Als Katja Brenner ihren Mann zum ersten Mal auf einer Werftfeier traf, war sie sechsundzwanzig und arbeitete als Rezeptionistin in einem Hotel in Stralsund. Volker Brenner war einundvierzig, besaß eine Reederei mit drei Frachtschiffen und ein Haus mit Blick auf den Strelasund. Der Altersunterschied störte niemanden – am wenigsten Katja selbst, die in den ersten Jahren jedem erzählte, sie hätte Volker auch geheiratet, wenn er Hafenarbeiter gewesen wäre.
Sechs Jahre lang stimmte das vielleicht sogar. Dann kam Jonas.
Er leitete das Fitnessstudio am Hafen, in dem Katja dienstags und donnerstags trainierte. Erst Small Talk an der Kraftstation, dann Kaffee nach dem Training, irgendwann Nachrichten um Mitternacht. Im Winter, als Volker geschäftlich drei Wochen in Rotterdam war, wurde aus der Sache mehr als Flirt.
„Warum lässt du dich nicht einfach scheiden?", fragte Jonas einmal, als sie in seinem Auto vor dem Studio saßen und der Regen gegen die Scheibe trommelte.
„Weil ich dann mit einem Bruchteil dastehe", antwortete Katja und drehte die Heizung höher. „Der Ehevertrag ist eine Katastrophe. Ich hab ihn selbst unterschrieben, ohne ihn zu lesen."
Von da an redeten sie nicht mehr über Scheidung.
Der Plan formte sich über Wochen, bei Bier und auf Parkplätzen. Volker fuhr fast jedes zweite Wochenende mit seiner Segelyacht, der „Ostwind II", raus in die Ostsee, oft bis in internationale Gewässer nördlich von Rügen. Ein Unfall an Bord, weit draußen, bei Dunkelheit – niemand würde genauer hinsehen.
Katja begann, ihren Mann zu verwöhnen wie nie zuvor. Sie kochte sein Lieblingsgericht, Kohlroulade nach dem Rezept seiner verstorbenen Mutter, ließ die Nachbarn im Treppenhaus von seiner Großzügigkeit schwärmen, buchte für seinen Geburtstag einen Tisch im besten Fischrestaurant am Alten Hafen. Volker, gerührt und ahnungslos, sagte zu jedem Vorschlag Ja – auch zu dem einen Ausflug, den sie „nur zu zweit" nannte.
Es war ein Freitagabend im September, das Wasser noch mild, der Himmel klar bis zum Horizont. Als die Lichter von Stralsund hinter ihnen im Dunst verschwanden, tauchte auf einmal Jonas aus der Kajüte auf.
„Was macht der hier?", fragte Volker und trat einen Schritt zurück.
Bevor Katja antworten konnte, packte ihn von hinten der Sicherheitsmann Radek, dem sie zwei Wochen zuvor zwölftausend Euro auf sein Konto bei der Ostseesparkasse überwiesen hatten, verteilt auf drei Teilbeträge, damit es niemandem auffiel. Volker wehrte sich, trat um sich, schrie irgendetwas Unverständliches – zu dritt hatten sie ihn trotzdem in Minuten überwältigt. Sie fesselten ihm die Hände mit Kabelbindern und zwangen ihn auf die Knie, das Deck rau unter seiner Wange.
„Katja, warum?", brachte er heraus, als er endlich begriff.
Sie sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. „Weil ich nicht mehr warten will."
Jonas schleppte die schwere Ankerkette aus dem Vorschiff, dazu einen alten Klumpenanker, den Volker eigentlich schon vor Jahren hatte verschrotten lassen wollen. Sie schlangen ein Ende um Volkers Fußgelenke. Er sah sie an, als warte er noch immer auf das eine Wort, das alles zurücknehmen würde. Katja drehte sich weg und betrachtete stattdessen die Positionslichter eines fernen Frachters, als wäre das gerade das Wichtigste.
Zu dritt zerrten sie ihn zur Reling. Jonas kippte den Anker zuerst über Bord, dann stießen er und Radek den Mann nach. Katja trat an die Reling, sah, wie für ein paar Sekunden Blasen an die Oberfläche stiegen, dann war nur noch das gleichmäßige Klatschen der Wellen gegen den Rumpf zu hören.
Jonas legte ihr den Arm um die Schulter. „Jetzt gehört alles uns."
Unten in der Kajüte hatten sie eine Flasche Rotkäppchen-Sekt kaltgestellt. Sie tranken auf dem Achterdeck, während die Ostwind II gemächlich zurück Richtung Rügen tuckerte. Katja stellte ihr Glas auf die Bank, ungetrunken, und rieb sich die Arme, obwohl die Nacht mild war.
In Sassnitz angekommen, alarmierte Katja gegen halb elf die Wasserschutzpolizei: Ihr Mann habe zu tief ins Glas geschaut, sei allein an Deck gegangen und über Bord gestürzt.
Was Katja nicht wusste: Volker war seit seiner Studienzeit passionierter Sporttaucher und hatte im Vorschiff, gut versteckt hinter einer Werkzeugkiste, ein kleines Notfallmesser griffbereit. Als ihn der Sicherheitsmann in die Tiefe stieß, gelang es ihm noch, eine Hand freizubekommen und die Fessel an einem Fuß zu lockern – gerade in dem Moment, als sich die Kette am Ruderblatt der Yacht verhakte und den Sturz für zwei, drei entscheidende Sekunden bremste. Diese Zeit reichte, um sich mit dem Messer aus der restlichen Schlinge zu schneiden.
Er tauchte weit hinter der davonfahrenden Yacht wieder auf, halb erfroren, die Lunge brennend. Zwei Fischer aus Sassnitz, die noch spät ihre Reusen kontrollierten, entdeckten ihn zufällig im Wasser und zogen ihn an Bord – kaum eine Stunde, nachdem Katja ihren Notruf abgesetzt hatte. Volker wollte sofort die Polizei anrufen, aber die Beamten, die ihn in der Notaufnahme in Bergen aufsuchten, sobald sein Name im System auftauchte, baten ihn eindringlich, seine Rettung vorerst geheim zu halten. Man erklärte ihm, ohne handfeste Beweise stehe am Ende Aussage gegen Aussage, und Katja werde alles abstreiten, sobald sie wisse, dass er lebt. Volker, noch immer benommen, willigte ein – unter der Bedingung, dass man ihn ständig auf dem Laufenden hielt.
So lief parallel zu Volkers Genesung in einer Klinik in Stralsund, unter falschem Namen geführt, die offizielle Suche weiter: Zwei Tage kämmte die Küstenwache mit Booten und einem Hubschrauber der Bundespolizei die Gewässer vor Rügen ab, fand nichts, und stellte die Suche dann offiziell ein. Erst danach, mit dem Segen der Ermittler, ließ Katja die Trauerfeier vorbereiten.
Bei der Trauerfeier in der Stralsunder Nikolaikirche – ohne Sarg, nur mit Volkers Foto auf einer Staffelei – kniete Katja vor dem Bild nieder, strich mit dem Finger über den Rahmen und legte einen einzelnen Rosenzweig aus dem Garten seiner Mutter davor ab. Sie weinte so überzeugend, dass seine Geschäftspartner am Ende sie trösteten, statt umgekehrt. Ein Zivilbeamter des LKA stand unauffällig in der letzten Bankreihe und fotografierte, wer neben wem saß.
Ein Problem blieb für Katja: Der Notar erklärte ihr, ohne Todeserklärung gebe es kein Erbe. Die Reederei, das Haus, die Konten – alles blieb blockiert, bis das Verfahren zur Todeserklärung abgeschlossen war. Katja musste warten. Sie wartete, ungeduldig, und tippte am Tag nach der Trauerfeier, um 23:14 Uhr, aus dem Bad heraus, während Jonas im Wohnzimmer wartete, eine Nachricht: „Notar sagt frühestens in 6 Wochen. Bis dahin verkaufen wir schon mal nichts, aber ich hab mit dem Makler wegen des Hauses gesprochen, damit wir vorbereitet sind, sobald das Papier da ist." Genau diese Nachricht, zusammen mit einem Dutzend weiterer, sicherte sich das LKA über eine richterlich angeordnete Überwachung von Jonas' Anschluss.
Zehn Tage nach der Trauerfeier klingelte es an der Haustür, kurz vor neun Uhr morgens. Zwei Kriminalbeamte vom LKA Mecklenburg-Vorpommern. Katja rechnete mit Routinefragen, öffnete die Tür in Strickjacke und mit einer Tasse Pfefferminztee in der Hand. Einer der Beamten legte ihr wortlos ein Foto auf den Küchentisch.
Volker. Am Leben, in einem Krankenhausbett, das Datum in der Ecke des Fotos gut lesbar.
Die Tasse zitterte in ihrer Hand, Tee schwappte über den Rand auf die Untertasse.
Das Entscheidende aber war eine kleine Kamera unter dem Niedergang, die Volker Monate zuvor nach zwei Diebstählen an Bord hatte installieren lassen – eine Kamera, von der Katja nichts wusste. Sie hatte fast alles aufgezeichnet.
Als man ihr im Vernehmungszimmer der Polizeidirektion Stralsund die Aufnahme zeigte, leugnete sie nichts mehr. Jonas und Radek wurden noch am selben Abend festgenommen.
Drei Wochen später saß Volker in der Anwaltskanzlei am Alten Markt, vor sich einen dicken Aktenordner mit dem Etikett „Nachlassregelung – widerrufen". Sein Anwalt schob ihm einen zweiten Vertrag hinüber: die Übertragung sämtlicher Anteile der Reederei auf seinen Neffen Tobias, der seit Jahren als Prokurist im Unternehmen arbeitete und den ganzen Prozess mit Volker durchgestanden hatte, ohne ihn je öffentlich zu verraten.
Katja bekam, was der Ehevertrag ihr zusprach – nichts weiter, denn ein Gericht in Stralsund hatte wenig später festgestellt, dass versuchter Totschlag jeden Erbanspruch ausschließt. Volker unterschrieb den Ordner mit ruhiger Hand, klappte ihn zu und schob ihn über den Tisch zurück.
„Fertig", sagte er zu Tobias. „Der Rest ist Sache des Gerichts."
Draußen, vor der Kanzlei, lag der Strelasund grau und ruhig im Spätsommerlicht, ein Frachter zog gemächlich Richtung Fährhafen. Volker steckte die Hände in die Jackentaschen und ging zu Fuß zurück zum Hafen, wo die Ostwind II – längst polizeilich freigegeben – wieder an ihrem alten Liegeplatz vertäut war.







