Bruno und der August, der niemanden mag

Bruno hasste den August. Nicht den Sommer an sich – der Sommer war in Ordnung, Sommer bedeutete Bratwurstreste hinterm Grill und offene Terrassentüren. Aber der August war der Monat, in dem die Menschen anfingen, komische Blicke zu wechseln, und irgendwann kam der Satz. Bruno hatte ihn schon einmal gehört, vor drei Jahren, von einem Mann in Brandenburg, der eine Hütte aus Paletten gebaut und einen Napf unter die Kirschbäume gestellt hatte. Der Mann war nicht mal unfreundlich gewesen. Hatte ihm sogar hinterm Ohr gekrault und „na, alter Kumpel" gesagt. Den ganzen Sommer über. Und dann, als die Blätter die ersten gelben Ränder bekamen, hatte der Mann sich am Hinterkopf gekratzt: „Tut mir leid, Kumpel. In die Stadt kann ich dich nicht mitnehmen." Bruno war nicht mal überrascht gewesen. Er hatte es geahnt, den ganzen Sommer über. Denn der Mann hatte ihm nie einen Namen gegeben. Keinen Rex, keinen Bello, nicht mal ein simples Balu. Ein Tier ohne Namen loszuwerden ist leichter – es gehört einem ja nie ganz.

Die Kleingartenkolonie am Rand von Cottbus lag in den letzten warmen Wochen des Jahres. Die Rentnerinnen buddelten in ihren Beeten, schimpften mit den Enkeln und seufzten dabei heimlich: bald Schule, bald zurück in die Stadt, und bis zum nächsten Sommer ist es wie zu Fuß bis zum Mond. Bruno hatte eigene Sorgen. Wenn die Wochenendgärtner abzogen, wurde der Container an der Vereinsverwaltung mager. Dann würde er wieder zum Bahnhof laufen müssen, wo es genug streunende Konkurrenz gab, die einen für die Mühe auch mal biss.

Er trottete an den Zäunen entlang, die Nase in jede Ritze, als der Geruch ihn stoppte: gebratene Kartoffeln mit Zwiebeln, aus einem Garten, in dem eine mürrische, aber im Rahmen des Erträglichen mürrische Alte wohnte. Ein Versuch war es wert.

„Mäuschen!" schallte es vom Gartenhäuschen, so laut, dass Bruno zusammenzuckte. Kein Kätzchen weit und breit. „Mäuschen, wie lange soll ich noch warten? Nimm das Geld und flitz zum Kiosk!"

Unter dem Apfelbaum kroch ein Junge hervor, vielleicht zehn Jahre alt. Rundlich, Brille, in der einen Hand ein Handy, in der anderen ein angebissener Apfel. Kein Mäuschen, dachte Bruno, eher ein kleiner Bär. Der Junge schlurfte zum Gartentor, sah den Hund und blieb stehen.

„Krass, ein richtiges Untier. Hast du auch Hunger? Ich krieg hier auch nie was." Er seufzte, viel zu erwachsen für sein Alter. „Ich soll angeblich abnehmen. Warte, ich besorg dir was."

Bruno setzte sich zum Warten hin, ohne große Hoffnung. In der Kolonie mochte man ihn nicht besonders – groß, rotbraun, ohne Papiere, das Fell voller Kletten. Kurz gesagt: ein Schreckgespenst. Aber der Junge log nicht. Kam nach einer Minute wieder, schlich sich um die Ecke wie ein Agent aus einem Kinofilm, und zog eine Frikadelle aus der Plastiktüte. Echt, hausgemacht, mit Dill. „Damit hab ich nicht mal gerechnet", dachte Bruno und schlang sie in einer halben Sekunde runter. „Gut gemacht, Mäuschen. Der Name ist zwar eine Katastrophe, aber du hältst dein Wort. Das muss man vergelten, Schulden mag ich nicht."

„Elias! Was hast du schon wieder aus der Küche stibitzt?" Die Alte stand auf einmal wieder auf der Terrasse. „Kein Krümel Brot mehr im Haus, und der füttert Streuner! Zum Kiosk, aber sofort!"

„Ich heiße Elias", knurrte der Junge. „Hör auf, mich Mäuschen zu nennen."

„Von wegen. Für mich bist du das leibhaftige Mäuschen. Liegst den ganzen Tag in der Sonne und wartest aufs Essen. Zum Kiosk schicken – da muss man dich zehnmal bitten." Der Junge nahm das Geld, die Tüte, und schlurfte zum Tor, als ginge er zur Mathe-Nachprüfung. „Ich will da nicht hin", murmelte er vor sich hin. „Da hängen immer die Typen rum. Die machen mich fertig."

Da war es also. Bruno stand auf und trottete hinterher. Schulden sind Schulden.

„Begleitest du mich? Na dann komm mit." Zuerst schwieg der Junge, trat mit der Turnschuhspitze gegen Kieselsteine. Dann redete er los – so, wie man redet, wenn man lange niemanden hatte, mit dem man reden konnte. „Meine Eltern haben mich hierher geschickt. Fahr zu Oma, sagen sie, frische Luft, Fahrrad fahren, Freunde finden. Wie soll ich Freunde finden, wenn alle nur über mich lachen? Und Oma hat entschieden, ich muss abnehmen. Du isst zu viel und bewegst dich zu wenig, sagt sie. Also nimmt sie sich meiner an!" Er verzog das Gesicht. „Angenommen. Keine Pfannkuchen, keine Kuchen, meckert dauernd wegen dem Handy. Und? Bin ich dünner geworden von ihrer Gemeinheit? Klar doch. Bin nur ständig hungrig."

Einsam, dachte der Hund. Toll erzogen, dieses Kind – beklagt sich bei einem streunenden Hund über sein Leben. Weil sonst niemand da ist. Er zuckte zusammen, als sich eine warme Hand auf seinen Kopf legte. Daran war er nicht mehr gewöhnt. Und dann kam das wirklich Merkwürdige.

„Sag mal, willst du mein Freund sein?" Bruno war verwirrt. Er hatte nicht vor, irgendjemandes Freund zu werden. Schon gar nicht der eines Menschen. Aber er musste nicht antworten – sie waren beim Kiosk angekommen.

Vor dem Laden standen drei Jungs, lehnten an ihren Fahrrädern, knackten Sonnenblumenkerne. Ein, zwei Jahre älter als Elias, dafür mit doppelter Portion Frechheit. „Oh, die Kugel rollt an." – „Will uns bestimmt Eis kaufen." Der Dritte beließ es nicht bei Worten: Stellte sein Rad an die Wand und schubste Elias Richtung Tür.

Bruno trat vor. Senkte den Kopf, zog die Lefze hoch und knurrte so, dass in der nächsten Pfütze Kreise liefen. „Die Kugel hat sich 'nen Hund zugelegt…" – „Nimm das Vieh weg!" – „Ach, vergiss ihn. Kommt, Jungs." Die drei Fahrräder verschwanden hinter der Kurve schneller, als Bruno zu Ende knurren konnte. Er drehte sich zu dem Jungen um: na, die Frikadelle abgearbeitet?

„Das war der Hammer!" Elias hüpfte förmlich. „Klasse! Ich nenn dich Donner. So hast du geknurrt, das hat richtig gedonnert."

Bruno erstarrte. Ein Name. Der Junge hatte ihm einen Namen gegeben. Schön, laut, seiner. Na gut, dann würde er diese Freundschaft wohl annehmen müssen. Auf dem Rückweg brach Elias von einem warmen Brötchen knusprige Stücke ab und teilte sie. Und irgendwo tief drinnen nagte es in Donner: ein seltsames Paar waren sie, keine Frage. Ein rundlicher Junge mit Katzenspitznamen und ein Hund, den keiner wollte. Was für eine Zukunft sollte das haben? In drei Wochen würden die Wochenendgärtner abreisen. Man darf sich nicht binden, dachte er – und merkte, dass es zu spät war. Der Faden war schon gespannt. Durchtrennen wäre leicht. Nur wollte er nicht.

Der August beeilte sich, dem Herbst Platz zu machen. Legte morgens Nebel über den Vereinsteich, streute Gold in die grünen Kronen, ließ kalte Schauer fallen. Donner lief jeden Morgen zum bekannten Gartentor. Sie gingen zur Spree hinunter, wälzten sich im Gras, spielten Fangen, bis der Ball in den Brennnesseln landete und dort für immer blieb. Elias übte, mit zwei Fingern zu pfeifen – am vierten Tag klappte es, und Donner bellte vor Schreck auf.

Die Oma murrte zuerst: „Hat sich einen furchterregenden Streuner angefüttert." Dann gab sie nach: „Na, meinetwegen, Mäuschen. Der Hund tut dir gut. Wenigstens bewegst du dich jetzt, statt wie ein Pilz im Beet zu hocken." Und fügte an: „Schade nur, dass er nicht früher aufgetaucht ist. Du fährst doch bald zurück in die Stadt."

Dieses „bald in die Stadt" traf Donner mitten ins Herz. Wieder eine Trennung. Wieder Kälte, wieder fremde Höfe. Nur diesmal würde es schlimmer weh tun, denn Elias war sein Mensch. Er hatte ihm einen Namen gegeben.

Das Wunder kam auf dem schwarzen Rücken der alten Promenadenmischung Frieda geritten. Die beiden kannten sich schon lange, grüßten sich am Vereinstor, plauderten manchmal. Frieda hatte Glück gehabt: ihr ganzes Leben bei demselben Herrchen, beide schon in die Jahre gekommen, beide mit gemächlichem Gang. An diesem Tag wartete sie vor dem Tor auf ihren Opa, und Donner trottete vorbei, den Kopf gesenkt, ohne zu grüßen.

„Warum siehst du alte Bekannte nicht mehr?" – „Ach, Frieda. Entschuldige. War in Gedanken." – „Wobei denn? Los, spann mich nicht auf die Folter, mein Opa braucht noch zehn Minuten." – „Das erzähl ich nicht mal eben so. Ich hab ein Mäuschen bekommen." – „Ein Mäuschen?" Frieda setzte sich vor Staunen hin. „Das ist ja neu. Ich dachte, du drehst den Katzen nur den Schwanz um." – „Das hat gar keinen Schwanz." – „Umso interessanter! Was für ein schwanzloses Mäuschen ist das?" – „Ganz normal. Rundlich. Nett. Musst ihn dir mal ansehen."

Elias saß auf der Treppe der Veranda und wartete. „Aha, so ist das", zog Frieda die Worte in die Länge. „An den Jungen gehängt? Und der Sommer geht zu Ende, der fährt zurück in die Stadt, Schule und der ganze Kram, stimmt's?" Nickte. „Sehe ich keine Katastrophe. Fahr mit ihm." – „Der nimmt mich doch nicht mit." – „Hast du's versucht?" Frieda schnaubte. „Der Junge lebt mit seinen Eltern. Mit denen musst du reden. Wenn sie ihn abholen kommen, zeig dich, halt dich auffällig. Streich um seine Beine. Zähne nicht zeigen, sonst erschreckst du sie. Deine Aufgabe: guten Eindruck machen." – „Wie soll das gehen", jammerte Donner. „Ich bin doch furchteinflößend. Struppig." – „Dumm bist du, nicht furchteinflößend. Hunde werden nicht wegen ihres Aussehens geliebt." – „Weswegen dann?" Frieda dachte nach, zuckte mit der grauen Braue. „Wer weiß das schon. Wegen der Treue. Weil man da ist, wenn alle anderen weg sind. Kurz und gut, mein Rat: versuch's. Fällst ja nicht auseinander dabei." Sie schwenkte den zottigen Schwanz und trabte zum Tor davon.

Zwei Tage lang bereitete sich Donner vor wie auf die wichtigste Prüfung seines Lebens. Ging im Kopf durch: erst mit dem Schwanz wedeln, dann Pfötchen geben. Oder gleich das Pfötchen? Zu früh vielleicht.

„Du bist irgendwie anders", bemerkte Elias. „Hast Angst, dass ich wegfahre? Keine Sorge. Ich lass dich nicht zurück. Ich frag Mama und Papa, ob sie dich mitnehmen. Und wenn nicht, bleib ich eben hier." So einfach ist das für ihn, dachte der Hund traurig. Wer soll dich denn hierbleiben lassen. Die packen dich ein, setzen dich ins Auto – und weg seid ihr.

Der blaue Kombi fuhr am Samstagnachmittag auf das Grundstück. Donner fühlte sich alles andere als bereit. Weder als zwei Erwachsene ausstiegen und Elias in die Arme schlossen, noch als die Oma auf der Veranda erschien und alle ins Haus scheuchte. Er legte sich vors Tor und brachte sich nicht dazu, sich zu rühren. Und wenn ich nicht gefalle. Und wenn ich nicht passe.

Endlich kam Elias mit einer riesigen Reisetasche aus dem Haus. Hinter ihm Vater und Mutter, dahinter die Oma. „Also, verabschied dich von Oma", sagte die Mutter. „Nächsten Sommer kommst du wieder. Die Kleingärten tun dir gut." – „Mama, ich hab dir doch erzählt, dass ich hier einen Freund gefunden hab." – „Willst du dich verabschieden? Dann lauf schnell hin. Wo wohnt er denn?" – „Er wohnt nirgends. Und laufen muss ich auch nirgendwohin. Da, er wartet schon auf mich." Elias nickte zum Gartentor hin.

Die Mutter sah hin. Ein langer Blick. „Mama, keine Angst, er ist lieb. Ich hab ihn Donner genannt. Er hat mich vor den Rabauken beschützt." Der Junge griff nach der Hand seiner Mutter und zog sie zum Hund. Donner saß da, mehr tot als lebendig, hatte sämtliche Ratschläge Friedas komplett vergessen. Dann legte sich eine Hand auf seinen Scheitel. Blieb dort liegen. Strich zwischen die Ohren.

„Ein hübscher Hund. Aber ganz schön groß. Wo soll der in der Wohnung hin? Baden, Gassi gehen, erziehen…" – „Mama, bitte! Ich mach alles selber. Papa, ich verspreche es!" Der Vater zuckte mit den Schultern: entscheidet ihr. Und dann stellte sich, völlig überraschend, die Oma auf die Seite des Hundes. „Dem Elias tut der Hund gut. Als ihr ihn hergebracht habt, wusste ich nicht mehr, wie ich den Jungen vor die Tür kriegen soll. Sitzt den ganzen Tag am Handy. Läuft nicht, spielt nicht. Wie ein kleiner Rentner, kein Kind. Und seit der Hund da ist – wie ausgewechselt. Vorher hat man ihn um nichts zu einer Handreichung gekriegt, jetzt macht er alles mit. Und kräftiger ist er geworden, mutiger."

Die Mutter strich noch einmal über den rotbraunen Kopf. „Gut, Elias. Wir nehmen deinen Donner mit. Enttäusch ihn bloß nicht. Für einen Freund trägt man Verantwortung." – „Fahren wir jetzt, oder was?" rief der Vater schon vom Auto. „Steigt mit dem Hund ein, sonst stehen wir noch im Feierabendverkehr auf der A13!"

Donner lag auf der Rückbank, den Kopf auf Elias' Knien, und konnte es immer noch nicht fassen. Vor dem Fenster zogen herbstliche Felder vorbei. Es roch nach Benzin, nach fremdem Parfum und nach warmem Jungen. Irgendwo voraus lag Berlin, mit fremden Treppenhäusern, glattem Fliesenboden und einer Leine. Und er dachte darüber nach, wie schwer es ist, anders zu sein als die anderen. Wie fast unmöglich es ist, einen Freund zu finden, wenn man als großer, rotbrauner Hund ohne Stammbaum zur Welt kommt, oder als pummeliger Junge mit Brille. Alle jagen einen weg, hänseln einen. Aber wenn man ihn findet, hält man fest – mit Händen und Pfoten. Elias und Donner hatten Glück gehabt.

Die Wohnung in Berlin lag im vierten Stock eines Altbaus in Lichtenberg, ohne Aufzug, mit einem Treppenhaus, das nach Linoleum und dem Curry-Imbiss von unten roch. Donner brauchte drei Tage, um zu begreifen, dass das Poltern der S-Bahn hinterm Fenster keine Gefahr bedeutete, sondern einfach nur Berlin war. Elias richtete ihm eine Decke neben dem Heizkörper ein, kaufte vom eigenen Taschengeld einen Kauknochen beim Zoohändler an der Ecke und schrieb sich einen Plan an die Zimmertür: Montag, Mittwoch, Freitag – Donner bürsten. Die Mutter blieb misstrauisch, bis Donner an einem Abend, als draußen ein Feuerwerk hochging – irgendjemand feierte verfrüht seinen Geburtstag –, sich zitternd unter den Küchentisch verkroch und Elias sich zu ihm setzte, den Arm um ihn legte und leise mit ihm redete, bis der Krach vorbei war. Von da an sagte die Mutter nichts mehr gegen den Hund.

Im Oktober, als die Kastanien vorm Haus schon fast alle gefallen waren, kam ein Brief von der Kleingartenkolonie: Frieda war eingeschläfert worden, friedlich, im Beisein ihres Herrchens. Elias, dem Donner in den Wochen zuvor von seiner Freundin erzählt hatte, so gut ein Hund das eben kann – mit Winseln, mit dem Kopf zum Fenster Richtung Cottbus –, kaufte einen kleinen Kranz aus Tannengrün und legte ihn beim nächsten Besuch ans Vereinstor. Donner setzte sich daneben und blieb lange still.

Zwei Jahre später, im nächsten August, fuhren sie wieder zur Datscha der Oma. Donner sprang aus dem Auto, noch bevor der Motor ganz ausgegangen war, lief zum alten Apfelbaum, unter dem alles angefangen hatte, und blieb stehen. Der Napf stand noch da, verwittert, mit Regenwasser gefüllt. Die Oma, jetzt mit einer Enkelin an der Hand – Elias' kleiner Cousine, die gerade erst laufen lernte –, stand auf der Veranda und rief nicht mehr Mäuschen. Sie rief Elias beim Namen. Der Junge – inzwischen zwölf, einen Kopf größer, aber immer noch mit Brille – ließ sich neben Donner ins Gras fallen und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das nur die beiden etwas anging. Der August, dachte Donner, war vielleicht doch kein so schlechter Monat. Man musste nur den richtigen Menschen finden, der einem einen Namen gab, der blieb.

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