Der Dezemberwind pfiff durch die Hamburger Speicherstadt, als Lena Kowalski den schmalen Durchgang zwischen zwei Backsteinhäusern fand. Hier würde sie sterben. Nicht heute, nicht morgen, aber bald. Sie war neunzehn, und sie hatte seit vier Tagen nichts gegessen.
Der Karton unter ihrem Rücken war feucht vom Nebel, der von der Elbe heraufkroch. Ihre Finger waren taub. Ihr Magen nicht mehr.
Am Nachmittag schob der Hunger sie durch die Glastür des „Vierländer Stuben“ – ein Restaurant, wo ein Teller mehr kostete, als Lena in ihrer besten Woche als Spülhilfe verdient hatte.
Warme Luft schlug ihr entgegen. Der Geruch von gebratenem Fleisch, frischem Brot und etwas Süßlichem – vielleicht Apfelstrudel. Ihre Knie wurden weich.
Lena blieb dicht an der Wand stehen. Sie trug zerrissene Turnschuhe, eine speckige Daunenjacke, die ihr zwei Nummern zu groß war, und unter einer grauen Mütze hervorquellendes, fettiges Haar. Um sie herum glänzten Messinglampen über makellosen Tischdecken. Herren mit Manschettenknöpfen. Damen mit dezentem Schmuck.
Dann sah sie die Frau am Fenstertisch.
Sie mochte Ende fünfzig sein, vielleicht Anfang sechzig. Graues Haar, kurz und präzise geschnitten. Ein marineblauer Hosenanzug, mindestens zweitausend Euro, schätzte Lena – sie kannte sich mit Preisen aus, weil sie früher Schaufenster studiert hatte, als es noch ein „früher“ gab.
Vor der Frau stand ein halbvoller Teller. Kalbsmedaillons, kaum berührt. Dazu frische Brötchen, ein Wasserglas. Sie griff nach ihrer Handtasche.
Lenas Magen verkrampfte sich so heftig, dass sie einen Schritt vorwärtsstolperte.
„Entschuldigen Sie.“
Die Frau blickte auf. Graublaue Augen, wach, aber müde. Falten um den Mund, die nicht vom Lachen kamen.
„Ich wollte fragen – Sie gehen doch gleich. Das Fleisch und das Brot.“ Lena schluckte. Ihre Stimme war ein heiseres Flüstern. „Darf ich den Rest haben? Bitte. Ich hab seit Tagen nichts gegessen.“
An den Nachbartischen verstummten die Gespräche.
Lena spürte jeden einzelnen Blick wie eine Nadel.
Die Frau sagte nichts. Ihre Augen ruhten auf Lenas Gesicht.
Lena drehte sich um.
„Vergessen Sie’s. Tut mir leid. Schönen Tag noch.“
Eine Hand packte ihren Arm.
Es war der Restaurantleiter, ein Mann Mitte vierzig mit pomadigem Haar und dem diskreten Charme einer Abrissbirne. Sein Namensschild glänzte: *Bernhard Kröger*.
„Du schon wieder. Ich hab dir gesagt, du sollst dich hier nicht rumtreiben.“
„Ich geh ja schon.“
„Du hättest gar nicht erst reinkommen dürfen.“ Er zog sie Richtung Lobby.
„Lassen Sie das Mädchen los.“
Die Stimme war nicht laut. Aber jeder im Raum hörte sie.
Kröger erstarrte.
Die ältere Frau stand auf.
„Frau von Osten,“ sagte er hastig. „Entschuldigen Sie die Störung. Diese junge Frau hat schon öfter Probleme gemacht. Wir werden sie entfernen –“
„Sie hat um Essen gebeten.“
„Das ist Hausfriedensbruch. Außerdem schadet das dem Ambiente –“
„Sie ist mein Gast. Holen Sie einen Stuhl. Und ein Gedeck.“
Kröger öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
Lena starrte die Frau an. „Das ist nicht nötig. Ehrlich. Ich wollte nur, was Sie wegschmeißen.“
„Und ich biete Ihnen Mittagessen an.“ Die Frau musterte sie mit einem Blick, den Lena nicht einordnen konnte.
„Ich will niemandem peinlich sein.“
Die Frau zog eine Augenbraue hoch. „Wer hat Ihnen beigebracht, dass Sie sich für Hunger schämen müssen?“
Lena hatte keine Antwort.
Kröger brachte widerwillig einen Stuhl. Ein Kellner legte eine Stoffserviette vor sie hin.
Lena setzte sich an den Tisch.
„Ihr Name?“
„Lena. Kowalski.“
Die Finger der Frau schlossen sich fester um das Wasserglas. Nur einen winzigen Moment lang. Dann glättete sich ihre Miene wieder.
„Sie haben Hunger, Lena Kowalski?“
Lena lachte freudlos auf. „Mehr, als ich erklären kann.“
Die Frau wandte sich an den Kellner. „Bringen Sie ihr die Hochzeitssuppe, das Kalbsmedaillon, Bratkartoffeln, das Brot und eine große Portion vom Kaiserschmarrn vom Dessertwagen. Dazu Apfelschorle und Wasser. Alles auf meine Rechnung, bitte sofort.“
„Das ist viel zu viel –“
„Den Rest packen Sie ein zum Mitnehmen.“
Lena schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht bezahlen.“
„Habe ich Sie darum gebeten?“
Als das Brot kam, versuchte Lena langsam zu essen. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie das Brötchen kaum in den Mund bekam. Der Geschmack von warmer Hefe und Butter durchbrach jede Barriere.
Sie biss hinein.
Ihr kamen die Tränen.
Die Frau schaute aus dem Fenster auf die Elbe, als sähe sie nichts. Sie gab Lena die Gnade, nicht beobachtet zu werden.
„Mein Name ist Helena von Osten“, sagte sie nach einer Weile.
Lena verschluckte sich fast.
Helena von Osten. Der Name zog durch alle Wirtschaftsseiten. Von Osten Immobilienverwaltung besaß Apartmenthäuser, Hotels und Restaurants im gesamten norddeutschen Raum. Die Frau hatte das Imperium nach dem Tod ihres Mannes verdoppelt und galt als eine der einflussreichsten Unternehmerinnen Hamburgs. Eiskalt, hieß es. Unnahbar.
Lena wischte sich den Mund ab. „Sie. Die Helena von Osten?“
„Leider ja. So nennt man mich wohl.“ Ein Hauch von Trockenheit in ihrer Stimme.
„Warum essen Sie allein?“
Helena sah Lena an – diesen durchdringenden Blick. Eine Weile sagte sie nichts. Dann strich sie mit dem Finger über den Rand ihres Wasserglases.
„Weil die meisten Menschen, die mit mir essen wollen, etwas von mir wollen. Sie nicht. Sie wollen einfach nur satt werden. Das ist ehrlicher.“
Lena widmete sich der Suppe, die der Kellner brachte. Rindfleischbrühe, hauchdünne Eierstichstreifen, frische Petersilie. Es war das Beste, was sie je gegessen hatte.
„Wo wohnen Sie?“, fragte Helena.
„Nirgends. Also, auf der Straße. Im Moment. Hinterm Portugiesenviertel, da gibt es einen Hinterhof, da lässt mich der Hausmeister in Ruhe, solange ich vor sechs Uhr morgens weg bin.“ Sie aß weiter.
„Und Ihre Familie?“
„Ich habe keine.“ Die nächste Lüge kam automatisch. „Also, man hat mich im Heim abgegeben, als ich zwei war. Pflegefamilien, Sie wissen schon. Mit sechzehn bin ich abgehauen, war nicht so einfach.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Alles gut soweit, bis ich krank wurde und meinen Job verloren habe. Jetzt bin ich eben hier.“
Helena von Osten starrte auf das Stück Kalbsmedaillon, das vor ihr auf dem Teller lag. Sie war blass geworden. Um ihren Mund lag ein ganz leichter Zug, den Lena nicht deuten konnte.
„Verzeihung“, sagte Helena leise. „Ich muss kurz telefonieren. Bitte bestellen Sie sich noch ein Dessert, wenn Sie möchten. Ich bin gleich zurück.“ Sie stand auf, ging in den hinteren Bereich des Restaurants.
Lena aß weiter. Ihr war schwindelig von all der Wärme, dem Geschmack, der plötzlichen Menschlichkeit.
Als Helena eine Viertelstunde später zurückkam, waren ihre Augen gerötet. Sie setzte sich und legte eine kleine Handtasche auf den Tisch, aber ihre Haltung wirkte nicht mehr so aufrecht wie zuvor. Sie faltete die Hände auf der Tischdecke. Ihre Knöchel traten weiß hervor.
„Lena, ich muss Ihnen etwas zeigen. Etwas, das jetzt keinen Aufschub mehr duldet.“ Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche und öffnete die Foto-App. Drehte das Display zu Lena.
Lena nahm noch einen Bissen Kaiserschmarrn. Dann fiel ihr Blick auf das Bild.
Es war eine alte, verblichene Fotografie von einer Neugeborenenstation. Ganz vorne, in einem durchsichtigen Wärmebettchen, lag ein winziges Baby mit dichtem dunklem Haar und einem abgeklebten Bändchen am Handgelenk. Eine Krankenschwester beugte sich darüber, aber ihr Gesicht war nicht zu sehen – nur ihre Armbanduhr blitzte im Blitzlicht.
Lena schluckte. „Das ist ein Frühchen. Und?“
„Das Baby auf dem Foto“, sagte Helena von Osten, und ihre Stimme brach zum ersten Mal, „sind Sie. Das Bild wurde am 12. November 2002 auf der Neugeborenen-Intensivstation des Universitätsklinikums Eppendorf aufgenommen. Sie waren drei Tage alt und wogen neunzehnhundert Gramm. Ich weiß das, weil ich diese Aufnahme selbst gemacht habe – mit einer Nikon-Kompaktkamera, die mein Mann mir am Abend zuvor geschenkt hatte.“ Sie schloss kurz die Augen. „Ich habe zweiundzwanzig Jahre lang gedacht, dass meine Tochter dort gestorben ist. Das haben die Ärzte mir gesagt, damals. Totale Organnekrose. Keine Chance. Ich habe sie nicht mal im Arm halten dürfen für den Abschied, weil ich nach dem Kaiserschnitt selbst auf der Intensivstation lag, Sepsisverdacht. Mein Mann hat die Formalitäten erledigt. Die Beerdigung. Alles. Eine winzige weiße Urne auf dem Ohlsdorfer Friedhof, auf die ich nie einen Blick geworfen habe, weil ich es nicht ertragen konnte. Und jetzt –“ Sie deutete auf Lena, und ihre Hand zitterte. „– sitzt sie vor mir und isst Kaiserschmarrn. Dieselbe kleine Falte rechts am Mundwinkel, wenn sie lächelt. Dieselbe Haarfarbe. Das Kinn von meiner Mutter. Lena. Gott. Lenchen. Mein Kind, das nie existiert haben soll – lebt und isst Kaiserschmarrn, und ich habe eine Woche vor Weihnachten in meinem eigenen Restaurant beschlossen, alleine zu essen, weil mein Leben so geordnet und kontrolliert und völlig leer ist, und dann stehst du da in dieser viel zu großen Jacke und bittest um Brotreste –“ Sie brach ab. Ihre Stimme war nur noch ein Krächzen.
Lena legte langsam die Gabel hin.
Die Kellnerin, die gerade Wasser nachschenken wollte, blieb auf halbem Weg stehen, machte kehrt und verschwand wortlos in der Küche. Kröger stand an der Rezeption und starrte mit offenem Mund herüber.
„Das kann nicht sein. Ich bin im Josefsheim in Altona abgegeben worden. Da gab es richtige Papiere und so, Geburtsurkunde –“
Helena schob das Handy beiseite. „Ja. Eine Geburtsurkunde, die mein Mann in Auftrag gegeben hat. Falsche Daten, falscher Name. Ein Schlupfloch im System. 2002, die ganzen Unterlagen noch nicht digital vernetzt. Er war ein brillanter Anwalt. Er konnte so etwas. Und er hatte Angst – Angst, dass nach dem Tod unseres ersten Sohnes, fünf Jahre vorher, ein krankes Kind mich endgültig zerbrechen würde. Also hat er beschlossen, dass ich es nie erfahre. Bis heute.“ Sie rieb sich die Schläfen.
„Ich habe vorhin im Auto die Nummer der Heimleitung herausgesucht und mit der Stationsschwester von damals telefoniert. Sie erinnert sich an alles. Sie hat geweint, als sie das Foto sah. Sie sagte, es sei die schwerste Schuld ihres Lebens gewesen, mitzuspielen, aber mein Mann habe sie unter Druck gesetzt, er habe ihre ganze Existenz in der Hand gehabt – sie war frisch geschieden, alleinerziehend mit zwei Kindern, er hat sie erpresst, das Kind unter falschem Namen ins Heim zu überstellen. Sie hat den Arm um dich gelegt auf dem Foto, sehen Sie – das war ihr Abschied. Sie hat sich bis heute nicht verziehen, dass sie mich nicht wenigstens anonym informiert hat.“ Helena atmete zitternd ein. „Nur hat sie nicht gewusst, dass er mir eine Beerdigung vorspielte. Ich dachte, du wärst tot. zweiundzwanzig Jahre lang. Und jetzt – jetzt esse ich hier Kalbsmedaillon mit meiner Tochter, die darum gebeten hat, meine Reste essen zu dürfen. Nicht einmal zu Weihnachten wäre mir eine solche Geschichte eingefallen. Niemand würde sie glauben. Kröger da drüben wird morgen in der Personalversammlung noch davon faseln, dass die alte von Osten im Restaurant einen Heulkrampf hatte. Soll er doch. Soll er. Egal.“ Sie griff nach ihrer Serviette, drückte sie an die Augen und legte sie dann ganz sorgfältig wieder neben den Teller, die Kante exakt parallel zur Tischkante. Eine Frau, die an Ordnung gewöhnt war.
Lena atmete durch die Zähne. Ihr Kopf war vollkommen leer. Völlig überfordert. Sie starrte auf das Stück Fotografie. Die kleine Hand des Babys, mit einem winzigen Pflaster, das genau dort klebte, wo bei ihr selbst, bis heute, eine kaum sichtbare Narbe auf dem Handrücken saß – eine Narbe, die sie nie erklären konnten im Heim. “Alter Nadelstich”, hatte die Betreuerin gesagt.
Sie schob den Ärmel hoch.
Die Narbe war da.
Lena legte ihre Hand auf den Tisch, direkt neben Helenas Fingerspitzen. Keine von ihnen rührte sich zwanzig Sekunden lang.
Dann stand Lena abrupt auf. Der Stuhl schabte laut über das Parkett. Ein paar Gäste zuckten zusammen.
„Ich muss hier raus. Ich brauche Luft. Ich komme wieder, ich versprech’s, aber ich muss jetzt raus, sonst falle ich Ihnen hier um und dann gibt’s noch mehr Szene. Ich wohne – also, Sie wissen ja. Hinterm Portugiesenviertel. Kommen Sie morgen vorbei. Kommen Sie einfach.“
Sie griff nach dem zusammengefalteten Restepaket, das die Kellnerin bereitgelegt hatte, und ging. Am Ausgang stolperte sie fast über Kröger, der ihr nun mit großen Augen die Tür aufhielt, als wäre sie eine Staatsgästin.
Draußen, auf dem Rathausmarkt, setzte sie sich auf eine zugige Bank gegenüber dem beleuchteten Weihnachtsbaum, das Essenspaket auf dem Schoß, und begann zu weinen. Sie weinte hemmungslos, das Gesicht in den Händen vergraben, und dachte: *Zweiundzwanzig Jahre glaubte ich an ein Nichts. Und jetzt ist da plötzlich alles.*
—
Am nächsten Morgen, kurz nach halb acht, rollte ein dunkelblauer Tesla leise in die kleine Gasse hinter dem Portugiesenviertel. Helena von Osten stieg aus, diesmal ohne Businesskostüm, in Wollmantel, flachen Stiefeln und einem unförmigen Schal, der aussah, als hätte ihn jemand vor zwanzig Jahren gestrickt und nie getragen.
Lena saß auf ihrem Karton neben dem Altglascontainer und trank einen lauwarmen Tee, den ihr der Hausmeister gebracht hatte, als sie ihm morgens um halb sechs wackelig die Situation erklärte.
„Ich hab die ganze Nacht nachgedacht“, sagte Lena, als Helena näher kam. „Ich habe mich an etwas erinnert. Die Pflegefamilie, bei der ich mit fünf war – die Mutter, Frau Reimers, die hat beim Abschied gesagt: ,Deine Mutter hat dich bestimmt sehr geliebt.‘ Ich hab gefragt, woher sie das weiß. Sie hat gesagt, bei meiner Einlieferung wäre ein Zettel dabei gewesen, eine Art handschriftlicher Brief, angeblich von der Sozialarbeiterin. Da stand drauf, die leiblichen Eltern hätten mich schweren Herzens weggegeben. Aber sie haben nie gesagt, wer es geschrieben hat. Ich hab nie verstanden, warum sie mich angelogen hat – wenn der Zettel da war, warum gab es dann keine richtigen Unterlagen? Die ganze Kindheit dachte ich, ich bin ausgesetzt worden, und dann hält mir die eine Bezugsperson diesen Satz hin und ich begreife nichts mehr. Ich habe diese Reimers jahrelang gehasst dafür. Aber sie hat wohl mehr gewusst, als ich dachte. Vielleicht hat sie den Zettel noch. Oder weiß, wer ihn geschrieben hat. Vielleicht war es Ihr Mann. Ich meine – mein Vater? Ist er…?“
Helena hatte sich vorsichtig neben die Altglassammlung gestellt, als wäre sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Gasse. „Er starb vor zwölf Jahren. Herzinfarkt. Eine Woche nach unserer letzten großen Unternehmensfusion. Er hat nie etwas gesagt. Kein Sterbewort, keine Andeutung. Er hat mich in dem Glauben gelassen, unser Kind sei tot.“ Ein langer Atemzug. „Ich habe ihn geliebt. Ich vertraue niemandem leicht. Aber ich habe ihm vertraut. Das war offenbar ein Fehler. Ein ziemlich teurer Fehler, der mich zweiundzwanzig Jahre Elternschaft gekostet hat und dich deine ganze Jugend. Jetzt ist er tot und ich kann ihn nicht mal zur Rede stellen. Nur den Anwalt, der damals die Adoption fingiert hat – der sitzt in einer Seniorenresidenz in Blankenese und kann sich an nichts erinnern. Praktisch für ihn. Die Schwester von gestern hingegen wird aussagen, wenn es nötig ist. Sie sagt, sie hat genug gelogen für ein Leben. Erzählen Sie mir: Wer sind Sie jetzt nach diesen zweiundzwanzig Jahren? Was wollen Sie? Möchten Sie Kontakt? Möchten Sie, dass ich Sie in Ruhe lasse? Sie schulden mir nichts, aber ich schulde Ihnen…“ Sie breitete die Arme aus, eine hilflose Geste. „Alles, was eine Mutter nicht zurückgeben kann. Ich kann die Zeit nicht rückgängig machen. Aber ich kann Ihnen ein Zuhause geben, falls Sie das wollen. Eine Ausbildung. Einen Neuanfang. Einen Ort, der warm ist im Dezember. Einen Perso mit Ihrem richtigen Namen, wenn Sie möchten. Eine Adresse, an der Briefe ankommen, die keine Rechnungen sind. Eine Tür, hinter der jemand wartet, der berechtigtes Interesse daran hat, dass Sie am Abend nach Hause kommen. Kein Kartoffelsack, sondern ein Bettbezug aus Baumwollsatin, den ich seit zwanzig Jahren viel zu selten benutze, weil immer nur ich da drin schlafe. Ich biete es Ihnen an. Nicht aus Mitleid, sondern –“ Helena zögerte. Dann, sehr leise: „– weil Sie meine Tochter sind und weil ich noch nie in meinem Leben wusste, wie es klingt, wenn ich morgens ,Guten Morgen, mein Kind‘ sagen kann. Und das ist das Einzige, was ich wirklich will. Falls Sie es wollen. Es sei denn, Sie hassen mich jetzt. Was ich verstehen würde. Sie haben jedes Recht dazu. Jedes einzelne.“ Sie stand da, die Hände in den Manteltaschen, und sah aus wie jemand, der alle juristischen Eventualitäten vorbereitet hat, aber nicht die Möglichkeit, dass man ihm einfach die Hand entgegenstreckt.
Lena stellte die Teetasse ab. Die Hände immer noch nicht warm, aber ruhiger. Sie stand auf, der Karton unter ihr knisterte. Keine von ihnen sagte etwas. Dann trat Lena vor, hob ungeschickt die Arme und legte sie um Helenas Schultern. Der Schal kratzte. Es war die erste Umarmung in Lenas Leben, die sich nicht komisch oder falsch oder schuldig anfühlte. Helena stand erst stocksteif, dann zog sie die Hände aus den Taschen und erwiderte die Umarmung vorsichtig, als hielte sie ein rohes Ei.
Sie standen so eine Minute in der kalten Gasse, umgeben von Mülltonnen, während über ihnen die Hamburger Winterdämmerung langsam in grautrübes Morgenlicht überging und irgendwo ein Martinshorn aufheulte.
Am Nachmittag saß Lena in der beheizbaren Veranda von Helenas Haus an der Elbchaussee, eingewickelt in zwei kratzige Decken und eine Wärmflasche, und wartete auf die Verwaltungsleiterin des Josefsheims, die sich für drei Uhr angekündigt hatte. Sie brachte einen alten Aktenordner mit. Das Heim kannte die Wahrheit schon einen Tag länger, weil Helena alle juristischen Register gezogen und noch um Mitternacht den zuständigen Behördenleiter aus dem Bett telefoniert hatte.
Frau Dr. Feldhusen legte den Ordner auf den Teakholztisch. „Wir haben das gefunden. Ihre vollständige Akte, samt einer Kopie der erschlichenen Einverständniserklärung, unterschrieben vom Vater des Kindes – also Ihrem Mann, Frau von Osten – sowie eine Verfügung des Familiengerichts von 2003, die aufgrund der Falschangaben erschlichen wurde. Sie ist damit nichtig. Wir haben das heute Morgen bereits weitergeleitet. Sie“, und sie nickte Lena zu, „sind ab sofort juristisch die Tochter von Frau von Osten. Auch der Eintrag beim Standesamt wurde korrigiert. Ihr Geburtsname lautet Helena-Sophie von Osten. Wollen Sie ihn annehmen?“
Lena rührte in dem heißen Kakao, den die Haushälterin ihr kommentarlos hingestellt hatte. „Kann ich das überhaupt? Ich bin seit neunzehn Jahren Lena Kowalski. Das ist wie ein zweiter Name, den man nicht ändert, auch wenn er falsch ist. Er gehört zu mir.“ Sie blickte Helena an. „Aber Helena-Sophie ist okay. Vielleicht gewöhne ich mich dran. Vielleicht bin ich auch einfach nur Lena von Osten – klingt wie eine seltene Käsesorte, aber daran könnte man sich gewöhnen. Wenn Sie erlauben, dass ich ein bisschen rumprobiere. Ich hab da wenig Übung drin. Normalerweise heiße ich in meinem Leben einfach nur ,die Pennerin‘ oder ,Mäuschen‘ oder ,na du‘. Frau von Osten Junior klingt nach etwas, das ich mir in Etappen anziehen muss, wie ein zu teures Kleidungsstück. Aber ich will’s versuchen. Ich hab gehört, Sie schmeißen niemanden raus, der sich Mühe gibt – und ich gebe mir immer Mühe, auch wenn es keiner sieht. Jetzt sieht es ja vielleicht jemand. Vielleicht Sie. Vielleicht sogar ich. Mal schauen. Das wäre ja mal was Neues. So ne Art Weihnachtsgeschenk, mit zweiundzwanzig Jahren Verspätung. Nennen wir es so. Hauptsache, der Karton hinterm Altglas ist Geschichte.“ Sie lächelte schief.
Helena griff nach ihrer Teetasse und starrte hinaus auf den breiten Strom. Die ersten Flocken des Jahres trieben schräg über die Elbe und verschmolzen mit dem dunklen Wasser. Sie setzte zu einer Entgegnung an, brach ab, nahm stattdessen eine Schale mit Spekulatius, die die Haushälterin bereitgestellt hatte, und schob sie zu Lena hinüber.
„Hier. Nimm einen. Du hast zu viele Tage lang nichts gegessen. Iss. Ich guck solange aus dem Fenster und tu so, als wäre ich abgelenkt, damit du in Ruhe essen kannst. Du musst ja noch nicht alles auf einmal lernen mit mir. Einverstanden?“
Lena nickte. Sie nahm den ersten Keks. Draußen begannen die Kirchturmglocken zu läuten.







