Ich bin einundsechzig, ich heiße Bernd Kowalczyk, und seit acht Monaten stehe ich jeden Morgen um Viertel nach sechs auf, obwohl ich nicht mehr zur Arbeit muss. Das ist das Erste, was meine Frau nicht versteht: dass ein Mensch, der dreiundzwanzig Jahre lang eine Kfz-Werkstatt geführt hat, nicht einfach ausschlafen kann, nur weil auf dem Papier "Ruhestand" steht.
Ich erzähle das hier, weil meine Schwägerin überall herumposaunt hat, ich sei "der Mann, der zu Hause rumsitzt und alle nervt". Ich will erklären, wie es von meiner Seite aussieht.
Die Werkstatt lag in der Mommsenstraße in Bochum, drei Hebebühnen, ein Stammkundenkreis, den ich mir über zwei Jahrzehnte aufgebaut hatte. Als mein Rücken es nicht mehr mitmachte und ich sie im Januar an meinen ehemaligen Lehrling verkaufte, dachte ich, ich hätte einen Plan: Garten, Angeln am Kemnader See, vielleicht ein Ehrenamt beim Roten Kreuz. Was ich nicht eingeplant hatte, war das Gefühl, überflüssig zu sein.
Meine Frau, Renate, arbeitet noch, dreieinhalb Tage die Woche in der Buchhaltung einer Spedition. Wenn sie um halb sechs nach Hause kommt, ist die Wohnung nicht mehr ihre. Ich habe die Gardinenstange neu gedübelt, die Spülmaschine anders eingeräumt, die Kräutertöpfe auf der Fensterbank umsortiert, weil das Basilikum zu wenig Licht hatte. Für mich ist das Ordnung. Für sie, sagt sie, ist es, als würde jemand ständig an ihren Sachen herumfummeln, ohne zu fragen.
Der erste große Streit kam wegen der Waschmaschine. Ich hatte ein neues Programm eingestellt, weil ich im Internet gelesen hatte, dass Fünfzehn-Grad-weniger-Wäschen bei uns dreißig Euro im Jahr sparen. Renate kam von der Arbeit, wollte ihre Bluse für den nächsten Tag waschen, und die Maschine brauchte plötzlich zwei Stunden statt vierzig Minuten. Sie hat mich angeschrien, richtig angeschrien, zum ersten Mal seit Jahren. Ich habe mich hingesetzt und nichts mehr gesagt, weil ich in dem Moment gemerkt habe: Es geht gar nicht um die Maschine.
Zwei Wochen später, an einem Sonntagabend im Mai, saßen wir am Küchentisch, das Fenster stand offen, unten auf der Straße hörte man die Nachbarskinder mit dem Ball gegen die Garagentür knallen, und ich fragte sie direkt: Was willst du eigentlich von mir. Sie hat lange nichts gesagt. Dann: Ich will meine Wohnung zurück, in der ich allein entscheiden darf, wo die Gewürze stehen. Und ich will nicht, dass du mir jeden Abend erzählst, was du repariert hast, weil ich merke, dass du dich rechtfertigst, und das macht mich traurig, nicht wütend.
Das hat gesessen. Ich bin drei Tage lang kaum aus dem Keller gekommen, wo ich mir eine kleine Werkbank eingerichtet hatte, angeblich um Fahrräder für die Enkelkinder zu reparieren. In Wahrheit habe ich dort einfach gesessen und nachgedacht, ob dreiundzwanzig Jahre Werkstatt mich zu einem Menschen gemacht haben, der nur noch über Schrauben und Programme reden kann.
Meine Tochter Katrin, die in Essen lebt, kam am Wochenende darauf vorbei, angeblich um die Enkelin bei uns zu lassen, tatsächlich um mit uns beiden zu reden. Sie hat gesagt, ihr Vater habe sich in der Werkstatt sein ganzes Leben lang um andere Leute gekümmert, um deren kaputte Autos, und jetzt, wo das weg sei, kümmere er sich eben um die einzige Baustelle, die ihm noch bleibe: das Haus. Das war kein Vorwurf gegen mich, sondern eine Erklärung, und trotzdem hat es mehr wehgetan als jeder Streit mit Renate.
Am 14. Juni, ich weiß das Datum noch genau, weil es der Tag vor Katrins Geburtstag war, sind Renate und ich zusammen zur Verbraucherzentrale gegangen, nicht wegen einer Rechnung, sondern weil dort auch eine kostenlose Beratung für Paare im Ruhestandsübergang angeboten wird, das hatte Katrin herausgefunden. Wir saßen in einem kleinen Raum mit einer Beraterin namens Frau Ilhan, auf dem Tisch stand eine Packung Kekse, die niemand angerührt hat, und sie hat uns eine Frage gestellt, die mich bis heute beschäftigt: Wofür stehen Sie morgens auf, wenn nicht mehr für die Werkstatt.
Ich hatte keine Antwort. Renate schon: für ihre Arbeit, für ihre Freundin Petra, mit der sie donnerstags schwimmen geht, für den Chor in der Petrikirche. Sie hatte sich ihr Leben nie komplett über mich definiert. Ich hatte meins komplett über die Werkstatt definiert.
Wir haben an dem Tag etwas vereinbart, das banal klingt, aber unser Leben verändert hat: Ich melde mich zwei Vormittage die Woche beim Bochumer Reparatur-Café, ehrenamtlich, dort repariere ich Toaster und alte Fahrräder für Leute aus dem Viertel, mit anderen Rentnern, die auch mal Handwerker waren. Und im Haus gilt eine Regel, die Renate aufgeschrieben und an den Kühlschrank gehängt hat: Ich verändere nichts an ihren Sachen, ohne zu fragen, und sie sagt mir laut, wenn ihr etwas zu viel wird, statt es wochenlang runterzuschlucken.
Das klingt nach wenig. Für uns war es genug, um wieder miteinander reden zu können, ohne dass jeder Satz eine versteckte Anklage war.
Vor drei Wochen, am Sonntag, hat meine Schwägerin bei einem Familienessen in Katrins Garten gesagt, sie habe gehört, ich würde Renate "das Leben zur Hölle machen", weil ich nicht arbeiten könne ohne zu nörgeln. Ich habe sie nicht angeschrien. Ich habe ihr erzählt, was ich hier erzählt habe: von der Waschmaschine, vom Kühlschrankzettel, vom Reparatur-Café. Renate hat neben mir gesessen und nichts gesagt, aber als meine Schwägerin fertig war mit ihrem betretenen Schweigen, hat Renate ihr Weinglas gehoben und gesagt: Er repariert jetzt Toaster für fremde Leute, statt meine Gewürzdose umzustellen. Das reicht mir.
Ich weiß, dass es keine Garantie gibt, dass es so bleibt. Aber am Kühlschrank hängt der Zettel noch, mit Renates Handschrift, ein bisschen verblichen vom Licht, das durchs Küchenfenster fällt, und zweimal die Woche fahre ich mit dem Fahrrad zum Reparatur-Café in der ehemaligen Kaufhalle, wo der Kaffee schlecht schmeckt und die Leute mich brauchen, ohne dass ich mich rechtfertigen muss.







