Der Geruch von Schmortopf hing schwer in der kleinen Küche in Leipzig-Grünau. Auf dem Tisch, bedeckt mit einer abwaschbaren Tischdecke in Senfgelb, standen bereits zwei Teller. Tiefe, altmodische mit Blumenmuster am Rand.
Kathrin lehnte am Türrahmen, die Jacke noch an. Sie war vierzig Minuten durch den Nieselregen gefahren, direkt nach einer Doppelschicht in der Apotheke am Hauptbahnhof. Die Füße brannten. Ihr Mann Dirk hatte sie bekniet: „Meine Mutter will Ben so gern mal wieder sehen. Sie hat extra für uns gekocht, da können wir nicht absagen." Also stand sie jetzt hier, im dritten Stock eines Plattenbaus, und atmete den Dunst von Rinderrouladen und Rotkohl.
Dirk saß schon. Ben, sieben Jahre alt, kippelte mit seinem Stuhl. Seine Mutter, Ruth, zweiundsiebzig, eine kompakte Frau mit Dauerwelle und den wachsamen Augen einer Frau, die jahrzehntelang die Kasse im Konsum geführt hatte, balancierte eine Schüssel mit Kartoffelklößen zum Tisch.
Sie stellte sie ab. Dann verschwand sie im Wohnzimmer und kam mit einem Teller zurück. Ein weißer, abgegriffener Plastikteller, wie man ihn auf Gartenfesten benutzt. Den legte sie vor Kathrins Platz. Kein Besteck.
Für Dirk und Ben gab es Rouladen. Zwei Stück pro Person. Soße. Klöße. Rotkohl. Ruth betupfte sich mit der Serviette den Mund und setzte sich, ohne Kathrin anzusehen.
„Und was ist mit mir?", fragte Kathrin. Die Frage klang im Raum, als hätte jemand an ein Glas geklopft.
Ruth tauchte ihren Löffel in die Soße. „Ich bin nicht verpflichtet, Fremde durchzufüttern", sagte sie in die Schüssel hinein. „Ich habe aufgetragen für meinen Sohn und meinen Enkel. Du arbeitest. Du verdienst. Da wirst du dich ja wohl selbst versorgen können."
Dirk legte das Besteck hin. Für einen Moment dachte Kathrin: Jetzt steht er auf. Jetzt sagt er etwas. Er nahm das Messer wieder auf, schnitt ein Stück von der Roulade ab und schob es sich in den Mund. Das Kauen war das einzige Geräusch im Raum.
Ben hatte nichts verstanden. Er malte mit dem Finger Muster in die Soße auf seinem Teller und summte die Melodie aus der Werbung.
„Dirk?", sagte Kathrin.
„Mh?"
Sie wartete. Er hob nicht einmal den Kopf. Sieben Jahre Ehe. Ein gemeinsames Kind. Eine Wohnung in Lindenau, für die sie jeden Morgen um halb sechs aufstand, um Rezepte zu prüfen und Salben zu sortieren.
Irgendwo im Treppenhaus bellte der kleine Hund von Frau Genscher aus dem vierten Stock.
Kathrin zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu. „Guten Appetit", sagte sie. „Ben, wenn du fertig bist, kommst du runter. Ich warte am Auto."
Sie fuhr mit dem Aufzug nach unten. Der Flur roch nach kaltem Rauch und Bohnerwachs. Draußen war es dunkel, der Regen hatte aufgehört. Sie setzte sich in den Fabia, ließ den Motor an und drehte die Heizung auf. Im Handschuhfach lagen noch die Gummibärchen, die sie für Ben gekauft hatte. Sie aß zwei. Ihre Hände zitterten am Lenkrad.
Das war kein plötzlicher Ausbruch. Das war ein Plan. Ruth tat nichts ohne Grund. Die Frage war nur: welcher?
Am Montag hatte Kathrin Dienstbeginn um sieben. Sie vertrat Frau Owusu, die im Urlaub war, machte die Medikamentenausgabe allein. Zwischen zwei Kunden zückte sie das Handy und öffnete die Banking-App.
Das gemeinsame Konto für den Sommerurlaub. Sie wollten im Juli nach Usedom, zehn Tage, Ferienwohnung mit Ostseeblick. Seit Januar legten sie jeden Monat vierhundert Euro zurück. Der Stand hatte am Freitag noch sechstausendachthundert betragen.
Die App zeigte: eintausendzweihundert.
Kathrin starrte auf die Zahl. Der Pförtner, Herr Lehmann, rollte einen Karton durch die Tür und grüßte. Sie hörte ihn nicht.
Sie rief sofort die Umsätze auf. Am vergangenen Mittwoch, vier Tage vor dem Essen bei Ruth, waren fünftausendsechshundert Euro abgegangen. Überweisung. Empfänger: René Brackmann.
René. Dirks jüngerer Halbbruder. Der, der angeblich gerade eine Spedition in Delitzsch aufbaute.
Abends saß Kathrin am Küchentisch, den Laptop aufgeklappt, einen Kassenbon ihrer Hausbank daneben, auf den sie die wichtigsten Zahlen geschrieben hatte. Dirk kam um acht. Er hängte die Jacke über den Stuhl, sah den Laptop, sah den Bon, und seine Schultern fielen nach vorn.
„Wo sind fünftausendsechshundert Euro?"
Er zog die Schuhe aus. Zeit schinden.
„Dirk. Wo sind sie?"
„Ich kann das erklären." Er setzte sich, rieb sich das Gesicht. „René hatte einen Liquiditätsengpass. Die Bank wollte den Leasingvertrag für den Lkw nicht verlängern. Der wäre in drei Tagen abgelaufen. Mama hat mich angefleht. Sie hat gesagt, er zahlt das zurück, mit Zinsen, bis September."
„Und warum wusste ich nichts davon?"
„Ich wollte dich nicht belasten. Du hattest so viel Stress in der Apotheke."
Kathrin legte beide Hände flach auf den Tisch. „Deine Mutter wusste es."
„Ja, natürlich. Sie hat ja René vermittelt. Ich habe das Geld ihr zuerst angeboten, aber sie hat nur einen kleinen Teil flüssig. Sie meinte, unser Notgroschen wäre der schnellste Weg."
Kathrin spürte, wie ihr Gesicht ganz ruhig wurde. Nicht kalt, sondern ruhig, auf eine fast technische Art.
„Deine Mutter hat vorgestern einen Teller vor mich gestellt – einen Gartenteller, Dirk, so einen billigen aus Plastik – und hat mich eine Fremde genannt. Vor unserem Kind. Und du hast gegessen."
„Ach komm, das war so nicht gemeint. Sie ist alt, die hat ihre Art."
„Sie ist nicht irgendwie. Sie hat einen ganzen Abend lang geplant. Sie wusste genau, dass ich in dieser Woche aufs Konto sehe. Und sie wollte, dass wir uns über ihre Unverschämtheit zerstreiten, damit ich nicht merke, was du mit unserem Geld gemacht hast."
Dirk leckte sich über die Lippen. „Du übertreibst."
„Ach ja? Dann ruf sie jetzt an. Lautsprecher. Frag sie, ob ihr Plan so war."
Er nahm das Handy nicht in die Hand. Er starrte auf die Spülmaschine.
Am nächsten Sonntag rief Ruth an. Kathrin saß im Wohnzimmer, faltete Bens Fußballwäsche. Dirk stand am Fenster und nahm das Gespräch an. Er drückte nicht auf laut, aber er hielt das Telefon so nah ans Ohr, dass bei der Lautstärke jedes dritte Wort zu ihr herüberschwappte.
„… bringst du mir den Jungen, ja? Deine Frau lass lieber zu Hause. Für die koche ich nichts mehr. Und überleg dir, ob du dir so ein Leben antun willst. Immer nur arbeiten, nie ein Lächeln im Gesicht. Du könntest auch glücklicher sein, weißt du."
Kathrin faltete ein Handtuch. Einmal quer, einmal längs.
Dirk sagte: „Mama, bitte."
„Was bitte? Ich sage nur die Wahrheit. Ein Mann muss entscheiden können. Sie hat kein Recht, sich wegen Renés Sache so anzustellen. Das ist doch Familie. Oder hat sie dir etwa verboten, deinem Bruder zu helfen?"
„Nein."
„Dann ist ja gut."
Kathrin stand auf und legte den Stapel Wäsche in den Schrank. Sie warf die Socken einzeln in das Fach, ordnete sie nach Farben, schloss die Tür leise.
Um halb drei nachts lag sie wach. Dirk atmete gleichmäßig neben ihr. Sie lauschte dem Tropfen des Wasserhahns im Bad, das sie seit drei Wochen reparieren wollte, und dachte an eine Zahl: fünftausendsechshundert. Für das Geld hatte sie an vierzig Samstagen Rezepte gezählt: Antibiotika, Blutdrucksenker, Antidepressiva. Sie kannte inzwischen die Dosierungen, die Namen der Hersteller, die Farben der Kapseln. Und sie kannte genau den Gesichtsausdruck von Menschen, die eine Auskunft brauchen, sich aber nicht trauen zu fragen.
Am Montag in der Mittagspause eröffnete sie bei der Sparkasse ein eigenes Girokonto. Ihre nächste Gehaltsüberweisung ließ sie dorthin umleiten. Sie bat die Vermieterin um ein Gespräch, und nach zwanzig Minuten am Küchentisch der alten Dame mit einer Tasse Lindentee war die Miete offiziell auf zwei Zahlungsströme geteilt. Kathrin überwies ihren Anteil, vierhundertvierzig Euro, ab dem nächsten Monat direkt.
Am Freitagabend, als Dirk Bens Rucksack für das Wochenende bei Ruth packte, legte sie die Fernbedienung zur Seite.
„Wir müssen reden."
Er zog den Reißverschluss zu. „Ich muss los. Mama wartet mit dem Abendbrot."
„Dann wirst du dich verspäten. Setz dich."
Sie ließ ihn einen Stuhl ziehen. Dann erzählte sie ihm, ruhig, wie man einem Kunden die Wechselwirkungen eines Medikaments erklärt:
„Ich habe ein eigenes Konto. Meine Einkünfte gehen ab jetzt dorthin. Ich zahle meinen Teil der Miete direkt. Ab morgen kaufe ich nur noch für Ben und mich ein. Deine Wäsche wasche ich weiterhin, aber dein Essen? Für dich koche ich nicht mehr. Das habe ich von deiner Mutter gelernt: Niemand ist verpflichtet, Fremde durchzufüttern."
Dirk legte den Kopf schief. „Was soll das? Willst du dich scheiden lassen?"
„Ja."
Das Wort stand im Raum wie ein Paket, das abgestellt wurde.
„Wegen sechstausend Euro? Wegen des Tellers? Das ist doch verrückt."
„Es geht um ein Prinzip." Sie strich die Tischdecke glatt. „Du hast heimlich unser gemeinsames Geld genommen, und als deine Mutter mich gedemütigt hat, hast du weitergegessen. Das eine wiegt schwer. Das andere wiegt schwerer."
„Und was ist mit Ben? Willst du die Familie kaputtmachen?"
„Ben braucht ein Zuhause, in dem seine Mutter nicht als Gast zweiter Klasse behandelt wird. Wir verkaufen die Wohnung und teilen."
Dirk stand auf, rieb sich den Nacken. „Ich fahre jetzt zu Mama. Wir reden morgen weiter."
„Fahr", sagte Kathrin. „Aber frag dich auf dem Weg, ob du für sie ein Partner bist oder nur ein Bote mit Geldbörse."
Fünf Tage später platzte Ruth in die Wohnung. Dirk hatte sie angerufen, weinend, nachdem der Brief vom Anwalt gekommen war. Die Klingel schepperte dreimal, dann schlug die Tür gegen den Schuhschrank. Ruth polterte in den Flur.
„Du willst meinen Sohn rausschmeißen? Du willst die Wohnung verkaufen? Bist du von allen guten Geistern verlassen?"
Kathrin bügelte im Wohnzimmer Bens Fußballtrikot. Sie zog den Stecker aus der Steckdose und legte das Eisen auf die Ablage.
„Die Wohnung gehört uns beiden. Das steht im Grundbuch. Sie können gern einen Anwalt bezahlen, wenn Sie das prüfen lassen wollen. Aber das wird teuer. Und Ihr Sohn wird die Rechnung nicht übernehmen können, denn er muss für sich selbst aufkommen."
Ruths Gesicht war fleckig, die Adern am Hals traten hervor. „Du warst immer das Problem. Von Anfang an. Ich habe ihm gesagt, heirate keine Apothekerin, die bildet sich noch was ein. Ich wusste, dass du so endest."
Kathrin lehnte sich gegen die Kommode. „Ich habe Sie nie gebeten, mich zu lieben. Aber Ihr Sohn hat mich geheiratet. Vor Gott und dem Standesamt. Wer eine Schwiegertochter vor einem Kind eine Fremde nennt, der will keine Familie. Der will Gehorsam."
„Mein Sohn gehört zu mir. Und sein Kind auch."
„Wollen Sie wissen, was Ihr Sohn jetzt hat? Ein Konto mit eintausendzweihundert Euro. Einen Bruder, der in seinem Namen Schulden macht. Und eine Mutter, die ihn an ihr Geschirr bindet. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen."
Ruth hob die Hand, als wollte sie irgendetwas werfen. Aber der Couchtisch war leer, Kathrin hatte aufgeräumt. Ruths Mund öffnete und schloss sich. Dann drehte sie sich um und zog die Tür so hart ins Schloss, dass der kleine Igel-Aufkleber, den Ben an die Innenwand geklebt hatte, abfiel und auf dem Boden lag.
Kathrin hob ihn auf. Sie drückte die Rückseite auf den Handrücken, spürte, wie die Klebeschicht noch hielt. Dann klebte sie ihn wieder an die Tür, sorgfältig, mit dem Daumennagel.
Der Verkauf dauerte vier Monate. Die Wohnung in Lindenau, eine Drei-Zimmer-Altbauwohnung mit Stuck und Dielenboden, erzielte zweihundertsechsunddreißigtausend Euro. Nach Abzug der Restschuld blieben achtundachtzigtausend zur Teilung. Vierundvierzigtausend für jeden.
Dirk nahm seinen Anteil und gab dreiundzwanzigtausend davon an René, weil der dringend einen gebrauchten Auflieger kaufen musste. Er zog zu Ruth nach Grünau. Kathrin hörte es von Ben, der an den Besuchswochenenden davon erzählte. Er fragte, warum Oma so oft schimpft, und Kathrin sagte: „Oma hat viel um die Ohren."
Sie selbst mietete eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Gohlis. Nicht groß, aber hell. Vom Balkon im dritten Stock konnte sie zwischen den Dächern den Turm der Friedenskirche sehen. Im Sommer lag sie mit Ben auf einer Decke und zählte die Flugzeuge. Im November kaufte sie ihm neue Fußballschuhe. Grün-schwarz, Größe dreiunddreißig.
Am ersten Advent kam Dirk vorbei, um Ben abzuholen. Er stand im Flur, sah sich um, als beträte er ein Museum. Kathrin hatte Plätzchen gebacken, Spekulatius, der Teig roch noch im ganzen Flur.
Als er gehen wollte, drehte er sich noch einmal um und hielt die Mütze in beiden Händen.
„Sag mal… Bereust du es?"
Kathrin hängte Bens Jacke an den Haken. Unten im Haus klingelte ein Nachbar. Irgendwo lief ein Staubsauger.
„Nein", sagte sie. „Weißt du, was deine Mutter mir geschenkt hat? Einen leeren Teller. Und auf den kann ich jetzt alles legen, was vorher keinen Platz hatte."
Sie hielt ihm die Tür auf. Er trat auf den Treppenabsatz, zog die Mütze auf und ging die Stufen hinunter, ohne noch einmal aufzublicken.
Kathrin ging in die Küche. Auf dem Herd stand ein Topf mit Nudeln. Daneben: zwei Teller. Einer für Ben, einer für sie. Beide voll.







