Die Kinder von Block C

Der Frauengefängniskomplex liegt dreizehn Kilometer hinter Wuppertal, am Ende einer Straße, die nach dem Ortsausgangsschild einfach aufhört. Wer dort ankommt, hat keinen Grund, zufällig vorbeizufahren. Backstein, Stacheldraht, Scheinwerfer, die auch im Sommer um halb acht abends angehen. Die Insassinnen nennen es nur „die Anstalt“. Die Akten nennen es Justizvollzugsanstalt Lindental.

Ich arbeite dort seit elf Jahren. Nachtschicht. Ich bin einer von zwei Männern im Sicherheitsdienst. Der andere ist kurz vor der Rente und sitzt im Eingangsbereich. Nachts ist der Zellentrakt C meine alleinige Verantwortung.

Ich habe Block C irgendwann nicht mehr als Flure und Türen gesehen. Ich kenne den Klang jedes elektronischen Schlosses. Ich weiß, welche Neonröhre über Zelle 14 flackert, bevor sie warm wird. Ich weiß, dass Frau Krause in Zelle 8 im Schlaf mit den Zähnen knirscht. Man hört es bis zum Aufzug.

Vor fünf Monaten fing es an.

Beim morgendlichen Zählappell blieb eine Zelle still. Siebenundsechzig Jahre alt, seit neun Jahren in Haft, Isolationsbereich im dritten Stock. Als die Sanitäterin sie auf die Trage hob, sagten die anderen Frauen nichts. Sie standen nur in ihren Türen, die Hände auf dem Rücken.

Der Bericht kam am selben Nachmittag. Ich las ihn im Pausenraum, die Kaffeemaschine tropfte noch. Schwangerschaft, zwölfte Woche.

Jemand lachte. Nicht ich. Ich habe den Bericht zweimal gelesen. Die Frau hatte seit sechs Monaten keinen Kontakt zu irgendjemandem außer dem Personal gehabt. Isolationszelle. Einzelhofgang. Elektronische Schleuse, die jeden Schritt protokolliert.

Zwei Wochen später dasselbe im zweiten Stock. Achtundsechzig Jahre alt. Übelkeit, Schwindel, Bluttest. Schwanger.

Die Anstaltsleitung hat es zur Chefsache erklärt und gleichzeitig verboten, darüber zu reden. Wir sollten Dienstpläne kontrollieren, Zugangsprotokolle, Kamerabänder. Offiziell hieß es: technische Überprüfung.

Nachts, wenn ich meine Runden ging, fühlte sich der Flur anders an. Die Türen waren dieselben. Die Schlösser klickten wie immer. Aber ich schaute jetzt länger in die Ecken, wo das Licht nicht hinkam.

Ich bin kein Mann, der schnell nervös wird. Nach elf Jahren Nachtschicht hat man sich an vieles gewöhnt. Aber wenn dreimal hintereinander eine Frau im Rentenalter schwanger wird, die offiziell seit Monaten niemanden gesehen hat, dann rechnet man nach. Dann zählt man die Türen. Dann fragt man sich, wem der dritte Schatten am Ende des Flurs gehört.

Der Verdacht fiel irgendwann auf mich. Natürlich. Der einzige Mann, der nachts Zutritt zu den Zellentrakten hat. Ich habe den Kolleginnen angesehen, wie sie die Blicke wechselten, wenn ich den Raum betrat. Eine hat mir Kaffee angeboten und dabei zweimal auf meine Hände geschaut, als suchte sie etwas unter den Fingernägeln.

Ich konnte nichts beweisen. Ich wusste nur, dass ich pünktlich meine Runde ging, die Schlösser prüfte, die Logbücher abstempelte. Und dass ich jede Nacht um Viertel nach eins am Ende des Flurs kurz anhielt, weil mir kalt war, obwohl die Heizung lief.

Dann installierten sie eine Zusatzkamera. Ohne mir etwas zu sagen.

Ich habe sie erst später entdeckt, bei einer Routinekontrolle der Kabeltrassen. Eine kleine schwarze Linse über dem Sprinklerrohr, Kabel lief in den Wartungsschacht. Nicht angeschlossen an das Hauptsystem.

Ich stand eine ganze Weile davor und habe überlegt, ob ich die Leitung kappen soll. Aber dann hätte ich zugegeben, dass ich etwas zu verbergen habe. Also ließ ich sie hängen. Vier Nächte passierte nichts.

In der fünften Nacht um 2:17 Uhr zeichnete die Kamera auf, wie ich durch den Flur ging, eine Chipkarte ans Schloss hielt und die Tür zu Zelle 14 aufschob. Ich ging nicht hinein. Stattdessen trat eine Frau im weißen Kittel an mir vorbei. Dr. Meier, leitende Anstaltsärztin. Sie trug einen silbernen Medizinkoffer. Ich blieb draußen stehen. Fünfzehn Minuten. Dann kam sie wieder heraus, nickte mir zu, und wir gingen zur nächsten Zelle.

Die Kamera zeigt nichts von dem, was vorher war. Sie zeigt nicht, dass ich an jenem Abend einen Anruf aus der Krankenstation bekommen hatte. „Nachtvisite, Block C. Warten Sie um zwei am Aufzug.“ Sie zeigt nicht, dass ich die Ärztin seit Jahren kenne, dass sie mir einmal nach meinem Bandscheibenvorfall die Schmerzmittel selbst vorbeigebracht hatte, als ich nicht aus dem Bett kam. Für mich war sie die Frau, die nachts arbeitete, wenn alle anderen schliefen. Dass sie etwas anderes tat als Medizin, kam mir nicht in den Sinn.

Als sie mich am Morgen in den Verwaltungstrakt holten, war der Ton der Kolleginnen ein anderer. Kein Misstrauen mehr. Eher Mitleid.

„Du hast die Türen geöffnet, Mark?“

Ich sagte: „Ich habe die Türen geöffnet, weil Frau Dr. Meier gesagt hat, es sei eine Sonderbehandlung.“

„Was für eine Behandlung?“

„Das hat sie mir nicht erklärt. Und ich habe nicht gefragt.“

Ich weiß, wie das klingt. Ich würde mir selbst nicht glauben.

Sie durchsuchten ihr Büro. Unter einer losen Bodenplatte hinter dem Aktenschrank fanden sie einen schwarzen Ordner mit Patientennamen. Vornamen, Nachnamen, Geburtsdaten. Daneben ein einzelnes Wort: Kandidiert. Drei der Namen kannte ich aus den Berichten. Drei weitere waren mir nie untergekommen, obwohl ich jeden Namen aus Block C auswendig kannte. Das war der Moment, in dem ich aufhörte, Erklärungen abzugeben.

Sie stellten Dr. Meier in den Verhörraum. Ich saß auf dem Flur davor und hörte sie weinen. Nicht schluchzen. Einfach weinen, wie jemand, der lange darauf gewartet hat, erwischt zu werden.

„Die Frauen haben geglaubt, es seien Routineuntersuchungen“, sagte sie. „Blutdruck, Herz, Knochendichte. Sie haben unterschrieben, ohne zu lesen. Die meisten haben keine Angehörigen mehr, die fragen würden. Das war die Voraussetzung.“

Jemand fragte: „Wer hat Sie angewiesen?“

Sie antwortete lange nicht. Ich hörte den Stuhl quietschen, als sie sich bewegte.

„Die Anweisungen kamen immer von innerhalb der Anstalt“, sagte sie dann. „Schriftlich. Im Fach der Hauspost. Ohne Absender. Manchmal telefoniert, aber die Stimme war verzerrt. Ich weiß nicht, wer es war. Ich wollte es auch nie wissen.“

Ich habe an diesem Abend zum ersten Mal seit Jahren nicht in meinem eigenen Bett geschlafen. Ich saß im Bereitschaftsraum auf einer Pritsche und starrte die Decke an. Nicht, weil ich Angst hatte. Sondern weil ich mir zum ersten Mal überlegte, wie viele Türen in dieser Anstalt es gab, die auf keinem Plan verzeichnet waren.

Am nächsten Morgen fand eine Kollegin in der Kameraaufzeichnung etwas, das allen anderen entgangen war. Ganz am Rand des Bildes, in der Glastür am Ende des Korridors, spiegelte sich eine Gestalt. Klein, krumm, die Schultern nach vorn gezogen. Ein Häftling im Nachthemd. Sie stand hinter uns, die ganze Zeit. Vielleicht zehn Meter entfernt. Weder Dr. Meier noch ich hatten sie bemerkt.

Die Kollegin vergrößerte das Standbild. Dann ging sie in die Registratur.

Der Name, den sie fand, stand auf keiner aktuellen Insassenliste.

Gertrud Voss, Häftlingsnummer 1847/09, geboren 1949 in Rostock, einsitzend seit zwanzig Jahren wegen Brandstiftung mit Todesfolge. In den Akten stand, sie sei vor acht Monaten an Herzversagen gestorben. Es gab einen Totenschein, einen Bestattungsauftrag, einen Eintrag im Leichenbuch.

Nur einen Sarg hatte es nie gegeben.

Ich weiß noch, wie die Kollegin vor mir stand, das ausgedruckte Foto in der Hand, und sagte: „Mark, da stimmt was nicht. Die Tote läuft nachts durch deinen Trakt.“

Sie riegelten Block D ab, den geschlossenen Altbau, der seit Jahren leer stand. Die Begründung: Schimmelbefall, Einsturzgefahr, seit 2019 offiziell stillgelegt. Aber als sie mit einem Team die Brandschutztür am Ende des Kellers aufstemmten, fanden sie dahinter einen Flur, der frisch gestrichen war. Vinylboden, der noch nach Kleber roch. Neonlicht, das bei Bewegung ansprang.

Die Treppe führte in den Keller. Vierzehn Stufen. Dann ein weiterer Flur mit fünf Türen, jede mit einem kleinen Sichtfenster.

In der dritten Tür saß die Frau aus der Spiegelung. Gertrud Voss, sechsundsiebzig Jahre alt, am Leben. Sie saß auf einer Bettkante, die Hände flach auf den Knien, und trug ein sauberes Nachthemd. Vor ihr stand ein Glas Wasser, das niemand angerührt hatte.

Als die Tür aufging, lächelte sie.

„Sie haben uns gefunden.“

„Uns?“, fragte die Kollegin.

Die Frau zeigte den Flur hinunter. „Fenster von zweiundzwanzig“, sagte sie. „Fenster von dreiachtzig. Fenster von fünfhundertneun. Tot, offiziell. Wir sind nur von oben nach unten umgezogen.“

Ich stand im Durchgang und habe nicht gewusst, wohin mit meinen Händen.

Bis dahin hatte ich geglaubt, der Fall sei mit Dr. Meier erledigt. Eine Ärztin, die Gefangene für ein illegales Programm benutzt. Ein bestochener Wärter, der die Türen aufschließt. Jetzt stand ich in einem Keller, den es nicht geben durfte, vor einer Frau, die offiziell beerdigt war, und hörte einer Kollegin zu, die immer wieder dieselbe Frage stellte: „Warum? Warum hat man Sie hierhergebracht?“

Gertrud Voss beugte sich vor. Ihre Stimme war ruhig, als erklärte sie einem Kind die Regeln eines Spiels.

„Die Schwangerschaften waren nie das Ziel“, sagte sie. „Das waren nur die ersten dreißig Tage. Danach zählt jede Woche. Man will wissen, wie lange es dauert, bis ein Kind, das in einer Frau mit unserem Geburtsjahrgang heranwächst, von selbst aufhört zu wachsen. Oder was danach kommt.“

Ich habe die Antwort nicht sofort begriffen. Ich stand noch in der Tür und hörte, wie hinter mir jemand flüsterte: „Mein Gott, das ist keine Fruchtbarkeitsbehandlung. Das ist eine Zuchtstation.“

Dann ging die Frau zum Ende des Flurs und legte die Hand an die letzte Tür. Die einzige, die kein Sichtfenster hatte.

„Da drin liegt, was von den zweiundzwanzig übrig ist“, sagte sie.

Der Raum wurde an diesem Nachmittag geöffnet. Ich war nicht mehr dabei. Später sagte man mir, die Kollegin, die das Protokoll schrieb, habe drei Anläufe gebraucht, um das Formular auszufüllen. Ihre Handschrift sei in der Mitte des ersten Bogens einfach ausgehört. Beim zweiten Bogen habe sie von vorn angefangen. Beim dritten habe sie nur die Häftlingsnummer notiert, kein Wort weiter.

Ich wurde freigestellt. Nicht suspendiert, aber vom Dienst entbunden, bis der Bericht der Sonderkommission fertig war. Neunzehn Tage. Ich fuhr nach Hause, saß in der Küche, machte den Fernseher nicht an.

Am zwanzigsten Tag klingelte es. Eine junge Frau von der Aufsichtsbehörde stand vor der Tür. Sie trug einen grauen Hosenanzug und einen Aktenkoffer, der aussah, als wäre er noch nie geöffnet worden.

„Herr Kessler?“

Ich bat sie herein. Sie setzte sich, öffnete die Verschlüsse, legte einen einzigen Bogen auf den Tisch.

„Die Sonderkommission hat ihre Aussage geprüft. Gegen Sie wird nicht ermittelt. Sie waren nicht eingeweiht.“

Ich habe das Papier nicht angefasst. Vor meiner Tür stand der Aktenkoffer, hinter ihr im Flur brannte die Lampe, die ich seit Wochen nicht ausgetauscht hatte, und flackerte alle paar Sekunden.

„Dann war ich nur der Mann mit dem Schlüssel“, sagte ich.

Sie zögerte. „Formal, ja. Sie haben die Türen geöffnet. Mehr war nicht nötig.“

Sie gab mir eine Kopie der Einstellungsverfügung und einen braunen Umschlag mit dreiundzwanzig Überstunden-Gutschriften, die mir zustanden. Zweihundertvierzehn Euro und vierzig Cent.

Ich bin nie zurück nach Lindental.

Die Anstalt wurde sechs Monate später geschlossen. Kein offizieller Grund, nur ein Satz im Amtsblatt: Außerbetriebnahme aus organisatorischen Gründen. Die Frauen aus dem Keller wurden auf andere Standorte verteilt, mit neu ausgestellten Papieren. Was aus den Akten wurde, die in Dr. Meiers Praxiszimmer unter dem Fußboden lagen, hat mir niemand gesagt.

Ich arbeite heute im Sicherheitsdienst eines Logistikzentrums in Solingen. Tagschicht. Keine Zellen, keine elektronischen Schlösser, keine Nachtreviere. Nur Lkw, die um sechs Uhr morgens rückwärts an die Rampe fahren, und ein Piepton, der mir sagt, wenn ein Tor offen steht.

Manchmal, kurz vor Dienstende, gehe ich den Zaun entlang und zähle die Laternen auf dem Parkplatz. Es sind achtundzwanzig. Ich weiß nicht, warum ich zähle. Vielleicht, weil ich elf Jahre lang jede Nacht Türen gezählt habe. Oder weil ich wissen will, wie viele es sind, falls eine fehlt.

Den Schlüssel für Block C, den ich damals übergeben habe, hängt heute an einem schwarzen Klettband im Spind eines Kollegen, der nie dort war. Ich habe ihn zuletzt auf einem Tisch in der Anstaltsverwaltung liegen sehen. Neben ihm ein weißer Zettel, auf dem nur ein Wort stand: kalt.

Ich habe den Zettel eingesteckt, als niemand hinsah. Er liegt jetzt in meiner Nachttischschublade, unter einer alten Monatskarte der Verkehrsbetriebe. Ich weiß nicht, was er bedeutet. Aber ich hebe ihn auf.

Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, lege ich die Hand an die Wand neben meinem Kopf. Die Wand ist warm. Das reicht.

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