An einem Dienstag im September, draußen hing der Nebel so tief über dem Schwarzwald, dass man das Freiburger Münster nicht erkennen konnte, und die Linie 5 quietschte durch die Kurve vor unserem Haus, sagte mein Mann Bernd beim Frühstück: „Ich will ab jetzt nur noch für mich leben.“
Draußen bellte der Dackel von Frau Kurt dreimal, als die Müllabfuhr durch die Straße fuhr. Ich stand mit der Thermoskanne in der Hand und konnte den Satz nicht zuordnen. Siebenundvierzig Jahre Ehe, davon sechs Monate Rente. Ich hatte gedacht, wir würden endlich zusammen etwas unternehmen: Weinproben im Markgräflerland, Wanderungen auf den Schauinsland, nachmittags Kaffee auf dem Münsterplatz.
Bernd hatte andere Pläne. Er war fast vierzig Jahre lang Produktionsleiter bei einem Medizintechnikbetrieb. Kaum pensioniert, trat er einem Wanderverein bei, verabredete sich mit früheren Kollegen und buchte eine Woche Südtirol, ohne mich zu fragen. Zuerst dachte ich: Soll er doch. Aber dann lief fast alles ohne mich. Eine Kanutour in Mecklenburg. Eine Alpenüberquerung mit zwei alten Schulfreunden. Als ich fragte, wann wir einmal etwas zusammen machen würden, legte er das Messer ab und sagte: „Anne, ich habe mein Leben lang geschuftet. Jetzt will ich genießen, ohne Rechenschaft abzulegen.“
Ich presste den Daumen in die Brötchenkrümel neben meinem Teller, bis ein kleines Loch entstand. „Ich habe auch mein Leben lang gearbeitet“, sagte ich. „Der größte Teil steht nur auf keiner Lohnabrechnung.“
Als wir heirateten, studierte ich Modedesign in Hamburg. Ein Jahr bis zum Diplom. Bernd bekam das Angebot in Braunschweig. Er bat mich mitzukommen. Nur zwei Jahre, sagte er, danach könne ich weitermachen. Dann kam Judith. Dann Felix. Dann Niklas. Ich habe nie wieder einen Hochschulsaal betreten. Ich arbeitete zu Hause: Änderungen, Brautkleider, manchmal Kostüme für das Stadttheater. Das Geld half, aber es war immer seine Karriere, die den Wohnort bestimmte. Wir zogen viermal um: Braunschweig, Ulm, Augsburg, Freiburg. Jedes Mal ließ ich Kundinnen zurück, einen Nähtisch, der gerade lief, Nachbarinnen, die ohne meine Handgriffe nicht zurechtkamen. Als seine Mutter dement wurde, zog sie zu uns. Sieben Jahre habe ich sie gewaschen, gefüttert, beruhigt, wenn sie nachts aus dem Haus wollte. Bernd war in dieser Zeit viel unterwegs, zu Wartungsverträgen nach Tschechien, zu Schulungen nach Polen. Irgendjemand musste das Geld verdienen, sagte er. Unsere Kinder kannten diese Seite kaum. Für sie war der Vater der Mann, der von Dienstreisen Pralinen aus Prag mitbrachte und die Urlaube bezahlte. Ich war die Mutter, die immer da war.
An einem Sonntag aßen wir zusammen. Bernd redete von seiner Alpenüberquerung und sagte zu Judith: „Deine Mutter ist zu häuslich, um mitzukommen.“ Ich legte die Gabel quer über den Teller. Ich konnte nicht mehr schweigen. Ich erzählte, dass ich vor der Ehe Modedesignerin werden wollte. Dass ich das Studium für seinen ersten Umzug abgebrochen hatte. Dass ich jahrelang Italienisch lernen und ein Praktikum in einer Mailänder Modefirma machen wollte. Felix fragte: „Das hast du uns nie gesagt.“ Ich antwortete: „Weil es sich wie ein Vorwurf anhört. Aber viele Entscheidungen waren keine gemeinsamen. Es waren seine, und ich habe sie mitgetragen.“ Bernd schob den Stuhl zurück. „Dich hat niemand gezwungen.“ Ich fragte: „Und wer wäre bei den Kindern geblieben, wenn ich mein Diplom gemacht hätte?“ Er antwortete nicht.
In den Tagen danach stritten wir viel. Er warf mir vor, ich wollte ihm ein schlechtes Gewissen machen, weil er gearbeitet hatte. Ich versuchte zu sagen, dass ich ihm die Karriere nicht vorwarf. Aber die Erzählung, sein Leben sei ausschließlich Opfer gewesen, die ertrug ich nicht mehr. Wir sahen uns die Konten an. Rente, Sparbriefe, die kleine Eigentumswohnung in der Wiehre. Alles aus seinem Gehalt. Aber auch aus meiner Arbeit: den Brautkleidern, den Änderungen, den sieben Jahren Pflege, für die nie eine Rechnung geschrieben wurde.
Ich traf eine Entscheidung, die ich seit Jahren vor mir hergeschoben hatte. Ich ging zur Volkshochschule Freiburg und schrieb mich in einen Kurs zur Kunstgeschichte der Moderne ein. Kursnummer 231-408, vierzehn Termine, mittwochs um zehn. Gebühr: 96 Euro. Danach reservierte ich mit meiner Schwester Christel eine Woche in einem Künstlerhaus in Ahrenshoop an der Ostsee. Wir überwiesen 420 Euro Anzahlung. Am Abend legte ich die Anmeldebestätigung neben seine Kaffeetasse.
Er las sie zweimal. Dann fragte er: „Und wer kocht, während du weg bist?“
Ich musste lachen, so ein kurzes Schnauben durch die Nase. „Eine Woche lang lebst du wirklich nur für dich selbst. Du machst dir deine Brote selber. Im Keller stehen noch drei Gläser Sauerkirschen.“
Meine Reise fiel auf seine Wanderwoche im Harz. Erstmals packten wir die Koffer getrennt. Ahrenshoop war kein Wunder. Ich lief mir Blasen, stritt mit Christel über das Frühstück im Hotel und vermisste mein eigenes Kopfkissen. Aber als ich zurückkam, wusste ich: Ich kann noch etwas für mich wählen.
Bernd und ich trennten uns nicht. Wir lernten, Reisen getrennt und gemeinsam zu planen. Er ist immer noch schwierig, und manchmal redet er, als wäre seine Zeit wertvoller als meine. Dann lege ich den Überweisungsbeleg von damals vor ihn hin. Unsere Kinder fragten mich endlich, was ich wollte, nicht nur, ob ich einspringen konnte.
Gestern Abend saß er am Küchentisch. Der Anmeldezettel war inzwischen weich und an der Ecke eingerissen, ich hatte ihn mit einem Magneten an die Kühlschranktür gesteckt. Ich nahm ihn ab und legte ihn vor ihm auf den Tisch. Auf der Rückseite stand in meiner Handschrift: „14. September, Abfahrt 8:42 Uhr, Gleis 3, Sitzplatz 17. 96 Euro bezahlt.“ Er las den Betrag zweimal, dann nahm er einen Stift aus der Schublade und schrieb darunter: „Ich brauche die drei Gläser Sauerkirschen.“







