Den ganzen Nachmittag über hatte Werner Hansen das Gefühl, dass ihn jemand beobachtete. Nicht von draußen — davon war er in drei Jahren allein an der Müritz abgekommen. Es war dieses Gefühl, wenn man eine Frage nicht aus dem Kopf bekommt, weil man weiß, dass man sie selbst stellen muss.
Er klopfte gerade den Rasenmäher ab, als ihn das Gewitter über dem Ort erwischte. Der Himmel über Waren wurde schwarz wie ein alter Kessel. Die ersten Tropfen schlugen in die Pflastersteine, dass es klang wie splitterndes Glas. Er schaffte es gerade noch unter den Carport und zog die Werkzeugkiste hinter sich her.
Auf der Fensterbank stand das Bild von Inge. Sie lachte, wie sie immer gelacht hatte: mit dem Kopf leicht schief, als hätte jemand gerade einen Witz gemacht, den nur sie verstand. Fünf Jahre war das jetzt her. Fünf Jahre, in denen Werner mit dem sprach, was von ihr geblieben war.
„Du sagst ja nichts mehr zu dem Wetter“, meinte er zu dem Foto. „Aber du hättest auch nur gesagt, dass ich die Handschuhe anlassen soll.“
Draußen prasselte der Regen auf das Wellblechdach. Die Kiefern am Zaun bogen sich im Wind, und wenn es aufblitzte, sah man jeden Tropfen am Himmel stehen, als hätte jemand die Zeit angehalten. Werner blieb auf der Schwelle sitzen und wartete darauf, dass der ganze Zauber vorüberging.
Am nächsten Morgen war die Luft so klar, wie man sie nur nach so einer Nacht bekommt. Der Hof stand halb unter Wasser, und die Auffahrt zum Bootshaus war mit abgerissenen Birkenzweigen übersät. Beim Aufräumen sah Werner, dass der Sturm den alten Ahorn an der Grundstücksgrenze bis auf die Wurzeln gespalten hatte, als hätte jemand einen Besen auseinandergeklappt.
„Na großartig“, murmelte er und holte die Axt aus dem Schuppen.
Er arbeitete sich die Vormittagsstunden hindurch, hackte das Holz auf und stapelte es ordentlich neben der Einfahrt. Die Wiederholung tat ihm gut: Hand ansetzen, durchziehen, das trockene Knacken, wenn sich der Stamm teilte. Er mochte Aufgaben, die man sehen konnte.
Es war schon Nachmittag, als er es hörte. Ein Fiepen, das unter dem Knistern der Blätter lag, so dünn, dass man es zweimal hören musste, um daran zu glauben. Er hielt inne, die Axt im Holz. Der Laut kam von der Böschung hinter den Brennnesseln.
„Ach, du liebe Zeit“, sagte Werner zu sich selbst.
Er schob die Nesseln mit dem Stiefel auseinander. Da lag das Ding: ein Bündel nasser grauer Haare, nicht größer als ein Turnschuh. Der Kopf hob sich einen Moment, zwei Augen sahen ihm direkt ins Gesicht, dann fiel der Kopf wieder in den Matsch zurück.
Es war ein Hund. Oder das, was von einem Hund übrig war, wenn er durch einen Sturm geht. Die Pfoten waren blutig, der Bauch so dünn, dass man jede Rippe sah. Er atmete schnell und flach, als ob jeder Atemzug etwas kostete, das er nicht mehr hatte.
Werner schaute hinunter und rechnete. Füttern, tränken, Tierarzt, Zeit. Und was, wenn er einging? Er war noch nicht wieder so weit, dass er zusehen konnte, wie etwas starb, das bei ihm im Haus lebte.
Er drehte sich um und ging zurück zur Axt.
Aber das Fiepen hörte er den ganzen Weg bis zur Haustür.
In der Nacht lag er wach und dachte an falsche Dinge: an die Weihnachtskarte, die Inge im letzten Jahr geschrieben hatte, an die Art, wie sie morgens den Teller auf den Tisch gestellt hatte, ehe sie Tee kochte. Um kurz nach vier gab er auf.
Der Welpe lag noch da, wo er ihn zurückgelassen hatte. Er hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Als Werner sich über ihn beugte, schlug der Hund die Augen auf und legte den Kopf schief.
„Du bist ja ein Kämpfer“, sagte Werner leise.
Er nahm das Bündel auf. Es wog fast nichts. Die Knochen fühlten sich an wie trockene Streichhölzer unter dem Fell. Unter der Jacke, an der Brust, begann der kleine Körper zu zittern, als würde er aufgetaut.
Zu Hause setzte Werner ihn in einen alten Waschkorb, schob ein Handtuch darunter und holte eine Schale Wasser. Der Hund schaute zur Schale, dann zu Werner, dann wieder zur Schale. Er trank so lange, dass er husten musste.
„Bruno“, sagte Werner. „Wie der Nachbarshund von damals. Der war auch aus dem Nichts aufgetaucht.“
Der Name blieb, weil er kurz war und weil man ihn gut rufen konnte, wenn man einen Hund überhaupt rufen wollte.
Bruno erholte sich schneller, als Werner dachte. Schon nach wenigen Tagen wackelte er durch die Küche, fiel über seine eigenen Pfoten und stand wieder auf. Er folgte Werner auf Schritt und Tritt.
„Du bist lästig“, sagte Werner, aber er ließ die Tür jetzt offen, wenn er aufs Klo ging, weil Bruno sonst davor jammerte.
Mit der Zeit nahm der Hof eine andere Gestalt an. Morgens ging Werner nicht mehr bloß auf die Straße, um die Zeitung zu holen, sondern bis zur Seepromenade, wo Bruno in jedes Gebüsch verschwand. Er kaufte ein anderes Futter, erst Trockenfutter, dann Dosen, dann Frischfleisch vom Schlachter, der ihn dafür freundlich über das Gebiss seines Hundes aufklärte.
„Sie müssen das vom Alter her sehen“, sagte der Schlachter. „Der ist ja noch im Wachstum. Da braucht er was Ordentliches.“
Werner stand am Tresen, die Leinenende in zwei Fingern, und nickte ernst. Er hatte sich nie für Hundefutter interessiert. Jetzt wusste er, was ein Welpe im dritten Monat fressen durfte und was nicht.
Mit Inge sprach er jetzt anders. Nicht mehr so oft, aber dringlicher. „Der Bruno hat wieder in den Gang gemacht“, sagte er zum Foto. „Aber du musst ihn mal sehen, wenn er den Stock bringt. Als hätte er nie was anderes gewollt.“
Im Oktober begann der Wind vom See her zu riechen, nach nassem Laub und Rost. Werner stand am Fenster, Bruno neben ihm, den Kopf gegen seine Wade gelehnt. Draußen fuhr der Bus nach Neustrelitz, schlecht beleuchtet, fast leer.
„Was meinst du“, fragte er den Hund. „Fahren wir mal wieder zur Ostsee? War ja ewig nicht mehr da.“
Bruno klopfte mit dem Schwanz gegen den Heizkörper.
Zwei Wochen später hatten sie das erste Schneetreiben. Werner machte sich Sorgen, weil Bruno kaum noch fraß. Einen Tag lang schob er das Futter in der Schüssel hin und her, trank nur wenig. Werner hatte das Gefühl, dass der Hund schluckte, als ob ihm etwas im Hals säße.
In der Nacht kratzte Bruno an der Schlafzimmertür. Werner knipste das Deckenlicht an. Der Hund stand da, den Kopf gesenkt, und atmete, als hätte er einen langen Lauf hinter sich. Vor der Tür lag ein heller, zäher Fleck.
„Was hast du, mein Junge?“, fragte Werner und war selbst überrascht, wie schnell das kam.
Dann ging alles, was er sich in den letzten Jahren an praktischer Kenntnis zugelegt hatte, auf einen Schlag wieder verloren. Er kniete nieder, legte die Hand auf den Brustkorb des Hundes, fühlte das Herz wie einen Motor, der zu schnell lief. Bruno winselte tief in der Kehle, so tief, dass es kaum zu hören war.
Werner zog sich an. Er zog Bruno die alte Wolldecke über, warf einen Blick auf das Foto von Inge, als würde sie etwas sagen wollen, und hob den Hund auf den Beifahrersitz.
Der Opel sprang beim dritten Mal an. Die Straßen waren leer, auf dem Marktplatz blinkte die Ampel ihr einsames Gelb. Er fuhr schneller, als er sich je zugetraut hätte, und die ganze Zeit sprach er halblaut auf den Hund ein, ohne zu wissen, was er sagte.
Der ärztliche Notdienst in der Kleintierklinik von Neubrandenburg bestand aus einer jungen Frau mit dunklem Zopf, die den Hund ohne ein Wort auf den Untersuchungstisch hob.
„Da ist etwas im Magen“, sagte sie nach einer Minute. „Hat er in letzter Zeit Knochen bekommen?“
„Nur diese Kausachen aus dem Supermarkt“, sagte Werner. „Und ein Schweineohr, weil er so gebettelt hat.“
Die Ärztin nickte, als hätte sie das schon tausendmal gehört. „Schweineohren splittern. Das zerlegt dem Kleinen den Darm, wenn man Pech hat.“
Sie machte eine Aufnahme. Werner stand daneben, eine Hand im Nacken, und die kühle Luft der Praxis roch nach Desinfektionsmittel und nassem Tier. Er dachte daran, wie er am Vormittag noch mit Bruno um den Tisch getobt hatte.
„Wir müssen das operieren“, sagte die Ärztin. „Heute Nacht. Sonst schafft er es nicht.“
Werner unterschrieb das Formular. Als sie nach den Kosten fragte, sagte er nur: „Das ist mir gleich. Machen Sie, was zu machen ist.“
Die Stunden bis zum Morgen verbrachte er im Flur der Klinik. Er saß auf einem dieser grauen Stapelstühle, die in Warteräumen überall gleich aussehen, und sah zu, wie die Neonröhre über der Tür zitterte, wenn ein Auto vorbeifuhr. Der Kaffeeautomat gab ihm einen Becher, der nach Metall schmeckte.
Um sieben kam die Ärztin und zog ihre Haube ab. „Er hat es überstanden. Der Darm ist genäht. Die nächsten Tage müssen Sie ihn gut beobachten.“
Werner fuhr nach Hause, duschte, machte sich einen Kaffee, den er nicht trank, und saß am Küchentisch, die Hände flach auf der Tischplatte. Auf dem Foto im Fenster lachte Inge weiter.
Drei Tage später holte er Bruno ab. Der Hund war dünner als zuvor, lief aber selbst zum Auto und legte den Kopf auf Werners Schuh, als sie vor der Haustür ankamen.
„Ich hab dir das Futter umgestellt“, sagte Werner und räumte die Küchenzeile ein. „Kein Schweineohr mehr. Nie wieder. Da kannst du betteln, so viel du willst.“
Bruno lag auf der Matte und sah zu ihm auf, als wäre das völlig in Ordnung.
Ein paar Wochen später kam die Tierarzthelferin noch einmal vorbei, um nach dem Verband zu sehen. Es war ein klarer Dezembertag. Sie stand im Schnee vor dem Haus, die Tasche in der Hand, und fragte: „Wollen Sie ihn behalten?“
„Ich behalte ihn schon“, sagte Werner. „Er ist ja schließlich meiner.“
Das sagte er so ruhig, dass er selbst überrascht war. Bis dahin hatte er nicht einmal über das Wort „meiner“ nachgedacht. Aber es stimmte.
Den Tierarzttermin zum Impfen machte er gleich für Januar. Als er danach durch die Stadt fuhr, war der Himmel so niedrig, dass die Dächer der Fachwerkhäuser darin zu hängen schienen. Bruno saß auf dem Beifahrersitz, die Schnauze an der Scheibe, und hauchte kleine Kreise auf das Glas.
„Lass das“, sagte Werner. „Das putzen wir nachher wieder.“
Aber er ließ es. Und während die Ampel am Wintergarten auf Rot sprang, drückte er die Scheibe einen Spalt herunter, damit der Hund die kalte Luft in die Nase bekam — und weil es ihn glücklich machte, wenn er die Ohren spitzte und nach den Dingen schnüffelte, die Werner nicht sehen konnte.







