Der Kredit für die Kfz-Werkstatt

Frau Brenner klopfte mit dem Kugelschreiber gegen die Akte, dass es im Büro der Sparkasse in Wuppertal-Barmen leise klapperte. Die Frau ihr gegenüber, eine junge Frau mit blassen Wangen und einem Kinderwagen vor der Tür, hieß Mirela Vasiliu und war zweiundzwanzig.

„Sie sind hier, weil Ihr Stiefvater die Bürgschaft widerrufen hat", sagte Frau Brenner. „Das bedeutet, der Kredit für Ihre Werkstatt ist geplatzt. Dreiundvierzigtausend Euro, Frau Vasiliu. Das kriegen wir so nicht durch."

Draußen roch es nach nassem Herbstlaub und nach dem Döner-Imbiss zwei Häuser weiter, dessen Fettgeruch sich bei jedem Windstoß bis zur Bushaltestelle zog. Mirela hatte die Fahrkarte für die 645 in der Manteltasche, den Rückfahrschein für zwei Stunden später, weil sie gedacht hatte, das hier würde eine Formsache sein.

Von vorn hätte man das nicht vermutet.

Klaus-Dieter Ohm war kein böser Mensch. Er hatte Mirela und ihre kleine Schwester Denisa nach dem Tod der Mutter bei sich aufgenommen, hatte die Wohnung in der Nevigeser Straße behalten, obwohl die Mutterwohnung verkauft werden musste, als die Chemotherapie das letzte Ersparte gefressen hatte. Er schrie nur, wenn Mirela zu spät kam.

„Ich hab deiner Mutter versprochen, dass ich auf dich aufpasse!", brüllte er dann, wenn sie einwandte, sie sei volljährig. „Und ich weiß besser, was für dich gut ist! Volljährig, aha. Erst mal 'nen ordentlichen Job, dann kannst du auf erwachsen machen."

Später, ruhiger geworden, redete er anders. „Der Junge lässt dich sitzen, das weiß ich jetzt schon. Dicker Wagen, hübsches Gesicht – was will der mit so einer wie dir?"

Mirela glaubte ihm nicht. Radu war fünfundzwanzig, fuhr einen gebrauchten Audi A4 und lernte das Kfz-Handwerk bei seinem Onkel in Ronsdorf. Sie selbst hatte die Aufnahmeprüfung für die Fachoberschule nicht geschafft, jobbte als Kassiererin bei Penny und büffelte nebenbei für die Nachprüfung.

Kennengelernt hatten sie sich, weil Mirela an der Fußgängerzone Flyer für ein neues Nagelstudio verteilte. Radu nahm einen, dann noch einen, dann noch einen, bis der ganze Stapel weg war, und sagte: „Ich nehm Ihnen alle ab – wenn Sie dafür mit uns einen Kaffee trinken."

Sie hatte ja gesagt, ohne zu wissen, warum. In der Bäckerei bestellte er ihr ein Käsebrötchen und einen Kakao, weil das Taschengeld knapp war – die Halbwaisenrente durfte laut Klaus-Dieter nicht angerührt werden, „für den Notfall", sagte er, während er selbst die Hälfte seines Elektrikergehalts in die Werkstattrechnungen seines alten Passats steckte und den Rest beim Kartenspielen mit den Nachbarn verzockte.

Mirela beschwerte sich nie. Immerhin hatte er sie und Denisa nicht rausgeworfen. Wenn mal ein Stück Sahnetorte übrig blieb, schob sie es ihrer neunjährigen Schwester zu.

Als Radu sie zum ersten Mal zu seinem Onkel in die Werkstatt mitnahm, verstand Mirela sofort, was sie dort sah: Ölflecken auf dem Betonboden, ein Kalender von 2019, der nie abgerissen worden war, und einen Mann, der aussah wie einer, der niemandem mehr traute. Onkel Costel hustete viel, hatte die Lunge kaputt vom Lackieren ohne Maske in den Neunzigern, und Radu fuhr ihn jeden Dritten Mittwoch zur Untersuchung ins Klinikum.

Denisa weinte, als sie hörte, dass sie manchmal allein zu Hause bleiben müsste, weil Klaus-Dieter inzwischen immer öfter bei Schwester Ute übernachtete, einer Krankenschwester aus der Nachbarschaft, die geschieden war und sich lange gesträubt hatte gegen einen Mann mit zwei Töchtern aus erster Ehe. Mirela kaufte der Kleinen eine Tüte Chio-Chips und eine Flasche Fanta, und der Frieden war wiederhergestellt.

Dass Costel schwer krank war, erfuhr Mirela erst spät. Es war Frau Ana Popescu, die zweite Kassiererin bei Penny, die es beiläufig ansprach: „Radu sieht in letzter Zeit ziemlich mitgenommen aus. Ist bei seinem Onkel was?"

Da erst erzählte ihr Radu die Wahrheit: Lungenkrebs, Stadium drei. Costel hatte keine Kinder, keine Frau mehr, nur die Werkstatt und Radu, den er wie einen Sohn behandelt hatte. Er wollte die Werkstatt auf Radu überschreiben, bevor die Chemo ihn zu schwach machte, um noch etwas zu unterschreiben. Aber die Bank verlangte für den Übernahmekredit eine Bürgschaft, weil Radu erst im dritten Lehrjahr war und kein Eigenkapital hatte.

Klaus-Dieter hatte zunächst zugesagt. Mirela hatte ihn wochenlang bekniet, hatte ihm erklärt, dass es nicht um sie ging, sondern um Radus Existenz, um einen sterbenden Mann, der seine Lebensarbeit nicht in fremde Hände geben wollte. Klaus-Dieter hatte unterschrieben – widerwillig, mit dem Satz: „Wenn der dich sitzen lässt, bist du auf ewig meine Schuldnerin, das sag ich dir gleich."

Dann, drei Tage vor dem Bankgespräch, hatte er die Bürgschaft zurückgezogen. Der Grund kam über Umwege: Schwester Ute hatte ihm erzählt, dass Mirela schwanger sei – Ute hatte es im Kollegengespräch mit einer Hebamme aufgeschnappt, die zufällig Mirelas Akte in der Praxis am Wall gesehen hatte. Klaus-Dieter hatte getobt, hatte gesagt, er lasse sich nicht "für den Bankrott eines Fremden" in Haftung nehmen, wenn seine Stieftochter obendrein "so eine Dummheit" gemacht habe.

Jetzt saß Mirela vor Frau Brenner, mit einem Ordner, in dem die Kreditablehnung, die zurückgezogene Bürgschaftserklärung und ein Ultraschallbild lagen, das sie eigentlich niemandem außer Radu hatte zeigen wollen.

„Es gibt eine Alternative", sagte Frau Brenner schließlich und schob einen Flyer über den Tisch. „Die Bürgschaftsbank NRW springt bei Betriebsübernahmen manchmal ein, wenn eine öffentliche Ausfallbürgschaft möglich ist. Das dauert aber. Herr Popescu hat wie viel Zeit noch, laut den Ärzten?"

„Vielleicht vier Monate", sagte Mirela leise.

An diesem Abend fuhr sie nicht nach Hause in die Nevigeser Straße. Sie fuhr zur Werkstatt in Ronsdorf, wo Costel auf einem Klappstuhl saß, eine Wolldecke über den Knien, obwohl es September war und noch mild.

„Er hat's sich anders überlegt, was?", fragte Costel, ohne aufzusehen, während er mit einem Lappen an einer Zündkerze wischte, die schon lange sauber war.

„Es gibt eine andere Möglichkeit. Die Bürgschaftsbank NRW", sagte Mirela und setzte sich neben ihn auf die zweite Klappstuhl, die schon Jahre dort stand und nach Motoröl roch. „Dauert nur länger."

„Länger hab ich vielleicht nicht", sagte Costel und lachte, ein trockenes Lachen, das im Husten endete.

Radu kam aus der Grube, wo er unter einem Golf gelegen hatte, wischte sich die Hände an einem Tuch ab und sah zwischen den beiden hin und her. „Was ist mit Klaus-Dieter?"

„Der macht nicht mit", sagte Mirela. „Wegen mir. Wegen dem Kind."

Radu setzte sich auf die Werkbank, schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Dann machen wir's ohne ihn."

Zwei Wochen später rief Mirela ihren Stiefvater an. Nicht um zu betteln. Sie hatte an diesem Nachmittag bei der Bürgschaftsbank NRW einen vorläufigen Bescheid bekommen: eine Ausfallbürgschaft über achtzig Prozent der Kreditsumme, unter der Bedingung, dass Radu einen Meisterkurs begann und Costel als beratender Gesellschafter im Handelsregister blieb, solange er konnte. Der Papierkram lag jetzt in einem grünen Ordner auf ihrem Küchentisch, zusammen mit dem Mietvertrag für die kleine Wohnung in Ronsdorf, die sie und Radu ab November übernehmen würden.

„Ich wollte dir sagen, dass ich zu Radu ziehe", sagte sie, als Klaus-Dieter abnahm. Im Hintergrund hörte sie den Fernseher, eine Vorabendserie, die er sonst mit ihrer Mutter geschaut hatte.

„Und wovon willst du leben, mit dem Bauch?", fragte er, aber es klang schon anders als sonst, unsicherer.

„Von meinem Job bei Penny, bis zum Mutterschutz. Und die Werkstatt läuft, ohne dich. Die Bürgschaftsbank hat zugesagt."

Es blieb still am anderen Ende, nur der Fernseher lief weiter.

„Und Denisa?", fragte er schließlich.

„Denisa bleibt erst mal bei dir, wenn du willst. Ich hol sie jedes Wochenende. Aber die Halbwaisenrente, die für uns beide auf dem Konto liegt – die überweist du ab jetzt auf mein eigenes Konto, für sie und für mich. Ich hab bei der Sparkasse schon ein Konto auf meinen Namen eröffnet. Die IBAN schick ich dir per SMS."

„Das ist Geld für den Notfall", sagte er, aber die alte Schärfe fehlte.

„Der Notfall ist jetzt", sagte Mirela. „Ich krieg ein Kind. Das ist der Notfall, für den das Geld gedacht war."

Am ersten November zog sie mit zwei Koffern und einem Karton Küchengeschirr in die Zweizimmerwohnung über der Werkstatt. Costel kam noch zweimal die Woche vorbei, bis der Winter ihn zu sehr schwächte, unterschrieb aber im Dezember die letzten Papiere für die Übernahme, sein Name stand nun als beratender Gesellschafter im Handelsregisterauszug, den Radu in einer Klarsichthülle über der Werkbank aufgehängt hatte, neben einem alten Foto von Costel mit seinem eigenen Vater vor derselben Werkstatt, aufgenommen 1988.

Klaus-Dieter tauchte im Februar auf, ungefragt, mit einer Plastiktüte von Rewe, in der eine Strampelanzugpackung und eine Rassel lagen. Er stand vor der Werkstatt, die Klingel gab es nicht, also klopfte er gegen das Rolltor, bis Radu es hochzog.

Mirela kam aus der Wohnungstür oben, den Bauch schon rund, eine Hand am Geländer.

„Ich wollte nur", fing Klaus-Dieter an und hielt die Tüte hoch wie einen Ausweis.

„Komm hoch", sagte Mirela. „Aber die Rente überweist du trotzdem weiter an mich. Das ändert sich nicht."

Er nickte, stieg die Treppe hoch, und unten in der Werkstatt lief das Radio, ein Lied, das Costel schon zwanzig Jahre lang mitsummte, ohne den Text zu kennen.

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