Als unsere Kleine sechs Wochen alt war, kam meine Mutter Grete zu Besuch. Sie war mit dem Zug von Rostock nach Freiburg gefahren, fast neun Stunden mit zweimal Umsteigen, nur um ihre erste Enkelin in den Armen zu halten. Grete war dreiundachtzig, aber wenn sie durch die Wohnung ging, merkte man ihr das Alter kaum an. Diese ruhige Kraft in den Händen, dieses Wissen in den Bewegungen — das verliert man wohl nie, wenn man vier Kinder allein großgezogen hat, in einer Zweizimmerwohnung mit Kohleofen.
Es war ein Sonntagnachmittag im März, kalt und grau, wie es Freiburg selten ist. Unten auf der Straße fuhr die Straßenbahn Linie 1 vorbei, dieses vertraute Rattern alle zehn Minuten, das ich seit Jahren nicht mehr wahrnahm. Im Radio in der Küche lief noch leise SWR3, irgendein Sonntagsgottesdienst, den keiner ausgeschaltet hatte. Und mittendrin fing unsere Tochter Lotta an zu schreien. Nicht das übliche Quengeln — ein Schreien, das keine Pause machte, das sich steigerte, bis ihr Gesicht dunkelrot anlief.
Wir hatten alles versucht. Die Flasche, das Mobile über dem Bett mit der Spieluhr, das Herumtragen im immer gleichen Takt. Mein Mann Jonas hatte sie eine halbe Stunde durch den Flur getragen, bis ihm die Arme zitterten. Nichts half. Und dann stand Grete auf, ohne ein Wort, stellte ihre Kaffeetasse ab — den Henkel hatte sie schon vor Jahren geleimt, weil sie die Tasse nicht wegwerfen wollte — und nahm Lotta.
Sie hielt sie anders als wir. Nicht ängstlich, nicht kontrolliert, sondern mit dieser Selbstverständlichkeit, die man sich nicht antrainieren kann. Sie wiegte sie im Stehen, ein leichtes Auf und Ab, und fing an zu singen. Ein altes Lied, auf Plattdeutsch, das ich als Kind auch schon gehört hatte, ohne je die Worte richtig zu verstehen. Etwas von einem Schäfchen und dem Abendstern. Ihre Stimme war brüchig, manchmal setzte sie kurz aus, aber genau das machte es warm.
Nach ein paar Minuten wurde das Schreien zu einem Wimmern, dann zu nichts mehr. Lotta schlief.
Jonas und ich, beide seit Wochen im Schlafdefizit, sanken aufs Sofa. Nur kurz die Augen zu, dachten wir. Unser Großer, der fünfjährige Finn, kam mit seinem löchrigen Plüschdino unter den Arm angetrottet und kletterte zwischen uns, obwohl er sonst keine fünf Minuten stillsitzen konnte. Er war innerhalb von Sekunden weg. Draußen fiel das Nachmittagslicht schräg durchs Fenster, genau auf den Wollteppich, den wir vom Flohmarkt in der Wiwilíbrücke-Gegend hatten. Und wir alle schliefen ein, in diesem seltenen, satten Nachmittagsschlaf, während Grete weiter leise sang, für niemanden mehr, nur noch aus Gewohnheit.
Das war vor über einem Jahr. Ich habe diese Szene oft wieder vor mir gehabt, besonders in den Wochen danach, als bei Grete beim Hausarzt in Rostock ein Befund auftauchte, den keiner von uns hatte kommen sehen. Ein Tumor, schon zu weit fortgeschritten für eine Operation. Sie hat es mir am Telefon gesagt, ruhig, fast beiläufig, als würde sie vom Wetter reden. Ich bin am selben Abend noch losgefahren.
Die letzten Monate waren kein Wiegenlied. Sie waren Krankenhausflure, die nach Desinfektionsmittel rochen, Wartezimmer mit kaputten Stühlen, Formulare von der Techniker Krankenkasse, die ich abends am Küchentisch ausgefüllt habe, während Lotta im Beistellbett schlief. Grete wollte zu Hause sterben, in der alten Wohnung mit dem Kohleofen, den sie nie gegen eine Gastherme getauscht hatte, weil sie den Geruch mochte. Ich habe drei Monate lang zwischen Freiburg und Rostock gependelt, mit Jonas, der die Kinder allein hielt, so gut es ging.
In der letzten Woche war ich bei ihr. Sie konnte kaum noch sprechen, aber als ich Lotta, inzwischen bald anderthalb, auf den Arm nahm und sie unruhig wurde, fing Grete plötzlich wieder an. Leise, kaum hörbar, dasselbe Lied vom Schäfchen. Ihre Hand lag auf der Bettdecke, die Finger bewegten sich im Takt, als würde sie Lotta immer noch wiegen, obwohl sie keine Kraft mehr hatte, die Arme zu heben. Lotta wurde still. Zwei Tage später ist Grete gestorben, im Schlaf, in ihrem eigenen Bett.
Bei der Beerdigung in Rostock kam ihre Nachbarin Frau Kowalski zu mir, eine Frau um die siebzig, die seit über zwanzig Jahren nebenan wohnte. Sie drückte mir eine alte Kassette in die Hand, eine echte Musikkassette mit vergilbtem Etikett, auf dem in Gretes Handschrift stand: "Für die Kinder." Frau Kowalski erzählte, Grete habe sie vor Jahren gebeten, das aufzunehmen, für den Fall, dass ihre Stimme irgendwann nicht mehr reiche. Auf der Kassette war nichts als das eine Lied, viermal hintereinander gesungen, mit kleinen Räuspern dazwischen.
Ich habe lange gebraucht, einen Kassettenrekorder aufzutreiben — mein Vater hatte noch einen im Keller, unter Werkzeugkisten begraben. Als ich die Kassette zum ersten Mal abspielte, saß Lotta neben mir auf dem Boden und spielte mit Bauklötzen, ohne hinzuhören. Aber als die Musik anfing, hielt sie inne, den Klotz noch in der Hand, und drehte sich zum Lautsprecher.
Heute, ein Vierteljahr nach der Beerdigung, habe ich etwas geregelt, das ich lange vor mir hergeschoben hatte. Ich bin zum Notar in der Kaiser-Joseph-Straße gegangen und habe die alte Erbschaftsangelegenheit klären lassen — Gretes Sparbuch bei der Ostseesparkasse, knapp elftausend Euro, die sie ein Leben lang zusammengehalten hatte, obwohl meine Schwester meinte, das Geld solle liegen bleiben, "man wisse ja nie". Ich wusste es genau. Ich habe das Geld auf ein neues Konto überwiesen, ausschließlich auf Lottas Namen, mit einer Sperrfrist bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Kein Notgroschen für irgendwen, keine Reserve für schlechte Zeiten der Erwachsenen. Es gehört ihr, für später, für das, was auch immer sie einmal braucht — ein Studium, eine erste Wohnung, eine Reise.
Und die Kassette liegt jetzt nicht mehr im Keller. Sie steht in einer kleinen Holzschatulle auf Lottas Kommode, neben dem Mobile mit der Spieluhr, das längst nicht mehr aufgezogen wird. Manchmal, wenn Lotta abends nicht einschlafen will, lege ich die Kassette ein, drücke Play, und Gretes Stimme füllt das Zimmer, brüchig, warm, viermal hintereinander dasselbe Lied. Ich singe nicht mit. Ich sitze nur da und höre zu, wie meine Tochter ruhiger atmet, bis ihre Augen zufallen.







