Der Herd bullerte noch, als ich die Äpfel in dünne Spalten schnitt. Draußen zog der Novembernebel vom Kanal herauf, und irgendwo im Treppenhaus des Altbaus in der Schanzenstraße quietschte die Haustür. Mein Mann Malte stand am Küchentisch, die Fäuste auf die Arbeitsplatte gestützt, und sah aus wie ein Fußballtrainer in der Halbzeitpause, dem gerade das Spiel entglitten war.
„Du verkaufst die Wohnung deiner Großmutter. Heute unterschreibst du die Unterlagen für die Bank. Sonst reiche ich die Scheidung ein.“
Er sagte das in einem Ton, als erkläre er einem Lehrling, wie man eine Rechnung schreibt. Sachlich. Fest. Als wäre die Ehe mit mir nur ein weiterer Vertrag, den man bei Bedarf kündigt.
Ich legte eine Apfelspalte auf das Brett und schnitt die nächste. Das Messer glitt durch das Fruchtfleisch, als hätte es nie etwas anderes getan.
„Und warum genau sollte ich das tun?“
„Weil die Werkstatt sonst zumacht.“ Er richtete sich auf, griff nach dem Salzstreuer am Rand der Anrichte und stellte ihn ein Stück weiter, nur um etwas mit den Händen zu tun. „Der Vermieter hat die Miete für die Halle in Barmbek erhöht. Dreißig Prozent. Ich brauche Eigenkapital, um den Nachbarraum dazuzunehmen und eine Reifenannahme aufzubauen. Hast du eine Ahnung, was das für ein Potenzial hat? Vormittags Werkstatt, nachmittags Reifenwechsel. Das ist die Zukunft, Franziska!“
Ich schob die Apfelstücke in die Schüssel und wischte die Klinge an der Schürze ab.
„Deine Krypto-Miner waren auch mal die Zukunft. Da hast du gesagt, in einem Jahr fahren wir an den Gardasee und kaufen dir ein Cabrio.“
Malte zuckte zusammen, als hätte ich ihm eine Rechnung über fällige Miete vor die Nase gehalten.
„Das war der Markt. Der Strompreis ist explodiert, das kann keiner vorhersehen.“
„Und der Bubble-Tea-Laden in der Europa-Passage? Das war auch der Markt, nehme ich an. Nur dass ich danach siebentausend Euro von meinem Ersparten abheben durfte, damit die Bank nicht das Auto pfändet.“
„Immer dasselbe mit dir!“ Er schlug mit der flachen Hand auf die Arbeitsplatte, dass die Äpfel in der Schüssel hüpften. „Du hältst mir jeden Fehler vor wie eine Anklageschrift. Aber die Werkstatt läuft. Die Kunden kommen. Ich brauche nur noch einmal Kapital, dann dreht sich das Blatt.“
Er machte einen Schritt auf mich zu. Der Geruch von Motoröl und kaltem Zigarettenrauch hing in seiner Jacke.
„Die Wohnung in Altona steht seit zwei Jahren leer. Deine Großmutter ist tot, Franziska. Die kann da nicht mehr einziehen. Und Linnea wohnt im Studentenwohnheim in der Nähe der Uni. Wofür willst du sechzig Quadratmeter in Ottensen behalten, wenn deine Tochter längst ausgezogen ist?“
Ich stellte die Schüssel beiseite und wischte mir die Hände an einem Geschirrtuch ab. Das Tuch war noch klamm vom Spülen am Morgen.
„Diese Wohnung hat meiner Großmutter gehört. Meine Mutter ist dort aufgewachsen. Und Linnea wird sie eines Tages brauchen, wenn sie fertig studiert hat. Oder willst du, dass sie mit dreißig noch bei uns im Gästezimmer schläft?“
„Linnea ist jung. Sie kann sich selbst eine Bleibe suchen.“ Malte winkte ab, als verscheuche er eine Fliege. „Ich werde im März achtundvierzig. Das ist die letzte Chance, aus dem Hamsterrad rauszukommen. Ich hab keine Lust, bis zur Rente in dieser Bruchbude zu sitzen und jeden Cent umzudrehen.“
Bruchbude. Er nannte unsere Wohnung eine Bruchbude. Vier Zimmer, Altbau, hohe Decken, Stuck. Aber die Heizung machte Geräusche, und das Bad war noch aus den Siebzigern, also war es für ihn eine Bruchbude.
„Die Werkstatt verschlingt seit zwei Jahren mehr, als sie einbringt“, sagte ich. „Du zahlst die Mechaniker von geliehenem Geld. Denkst du, ich sehe die Kontoauszüge nicht?“
Malte lief rot an. Die Ader an seiner Schläfe schwoll an wie ein kleiner Wurm unter der Haut.
„Das ist normal am Anfang! Jedes Unternehmen braucht Anlaufzeit!“
„Deine Anlaufzeit dauert länger als manche Ehe.“
Er starrte mich an. Dann drehte er sich abrupt um, riss seine Jacke vom Haken im Flur und knallte die Wohnungstür ins Schloss, dass der Spiegel im Flur an der Wand schepperte.
Ich blieb in der Küche stehen. Aus der Nachbarwohnung drang gedämpft die Stimme des NDR-Moderators, der vom Stau auf der A7 sprach. Ich griff in die Schüssel, nahm eine Apfelspalte und biss hinein. Sauer. Meine Großmutter hätte gesagt: Ein guter Apfel muss die Zunge beißen.
Zehn Minuten später hatte ich den Teig angerührt, die Form gefettet und den Ofen auf hundertachtzig Grad gestellt. Während der Apfelkuchen buk, setzte ich mich mit dem Laptop an den Küchentisch und öffnete die Website der Bank. Nicht weil ich überlegte, zu unterschreiben. Sondern weil ich genau wissen wollte, was er vorhatte.
Am Abend kam er zurück. Ich hörte seine Schritte im Treppenhaus, das ruhige Klacken der Schlüssel, die ins Schloss gesteckt wurden. Er kam in die Küche, zog einen braunen Umschlag aus der Jackentasche und warf ihn auf den Tisch.
„Hier. Die Unterlagen. Du brauchst sie nur noch zu unterschreiben.“
Der Umschlag landete neben meiner Teetasse. Zedernholztee, den ich am Nachmittag in einem kleinen Laden in der Osterstraße gekauft hatte, auf dem Heimweg von der Arbeit. Ich hatte länger gebraucht als sonst, weil ich noch einmal in der Bücherhalle vorbeigegangen war. Ich hatte mir einen Roman über alte Häuser an der Ostsee ausgeliehen. Etwas, das nichts mit Werkstätten, Mietrückständen oder unterschriebenen Darlehensverträgen zu tun hatte.
„Du konntest es nicht lassen, oder?“, fragte ich und schlug die Beine übereinander. „Erst drohst du mit der Scheidung, dann holst du gleich die Verträge. Du bist aber schnell bei der Sparkasse gewesen.“
„Ich habe einen Bekannten, der in der Filiale arbeitet.“ Malte setzte sich mir gegenüber. „Das ist ein faires Angebot. Die Wohnung bleibt in deinem Besitz. Du unterschreibst nur eine Bürgschaft. Die Bank gibt mir den Kredit, ich stecke ihn in die Werkstatt, und in spätestens zwei Jahren ist alles abbezahlt. Dann haben wir keine Schulden mehr und ein zusätzliches Standbein.“
„Und wenn die Werkstatt pleitegeht?“
„Geht sie nicht!“ Er hieb mit der Handkante auf den Tisch. Der Tee in meiner Tasse schwappte. „Warum glaubst du eigentlich nicht an mich? Bin ich so ein Versager in deinen Augen? Zwanzig Jahre, Franziska. Zwanzig Jahre ziehen wir an einem Strang, und du behandelst mich wie einen Bittsteller, der dich um Kleingeld anschnorrt!“
Ich sah ihn an. Das Licht der Küchenlampe fiel auf sein Gesicht, auf die beginnenden Falten um die Augen, auf den grauen Schimmer an den Schläfen. Ich kannte dieses Gesicht seit zwanzig Jahren. Ich kannte es besser als mein eigenes.
Und ich wusste: Er würde nicht aufhören. Nicht heute, nicht morgen, nicht nächste Woche. Er würde jeden Tag eine neue Tür finden, durch die er mich zerren wollte.
„Du bist ein Mann, der sich weigert, aufzuhören, Geld in Dinge zu stecken, die keiner braucht“, sagte ich. „Das ist kein Versagen. Das ist einfach nur stur.“
Malte stieß einen Laut aus, halb Lachen, halb Fauchen.
„Du bist ein kalter Fisch, weißt du das? Andere Frauen würden kämpfen. Andere Frauen würden für die Ehe einstehen. Du sitzt da und schneidest Äpfel, als ginge es um das Wetter.“
„Andere Frauen hätten die Scheidung schon vor zehn Jahren eingereicht“, sagte ich leise.
Da war es. Ich sah, wie seine Augen sich weiteten, kaum merklich. Ein winziger Riss in seiner Selbstsicherheit.
„Was soll das heißen?“
Ich stand auf, ging zum Schrank und holte den Ordner, den ich seit drei Monaten nicht angerührt hatte. Ich legte ihn auf den Tisch, neben den Umschlag mit den Bankunterlagen.
„Ich war im Oktober bei einer Anwältin für Familienrecht. Damals dachte ich, ich müsste die Scheidung einreichen, weil du mich mit deinen ewigen Projekten an den Rand des Ruins bringst. Sie hat mir erklärt, was mir zusteht. Und sie hat mir gesagt, dass die Wohnung meiner Großmutter unantastbar ist. Sie gehört nicht zum gemeinsamen Vermögen. Du hast keinerlei Anspruch darauf, und du kannst sie auch nicht als Sicherheit verwenden, wenn ich nicht zustimme.“
Malte griff nach dem Ordner, aber ich zog ihn weg.
„Du warst bei einer Anwältin? Ohne mir was zu sagen?“
„Du warst heute bei einer Bank. Ohne mir was zu sagen.“
Er schwieg. Der Regen setzte ein, prasselte gegen das Küchenfenster. Von der Straße hörte man das helle Bimmeln der Fahrradklingel eines Lieferdienstes.
„Wir sind verheiratet, Franziska. Verheiratet bedeutet, man hilft einander. Man teilt. Die Wohnung gehört dir auf dem Papier, aber sie gehört zu unserem Leben. Unsere Altersvorsorge!“
„Unsere Altersvorsorge? Du hast nicht einmal in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt, seit du die Werkstatt hast. Deine Altersvorsorge bin ich. Und die Wohnung. Und mein Gehalt, das jeden Monat für deine Mängel aufkommt.“
Er schob den Stuhl zurück, stand auf und ging zum Fenster. Mit dem Rücken zu mir blieb er stehen und sah in den Regen hinaus. Der Lichtkegel der Straßenlaterne spiegelte sich im nassen Asphalt.
„Wenn du nicht unterschreibst, bin ich in zwei Wochen zahlungsunfähig“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Dann ist die Werkstatt weg. Der ganze Aufbau, die Jahre, alles für die Katz. Und dann kann ich dir auch gleich das Haus leer kaufen und dich auszahlen lassen. Dann hast du deine Ruhe, und ich hab gar nichts mehr.“
„Dann lass uns die Scheidung jetzt einreichen“, sagte ich.
Er wirbelte herum.
„Du machst Witze.“
„Kein bisschen. Die Anwältin hat mir empfohlen, die Sache zu beschleunigen. Das gemeinsame Konto teilen wir auf, die Möbel können wir uns einigen. Du bekommst die Schlüssel für die Werkstatt, ich behalte die Wohnung meiner Großmutter. Linnea ist volljährig. Es gibt kaum etwas zu regeln.“
Ich öffnete den Ordner und zog das vorbereitete Dokument hervor. Eine Kopie des Entwurfs für die Scheidungsvereinbarung, den die Anwältin mir vor Wochen mitgegeben hatte. Ich schob es über den Tisch.
Malte starrte auf das Papier. Sein Gesicht wurde kreidebleich.
„Du hast das tatsächlich vorbereitet. Ohne mit mir zu reden.“
„Ich rede seit zwei Jahren mit dir. Du hörst nur nicht zu. Also treffe ich Entscheidungen.“
Er nahm das Blatt, hielt es vor sich, als könnte er nicht glauben, dass es wirklich existierte. Dann lachte er auf, trocken und rau.
„Du bist verrückt geworden. Du wirfst zwanzig Jahre weg wegen einer Wohnung, die dir nicht mal mehr nutzt.“
„Ich werfe zwanzig Jahre weg, in denen ich jeden Tag ein Stück von mir hergegeben habe. Die Wohnung ist nur der Punkt, an dem ich aufhöre.“
Malte zerknüllte das Papier. Er warf es auf den Tisch, wo es neben dem braunen Umschlag landete.
„Ich gehe jetzt. Und ich komme nicht wieder, bis du zur Vernunft gekommen bist.“
„Dann lass die Jacke hier“, sagte ich.
Er sah mich an, mit diesem Ausdruck, den ich von früher kannte. Damals, als ich ihm den Autoschlüssel abgenommen hatte, nachdem er mit zwei Promille vom Betriebsfest nach Hause gefahren war. Ein Ausdruck aus Wut, Ekel und einem winzigen Rest von etwas, das einmal Zuneigung gewesen sein könnte.
„Du wirst es bereuen“, sagte er.
„Ich bereue schon“, sagte ich. „Aber nicht das, was du denkst.“
Er ging.
Ich blieb am Küchentisch sitzen, bis der Regen aufhörte und die Nachbarin über mir ihren Fernseher ausschaltete. Der Apfelkuchen duftete süß und warm durch die Wohnung. Ich wollte ihn nicht anrühren.
Am nächsten Morgen rief ich als Erstes bei der Hausverwaltung an und wies an, die Nebenkostenabrechnung für die Wohnung in Ottensen künftig nur noch an mich zu schicken. Dann rief ich die Bank an und ließ das gemeinsame Girokonto sperren, bis zur Klärung der Vermögensverhältnisse. Ich hatte genug Geld auf meinem eigenen Konto, um die Miete und Lebensmittel für die nächsten drei Monate zu zahlen — nicht mehr, nicht weniger.
Um elf Uhr stand ich vor dem Amtsgericht. Ich trug den blauen Mantel, den meine Großmutter mir zu meinem dreißigsten Geburtstag gekauft hatte. Der Stoff war an den Ellenbogen dünn geworden, aber ich hatte ihn nie weggeben können.
Die Sachbearbeiterin am Empfang war jung, trug eine schmale Brille und lächelte mich an, als ich nach dem Familienrecht fragte.
„Sie sind angemeldet?“
„Noch nicht. Ich möchte einen Antrag einreichen.“
Sie reichte mir ein Formular, einen Kugelschreiber mit dem Aufdruck einer Versicherung, und wies mir einen Warteplatz zu. Der Boden im Flur war aus Terrazzo, grün und grau gesprenkelt, kühl und abgewetzt von tausend Schritten. Es roch nach Bohnerwachs und nassem Stoff.
Ich setzte mich auf die Holzbank und begann, das Formular auszufüllen. Als ich zu dem Feld kam, in dem ich den Grund für die Scheidung angeben sollte, zögerte ich einen Moment. Es gab viele Gründe. Zu viele. Keiner davon ließ sich in zwei Zeilen unterbringen.
Ich schrieb: *Zerrüttung der ehelichen Lebensgemeinschaft.*
Dann unterschrieb ich.
Als ich wieder auf die Straße trat, fiel Nieselregen. Die Lichter der Straßenbahn spiegelten sich in den Pfützen am Steindamm. Ich blieb an der Haltestelle stehen, atmete tief ein, und fühlte wie der Geruch von Abgasen und gebratenen Zwiebeln aus der Dönerbude nebenan in meine Lunge strömte.
Mein Handy vibrierte in der Manteltasche. Ich zog es heraus, sah Maltes Nummer auf dem Display und drückte den Anruf weg.
Dann schaltete ich das Telefon aus.
Die Straßenbahn kam. Die Türen öffneten sich mit einem Zischen. Ich stieg ein, setzte mich ans Fenster und sah zu, wie die Stadt an mir vorbeiglitt. Irgendwo da draußen, in einer Halle in Barmbek, die er schon nicht mehr würde bezahlen können, saß mein Mann und wartete auf mein Einlenken.
Ich würde nicht einlenken.
Als ich zu Hause ankam, warf ich den braunen Umschlag mit den Bankunterlagen in den Altpapiercontainer im Hof. Dann ging ich nach oben, schnitt ein Stück Apfelkuchen ab und setzte mich an den Küchentisch.
Der Kuchen war kalt geworden. Er schmeckte nach Zimt und nach dem, was meine Großmutter immer getan hatte, wenn das Leben ihr etwas vor die Füße warf.
Sie hatte weitergebacken. Und dann hatte sie getan, was zu tun war.
Ich aß den Kuchen, trank den Tee, und dann nahm ich den Ordner mit den Scheidungsunterlagen und steckte ihn in meine Handtasche. Morgen würde ich bei der Anwältin anrufen und den nächsten Termin ausmachen.
Die Wohnung in Ottensen blieb, wo sie war. Mit ihren hohen Wänden, den alten Dielenböden und dem Türblatt, das meine Großmutter einmal grün gestrichen hatte, weil sie fand, dass dunkle Türen Unglück brächten.
Ich würde die Tür streichen lassen. Nicht grün. Ein warmes, kräftiges Rot.
Denn manche Türen müssen einfach hinter einem ins Schloss fallen. Damit man endlich in Ruhe weitergehen kann.







