Wieder die Hausreinigung. Also ich nicht.“

Ich wollte etwas erwidern, aber da kam schon Leni, die Mutter der fünfjährigen Nele, vom Spielplatz herüber. Sie hatte noch die Kreideschachtel in der Hand, die blaue, inzwischen fast leer.

„Ach, hören Sie doch auf“, sagte sie an Brammer gewandt. „Der erste Regen wäscht das weg. Die Kinder wollten einer Frau eine Freude machen. Das ist alles.“

Brammer drehte sich zu ihr um. Ich sah, wie sein Gesicht sich veränderte. Nicht wütend. Eher so, wie man schaut, wenn man sich im Recht fühlt und jetzt endlich beweisen will, dass alle anderen zu bequem sind, das einzusehen.

„Es geht nicht um die Absicht“, sagte er. „Es geht darum, dass niemand uns gefragt hat. Das ist ein gemeinsamer Weg. Da kann man nicht einfach die Meinung der Kinder drüberbügeln. Spielplatz ist hinten. Da wäre genug Platz. Aber doch nicht hier vor dem Eingang.“

Nele stand inzwischen neben ihrer Mutter und hielt ihre Kreide fest. Ihre rechte Hand war gelb verschmiert bis zum Handgelenk. Sie schaute zu Brammer hoch, und ich dachte: Fünf Jahre alt. Sie wird sich später nicht an seine Worte erinnern, aber daran, wie jemand, der zwanzigmal älter ist als sie, ihren Regenbogen als Problem bezeichnet hat.

Ich habe in meinem Beruf gelernt, dass es fast nie um den konkreten Anlass geht. Brammer hatte vor zwei Jahren beantragt, dass vor dem Haus ein Fahrradständer aufgestellt wird. Der Antrag wurde abgelehnt, weil der Weg zu schmal sei. Jetzt standen hier Kinderzeichnungen, die zwanzig Quadratmeter beanspruchten, und für ihn war das nicht Dreck, sondern Privileg. Die einen bekommen Raum für Kreide, die anderen nicht mal fürs Fahrrad.

„Vielleicht finden wir eine Lösung“, sagte ich. „Die Kinder räumen heute Abend das Gröbste weg, und den Rest übernimmt der Regen. Dann ist das Thema erledigt.“

Brammer schüttelte den Kopf. „Nein. Entschuldigung, aber so einfach ist das nicht. Dann zeichnen sie nächste Woche wieder. Und die Woche darauf auch. Man muss so was unterbinden, bevor es einreißt. Was kommt als Nächstes? Farbe auf der Hauswand?“

Leni lachte. Nicht fröhlich. Eher dieses Lachen, das kommt, wenn man nicht glaubt, was der andere gerade gesagt hat.

„Farbe auf der Hauswand. Ja, genau. Das ist die typische Entwicklung: erst ein Kreideherz, dann Graffiti mit Lackspray. Sie haben ja völlig recht.“

Ich kannte Leni nicht besonders gut. Sie war vor anderthalb Jahren eingezogen, zahlte ihre Miete pünktlich, hatte nie Ärger gemacht. Aber jetzt hörte ich an ihrer Stimme, dass sie nicht nachgeben würde. Es war ihr Kind, das malte. Und es war ihre Nachbarin, der gedankt wurde.

Brammer richtete sich auf. Er hatte diese Ruhe, die Leute haben, wenn sie glauben, dass alle Anwesenden gegen sie sind und sie deshalb umso sicherer die Vernunft für sich beanspruchen.

„Ich werde das melden“, sagte er. „Heute noch. Der Hausverwaltung. Mal sehen, was die dazu sagen.“

Er zog seinen Trolley hinter sich her und ging davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Auf der Treppe hörte ich, wie er auf der zweiten Etage stehen blieb. Um zu schauen, ob wir ihn beobachteten.

Frau Kowalski stand die ganze Zeit abseits. Sie hielt den Besen so fest, dass ihre Fingerknöchel hell hervortraten. Als Brammer außer Sichtweite war, drehte sie sich zu den Kindern um und bemühte sich um ein Lächeln, das nicht recht gelang. Auf dem Gehweg war inzwischen ein langer gelber Strich zurückgeblieben, weil Nele ihre Kreide zwischen den Fingern zerrieben hatte.

„Kommt“, sagte Frau Kowalski leise. „Ich bring euch was zu trinken. Dann räumen wir gemeinsam auf.“

Die Kinder liefen zu ihr. Auch Nele, nach kurzem Zögern. Frau Kowalski ging voran in den Hausflur, und an der Tür blieb sie noch einmal stehen. Sie sah zu mir herüber.

„Der Regen ist für heute Nacht angekündigt“, sagte sie. „Bis dahin bleibt es schön.“

Ich fuhr an diesem Nachmittag weiter meine Runde durch die Häuser des Viertels: Wasserzähler ablesen, Mietverträge, Beschwerden über den Lärm aus der neuen Bar in der Nachbarschaft. Aber der Gedanke an den Kreideregenbogen ließ mich nicht los. Nicht wegen der Frage, ob der Gehweg nun sauber sei. Sondern wegen Brammer, der wirklich zur Verwaltung ging.

Am nächsten Morgen kam ich wieder. Es hatte nicht geregnet. Der Himmel war bedeckt, aber trocken, und auf dem Gehweg vor der Nummer 14 lag der Beweis: die Kreide war größtenteils noch da, zwar verwischt von den Schuhsohlen am Abend, aber die Umrisse der Blumen und Herzen noch klar erkennbar. Und darüber standen die Worte „DANKE FRAU KOWALSKI“ jetzt leicht verschmiert, als hätte jemand mit der Schuhspitze drübergewischt.

Frau Kowalski saß auf der Bank neben dem Eingang. Der Besen lehnte an der Hauswand. Neben ihr lag ein weißer Eimer mit Wasser. Eine kleine Bürste mit blauen Borsten trieb darin.

„Brammer hat gestern Abend bei mir geklingelt“, sagte sie, als ich mich setzte. „Um halb zehn. Und er wollte mir erklären, wie es rechtlich aussieht. Es gehe nicht gegen mich, sagte er. Er wisse, dass ich meinen Job gut mache. Aber die Kinder müssten lernen, dass Regeln für alle gelten. Auch für schöne Sachen.“

Sie sah auf den Weg hinunter und fuhr mit dem Finger über den Rand des Eimers, als würde sie das Wasser zählen. Die Sonne war an diesem Tag nicht zu sehen, aber die Farben wirkten trotzdem kräftig. Vielleicht, weil alles um sie herum grau war.

„Wissen Sie, was mich am meisten trifft?“, fuhr sie fort. „Dass ich heute Morgen kurz überlegt habe, ob ich die Kinder bitte, nie wieder was für mich zu machen. Nicht auf dem Weg. Nicht am Zaun. Nirgends. Weil ich keine Kraft mehr habe für solche Diskussionen. Und das – das ist das Schlimmste. Dass man irgendwann anfängt, selbst zu glauben, dass man der Störfaktor ist. Nicht der, der schimpft, sondern der, der sich freut.“

Ich blieb noch eine halbe Stunde. Wir sprachen über die Mieterhöhungen im Haus, über die defekte Lampe im Keller, über den neuen Bewohner aus dem Hinterhaus, der sein Auto immer so nah an der Mauer parkt, dass der Gehweg blockiert ist. Aber die ganze Zeit dachte ich an einen Satz: „Ich habe keine Kraft mehr für solche Diskussionen.“ Dass es so weit kommt. Dass eine erwachsene Frau, die seit vierzig Jahren in diesem Viertel lebt, die Kinder darum bittet, sie nicht mehr zu mögen – öffentlich. Damit ein Mann im dritten Stock seine Ruhe hat.

Zwei Tage danach stand ich wieder auf dem Hof. Diesmal kam ich unangemeldet. Ich hatte einen Termin mit der Hausverwaltung gehabt, wegen Brammers Beschwerde. Er hatte tatsächlich angerufen. Zweimal, wie man mir sagte. Beim zweiten Mal wollte er wissen, ob es denn stimme, dass auf einem Privatweg Kinderzeichnungen ohne Genehmigung nichts zu suchen hätten. Man hatte ihn an den Mietvertrag verwiesen, an die Hausordnung, an mich.

Und dann kam der Anruf, der alles veränderte. Nicht für Brammer. Für mich. Frau Kowalski rief an und bat mich, vorbeizukommen. Sie sagte nur: „Die Kinder haben wieder gemalt. Aber ich glaube, sie haben etwas vor. Kommen Sie, bevor es dunkel wird.“

Ich machte mich auf den Weg. Keine zwanzig Minuten später stand ich vor dem Haus. Der Hof war ruhig. Es war ein milder Abend, die Fenster zur Straße standen offen, irgendwo lief ein Radio. Und dann sah ich sie: die Kinder, sechs oder sieben, zusammen mit Frau Kowalski. Sie standen an der Seite des Hauses, wo der braune Holzzaun zur kleinen Grünfläche gehört. Und sie malten nicht auf den Gehweg. Sie malten auf die Rückseite einer großen, hellen Pappe, die mit Klebeband an den Zaunstreben befestigt war. Darauf stand in leuchtend roter Kreide, in Neles wackliger Handschrift, mit einem durchgestrichenen Buchstaben, wo sie sich verschrieben hatte: „FRAU KOWALSKIS EHRENTOR“. Darunter eine Reihe von Blumen, jedes Kind hatte eine beigesteuert. Rechts unten, in kleineren Buchstaben: „Weil du auf uns aufpasst.“

Frau Kowalski bemerkte mich, aber sie sagte nichts. Sie haderte noch mit sich. Ihre Hand fuhr immer wieder über den Griff des Besens, den sie mitgebracht hatte, ohne ihn zu benutzen. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht, und die Kinder malten unbeirrt weiter, als hätten sie Angst, sie zu vergessen, wenn sie jetzt aufhören.

Ich stand nur da. Ich hatte in meiner Aktentasche drei Kopien von Brammers Beschwerde, einen Notizzettel mit den Paragraphen der Hausordnung und meinen unterschriebenen Bericht. Aber ich rührte ihn nicht an. Stattdessen merkte ich mir das Bild: die Frau, die diesen Hof seit vierzig Jahren begleitet, und die Kinder, die ihre eigenen Rechte auf kleinen Pappen verteidigen, weil der Boden ihnen nicht gehört, aber die Dankbarkeit schon.

Am selben Abend rief ich Brammer zurück. Er war zu Hause, ich hörte es am Hall in seiner Wohnung. „Die Kinder haben eine Lösung gefunden“, sagte ich. „Sie malen nicht mehr auf den Boden. Die neuen Bilder hängen an der Rückseite des Zauns. Die Fläche ist mit der Hausverwaltung abgesprochen. Sogar die Farben, die sie benutzen, sind abwaschbar.“

Es dauerte einen Moment, bis er antwortete. Dann sagte er: „Und der Hausflur? Ich hoffe, die sind da nicht mehr mit dreckigen Schuhen langgelaufen.“

Ich legte auf. Nicht aus Wut. Sondern weil ich wusste, dass nichts, was ich sage, seine Ordnung in seinem Kopf wird wankend machen. Ein mit Kreide bemalter Gehweg ist eine Verschmutzung, und wer es entfernen muss, darf fragen, warum er dafür zuständig ist. Aber darum ging es doch gar nicht.

Am nächsten Morgen hing über dem Hauseingang ein weiteres Stück Pappe, diesmal an der Innenseite des Treppenhausfensters, so dass man es beim Verlassen des Hauses sah. Darauf stand nur ein Wort: „Trotzdem.“

Ich weiß nicht, wer es geschrieben hat. Aber ich weiß, wer es gesehen hat. Brammer verließ um kurz vor acht das Haus. Er schaute zur Seite, als hätte er ein Insekt an der Scheibe bemerkt, und zögerte. Dann zog er den Reißverschluss seiner Jacke hoch und ging die Straße hinunter, ohne sich noch einmal umzusehen. Vor dem Zaun stand ein Fahrrad, eine Kinderhand auf dem Sattel abgestützt. Es war Nele. Sie wartete, bis er außer Sichtweite war. Dann nahm sie ein Stück Kreide aus der Hosentasche und malte etwas auf den Gehweg, direkt vor die Stelle, wo er gegangen war.

Ich trat näher. Es war ein Herz, klein, nur so groß wie eine Kinderfaust. Daneben schrieb sie in Druckbuchstaben: „Für alle, die heute schlecht gelaunt sind.“

Dann steckte sie die Kreide weg, stieg auf ihr Rad und fuhr davon, die Klingel einmal kurz betätigend, als müsste sie sich selbst verabschieden. Irgendwo über mir hörte ich, wie ein Rollladen hochging. Frau Kowalski stand oben am Fenster mit einer Gießkanne in der Hand und goss die Geranien auf dem Fensterbrett. Sie hob grüßend die Hand, dann kippte sie die Kanne weiter, ganz ruhig, als hätte der Tag gerade erst richtig angefangen.

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