Zwölf Jahre für einen Autoschlüssel

„Ingrid, so kann das nicht weitergehen." Bernd hielt sich ein Papiertuch an den Unterarm, wo drei frische Kratzer bluteten. „Der Kater ist alt, er hat nicht mehr lange. Und ich, ehrlich gesagt, ich hab die Nase voll von seinem Geschrei um halb eins nachts."

„Was schlägst du vor?" Ingrids Stimme zitterte. In der Küche roch es nach dem Braten vom Mittag, draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, man hörte das Quietschen durch die gekippten Fenster. „Wir haben ihn seit zwölf Jahren."

„Eben. Zwölf Jahre. Der ist am Ende, Ingrid. Ich hab neulich gelesen, alte Katzen suchen sich selbst einen ruhigen Ort zum Sterben. Machen wir's ihm doch leicht. Lassen ihn einfach raus, soll er gehen, wohin er will."

„Du willst ihn aussetzen?"

„Wer redet von aussetzen. Ich rede von Gnade. Wir kommen ja nicht mal weg, seit er da ist – Kroatien letztes Jahr abgesagt, weil keiner auf ihn aufpassen wollte. Der Tierarzt hat selbst gesagt, eine Reise wäre für ihn Stress pur." Bernd nahm ihre Hand. „Wenn du willst, holen wir uns später wieder ein Kätzchen. Na?"

Der Kater – ein grauer Kartäuser namens Sultan, den sie als Welpen von einem Bauernhof bei Rathenow mitgenommen hatten – lag auf den Fliesen und beobachtete die beiden mit einem Blick, der Ingrid seit Tagen keine Ruhe ließ.

„Das ist nicht richtig, Bernd."

„Und was ist richtig? Ihn ständig aufwischen? Er kratzt mich jede Woche, ich schlafe nicht mehr durch." Er ließ ihre Hand los. „Entweder er geht, oder ich pack meine Sachen. Entscheide dich."

Sultan verstand die Wörter nicht. Aber den Ton kannte er. Diesen Ton, mit dem Bernd ihn ansah, seit die Hüften schwer geworden waren und er nicht mehr aufs Sofa sprang. Er schrie nachts nicht aus Bosheit – die Gelenke schmerzten, und niemand kam mehr, um ihn zu trösten. Man fütterte ihn, man leerte sein Katzenklo. Aber die Hand, die ihn früher gekrault hatte, griff jetzt nur noch zum Hausschuh.

An einem Dienstagmorgen im April trug Bernd ihn zu den Mülltonnen hinter dem Wohnblock in Marzahn, stellte den Transportkorb neben den Container und ließ die Klappe offen. Ingrid legte eine alte Wolldecke daneben, die sie sowieso hatte wegwerfen wollen. Ein letzter Gefallen, dachte sie – und wusste selbst, wie hohl das klang.

Sultan sah ihnen nach, wie sie zum Hauseingang zurückgingen, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen.

*

„Autsch!" Melina blieb abrupt stehen, das Handy noch in der Tasche. „Fast wär ich auf irgendwas getreten."

„Was ist los?" Kai kam mit der letzten Umzugskiste aus dem Hausflur.

„Ich weiß nicht, ich seh nichts." Sie zog ihr Handy raus, schaltete die Taschenlampe an – und da lag er, auf einer durchlöcherten Decke, ein grauer Kater, der nicht wegrennen konnte, so sehr er es auch wollte.

„Ne Katze." Kai grinste. „Deswegen hast du so gebrüllt?"

„Ich hab nicht gebrüllt. Aber wie kommt die hierher? Wir waren doch vor einer halben Stunde hier unten, keine Katze, keine Decke."

Stimmte. Sie hatten den ganzen Nachmittag Kartons aus ihrer frisch renovierten Wohnung in der Turmstraße runtergetragen, dreimal, und da war nichts gewesen.

„Vielleicht ist sie eben erst gekommen."

Der Kater versuchte aufzustehen, sackte aber sofort wieder zusammen. Die Hinterläufe trugen ihn nicht.

„Kai, guck mal. Er kann nicht mal stehen. Das heißt, jemand hat ihn hier absichtlich mit der Decke hingelegt."

„Wahrscheinlich zu alt und zu viel Aufwand für die Besitzer."

„Genau. Einfach entsorgt wie Sperrmüll." Melina kniete sich hin. „Aber er ist kein Gegenstand. Er lebt."

„Melina, sag jetzt nicht, du willst ihn mitnehmen."

„Und was schlägst du vor? Hierlassen, bei den Tonnen verrecken lassen? Nein. Diese Nacht kommt er zu uns, es soll Frost geben. Morgen früh fahren wir zum Tierarzt."

„Und dann?"

„Dann such ich ihm ein gutes Zuhause."

So landete Sultan – Melina taufte ihn noch am selben Abend um, weil „Sultan" so würdevoll klang, wie ein alter Herr, der Respekt verdient – in einer fremden Wohnung. Kai bekam noch am ersten Abend Kratzer ab, als er nachsehen wollte, ob es sich um ein Männchen handelte.

„Selbst schuld", lachte Melina, während sie ihm ein Pflaster reichte. „Man fragt eine Frau ja auch nicht einfach nach ihrem Ausweis, um ihr Alter zu erraten."

Mit Melina dagegen war er zahm wie ein Lamm. Zwanzig Minuten ließ er sich in der Duschwanne mit lauwarmem Wasser abschrubben, ohne zu fauchen.

„Und wo schlaf ich jetzt?" beschwerte sich Kai, als er ins Schlafzimmer kam und seine Frau samt zusammengerolltem Kater im Bett vorfand.

„Sei leise. Ich kann ihn doch nicht auf den Boden legen. Morgen kauf ich ihm einen Korb, dann hat er seinen Platz. Du kannst dich am Rand hinlegen, vorsichtig."

„Und nachts kratzt er mich wieder, oder? Nein danke, ich schlaf auf der Couch."

In dieser Nacht schrie Sultan, kurz nur. Melina nahm ihn sofort auf den Arm, drückte ihn an sich, strich ihm über den Rücken, bis er sich beruhigte. Es ging schnell. Er spürte etwas, das er lange nicht mehr gespürt hatte.

Am nächsten Tag überredete sie Kai, sie mit dem Auto zur Tierklinik in der Föhrer Straße zu fahren. Danach zog er beinahe eine Stunde durch den Zoofachhandel und schleppte stumm einen viel zu schweren Korb voller Einkäufe.

Abends erinnerte er sie: „Du wolltest ihn doch eigentlich weitervermitteln."

„Weiß ich noch, Schatz. Aber erst muss er wieder auf die Beine kommen. Der Tierarzt sagt, in einem Monat ist er über den Berg. Danach überlegen wir uns, wo er hinkommt – falls du's dir bis dahin nicht anders überlegt hast."

„Werd ich nicht."

*

Der Monat wurde zur Geduldsprobe für Kai. Der Korb blieb meistens leer, denn Sultan schlief nicht gern allein und jaulte nachts. Melina nahm ihn jedes Mal zu sich, und morgens fand sich Kai am Bettrand wieder, während der Rest der Matratze seiner Frau und dem Kater gehörte. Seine schlechte Laune zeigte er lieber nicht zu offen – Sultan mochte das nicht und griff dann gern zur Pfote.

„Guck mal, er wird richtig fit", freute sich Melina eines Abends, als Sultan in eine umgekippte Rewe-Tüte kletterte und darin verschwand. „Der macht schon wieder Faxen."

„Gut. Dann können wir ihm jetzt ein neues Zuhause suchen. Er sitzt uns schon ziemlich lange auf der Pelle."

„Oder…" Melina zögerte. „Schau doch, wie wohl er sich bei uns fühlt. Ich hab ihm sogar schon einen Namen gegeben."

„Melina, du hast versprochen, dass er nur vorübergehend bleibt."

„Musst du immer so pingelig sein, Kai."

Ein Zuhause zu finden, erwies sich als schwieriger, als sie gedacht hatte. Niemand wollte eine alte Katze. Kein Anruf, keine Nachricht auf ihre Anzeige. Also strich sie das Alter aus der Beschreibung – und plötzlich klingelte das Telefon. Das Foto zeigte einen hübschen, glänzenden grauen Kater; niemand konnte darauf sein wahres Alter erkennen.

Aber wenn die Interessenten dann kamen und Sultan sahen, wie er schwer atmend dalag, verzogen sich ihre Gesichter.

„Sie haben nicht gesagt, dass er so… alt ist. Auf dem Foto dachte ich, drei, vier Jahre. Der ist doch bestimmt fünfzehn."

„Der Tierarzt schätzt zwölf", erklärte Melina. „Aber ist das für eine Katze wirklich alt? Manche werden zwanzig."

„Warum liegt er nur rum?"

„Er tut sich schwer beim Laufen, das kommt mit dem Alter. Aber er ist wirklich lieb, ehrlich."

„Nein danke, so eine Katze brauche ich nicht."

Drei-, viermal wiederholte sich das. Dann kam ein älteres Ehepaar aus Köpenick, beide schon fast im Rentenalter.

„Hallo, sind Sie diejenigen mit der hübschen Katze?" fragte die Frau lächelnd.

„Ja", sagte Melina und ließ die beiden herein. „Sie ist nicht mehr die Jüngste, aber sehr lieb."

„Wie alt denn genau?"

„Etwa zwölf. Vielleicht etwas mehr."

„Man sieht's ihr an." Die Frau musterte den Kater unschlüssig. „Ich weiß nicht recht, ob wir…"

„Spielt das Alter denn eine Rolle?" unterbrach Melina.

„Natürlich spielt das eine Rolle", mischte sich der Ehemann ein. „Wenn die Katze so alt ist, hat sie nicht mehr lange. Bestimmt auch gesundheitliche Probleme. Wozu sollen wir uns das antun?"

„Da haben Sie völlig recht", sagte Kai trocken und streckte demonstrativ seine zerkratzten Unterarme vor. „Kratzt außerdem auch noch. Nachts schreit er, dass die Nachbarn schon die Polizei holen wollten."

„Was Sie nicht sagen." Die Frau warf Melina einen entsetzten Blick zu. „Das stand nicht in der Anzeige."

„Tut mir leid, so eine Katze wollen wir dann doch nicht."

Als das Paar gegangen war, schloss Melina die Tür und sah ihren Mann fassungslos an.

„Wieso hast du sie verscheucht? Vielleicht hätte ich sie noch überzeugen können."

„Wozu, Melina? Damit sie ihn in einem Jahr genauso vor die Tür setzen wie die letzten Besitzer? Die wollten doch nur ein Spielzeug. Sultan ist kein Spielzeug. Der braucht jetzt Ruhe, keinen neuen Schock. Noch einen Vertrauensbruch übersteht der nicht, das seh ich ihm an."

Sultan verstand kein Wort – aber den Ton, den kannte er inzwischen genau. Diesmal klang er anders. Er vergaß sogar zu kratzen, als Kai ihn hochnahm und, unter dem verblüfften Blick seiner Frau, ins Schlafzimmer trug. Er legte ihn behutsam aufs Bett, obwohl Sultan sich längst an seinen eigenen Korb gewöhnt hatte, und legte sich selbst ganz an den Bettrand.

„Keine Sorge, Sultan. Wir geben dich nicht mehr weg. Die Leute, die dich alt nennen, kapieren einfach nicht, dass man Alter respektieren muss. Wenn sie mal so weit sind wie du, dann verstehen sie's vielleicht."

Es gab keine weiteren Vermittlungsversuche mehr. Sultan blieb bei Kai und Melina, in der Wohnung, die längst nicht mehr fremd war.

Vier Jahre später, an einem Novembernachmittag, saß Ingrid mit Bernd im Wartezimmer der Tierklinik in der Föhrer Straße – wegen ihres neuen Kätzchens, das sich beim Spielen den Schwanz eingeklemmt hatte. Am Empfangstresen hing ein Zettel mit Fotos vermittelter Tiere. Ganz oben: ein grauer Kater namens Sultan, daneben ein Bild von einem Paar, das breit lächelte. Ingrid las den Namen zweimal. Sie sagte nichts. Sie strich ihrem neuen Kätzchen über den Kopf, fester als nötig, und wandte den Blick ab, als die Tür zum Behandlungszimmer aufging und der nächste Patient aufgerufen wurde.

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