**Die Schlüssel zur Nummer 31 A**

Für meinen Sohn habe ich elf Jahre lang auf alles verzichtet. Und er hat es mir nie geglaubt.

Norbert war vier, als sein Vater uns verließ. Einfach aufgestanden vom Frühstückstisch, die halbe Scheibe Brot mit Leberwurst noch in der Hand, und gegangen. Ich habe den Teller noch zwei Tage stehen lassen, weil ich dachte, er kommt zurück. Dann habe ich den Teller gewaschen, Norbert in den Kindergarten gebracht und eine Schicht in der Wäscherei in Duisburg-Marxloh angenommen. Sechs Uhr morgens, der Geruch von heißem Dampf und billigem Waschmittel. Abends habe ich noch bei Edeka Regale eingeräumt. Zwanzig Jahre lang. Bis meine Hände so rau waren, dass ich die Bettdecke nicht mehr anfassen konnte, ohne dass es sich anfühlte wie Sandpapier.

Norbert hat nie gefragt, warum ich so viel arbeite. Er hat nur gefragt, warum wir nie nach Mallorca fliegen wie die anderen Kinder aus seiner Klasse. Warum es bei uns nur Nudeln mit Tomatensoße gibt, wenn seine Freunde Schnitzel essen. Warum sein Fahrrad ein gebrauchtes vom Flohmarkt ist und kein neues von Zweirad Stadler.

Ich habe geschwiegen. Was hätte ich ihm erklären sollen? Dass die Miete für unsere Dreizimmerwohnung in Hochfeld siebenhundertachtzig Euro kostet und mein Lohn gerade mal tausendvierhundert netto? Dass ich nachts wach liege und rechne, ob das Geld bis zum Monatsende reicht? Kinder verstehen keine Zahlen. Sie verstehen nur, was sie sehen. Und Norbert sah eine Mutter, die immer müde war und nie Zeit hatte.

Meine Schwester Veronika hat mir damals geraten, ich solle „das Kind doch weggeben, du schaffst das nicht allein“. Sie wohnt in München, arbeitet als Personalreferentin bei einer Versicherung, fährt einen geleasten Audi und schickt mir zu Weihnachten eine Karte mit einem Geldgeschenk von fünfzig Euro. Als ob ich eine Bedürftige wäre, der man Almosen gibt. Ich habe das Geld nie angerührt. Es liegt in einer Schublade im Flur, zusammen mit alten Quittungen und einem kaputten Türschlüssel.

Letzte Woche war Norberts achtzehnter Geburtstag. Ich hatte eine Schwarzwälder Kirschtorte gekauft, weil das seine Lieblingstorte war, als er klein war. Er hat sie nicht mal angesehen.

„Mama, ich muss mit dir reden.“

Er saß auf dem Sofa, das ich vor drei Jahren bei Poco gekauft habe, und schaute auf sein Telefon. Nicht auf mich.

„Ich ziehe aus.“

Ich dachte, er meint zu seiner Freundin. Diese Jasmin, die er seit einem halben Jahr kennt, die immer rosa Nagellack trägt und mich anschaut, als sei ich eine Putzfrau.

„Zu Tante Veronika“, sagte Norbert.

Ich habe den Teller mit der Torte auf den Tisch gestellt. Ganz vorsichtig, weil meine Hände plötzlich kalt waren.

„Veronika? In München?“

„Sie hat gesagt, ich kann bei ihr wohnen, während ich mein Abitur mache. Und danach kann ich bei der Versicherung eine Ausbildung machen. Sie hat mir alles versprochen. Ein eigenes Zimmer. Ein Auto, wenn ich den Führerschein habe.“

Er sagte das alles in einem Ton, als hätte er die Sätze geübt. Vielleicht hatte er das. Vielleicht hatte Veronika sie ihm diktiert, in einer ihrer Sprachnachrichten, die sie ihm jede Woche schickt, seit er ein Handy hat.

„Ich habe alles für dich getan“, habe ich gesagt. „Ich habe zwanzig Jahre lang—“

„Das sagst du immer, Mama. Aber was hast du mir denn je gegeben? Weißt du, ich habe nachgerechnet. Du hast mir in meinem ganzen Leben noch nicht mal eintausend Euro geschenkt. Tante Veronika hat mir gestern siebenhundert Euro überwiesen. Für den Umzug.“

Siebenhundert Euro. Genau so viel, wie ich in einem halben Monat verdiene. Sie hat ihm das Geld überwiesen, ohne mit mir zu reden. Ohne zu fragen, ob ich das will, ob ich das überhaupt weiß.

Ich habe nichts gesagt. Was soll man auch sagen, wenn der eigene Sohn einem eine Rechnung vorlegt? Elf Jahre habe ich ihn alleine großgezogen, und er zählt zusammen, was ich ihm geschenkt habe. Als ob Mutterschaft eine Bilanz wäre.

Am nächsten Morgen war er weg. Er hatte seine Sachen in zwei Koffer und einen blauen Müllsack gepackt. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: „Ich melde mich. N.“ Das war alles. Nicht „Danke“. Nicht „Es tut mir leid“. Nur ein Buchstabe.

Ich saß in der Küche und habe auf den Zettel geschaut. Draußen hat es geregnet, dieser feine Ruhrgebietsregen, der nicht aufhört und nicht richtig anfängt. Der Nachbar von oben hat seinen Hund die Treppe hinuntergeführt, ich habe das Klacken der Krallen auf den Stufen gehört. Sonst war es still.

Und dann habe ich angefangen zu rechnen. Nicht über Norbert. Über mich.

Zwanzig Jahre lang hatte ich jeden Euro umgedreht. Ich hatte mir nie einen Urlaub gegönnt, nie ein neues Kleid, nie einen Abend in einem Restaurant. Meine ganze Existenz war eine einzige Investition in einen Menschen, der mir jetzt eine Rechnung vorlegte. Und ich dachte: Was hast du eigentlich davon gehabt?

Die Antwort war: nichts. Kein Dank, keine Anerkennung, nicht mal ein richtiger Abschied.

Da bin ich aufgestanden und habe die Schublade im Flur geöffnet. Die mit dem Geld von Veronika, den Quittungen und dem kaputten Schlüssel. Ich habe das Geld gezählt. Es waren über die Jahre eintausendsechshundertfünfzig Euro geworden. Nur von Veronika. Jedes Jahr fünfzig, plus das, was sie mir zu runden Geburtstagen geschickt hatte.

Ich habe das Geld genommen, den Autoschlüssel gegriffen und bin zu der Bank gefahren, wo ich seit zwanzig Jahren jeden Monat zweihundert Euro auf ein Sparkonto für Norbert eingezahlt habe. Für seine Ausbildung, habe ich immer gesagt. Für seine Zukunft.

Auf dem Konto waren neunzehntausendvierhundertzwanzig Euro und ein paar Cent. Ich habe den Kontoauszug gezogen und ihn lange angeschaut, während der Drucker gesummt hat. Dann habe ich alles abgehoben.

Die Bankangestellte hat gefragt, ob ich eine Überweisung machen will. Ob ich sicher bin, dass ich das alles in bar mitnehmen will.

„Ja“, habe ich gesagt. „Ich bin sicher.“

Zuhause habe ich das Geld auf dem Küchentisch ausgebreitet. Neunzehntausend Euro in Bündeln von fünfhundert, daneben die eintausendsechshundertfünfzig von Veronika. Zusammen einundzwanzigstebentausend.

Ich habe einen Karton genommen, den alten, in dem Norberts Babyschuhe geliefert wurden. Ich habe das Geld hineingelegt, den Deckel zugeklappt und ihn mit Paketband verschlossen. Dann habe ich die Adresse der Wärmestube in Duisburg-Hamborn auf den Karton geschrieben. Die habe ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit gesehen, zwanzig Jahre lang. Die Menschen dort bekommen eine warme Mahlzeit, Kleidung, manchmal einen Schlafplatz. Niemand von ihnen hat mir je eine Rechnung geschickt.

Als ich den Karton zur Post bringen wollte, klingelte mein Handy. Norbert.

„Mama, ich bin gut angekommen. Kannst du mir Geld schicken? Für Essen? Tante Veronika hat gesagt, du hast ein Sparkonto für mich, da sind mindestens zwanzigtausend drauf. Sie hat gesagt, du hast es mir nie erzählt, weil du es für dich behalten wolltest. Aber jetzt bin ich achtzehn, das Geld gehört mir.“

Er hat das in einem Atemzug gesagt, als würde er ein Diktat ablesen.

Ich habe den Karton fester unter den Arm geklemmt. Durch die dünne Pappe konnte ich die Kanten der Geldbündel spüren.

„Die Tante“, habe ich gesagt, „hat dir also auch verraten, dass es ein Sparkonto gibt. Und dass das Geld dir gehört. Hat sie dir auch gesagt, warum ich es nicht erwähnt habe?“

„Weil du es selbst ausgeben wolltest!“, sagte Norbert. „Tante Veronika meint, du hast nie für mich gesorgt, du hast nur an dich gedacht. Du hast mich behandelt wie eine Last!“

Ich stand vor dem Postamt in Marxloh. Der Wind hat nach Ruß und Pommes gerochen, von der Imbissbude gegenüber. Eine Frau mit einem roten Kopftuch schob einen Kinderwagen vorbei, und das Baby schrie, und die Frau summte etwas, was ich nicht verstand.

„Norbert“, sagte ich. „Ich lege jetzt auf. Wenn du mich erreichen willst, rufst du an. Aber nicht, um Geld zu verlangen. Sondern um zu fragen, wie es mir geht. Das wäre das erste Mal in deinem Leben, dass du das tust.“

Dann habe ich aufgelegt.

Ich habe den Karton abgegeben. Als die Frau am Schalter ihn gewogen hat – dreieinhalb Kilogramm, habe ich auf der Anzeige gesehen –, hat sie gefragt, ob der Inhalt versichert werden soll.

„Nein“, habe ich gesagt. „Das ist nichts Wertvolles.“

Dann bin ich wieder nach Hause gefahren. In die leere Wohnung. Habe mir einen Tee gemacht – Fenchel-Anis, der alte Beutel den ich sonst nie nehme, weil Norbert den Geruch nicht mochte. Jetzt stört es niemanden mehr. Ich habe mich auf das Sofa gesetzt, die Füße hochgelegt, und den Tee in Ruhe getrunken.

Drei Tage später hat Norbert angerufen. Dreimal. Ich habe nicht abgenommen. Veronika hat es ebenfalls versucht, von ihrer Münchener Nummer. Ich habe das Telefon umgedreht.

Am vierten Tag stand eine Postkarte im Briefkasten. Aus München. Mit einem Foto vom Marienplatz.

„Mama, wo ist das Geld?“ stand darauf. „Bitte antworte. Ich bin in einer schwierigen Situation. V.“ – als ob sie die Mutter wäre. Als ob sie das Recht hätte, für ihn zu fragen.

Ich habe die Karte zur Schublade im Flur gelegt. Zu den Quittungen und dem kaputten Schlüssel.

Heute Morgen hat die Wärmestube angerufen. Eine Frau, die sich mit Frau Kühn gemeldet hat. Sie wolle sich bedanken, sagte sie. Die Spende sei eingegangen, eine außergewöhnlich großzügige Summe. Ob ich eine Spendenbescheinigung brauche.

„Nein“, habe ich gesagt. „Ich brauche keine Bescheinigung.“

Ich habe den Hörer aufgelegt und in die Küche geschaut. Auf den Tisch, wo Norberts Abschiedszettel lag. Ich habe ihn in die Hand genommen, einmal glatt gestrichen mit dem Daumen, und in den Mülleimer geworfen. Dann habe ich den Kalender abgehängt, der seit 2004 in der Küche hing, mit den Fotos von Norbert als Baby, als Schulkind, als Teenager beim Fußball. Ich habe ein Foto herausgenommen – Norbert mit vier Jahren, auf dem Arm seines Vaters, beide lachen. Es war das einzige Bild, das ich von den beiden hatte. Ich habe es in zwei Teile gerissen und ebenfalls in den Müll geworfen.

Dann habe ich mir eine neue Zahnbürste gekauft, die blaue aus der Werbung, die sonst immer zu teuer war. Und einen Termin beim Friseur gemacht – das erste Mal seit sechs Jahren.

Ich werde weiter in der Wäscherei arbeiten. Aber die zweite Schicht bei Edeka kündige ich. Abends werde ich spazieren gehen, am Rhein entlang. Ich werde die Bank wechseln. Und wenn Veronika das nächste Mal eine Karte schickt, wird sie sie an eine Adresse ohne Nachsendeantrag adressieren, weil ich umziehen werde. In eine Zwei-Zimmer-Wohnung, nicht weit von der Wärmestube, wo der Karton mit dem Geld jetzt liegt.

Norbert hat sich entschieden, dass ich seine Mutter nicht mehr sein soll. Also werde ich aufhören, es zu versuchen. Ich habe einundzwanzigstebentausend Euro an fremde Menschen gegeben, und es fühlte sich an wie die erste eigene Entscheidung seit zwanzig Jahren. Vielleicht schreibe ich ihm das irgendwann. Vielleicht nicht.

Der Fenchel-Anis-Tee ist inzwischen kalt. Ich trinke ihn trotzdem. Er schmeckt nicht mehr nach Verzicht. Er schmeckt nach gar nichts.

Und das ist das Beste daran.

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