Der Wartesaal um Viertel nach sieben

Ich sitze seit siebzehn Jahren an diesem Empfangstresen der Praxis in der Bahnhofstraße, und man glaubt gar nicht, wie viel man über Menschen erfährt, wenn man einfach nur Termine einträgt und Kaffee kocht. An diesem Donnerstagabend im November war ich eigentlich schon mit dem Mantel in der Hand, meine Schicht endete um sieben, und draußen fing es an zu nieseln, dieser feine Regen, der einem die Brille beschlägt, kaum dass man zur Tür raus ist.

Da kam Renate Vogler noch rein. Zweiundsechzig, pensionierte Realschullehrerin, seit drei Jahren Stammpatientin bei uns wegen ihres Blutdrucks. Sie hatte gar keinen Termin, das sah ich sofort auf dem Bildschirm, aber sie setzte sich einfach auf den Stuhl neben dem Wasserspender und legte eine braune Mappe auf ihre Knie. Die Ecken der Mappe waren ausgefranst, als hätte sie sie schon oft aus der Tasche gezogen und wieder reingesteckt, ohne sich zu entscheiden.

Ich fragte sie, ob alles in Ordnung sei, mehr aus Höflichkeit, weil ich eigentlich nach Hause wollte. Sie sagte nur, sie warte auf ihren Sohn, der komme gleich vom Parkplatz. Auf dem Display ihres Handys, das neben der Mappe lag, blinkte kurz ein Name auf: Bettina, sechs entgangene Anrufe. Sie drehte das Telefon um, mit dem Display nach unten, ohne ein Wort dazu zu sagen.

„Ist Ihre Tochter unterwegs?", fragte ich.

„Nein", sagte Renate. „Meine Tochter ruft nur an, wenn ihr Mann neben ihr steht."

Mehr sagte sie dazu nicht. Ich brachte ihr ein Glas Wasser vom Spender, mehr aus Verlegenheit als aus Plan, und sie bedankte sich kurz, die Finger um das Glas gelegt, ohne zu trinken.

Dann kam Matthias, tropfnass, den Autoschlüssel noch in der Hand. Mitte dreißig, Elektroingenieur bei Bosch, wie ich später erfuhr. Er setzte sich neben seine Mutter, legte eine dünne Klarsichthülle mit Unterlagen auf den Stuhl zwischen ihnen und sagte nur: „Der Notar hat alles fertig gemacht, Mama. Du musst nur noch unterschreiben."

„Hier?", fragte ich, ich konnte es mir nicht verkneifen. „In der Arztpraxis?"

Renate sah mich an, zum ersten Mal an diesem Abend richtig an. „Hier kenne ich jeden Winkel", sagte sie. „Zu Hause fühl ich mich nicht mehr sicher, dass keiner mitliest, was ich unterschreibe."

Ich verstand da noch nicht, worum es ging. Erst als Frau Dr. Krannich, die noch im Haus war, sagte, ich solle die beiden ruhig im hinteren Behandlungsraum sitzen lassen, das Licht mache sie später aus, begriff ich, dass es kein Termin war, den ich vergessen hatte, sondern etwas, das die beiden sich selbst organisiert hatten, fernab von zu Hause.

Ich blieb am Tresen, aber die Tür zum Behandlungsraum stand einen Spalt offen, und die Stimmen trugen bis zu mir herüber.

„Lies dir das noch mal in Ruhe durch", sagte Matthias.

„Ich hab's gelesen. Dreimal." Renates Stimme war fest, kein Zittern darin. „Jürgen hat das Haus mit einer Grundschuld belastet. Ohne mich zu fragen. Für sein Besprechungszimmer mit dem Marmorboden."

„Ich weiß, Mama."

„Ich hab ihm eine Vollmacht gegeben, weil ich dachte, er kümmert sich um die Nebenkostenabrechnungen. Nicht darum, dass er mein Elternhaus verpfändet."

Es klapperte kurz, ein Kugelschreiber, der auf den Tisch fiel und wieder aufgehoben wurde. Dann Renates Stimme wieder, jetzt langsamer, als würde sie jedes Wort einzeln hinstellen: „Ich widerrufe die Vollmacht. Mit sofortiger Wirkung. Das Haus in Reutlingen verkaufe ich, und den Erlös teile ich zwischen dir und Lena, wenn sie mit dem Studium anfängt. Deine Schwester bekommt nichts, solange Jürgen über ihr gemeinsames Konto bestimmt."

„Das wird Ärger geben", sagte Matthias, leise.

„Den hab ich schon."

Ich hörte, wie der Stift über das Papier kratzte, kein zögerliches Kritzeln, sondern ein durchgezogener, fester Strich, zweimal, dreimal, so als würde jemand etwas unterstreichen wollen, das längst entschieden war. Danach war es eine Weile still, nur das leise Rascheln von Papier, das zusammengelegt wurde.

Kurz vor acht klingelte Renates Handy auf dem Tresen, wo sie es abgelegt hatte, als sie kurz aufstand, um sich noch ein Wasser zu holen. Sie kam zurück, sah den Namen, und ihr Gesicht veränderte sich, die Kiefer spannten sich an, bevor sie überhaupt ranging.

„Jürgen", sagte sie nur, statt Hallo.

Ich stand direkt daneben, tat, als würde ich Karteikarten sortieren, aber ich hörte jedes Wort, das aus dem Hörer drang, so laut und scharf war seine Stimme.

„Wo bist du? Der Notar hat mich gerade angerufen, was soll der Unsinn?"

„Kein Unsinn." Renate hielt das Handy nicht ans Ohr wie sonst, sondern etwas davor, als wollte sie Abstand zu dem halten, was daraus kam.

„Renate, du machst wieder eine deiner Aktionen. Wir müssen reden, ohne dass Matthias dir irgendwas einredet."

„Es gibt nichts mehr zu reden. Die Vollmacht ist widerrufen. Das Haus gehört mir, und die Grundschuld ist jetzt dein Problem, nicht meins."

„Das kannst du nicht einfach—"

„Kann ich doch. Ich hab's gerade getan." Sie machte eine Pause, ihre freie Hand lag flach auf der Mappe, die Finger leicht gespreizt, als würde sie das Papier darunter festhalten wollen. „Und ich will bis Ende des Monats meinen Rentenbescheid zurück und die Sparbuch-Unterlagen. Alles, was du noch bei euch im Haus hast."

Aus dem Hörer kam etwas Lautes, Unverständliches, ein einzelnes Wort, das wie „lächerlich" klang. Renate hörte nicht bis zum Ende zu.

„Ich hab dazu nichts mehr zu sagen", sagte sie und legte auf, mitten in seinem Satz, den Daumen fest auf das rote Symbol gedrückt. Dann stand sie einen Moment einfach da, das Handy noch in der Hand, und atmete aus, ein einziges Mal, hörbar.

Matthias kam aus dem Behandlungsraum, die Klarsichthülle jetzt unter dem Arm. Er sagte nichts, legte nur kurz die Hand auf die Schulter seiner Mutter. Sie nickte einmal, kaum merklich, und steckte das Handy in die Manteltasche.

Ich hielt ihr die Tür auf, kurz nach acht, es regnete immer noch. Sie drehte sich noch einmal um.

„Das Wasser vorhin hat gutgetan", sagte sie.

Mehr nicht. Die Mappe hatte sie jetzt fest unter dem Arm, nicht mehr auf den Knien, nicht mehr in den unruhigen Händen wie vorhin, als sie noch nicht wusste, ob sie das wirklich tut. Ihr Handy blieb den ganzen Abend still in der Tasche. Kein Anruf von Bettina mehr, keine Nachricht. Nur Matthias, der ihr die Autotür aufhielt, bevor die beiden im Regen verschwanden.

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Der Wartesaal um Viertel nach sieben