Der Septembernebel hing über dem Güterbahnhof von Fulda wie nasse Watte, als Katrin Lorenz den Hebel der Wagentür nach unten riss. Die Metallstufen glänzten vor Nässe, und die schwere Reisetasche aus grobem Segeltuch schlug dumpf auf den Bahnsteigkantenstein.
— Ich sagte: Sie steigen aus, werte Dame. — Katrin blockierte mit der Schulter den Durchgang. — Ihr Ticket gilt bis Bebra, aber an den Taschen hängen Plomben mit fremdem Namen. Ich fahre nicht in den Knast für unbekannte Fracht ohne Begleitpapiere.
Die Passagierin — eine kleine Frau in einem abgetragenen Regenmantel, die seit Kassel zusammengekauert auf dem Klappsitz achtundvierzig am Wagenende gesessen hatte — stieg langsam eine Stufe hinunter. Sie schrie nicht, diskutierte nicht. Nur ihre knotigen Finger krallten sich um den Riemen der zweiten Tasche.
— Frau Lorenz, bis zur Übergabe in Bebra bleiben noch drei Stunden. — Die Stimme der Frau war trocken, fast tonlos. — Wenn diese Plomben vor dem Zielkontrollpunkt geöffnet werden, verlieren Menschen ihre Arbeit.
— Nicht mein Problem. Ich habe eine Dienstanweisung, eine Revision in Fulda und einen Sohn, dessen Semesterbeitrag von neunzehnhundert Euro bis Freitag überwiesen sein muss. Wegen fremdem Gepäck fliege ich bei der Deutschen Bahn ohne Abfindung raus. Nehmen Sie Ihre Sachen und machen Sie den Einstieg frei.
Der Zug sollte zwei Minuten halten. Irgendwo fauchten Bremsen, ein Rangierdiesel stieß eine weiße Wolke in den Nebel über den Abstellgleisen.
Die Frau trat auf den kalten Bahnsteig, hob beide Taschen an den Griffen hoch und ging genau drei Schritte von der Tür weg. Sie sah Katrin direkt an — nicht hasserfüllt, aber mit einer Schwere im Blick, die der Zugbegleiterin für eine Sekunde unter das Schulterblatt stach.
Die Tür schloss sich rumpelnd. Katrin hob die Signalkelle, verriegelte die Sicherung und wischte sich die feuchten Handflächen an der dunkelblauen Uniformhose ab.
Für sie war die Sache klar: eine typische Schmugglerin. Billigstes Ticket am Wagenende, Taschen unter einer alten Jacke versteckt, Ausstieg auf einer Provinzstation im Nirgendwo. In zwanzig Jahren bei der Bahn hatte Katrin sie alle gesehen, von der illegalen Zigarettenfuhre bis zum gefälschten Ersatzteil für irgendeine Werkshalle. Wer für fremde Geschäfte den eigenen Job riskiert, landet auf der Straße.
Sie wollte gerade ins Dienstabteil, um endlich einen Tee aus dem Thermosbecher zu trinken, da stolperte sie im Gang zwischen Feuerlöscher und Arbeitstür über eine harte Kante.
Dort, wo nichts stehen sollte, lag ein schwarzer Kunststoffkoffer mit einem grellgrünen Gepäckanhänger.
Katrin bückte sich. Das schwache Licht der Notlampe fiel auf einen Schlüsselanhänger am Griff — ein ausgeblichener Plastikanhänger mit der Aufschrift „Zimmer B17, Studentenwohnheim TU Dresden“. Die Buchstaben hatte sie selbst vor zwei Jahren mit Edding auf das Etikett geschrieben.
Mit genau diesem Koffer war ihr Sohn Jonas am Montag in die S-Bahn nach Dresden gestiegen, um seine Immatrikulation für das Maschinenbaustudium abzuschließen.
Der Koffer war schwer, mit einem kleinen Zahlenschloss gesichert, und über dem Schloss klebte ein Streifen Malerkrepp, darauf in Bleistift: „Wagen 6, Zugbegleiterin Lorenz K. Persönlich übergeben gegen Quittung.“
Der Zug wurde schneller. Die Räder schlugen ihren gleichmäßigen Takt auf die Weichen: tak-tak, tak-tak. Der Bahnhof mit der einsamen Gestalt im Regenmantel blieb hinter einer schwarzen Baumreihe zurück.
Katrin setzte sich auf die Trittstufe, ohne die Kälte des Metalls zu spüren.
Wie kamen die Sachen ihres Sohnes in den Nachtexpress Kassel–Bebra? Jonas sollte in seinem Wohnheimzimmer in Dresden sitzen. Gestern Nachmittag hatte er angerufen, erzählt, er hätte die letzte Konstruktionszeichnung abgegeben und würde früh schlafen gehen.
Die Panik traf sie wie ein Schlag gegen den Brustkorb. Entführung. Erpressung. Irgendwer hatte den Jungen abgefangen und den Koffer in den Zug geschmuggelt, um sie zu irgendeinem Transport zu zwingen.
Ihre Finger zitterten so stark, dass sie dreimal daneben tippte, bis das Handy endlich wählte.
Es klingelte lang, dehnte sich. Beim sechsten Klingeln nahm jemand ab, aber statt Jonas’ Stimme hörte sie Hall von einer großen Halle und eine fremde, kratzige Männerstimme.
— Wo ist Jonas?! — schrie Katrin in den Hörer. — Wo ist mein Sohn?! Was wollen Sie?!
— Beruhigen Sie sich, Frau. — Die Stimme klang genervt. — Hier ist die Nachtschicht der Betriebswerkstatt Kassel. Der Besitzer hat sein Telefon vorhin am Prüfstand liegen lassen. Wenn Sie Angehörige sind, holen Sie es morgen nach acht Uhr mit Ausweis ab.
— Welche Werkstatt?! Mein Sohn studiert in Dresden!
— Ihr Sohn arbeitet seit drei Wochen als Nachtschlosser an der Drehgestell-Prüfstraße, — schnitt der Mann ab. — Schraubt Radsätze auseinander, statt in der Vorlesung zu sitzen. Fragen Sie ihn selbst, er ist vor einer Stunde zum Hauptbahnhof gefahren, um einen Zug zu treffen.
Die Verbindung brach ab — der Zug fuhr in einen Tunnel, kein Netz.
Katrin stand im engen Dienstgang, starrte auf den schwarzen Koffer, und die Welt um sie herum knisterte wie trockenes Furnier.
Vor drei Wochen hatte sie Jonas das gesamte Ersparte überwiesen — sechstausendachthundert Euro für den Semesterbeitrag und die Miete. Das Geld war über Jahre zusammengekommen, aus Zuschlägen für Spätdienste, aus dem Verkauf von Kaffee und Snacks, den die Bahn stillschweigend duldete, aus jedem Weihnachtsgeld, das sie nicht angerührt hatte.
Er hatte sie am Telefon angelächelt — man hört so was — und gesagt: „Mama, ich regle das. Du musst nicht mehr Nachts durch die Republik fahren.“
Wenn er nicht studierte — wo war das Geld? Und was hatte die Frau damit zu tun, die sie gerade eigenhändig auf einen leeren Bahnsteig in Fulda gestellt hatte?
Katrin griff nach dem kräftigen Seitenschneider aus dem Bordwerkzeugkasten, klemmte den Bügel des Kofferschlosses ein und brach das billige Metall mit einem Ruck.
Im Koffer lagen vier dicke Aktenordner aus dunkelblauem Karton. „Technisches Gutachten Radsatzwellen Baureihe 423“, stand auf dem Rücken. Dazu zwei mobile Ultraschallprüfköpfe in Schaumstoffpassungen und ein Stapel handunterschriebener Ausmusterungsprotokolle mit runden Stempeln eines privaten Waggon-Instandhaltungswerks in Regensburg.
Obenauf lag ein ausgedruckter Fahrausweis auf den Namen der Passagierin vom Sitzplatz achtundvierzig.
Dr. Johanna Steinbach. Leitende Sachverständige des Eisenbahn-Bundesamtes, Fachbereich Fahrzeugsicherheit.
Die Frau, die Katrin für eine Kleinkriminelle gehalten hatte, war die Prüfingenieurin, deren Unterschrift über Leben und Stilllegung ganzer Zugflotten entschied. Und in den Taschen, die Katrin nicht in den Zug gelassen hatte, steckten versiegelte Beweisstücke — Metallproben aus zwei gebrochenen Achsschenkeln, wegen denen vor vier Tagen bei Jena ein Güterzug mit Chemikalien fast entgleist wäre.
Und das Schlimmste: Auf jedem Ausmusterungsprotokoll, auf dem der rote Stempel „Betrieb sofort untersagen“ stand, prangte unten die Unterschrift des Prüftechnikers: „J. Lorenz, Fahrzeugtechnische Prüfung Nachtschicht“. Ihr Sohn.
Die Kette schloss sich mit einem leisen, tödlichen Klick.
Jonas hatte nicht nur das Studium abgebrochen. Er hatte in genau dem Werk angefangen, in dem die havarierten Wagen gewartet wurden.
Als der Güterzug wegen Materialermüdung an einer Radsatzwelle fast umgekippt war, hatte die Werkleitung versucht, die Schuld auf die junge Nachtschicht abzuwälzen. Den Jungs drohte ein Strafverfahren wegen Gefährdung des Bahnverkehrs mit möglicher Bewährungsstrafe — mindestens.
Der einzige Weg, zu beweisen, dass die Wellen schon vor der Reparatur Schäden hatten, war eine unabhängige Materialprüfung im Prüfamt Süd in Bebra.
Aber die Unterlagen und Proben mussten bis acht Uhr früh dort sein — bevor der Untersuchungsausschuss der Bahn seinen Abschlussbericht abzeichnete und die Sache an die Staatsanwaltschaft gab.
Johanna Steinbach transportierte die Originalproben selbst, weil die elektronischen Kanäle vom Sicherheitsdienst des Werks überwacht wurden und ein offizieller Kurier am Abgangsbahnhof abgefangen worden wäre. Sie hatte die Taschen mit persönlichen Dienstsiegeln des Eisenbahn-Bundesamtes verplombt und war als normale Passagierin in den Nachtzug gestiegen.
Und Jonas, der wusste, dass seine Mutter auf dieser Linie Dienst hatte, hatte den Koffer mit den Duplikaten der Gutachten und den Messgeräten selbst zum Zug gebracht, ihn in den Dienstgang gestellt und der Ingenieurin eine SMS geschickt: „Meine Mutter bringt Sie hin. Zwanzig Jahre bei der Bahn. Die lässt niemanden auf der Strecke stehen.“
Seiner Mutter hatte er nichts gesagt, weil er sich nicht traute, ihr zu beichten, dass er das Studium geschmissen hatte. Er hatte ihre Tränen gefürchtet, ihre Sorge, ihre Fragen.
Und Katrin, die um ihren Job zitterte und an die neunzehnhundert Euro Semesterbeitrag dachte, die es gar nicht gab, hatte soeben die einzige Person eigenhändig aus dem Zug geworfen, die ihren Sohn vor dem Gefängnis bewahren konnte.
Der Zug fuhr mit einhundertzwanzig Stundenkilometern auf Gießen zu. Bis Gießen blieben dreißig Minuten Fahrzeit.
Ihre Kollegin, die junge Miriam, schlief auf der oberen Pritsche im Dienstabteil, die Uniformjacke über den Kopf gezogen.
— Miriam! Wach auf! — Katrin rüttelte sie mit solcher Wucht an der Schulter, dass sie fast aus der Koje fiel. — Wie lange bis Gießen?
— Eine halbe Stunde… Frau Lorenz, was ist los? Wo brennt es?
— Wer hat Nachtdienst am Stellwerk Gießen? Der alte Brandt oder der Neue?
— Brandt… aber was ist denn passiert?!
Katrin antwortete nicht. Sie griff zum Diensttelefon, wählte die Nummer des Zugchefs.
— Zugchef? Hier Lorenz, Wagen sechs. In Fulda ist mir eine Passagierin ausgestiegen… Nein, nicht verloren. Sie hat staatliche Dokumente im Zug vergessen. Wir müssen zurück oder einen Rangierdienst anfordern.
Aus dem Hörer kam eine verschlafene, gereizte Stimme:
— Lorenz, sind Sie noch bei Trost? Welcher Rangierdienst? Wir haben Fahrplan, nach uns kommt die ICE-Trasse aus Frankfurt. Vergessen Sie’s — die Frau soll eine Fundanzeige aufgeben, dann schicken wir die Sachen mit dem Frühzug.
— Der Frühzug kommt um zwölf! Bis zwölf hat man einen Menschen eingesperrt!
— Machen Sie keinen Ärger! Schlafen Sie weiter, bis Erfurt halten wir nicht außerplanmäßig!
Das Klicken der aufgelegten Leitung klang wie ein Schuss.
Katrin legte den Hörer langsam auf die Gabel.
Das System funktionierte perfekt: Die Vorschrift schützte den Fahrplan, der Fahrplan schützte die Boni der Chefs, und das eiserne Rad der Maschine mahlte jeden klein, der zufällig unter die Spurkranzflanke geriet. Sie selbst war zwanzig Jahre Teil dieses Rades gewesen. Sie selbst hatte gerade exakt nach Vorschrift gehandelt.
Sie ging zur Notbremse — dem roten Hebel unter dem versiegelten Glasdeckel neben der Abteiltür.
Die Notbremse ohne konkrete Gefahr für Leib und Leben zu ziehen bedeutete fristlose Kündigung, Schadensersatzforderung des Unternehmens in Höhe von mehreren tausend Euro, Verlust sämtlicher Betriebszugehörigkeitsjahre. Das Ende von allem, wofür sie die letzten zwei Jahrzehnte gelebt hatte.
Vor ihrem inneren Auge standen Jonas’ Hände, als er das letzte Mal zu Besuch war. Sie hatte sich gewundert, warum die Fingernägel ihres angehenden Studenten einen dunklen Ölrand hatten, der auch mit Spezialseife kaum abging. Er hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und gesagt: „Ach, das ist vom Praktikum im Labor, Mama. Wir haben da alte Getriebe auseinandergenommen…“
Er hatte sie geschont. Und sie hatte seine Retterin in die Nacht hinausgeworfen.
Katrin zog die Notbremse nicht bei voller Fahrt — das hätte die Bremsanlage blockiert und die Passagiere in den Gängen gefährdet.
Sie wartete, bis der Zug vor der Einfahrt in den Bahnhof Gießen sein Tempo drosselte.
Als die Geschwindigkeit auf dreißig Stundenkilometer gefallen war und draußen die ersten schwachen Lichter des Güterbahnhofs vorbeizogen, holte Katrin den schweren Vierkantschlüssel aus der Tasche, öffnete die Wagentür auf der gleisabgewandten Seite, griff sich den Koffer ihres Sohnes und hängte sich die schwere Segeltuchtasche mit den Geräten über die Schulter, die sie aus dem Gang geholt hatte.
— Miriam! — rief sie der Kollegin zu, die sie fassungslos anstarrte. — Übernimm den Wagen. Die Papiere liegen auf dem Tisch.
— Wohin wollen Sie?! Frau Lorenz, da sind Gleise, da ist Öl und Splitt!
Katrin antwortete nicht. Sie packte den Koffergriff mit beiden Händen, wartete, bis der Zug auf gleicher Höhe mit dem Schotterstreifen zwischen den Gleisen war, stieg auf die unterste Trittstufe und sprang in die Dunkelheit.
Der Aufprall warf sie zur Seite. Scharfe Schottersteine rissen die Uniformhose auf und schürften die Handfläche blutig, aber den Koffer ließ sie nicht los.
Der Zug glitt an ihr vorbei, die erleuchteten Fenster mit den schlafenden Fahrgästen wie ein beleuchtetes Aquarium, und mit jedem Radschlag entfernte sich ihr bisheriges Leben — das geregelte, das vernünftige, das feige — für immer.
Sie rappelte sich hoch, humpelte auf dem linken Bein, wischte sich das Blut vom Handrücken und stolperte über die Gleise, dorthin, wo auf dem Verladeplatz ein Scheinwerfer brannte und zwei Männer in orangefarbenen Warnwesten an einem signalroten Zweiwege-Unimog standen.
— Wer ist hier der Vorarbeiter?! — keuchte sie den Mann an, der gerade eine Schraube an der Weiche festzog.
Der Mann hob die Taschenlampe und starrte die blutende, rußverschmierte Frau in der zerrissenen Bahnuniform an:
— Geht’s noch, Tante? Aus welchem Zug sind Sie gefallen?
— Ist der Unimog fahrbereit? — Katrin packte ihn am Ärmel der Warnjacke. — Ich muss nach Fulda zurück. Ich zahle.
— Nach Fulda? Da ist die Strecke in zwanzig Minuten für den Gegenzug dicht! Außerdem ist das hier ein Arbeitsfahrzeug, kein Taxi!
— Hör zu, mein Junge. — Katrin trat so nah an sein Gesicht heran, dass die Taschenlampe zwischen ihnen aufleuchtete wie ein Geständnis. In ihren Augen lag so viel Verzweiflung und wilde, mütterliche Wut, dass der Mann unwillkürlich einen halben Schritt zurückwich. — In Fulda steht eine Frau mit Prüfberichten des Eisenbahn-Bundesamtes. Wenn diese Berichte nicht bis acht Uhr in Bebra sind, legt sich der nächste Güterzug mit deiner Weiche hier auf die Seite. Und dein Chef wandert zuerst in den Bau. Ruf deinen Fahrdienstleiter an. Sag ihm, die Instandhaltung braucht eine Sonderfahrt. Sofort!
Der Mann sah sie fünf lange Sekunden an. Dann spuckte er auf den Schotter und griff zum Funkgerät am Gürtel.
— Heiner… hier ist Notfall auf Gleis vier. Mach den Unimog klar.
Um kurz nach sechs zog dichter Morgennebel über den Bahnhof Fulda.
Johanna Steinbach saß auf der Holzbank vor dem geschlossenen Fahrkartenschalter. Die beiden Taschen standen zwischen ihren Knien, der Kragen des Regenmantels war bis zu den Ohren hochgeschlagen, die Hände tief in den Ärmeln vergraben.
Sie wartete auf den ersten Regionalzug nach Gießen, obwohl sie genau wusste, dass sie dort den Anschluss nach Bebra nicht mehr schaffen würde. Sie hatte verloren — leise, sinnlos, über die Gleichgültigkeit einer überforderten Zugbegleiterin gestolpert.
Da hörte sie vom Nebel her ein tiefes, röhrendes Dieselmotorengeräusch.
Aus dem Grau, ein einziges blendendes Licht vor sich herschiebend, rollte der schwere Zweiwege-Unimog mit den Schienenrädern auf das Nebengleis.
Der Motor erstarb mit einem letzten Rülpser aus dem Auspuff.
Von der offenen Ladefläche kletterte eine Frau, stützte sich schwer auf den Haltegriff an der Tür. Ihre Uniformjacke war an der Schulter aufgerissen, das Gesicht von schwarzen Rußstreifen durchzogen, das linke Bein unnattürlich nachgezogen.
Aber in ihrer Hand hielt sie den schwarzen Kunststoffkoffer mit dem grünen Anhänger.
Johanna stand langsam auf.
Katrin trat dicht an sie heran, blieb stehen, rang nach Atem in der frostigen Morgenluft und stellte den Koffer direkt vor die Füße der Ingenieurin.
— Da, — sagte Katrin heiser. — Das sind die Duplikate der Protokolle und die Prüfgeräte. Jonas hat alles zusammengestellt. Er ist unschuldig, hören Sie? Mein Sohn ist ein anständiger Junge.
Johanna sah sie an, die blutig geschürften Finger, die dreckige Uniform, auf der für immer der Geruch von Schotter und Diesel und dieser Nacht kleben würde.
— Sind Sie… aus dem Zug gesprungen? — fragte sie leise.
— In Gießen, — antwortete Katrin. — Wäre ich weitergefahren, hätte ich keinen Ort gehabt, an den ich zurückkann. Auch nicht meinen Arbeitsplatz.
Sie ließ sich auf die Kante der Holzbank sinken, zog eine Packung Papiertaschentücher aus der Innentasche, wischte sich das Gesicht ab und weinte zum ersten Mal in dieser endlosen Nacht — ohne einen Laut. Die Tränen zogen helle Spuren durch den Ruß, und sie sah ihnen nach, als wären es fremde Züge auf einem fremden Gleis.
Johanna setzte sich schweigend neben sie, legte ihre trockene, kühle Hand auf Katrins Schulter und zog das Handy aus der Manteltasche. Endlich ein Netz.
— Bebra? Hier ist Steinbach. Machen Sie das Prüflabor für neun Uhr fertig. Die Proben sind unterwegs. Und stellen Sie einen Schutzantrag für den Prüftechniker der Nachtschicht, Lorenz, J. Er übernimmt die Nachprüfung im Außenbezirk.
Katrin saß da, hörte das erste ferne Horn eines Güterzuges, der irgendwo hinter dem Nebel anfuhr, und betrachtete den ramponierten Plastikanhänger an Jonas’ Koffer.
Sie wusste, dass sie morgen Erklärungen schreiben würde. Dass die Personalabteilung ein Disziplinarverfahren eröffnen würde. Dass sie mit achtundvierzig noch einmal von vorn anfangen musste — vielleicht als Servicekraft an irgendeiner Raststätte oder am Pförtnerhäuschen eines Speditionshofs.
Aber als die ersten blassen Streifen Tageslicht über die nassen Gleise krochen und den Stahl bis zum Horizont silbern aufleuchten ließen, spürte sie etwas, das sie fast vergessen hatte: Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren lief ihr Leben auf einem Gleis, das sie selbst gestellt hatte.
Der Unimog stand noch da, der Fahrer rauchte schweigend am offenen Fenster. Auf dem Weg nach Bebra schrieb Katrin in ihrem Kopf die Sätze, die sie Jonas nie hatte sagen können — und strich sie alle wieder durch. Am Ende blieb nur einer, den sie ihm schicken würde, sobald der erste Zug mit freiem Wagen durch war: „Ich bin nicht mehr im Dienst. Komm heim, wenn du kannst. Wir müssen über die Achsen reden."







