Ich bin an einem Dienstag im März aus der Uniklinik Leipzig entlassen worden. Der Regen lief an den Scheiben der Station 4 herunter, im Flur roch es nach Desinfektionsmittel und nassen Jacken. Der Oberarzt, ein junger Mann mit müden Augen, sprach nicht mit mir. Er sprach mit Frank und Miriam.
— Ihre Mutter kann nicht allein bleiben. Nach dem Schlaganfall braucht sie Ruhe, jemand muss die Medikamente richten, ans Essen denken, beim Anziehen helfen. Mindestens ein paar Wochen.
Ich saß auf dem Bett, die gepackte Tasche auf dem Schoß. Meine linke Hand zitterte, als ich den Reißverschluss zuzog. Das Wort Schlaganfall kam mir nicht mehr so leicht über die Lippen, aber ich verstand jedes Wort.
Frank stand am Fenster und schaute auf sein Handy. Er arbeitet bei Porsche in der Werkstatt, Schichtbeginn fünf, und ich wusste, dass er die Parkuhr im Kopf hatte. Die Parkzeit lief um halb zwölf ab. Miriam stand an der Tür und drehte den Autoschlüssel um den Finger, immer im Kreis, bis er gegen den Oberschenkel schlug.
— Natürlich, sagte sie, wir kümmern uns.
Ich wusste, dass das nicht stimmte. Man merkt das, wenn man vierzig Jahre lang Grundschulkinder belogen hat.
Sie nahmen mich mit in die Wohnung über der alten Fleischerei in Gohlis. Ein Zimmer für mich, das früher Franks Bastelkeller gewesen war. An der Wand hingen noch die Haken für die Werkzeuge. Die Wände waren dünn; man hörte den Kühlschrank aus dem Erdgeschoss, wenn man nachts wach lag.
In der zweiten Nacht hörte ich Miriam in der Küche. Es war kurz vor elf. Ich hatte die Risse in der Zimmerdecke gezählt und war bei sechsundzwanzig.
— Ich halte das keine zwei Wochen durch, sagte sie. Deine Mutter tropft beim Essen, sie findet die Wörter nicht, und die Kinder haben Angst vor ihr. Wir müssen einen Heimplatz suchen.
Frank sagte etwas, das ich nicht verstand. Dann schlug ein Glas auf den Tisch.
— Und was ist mit ihrer Wohnung? Wenn sie ins Heim kommt, brauchen wir die. Für die Pflegekosten. Oder wir verkaufen sie. Das wären wenigstens zweihundertzehntausend.
Ich lag auf der Seite und hörte, wie der Regen gegen das Fenster schlug. Dann habe ich weitergemacht mit dem Zählen. Siebenundzwanzig, achtundzwanzig.
Am nächsten Morgen habe ich beim Frühstück gesagt, dass ich einen Spaziergang machen will. Frank schaute von seinem Brötchen auf.
— Du kannst nicht allein gehen, sagte er.
— Nur bis zum Kiosk, sagte ich. Ich kaufe die Leipziger Volkszeitung. Für das Kreuzworträtsel.
Das stimmte sogar. Ich hatte seit drei Wochen kein Rätsel mehr gemacht, und im Krankenhaus vermisste ich vor allem das Kästchen für Eichhörnchen.
Frank gab mir zwanzig Euro. Ich steckte sie in die Tasche meiner Regenjacke, zog die Tür hinter mir zu und ging die Treppe hinunter. Im Treppenhaus brannte die Lampe nicht, aber ich kannte jede Stufe.
Ich ging nicht zum Kiosk. Ich ging zur Haltestelle an der Georg-Schumann-Straße und stieg in die Linie 4 Richtung Innenstadt. Das Ticket hat mich drei Euro achtzig gekostet; ich habe es am Automaten mit dem Fünfeuroschein bezahlt, den ich in der Tasche gefunden hatte.
Die Notarin hatte ihre Kanzlei in der Nähe des Thomaskirchhofs. Ich hatte in der Klinik heimlich telefoniert, von der Station aus, als Schwester Annett im Pausenraum war. Die Stimme am Telefon war freundlich gewesen: Kommen Sie einfach vorbei, Frau Berger.
Der Zug hielt am Wilhelm-Leuschner-Platz. Ich stieg aus und ging an einer Baustelle vorbei, wo ein Bagger den Asphalt aufriss. Der Geruch von nassem Staub hing in der Luft.
In der Kanzlei roch es nach Kaffee und Papier. Die Sekretärin führte mich in ein Zimmer mit einem Schreibtisch aus Kirschbaum. Die Notarin, Frau Doktor Albrecht, hatte einen kleinen Bonsai neben dem Telefon stehen. Sie schaute mich an, als ich die Tür aufmachte, und ihr Gesicht bewegte sich kaum.
— Sie sind Frau Berger, sagte sie. Ich muss Sie fragen: Sind Sie sicher, dass Sie heute unterschreiben wollen? Nach einem Schlaganfall sollte man solche Entscheidungen nicht überstürzen.
— Ich habe in der Klinik drei Wochen Zeit gehabt, um nachzudenken, sagte ich. Ich will die Wohnung der Hospizstiftung vermachen.
Ich legte die Mappe auf den Tisch. Meine Hand zitterte, als ich den Knopf aufmachte. Das merkte die Notarin.
— Das Haus in der Gohliser Straße. Es ist abbezahlt. Der Verkehrswert liegt bei zweihundertzehntausend Euro.
— Und Ihr Sohn?
— Er bekommt den Pflichtteil. Fünfzig Prozent. Das ist das Gesetz. Mehr nicht.
Die Notarin zog die Papiere aus dem Drucker. Sie legte sie vor mich hin. Ich nahm den silbernen Füller, der auf dem Schreibtisch lag, und unterschrieb. Drei Mal. Auf der letzten Seite stand unten: Leipzig, den 14. März.
Ich habe die Durchschrift in meine Regenjacke gesteckt. Dann bin ich mit der Linie 4 zurückgefahren. In Gohlis stieg ich am Zoo aus und ging den Rest zu Fuß. Es nieselte. Vor dem Haus stand der Dackel vom Nachbarn am Zaun und kläffte den Briefträger an.
Frank war noch bei der Arbeit. Miriam saß in der Küche und tippte auf ihrem Handy herum. Sie bemerkte nicht, dass ich die Jacke anbehielt.
— Wo warst du so lange? fragte sie, ohne aufzuschauen.
— Beim Notar, sagte ich.
Da legte sie das Handy auf den Tisch. Das Geräusch würde ich noch lange hören: zuerst das Klackern der Hülle auf dem Holz, dann nichts mehr.
— Beim Notar, wiederholte sie.
— Ich habe das Testament geändert. Die Wohnung geht an die Hospizstiftung. Frank bekommt den Pflichtteil. Fünfzig Prozent. Das reicht für einen guten Anwalt, falls er klagen will.
Miriam stand auf. Der Stuhl kippte nach hinten und schlug gegen die Wand. Sie kam auf mich zu, aber ich blieb in der Tür stehen.
— Das kannst du nicht machen, sagte sie. Die Wohnung gehört der Familie.
— Die Wohnung gehört mir. Dein Mann hat sie nicht gekauft. Mein Vater hat sie 1959 gebaut. Du hast sie nie bezahlt. Und du hast in der Küche gesagt, wir müssen sie verkaufen. Ich habe dich gehört. Die Wände sind dünn.
Da wurde ihr Gesicht weiß. Sie machte den Mund auf, aber es kam nichts. Ich zog die Durchschrift aus der Jackentasche und legte sie auf den Tisch, neben das Handy.
— Da steht alles drin. Ruf Frank an. Sag ihm, er soll die Frist für die Annahme des Pflichtteils nicht verpassen. Sechs Monate.
Ich ging in mein Zimmer und machte die Tür zu. Dann setzte ich mich aufs Bett und holte das Kreuzworträtsel aus der Zeitung. Ich hatte die Zeitung doch noch gekauft, am Kiosk an der Haltestelle.
Am Abend kam Frank nach Hause. Ich hörte, wie er im Flur den Autoschlüssel auf die Kommode warf. Dann war es still. Dann hörte ich Miriams Stimme, die ihm etwas erzählte, zu schnell, die Wörter stolperten übereinander. Die Wohnung, der Notar, die Stiftung.
Frank sagte nur ein Wort. Es war nicht für mich bestimmt, aber ich hörte es durch die dünne Wand:
— Scheiße.
Mehr nicht. Ich blätterte die Zeitung um und machte das Rätsel weiter.
Die Frage bei 21 waagerecht: Wer erbt, wenn es kein Testament gibt? Sechs Buchstaben.
Ich schrieb Gesetz in die Kästchen. Meine Hand war ruhig.







