Die Erbschaft, die ihr gehörte
Ich heiße Anke, wohne in Leipzig und hätte nie gedacht, dass ich meine Geschichte einmal jemandem erzählen würde. Aber seit dieser Sache mit Beate und meinem Mann denke ich anders über das Schweigen.
Beate war meine beste Freundin seit dem Kindergarten. Wir sind zusammen im Leipziger Osten groß geworden, haben uns in der Plattenbausiedlung die ersten Geheimnisse erzählt und später als Teenager dasselbe Kaugummi geteilt, wenn das Geld für zwei Packungen nicht reichte. Sie war immer die Hübsche von uns beiden, schlank, mit diesen hellen Locken, während ich eher kräftig gebaut bin und mir nie viel aus Schminke gemacht habe. Aber das hat nie eine Rolle gespielt. Dachte ich.
Als wir erwachsen waren, verloren wir uns aus den Augen. Beate heiratete früh einen Mann mit Geld und zog nach München. Ich blieb in Leipzig, arbeitete in einer Arztpraxis und lernte irgendwann Jens kennen. Er war ruhig, zuverlässig, arbeitete als Ingenieur bei Siemens. Wir heirateten, als ich 35 war, und lebten in einer schönen Altbauwohnung im Leipziger Zentrum. Kinder kamen keine, aber wir hatten es gut miteinander. Dachte ich.
Eines Tages stand Beate vor meiner Tür. Sie war dünn geworden, das Gesicht eingefallen, die Augen rot geweint. Ein Koffer stand neben ihr. Ich hätte sie fast nicht erkannt. Sie erzählte, ihr Mann habe sie nach dem Tod ihrer Tochter geschlagen, ihr alles weggenommen, sie rausgeworfen. Dass sie bei ihren Brüdern in Dresden gewesen sei und die sie weggeschickt hätten. Dass sie nur ein paar Tage bleiben wolle, bis sie eine eigene Wohnung finde.
Ich habe sie natürlich reingelassen. Jens war nicht begeistert, aber er sah ja auch, in welchem Zustand sie war. „Ein paar Tage", sagte er. Aus den paar Tagen wurden Wochen, dann Monate. Beate erholte sich, kümmerte sich wieder um ihr Äußeres, half im Haushalt mit. Ich organisierte ihr über die Praxis eine Stelle als Empfangskraft bei einem befreundeten Orthopäden. Sie war mir dankbar. Dachte ich.
Irgendwann bemerkte ich, dass Jens öfter Überstunden machte. Früher war er pünktlich um siebzehn Uhr zu Hause, jetzt kam er manchmal erst um zehn. Ich fragte ihn, ob etwas passiert sei. „Projekt", sagte er. „Dauert noch ein paar Wochen." Er sah mich dabei nicht an, sondern auf seine Kaffeetasse.
Dann, an einem Donnerstag im Frühjahr, kam ich nach Hause und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Der Wohnungsschlüssel ließ sich schwer drehen, ich dachte zuerst, das Schloss sei kaputt. Als ich eintrat, saß Jens am Küchentisch, Beate stand am Fenster und rauchte. Sie raucht nie in der Wohnung, das war meine erste falsche Beobachtung in Sekundenschnelle. Sie hielt die Zigarette zwischen zwei Fingern, als wäre sie immer dort gestanden, als wäre das hier ihr Zuhause.
„Setz dich, Anke", sagte Jens. Er hatte die Hände flach auf den Tisch gelegt, als müsse er sich selbst festhalten. „Wir müssen dir etwas sagen."
Ich weiß nicht, warum ich in diesem Moment an den Kuchen dachte, den ich am Morgen gebacken hatte. Ein Apfelkuchen mit Zimt. Er stand noch auf der Anrichte, unberührt. Jens liebt Apfelkuchen. Er hatte nicht einmal das Blech angefasst.
„Ich bin schwanger", sagte Beate.
Das Wort stand im Raum wie ein Möbelstück, das man nicht übersehen kann. Ich sah sie an. Dann sah ich Jens an. Er nickte einmal, kurz, wie um sich selbst zu bestätigen.
„Es ist zwischen uns passiert", sagte er. Seine Stimme klang, als hätte er den Satz im Treppenhaus geübt. „Ich liebe sie, Anke. Ich will ehrlich sein. Wir lassen uns scheiden, und ich heirate Beate. Das Kind wird im September kommen, der Frauenarzt sagt, es ist ein Junge."
Ich stand da, mitten in meiner Küche, in meiner Wohnung, die ich mit Jens zusammen bezahlt hatte, und hörte mir an, wie mein Leben neu organisiert wurde. Beate drückte die Zigarette im Spülbecken aus, da, wo ich morgens immer den Teebeutel ausdrücke, und sagte: „Sei nicht böse. Ich habe es nicht geplant."
Aber ich kannte Beate. Seit dem Kindergarten. Und ich wusste, dass das gelogen war.
Was dann kam, ist heute nur noch ein Bild aus lauter Einzelteilen. Ich habe geschrien, ich habe Dinge geworfen, ich habe Beates Koffer gepackt und vor die Tür gestellt. Jens hielt meine Arme fest, damit ich nicht auf sie losging. Sie stand die ganze Zeit am Fenster und schwieg.
Am Ende sagte ich nur: „Geh. Und nimm ihn mit."
Die Wohnung gehörte zu zwei Dritteln Jens. Er hatte sie mit seinem Erbe angezahlt, bevor wir geheiratet hatten. Deutsches Eherecht hin oder her, am Ende war ich diejenige, die ausziehen musste. Ich bekam das Auto, einen alten Fiat, und knapp die Hälfte unseres Ersparten. Ausgerechnet Beate schickte mir die Nachricht, ich solle froh sein, dass Jens nicht auf die Wohnung bestanden habe. „Andere Männer hätten dich auf die Straße gesetzt", schrieb sie. Ich habe die Nachricht gelöscht, ohne zu antworten.
Ich zog zu meiner Mutter nach Chemnitz, schlief zwei Wochen im Wohnzimmer auf der Schlafcouch und trank nur Kaffee. Ich aß nichts. Ich stand morgens auf, ging zur Arbeit, kam nach Hause, legte mich wieder hin. Nachts hörte ich die Straßenbahn draußen und zählte die Minuten, bis es hell wurde.
Meine Mutter hat versucht, mit mir zu reden. Sie hat mir Brühe hingestellt und Fenster geöffnet. Ich habe nichts gesagt. Irgendwann hat sie angefangen, mir Briefe von der Bank vorzulesen, nur damit ich überhaupt reagiere. Ein Brief war vom Notar.
Jens und Beate hatten geheiratet. Der Notar schrieb, es gebe eine Lebensversicherung, die Jens vor Jahren auf unseren gemeinsamen Namen abgeschlossen hatte. Die Versicherungssumme betrug 46.000 Euro. Er bat mich, mich mit der Versicherungsgesellschaft in Verbindung zu setzen, weil dort offenbar eine Unstimmigkeit zu meinen Gunsten vorliege.
Ich saß am Küchentisch meiner Mutter, hielt den Brief in der Hand und las ihn drei Mal. Vier Mal. Meine Hände zitterten.
Ich wusste von dieser Versicherung. Jens hatte sie abgeschlossen, als wir frisch verheiratet waren. „Falls mir etwas passiert, bist du abgesichert", hatte er gesagt. Wir hatten dafür monatlich gezahlt, von unserem gemeinsamen Konto, bis drei Monate vor der Trennung. Ich hatte damals unwiderruflich als Bezugsberechtigte eingetragen werden müssen, weil die Bank das für den gekoppelten Kredit verlangt hatte. Ich erinnerte mich kaum noch daran.
Aber ich hatte die Unterlagen. Ich hatte die Kontoauszüge. Ich hatte die Originalpolice in meinem Ordner, weil ich die Finanzen gemacht hatte. Jens wusste nicht, dass ich sie behalten hatte. Er hatte nie gefragt.
Am nächsten Morgen rief ich meine Cousine an, die als Bankkauffrau arbeitet. Sie sagte: „Wenn du als unwiderrufliche Bezugsberechtigte eingetragen bist, kann daran ohne deine Unterschrift niemand etwas ändern. Hol dir trotzdem einen Anwalt, damit das sauber läuft." Ich habe einen Termin gemacht. Der Anwalt hörte sich alles an, blätterte die Unterlagen durch und sagte: „Das ist eindeutig. Sie sind unwiderruflich als Bezugsberechtigte eingetragen. Ihr Exmann hat offenbar versucht, das ändern zu lassen, und ist an Ihrer fehlenden Unterschrift gescheitert. Ohne die geht bei diesem Vertrag gar nichts. Die Versicherungssumme steht Ihnen zu, unabhängig von der Scheidung."
Beates Name stand inzwischen in allen anderen Dokumenten als Alleinerbin von Jens. Nur bei der Lebensversicherung hatten sie sich verrechnet. Die Änderungsmitteilung, die Jens eingereicht hatte, war zwei Wochen nach der Scheidung bei der Versicherung eingegangen, ohne meine Unterschrift, und war deshalb formlos zurückgewiesen worden.
Ich bekam die 46.000 Euro im November. Sie wurden mir auf mein eigenes Konto überwiesen, das ich nach der Trennung eröffnet hatte. Ich habe niemandem davon erzählt.
Zwei Wochen danach stand plötzlich Jens vor der Tür meiner Mutter. Er sah aus wie zehn Jahre älter, grau im Gesicht, mit diesen tiefen Ringen unter den Augen, die man von zu wenig Schlaf und zu viel Streit bekommt. Beate war nicht dabei.
„Ich wollte dich sprechen", sagte er. „Es ist alles ein Fehler gewesen. Beate hat nur das Geld gewollt. Jetzt, wo das Kind da ist, fragt sie ständig nach der Versicherung. Sie hat einen Anwalt eingeschaltet, weil sie dachte, sie bekommt das Geld. Aber die haben ihr gesagt, dass es an dich geht. Seitdem macht sie mir die Hölle heiß."
Er rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Anke, ich habe alles verloren. Die Firma, die Wohnung, alles, was ich mir aufgebaut habe. Beate hat mich ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Sie hat meine Unterschrift gefälscht, als es um den Bausparvertrag ging. Weißt du, wie weh das tut? Nachdem ich ihr vertraut habe? Und jetzt stehe ich hier und frage mich, wie ich den Unterhalt für das Kind zahlen soll."
Ich weiß nicht, was er erwartet hatte. Dass ich ihn in die Arme nehme? Dass ich sage, komm zurück, alles vergessen, wir schaffen das? Die Frau, die mir das angetan hat, hat auch ihn über den Tisch gezogen. Das ist keine Genugtuung. Es ist nur traurig.
Ich bin kurz zurück in die Wohnung gegangen und habe ihm die Originalpolice in die Hand gedrückt. „Die kannst du behalten", sagte ich. „Damit du siehst, dass ich nicht mehr deine Versicherung bin. Die 46.000 Euro gehören mir. Bitte geh jetzt."
Er stand da, hielt die Papiere und öffnete den Mund. Dann kam die Straßenbahn, und ich trat einen Schritt zurück und zog die Tür zu. Durch das Milchglas sah ich, wie er noch eine Weile dastand. Dann ging er.
Ich habe nie wieder mit Beate gesprochen. Einmal hat sie versucht, mir an der Supermarktkasse einen schönen Gruß auszurichten. Ich habe die Waren zurückgelegt und bin gegangen, ohne den Einkauf zu bezahlen.
Ich lebe wieder in Leipzig, jetzt am Stadtrand, in einer kleinen Wohnung mit Blick auf einen Hinterhof, in dem ein Kastanienbaum steht. Der Vermieter ist ein älterer Herr aus der Nachbarschaft, der im Sommer Tomaten züchtet und mir manchmal ein paar vor die Tür legt. Als ich im Januar eingezogen bin, steckte eine Karte im Türspalt: „Willkommen im Viertel. Die Heizung ist fällig, wenn Sie klirren hören, rufen Sie nicht den Notdienst, sondern mich. M. Kowalski."
Gestern Abend habe ich vier Tomaten aus der Schale genommen, die vor meiner Tür stand, und sie in Scheiben geschnitten, mit Salz und etwas Öl. Ich habe den Teller mit auf den Balkon genommen und dort gegessen, während unten im Hof die Kastanien auf das Pflaster fielen, eine nach der anderen, ohne Eile.







