Es war einer dieser Abende, an denen die Luft nach Holzkohle und frisch geschnittenem Gras roch. Unser Reihenhaus in Nürnberg-Süd lag an einer schmalen Straße, in der abends um kurz nach sieben die Straßenbahn der Linie 8 vorbeiratterte. Wenn sie kam, klirrten die Gläser auf dem Gartentisch. An diesem Abend waren die Gläser schon früh gefüllt, weil die Verwandten meines Mannes pünktlicher gekommen waren als je zuvor – vermutlich, weil sie wussten, dass es Nackensteaks gab.
Ich hatte den Tag im Supermarkt verbracht: Kartoffeln für den Salat, frische Mayonnaise, Baguette vom Bäcker, zwei Kästen Helles. Meine Schwester Katharina stand um drei in der Küche und schnitt Zwiebeln, während ihre Tochter Emma draußen den alten Gartenschlauch durchs Beet zog, aus dem kein Wasser mehr kam. Sie lachte, wenn er gegen die Beine der Gartenstühle schlug.
Punkt sechs kamen sie. Sabine, die Schwester meines Mannes, trug eine Handtasche, die sie mit beiden Händen umklammerte, als wäre sie zu wertvoll für einen Gartentisch. Ihr Mann Jörg hatte die Hände in den Hosentaschen, als er durch die Terrassentür trat. „Na, was gibt's?“, rief er und ging direkt zur Kühlbox.
Ich wartete, bis alle saßen. Das Gespräch drehte sich um den neuen Firmenwagen von Jörg, der angeblich 240 PS hatte, und um die Nachbarn, die ihren Kirschbaum nicht geschnitten hatten. Ich trank mein Wasser und merkte, wie mein Daumen immer wieder über den Rand des Umschlags strich, der in der Schublade des Beistelltischs lag. Ich hatte sie am Vorabend beschriftet: Sabine, Jörg, Markus, Katharina, Stefan, sogar Emma.
Als Jörg sich gerade nach dem zweiten Bier bückte, stand ich auf. „Bevor hier noch jemand aufsteht, um sich Nachschlag zu holen, will ich etwas klären.“
Alle sahen zu mir. Sogar Emma hörte auf, mit dem Schlauch zu spielen, und setzte sich auf den Boden. Ich zog die Schublade auf. Das Holz quietschte, weil seit dem letzten Regen etwas gequollen war. Ich nahm die sechs Umschläge heraus und legte sie in die Mitte des Tisches, neben die Senftuben.
„Jeder bekommt einen“, sagte ich.
Sabine griff als Erste zu, als wäre es ein Gewinnspiel. Sie riss den Umschlag auf, zog den Zettel heraus. Ihre Lippen bewegten sich beim Lesen, ohne dass ein Ton herauskam.
„Versprochener Beitrag: Kartoffelsalat, Nackensteaks, Bier – nicht geliefert. Geschätzter Wert: 47 Euro.“
Darunter, in kleinerer Schrift: „Wer nichts mitgebracht hat, kann seinen Anteil vor dem Nachtisch begleichen. Bar oder per Überweisung.“
Sabine warf den Zettel auf den Tisch. „Willst du mich verarschen?“
„Nein“, sagte ich. „Ich will nur, dass du verstehst, was hier seit fünf Jahren läuft.“
Jörg beugte sich zu ihr, las mit, dann schlug er mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Ein Bier kippte um, die Flüssigkeit lief über die blau-weiß karierte Tischdecke und tropfte auf meine Sandalen. Ich bewegte mich nicht.
„Wegen ein paar Euro machst du so ein Theater?“, fuhr er mich an. „Wir sind Familie!“
Ich nahm einen Schluck Wasser, stellte das Glas ab und schob den Umschlag für Markus über den Tisch. „Lies du auch mal.“
Markus riss ihn auf. Sein Zettel war anders. Darauf stand: „Versprochener Beitrag: Beim Einkaufen helfen, Grill anfeuern, Gläser spülen – nicht geliefert. Geschätzter Wert: 20 Euro.“ Er schaute mich an, als hätte ich ihm gerade die Autoschlüssel weggenommen. Dann zuckte er mit den Schultern und legte den Zettel zurück. „Fair enough“, murmelte er.
Das war der Moment, in dem ich wusste, dass er auf meiner Seite war. Nicht weil er applaudierte, sondern weil er nicht widersprach.
Sabine schnappte nach Luft. „Du hast sie nicht mehr alle“, sagte sie zu mir, dann zu Markus: „Und du lässt das zu?“
Markus sagte nichts. Er nahm nur einen Schluck Bier.
Ich wandte mich an die anderen. „Ich habe zwei Tage gekocht. Ich habe eingekauft, den Garten hergerichtet, die Stühle repariert, den Grill geputzt. Und ihr? Ihr seid jedes Jahr mit leeren Händen gekommen und mit vollen Tupperdosen gegangen. Das ist keine Gastfreundschaft mehr. Das ist Selbstbedienung.“
Jörg wollte etwas erwidern, aber in diesem Moment meldete sich Emma. Sie war sechs und verstand mehr, als alle dachten. „Onkel Jörg“, sagte sie, „warum bringt ihr nie was mit? Wir bringen doch immer Nudelsalat mit. Der ist von Mama. Und ich helfe immer beim Rühren.“
Der Nachbarshund, der sonst jeden Grillanzünder anbellte, gab keinen Laut von sich. Es war, als hätte jemand die Geräusche im Garten ausgeknipst.
Ich stand auf, ging zur Garage und holte die große Kühltasche. Die restlichen Steaks, der Fisch, den ich als Reserve gekauft hatte, die Getränke – alles kam hinein. Katharina und Stefan standen auf, nahmen die Schüsseln und halfen mir, das Zeug zum Auto zu tragen. Emma trug die Tüte mit den Brötchen, die ich noch nicht aufgeschnitten hatte.
„Wo fahrt ihr hin?“, rief Sabine.
„Zum Wöhrder See“, sagte ich. „Wer beigetragen hat, ist willkommen. Wer nicht, kann hier bleiben. Es gibt noch Brot. Und ein paar Tomaten.“
Ich stieg ins Auto und drehte den Schlüssel. Im Rückspiegel sah ich, wie Sabine und Jörg am fast leeren Tisch saßen. Sie bewegten sich nicht. Vor ihnen standen die halb ausgetrunkenen Bierflaschen, die Ketchupflasche und ein Teller mit Tomatenscheiben. Es sah aus wie ein Stillleben, das niemand gemalt haben wollte.
Am See bauten wir den Grill auf einem der öffentlichen Roste auf. Der Abend war windstill, das Wasser roch nach Algen und nassem Beton. Wir aßen, lachten über Emmas Witz und niemand erwähnte die Verwandten. Als es dunkel wurde, machten wir ein kleines Feuer in einer Feuerschale, und Emma warf Stöckchen hinein, bis sie nur noch glühten.
Spät in der Nacht rief Markus an. Ich dachte, er wäre sauer, weil ich seine Schwester so düpiert hatte. Aber seine Stimme klang eher erleichtert.
„Weißt du was?“, sagte er. „Du hattest recht. Ich habe mich jahrelang nicht getraut, den Mund aufzumachen. Aber als ich die beiden dastehen sah, ohne sich zu entschuldigen, da wusste ich: Die kamen nie wegen uns. Die kamen nur wegen dem, was sie umsonst gekriegt haben.“
Ich sagte nichts. Ich hörte nur die Grillkohle knacken.
Am nächsten Morgen fand ich auf meinem Konto eine Überweisung. 47 Euro. Absender: Sabine. Verwendungszweck: „Grillfest“.
Ich habe das Geld nicht zurückgeschickt. Ich habe es an die Nürnberger Tafel überwiesen. Als Verwendungszweck tippte ich nur: „Kartoffelsalat, Nackensteaks, Bier.“
Dann legte ich das Handy weg, ging in die Garage und hängte die Kühltasche zurück an ihren Haken neben dem Grillbesteck.







