Ein Anruf aus der Stiftung, von dem der Direktor nichts wusste

„Wir müssen den Betrieb verjüngen, Frau Weber. Ihr Büro räumen Sie bitte bis übermorgen.“

Hendrik Vogel lehnte sich in seinem Chefsessel zurück und lächelte, als hätte er mir soeben einen Gefallen getan. Ich stand vor seinem Schreibtisch, die halbvolle Kaffeetasse in der Hand – die blaue aus Meißener Porzellan, die ich vor dreiundzwanzig Jahren von meiner Tochter zum Geburtstag bekommen hatte.

„Wir brauchen frische Ideen“, fuhr er fort. „Dynamik, digitales Denken. Sie verstehen das sicher.“

Er war seit einem halben Jahr Direktor der Stadtbibliothek Neukölln. Davor hatte er irgendein Startup durch die Corona-Förderungen manövriert, dann war das Geld alle, und plötzlich saß er auf diesem Posten. Mit zweiundvierzig. Aufgequollen von Bedeutung.

Ich sagte nichts. Nur: „Bis übermorgen.“

„Genau. Frau Yilmaz aus der Personalabteilung regelt die Formalitäten. Einen Auflösungsvertrag, ein kleines Dankeschön für Ihre … wie lange sind Sie jetzt hier?“

„Siebenunddreißig Jahre.“

„Na also. Eine ordentliche Abfindung. Kein böses Blut.“

Kein böses Blut. Ich spürte, wie mein Daumen über den Tassenrand strich. Siebenunddreißig Jahre. Ich hatte diese Bibliothek mit aufgebaut, als die Regale noch aus gepresstem Holzspan waren und der Katalog in grauen Stahlschränken steckte. Ich kannte jedes Gewerbegebiet, jede Schule, die ihre Klassen zu uns schickte. Ich hatte zwölf Integrationsprojekte für Migrantinnen entwickelt, drei davon wurden vom Senat übernommen. Ich wusste, welche Rentnerin heimlich Liebesromane las und welcher Obdachlose nur zum Aufwärmen kam und trotzdem immer ein Buch in der Hand hielt, weil er wusste: Wer liest, wird nicht weggeschickt.

Hendrik Vogel wusste von all dem nichts.

Er wusste auch nichts von dem Anruf.

Der Anruf war drei Tage zuvor gekommen, an einem Donnerstagnachmittag. Ich hatte gerade den Lesekreis für türkische Frauen beendet, als mein Telefon vibrierte. Eine Berliner Nummer, Vorwahl Mitte.

„Frau Weber? Heidrun Berger, Referentin bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Störe ich?“

Ich setzte mich. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das klang nicht nach einer routinemäßigen Anfrage.

„Ganz und gar nicht, Frau Berger. Was kann ich für Sie tun?“

„Wir planen eine Expertenkommission zur Digitalisierung kommunaler Bibliotheksbestände. Der Name Ihrer Einrichtung ist uns mehrfach genannt worden. Vor allem Ihr Medienkonzept für sozial schwache Bezirke – das ist ziemlich genau das, was wir bundesweit brauchen. Hätten Sie Interesse, in der Kommission mitzuarbeiten?“

Ich schwieg einen Moment. Vor dem Fenster schob ein Junge seinen Roller über den Gehweg.

„Wann soll die Kommission tagen?“

„Das erste Treffen ist in vierzehn Tagen. In der Staatsbibliothek Unter den Linden. Anschließend eine zweitägige Klausur in Potsdam. Wir übernehmen selbstverständlich alle Kosten und zahlen ein Beratungshonorar, das sich an den üblichen Sätzen orientiert. Um die viertausend Euro pro Sitzungstag, wenn Ihnen das recht ist.“

Viertausend Euro pro Tag. Ich verdiente im Monat viertausendzweihundert brutto.

„Ich müsste das mit meinem Direktor besprechen“, sagte ich automatisch. Und fügte hinzu: „Obwohl … lassen Sie mir bitte ein oder zwei Tage Zeit für die Antwort. Ich melde mich am Montag bei Ihnen.“

Wir verabschiedeten uns. Ich legte das Telefon auf den Tisch und starrte es an. Es war ein Zufall, ein glücklicher, unwahrscheinlicher Zufall – aber er war passiert. Und ich hatte das Gefühl, dass er passieren musste. Jetzt.

Am nächsten Morgen kam ich um kurz vor neun. Die Bibliothek öffnete erst um zehn, aber ich mochte die Stille vor dem Ansturm. Ich mochte den Geruch nach alten Büchern und Bohnerwachs, das fahle Licht, das schräg durch die Oberlichter fiel. Ich mochte meine Tasse auf dem Schreibtisch und die Ordnung in meinen Regalen.

Hendrik Vogel rief mich um halb zehn zu sich.

Und jetzt stand ich hier, drei Minuten später, mit der blauen Tasse in der Hand, und er lächelte noch immer, weil er dachte, er hätte gewonnen.

„Ich verstehe“, sagte ich. Nur das. „Bis übermorgen also.“

Sein Lächeln wurde eine Spur breiter. Er hatte mit Tränen gerechnet, mit Flehen, mit der Bitte um eine letzte Chance. Er kannte mich nicht.

Ich ging zurück in mein Büro, stellte die Tasse ab und nahm mein Telefon. Wählte die Nummer der Stiftung.

„Frau Berger? Hier ist Martha Weber. Ich habe eine Frage: Würde die Stiftung auch mit einer freiberuflichen Expertin zusammenarbeiten? Für den Fall, dass ich mein Beschäftigungsverhältnis … verändere?“

Zwei Tage später. Freitag. Die Frist, die Vogel mir gesetzt hatte.

Um neun Uhr klopfte es an meine Tür. Aylin Yilmaz aus der Personalabteilung, ein schmales, blasses Mädchen von höchstens achtundzwanzig, das aussah, als hätte es die ganze Nacht nicht geschlafen.

„Frau Weber, ich habe den Auflösungsvertrag vorbereitet. Herr Vogel sagt, Sie wären einverstanden?“

Sie legte die Mappe auf meinen Tisch, und ihre Finger zitterten dabei ein bisschen. Aylin war vor zwei Jahren zu uns gekommen, frisch von der Verwaltungshochschule. Ich hatte sie eingearbeitet. Sie wusste, was ich wusste.

Ich klappte die Mappe auf. Zwei Seiten. Zwei lumpige Monatsgehälter Abfindung für siebenunddreißig Jahre.

„Aylin“, sagte ich und schob die Mappe zurück. „Ich werde das nicht unterschreiben. Bitte richte Herrn Vogel aus, dass ich um elf Uhr zu einem Gespräch bei ihm vorbeikomme. Mit ein paar Unterlagen, die ihn interessieren dürften.“

Sie nickte, nahm die Mappe und ging rückwärts zur Tür, als fürchtete sie, mir den Rücken zuzudrehen. „Frau Weber …“, begann sie.

„Elf Uhr, Aylin. Es ist in Ordnung. Du machst nur deinen Job. Der Rest ist meine Sache.“

Ich verbrachte die nächsten neunzig Minuten damit, meine Dokumente zusammenzustellen. Die E-Mail der Stiftung mit der offiziellen Einladung. Meine letzte Gehaltsabrechnung, auf der die lächerlichen viertausendzweihundert Euro brutto standen. Einen Auszug aus dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, Paragraf fünfunddreißig, den ich mit Leuchtmarker bearbeitet hatte. Und einen dünnen Ordner, in dem ich sämtliche Projektberichte der letzten zehn Jahre abgeheftet hatte. Jede Fortbildung, jede Evaluation, jedes Dankesschreiben von Schulleitern und Sozialarbeitern.

Um elf Uhr klopfte ich an seine Tür.

„Herein!“

Hendrik Vogel saß hinter seinem Schreibtisch, der aussah wie aus einem Möbelkatalog: Edelstahlbeine, Glasplatte, ein einziges Designerstück darauf – eine Skulptur, die bestimmt achthundert Euro gekostet hatte und aus rein gar nichts bestand.

„Frau Weber! Setzen Sie sich. Aylin sagte, Sie hätten Bedenken?“

„Keine Bedenken“, sagte ich und setzte mich. „Ich habe nur ein paar Informationen, die Sie vielleicht kennen sollten, bevor wir über meine Zukunft in diesem Haus entscheiden.“

Ich schob ihm die E-Mail der Stiftung hin.

Er las. Seine Lippen bewegten sich dabei ein wenig, als kaute er auf etwas Hartem.

„Expertenkommission? Wovon reden Sie?“

„Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz plant eine bundesweite Digitalisierungskommission. Ich bin als Expertin angefragt worden. Erstes Treffen in zehn Tagen, Staatsbibliothek. Die Presse wird anwesend sein. Die Kultursenatorin ebenfalls, soviel ich gehört habe.“

„Und das kommt jetzt erst?“

„Die Anfrage kam vor vier Tagen. Am Donnerstag. Ich wollte es Ihnen am Freitag mitteilen, aber da hatten Sie ja schon andere Pläne mit mir, wie ich höre.“ Ich schob den nächsten Zettel rüber. Die Gehaltsabrechnung. „Zwei Monatsgehälter Abfindung sind kein faires Angebot, Herr Vogel. Vor allem dann nicht, wenn ich nächste Woche in einer Senatskommission sitze und über genau die Themen rede, für die ich hier zuständig bin. Während ich offiziell gar nicht mehr hier zuständig wäre. Wissen Sie, wie das aussieht?“

Er hatte aufgehört zu lächeln.

„Frau Weber, niemand will hier irgendetwas an die Öffentlichkeit zerren …“

„Das hoffe ich“, sagte ich und legte den Tarifvertrag auf den Tisch. „Paragraph fünfunddreißig. Ordentliche Kündigung nur aus wichtigem Grund oder bei Auflösung der Einrichtung. Keines von beidem trifft zu. Also brauchen wir entweder meine Zustimmung – oder eine Änderungskündigung, bei der Sie mir eine äquivalente Stelle anbieten müssen. Wenn Sie keine haben, wird das ein Schadensersatzverfahren vor dem Arbeitsgericht. Und dann haben wir die Presse nicht nur auf der Senatsveranstaltung, sondern vor dem Gerichtssaal. Das wäre ein Timing, finden Sie nicht?“

Er war blass geworden. Nicht dramatisch, aber man sah es an den Schläfen. Ein feiner Film von Schweiß.

„Frau Weber, ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor …“

„Nein, Herr Vogel. Hier liegt eine klare Situation vor.“ Ich sammelte meine Papiere wieder ein. „Sie haben genau zwei Optionen. Entweder Sie ziehen den Auflösungsvertrag zurück, und ich arbeite hier ganz normal weiter. Oder Sie bieten mir eine Abfindung an, die diesen Namen verdient. Sagen wir: sechs Monatsgehälter plus eine Ehrenerklärung des Hauses. Ich habe Zeit bis Montag, dann gebe ich der Stiftung Bescheid, in welcher Funktion ich an der Kommission teilnehme. Ob als Mitarbeiterin dieser Bibliothek oder als freiberufliche Einzelkämpferin, die man gerade mit zwei Monatsgehältern abgespeist hat. Sie entscheiden.“

Ich stand auf. Er tat es nicht.

„Noch etwas, Frau Weber?“

Ich drehte mich an der Tür noch einmal um.

„Ja. Der Lesekreis für die türkischen Frauen findet nächsten Dienstag wieder statt. Ich habe ihn vor sieben Jahren aufgebaut. Die Frauen vertrauen mir. Wenn ich nicht mehr da bin, kommt auch keine von ihnen mehr. Das wäre schade für die Integrationsquote, die Sie im letzten Quartalsbericht so stolz präsentiert haben. Nur damit Sie Bescheid wissen.“

Die Tür fiel leise ins Schloss.

Am Abend rief Aylin an. Ihre Stimme klang atemlos.

„Frau Weber, er hat die halbe Nacht im Büro gesessen. Er hat panisch telefoniert, mit wem auch immer. Irgendjemandem vom Bezirksamt, glaube ich. Heute Morgen war er völlig fertig. Und dann kam ein Anruf von einer Frau Berger. Von einer Stiftung. Er musste den Hörer in die Hand nehmen – die hat extra nach ihm verlangt. Angeblich wollte sie nur ein Empfehlungsschreiben für Sie erbitten. Aber der Tonfall, Frau Weber … der Tonfall war nicht freundlich. Eher so, als wollte sie wissen, warum man so eine wertvolle Mitarbeiterin nicht zu schätzen weiß. Er hat danach eine Tasse runtergeworfen. Die teure von dem Designer.“

Ich lächelte in den Hörer.

„Danke, Aylin. Du hast Mut. Vergiss das nicht, wenn es mal wieder schwierig wird in diesem Laden.“

Am Montag um Punkt neun stand Hendrik Vogel vor meiner Tür. Ohne Termin, ohne Vorzimmerdame, einfach so. Er sah aus wie jemand, der vier Stunden geschlafen hat.

„Frau Weber, ich möchte mich entschuldigen. Das war … ungeschickt von mir. Ich hatte Ihre Bedeutung für das Haus unterschätzt. Die Kommission ist eine großartige Sache. Für Sie. Für uns alle. Ich möchte, dass Sie bleiben. Und ich möchte, dass Sie diese Bibliothek bei der Stiftung vertreten. In Ihrer jetzigen Funktion. Mit vollem Gehalt und allen Befugnissen. Kein Auflösungsvertrag, keine Kündigung. Würden Sie das annehmen?“

Er sagte das sehr schnell, als fürchtete er, ich könnte ihn unterbrechen.

Ich goss mir Kaffee nach. Die blaue Meißener Tasse stand auf meinem Schreibtisch. Seit dreiundzwanzig Jahren.

„Herr Vogel“, sagte ich ruhig. „Ich nehme das an. Aber unter einer Bedingung: Sie werden nie wieder versuchen, langjährige Mitarbeiter mit dieser Arroganz loszuwerden. Fragen Sie, hören Sie zu. Und wenn es Probleme gibt, dann klären Sie die, statt billige Abfindungen zu offerieren. Haben wir uns verstanden?“

Er nickte. Ein Mann, der verloren hatte und es wusste.

„Dann ist ja alles geklärt.“ Ich griff nach meiner Tasche. „Ich fahre übrigens nächste Woche Donnerstag nach Potsdam. Zur Klausur. Sie müssen meine Vertretung regeln. Das schaffen Sie doch, oder?“

Ich ließ ihn in meinem Büro stehen und ging hinaus in den Lesesaal.

Eine Woche später, an einem verregneten Donnerstag, saß ich in der Staatsbibliothek Unter den Linden. Das Gebäude war ein Palast aus Marmor und Stuck. Der Konferenzraum mit seinen holzvertäfelten Wänden, den Kronleuchtern, den hohen Fenstern. Heidrun Berger, eine Frau um die fünfzig mit einem energischen Haarschnitt und einer scharfen Brille, begrüßte mich persönlich.

„Frau Weber! Wir sind so froh, dass Sie es einrichten konnten. Ihre Arbeit ist exakt das, was wir brauchen. Praxisnah, klug, ohne Verwaltungskauderwelsch. Mit Ihnen wird die Kommission erst richtig interessant. Setzen Sie sich, der Kaffee ist frisch.“

Es war der beste Kaffee, den ich seit Jahren getrunken hatte.

In der Pause kam eine Journalistin vom Tagesspiegel zu mir. Sie wollte ein Interview über Bibliotheksarbeit im sozialen Brennpunkt. Ich gab es ihr. Es erschien am Samstag, mit Foto: Ich, vor dem Bücherregal, mit meiner blauen Tasse in der Hand.

Am Montag darauf rief Aylin wieder an.

„Frau Weber, Sie müssen in die Personalabteilung kommen. Es geht um Frau Schreiber. Sie erinnern sich? Die ältere Kollegin aus der Verwaltung, die vor drei Monaten gegangen wurde. Die Ärmste hat zwei lächerliche Monatsgehälter bekommen, und jetzt war sie bei einer Anwältin. Die sagt, das war alles nicht rechtens. Und da dachte ich, Sie könnten vielleicht …“

„Sag ihr, sie soll mich anrufen“, sagte ich. „Ich helfe ihr, die Akten zusammenzustellen. Die Frist ist noch nicht abgelaufen. Sie hat drei Monate nach der Unterzeichnung Zeit. Da sind noch vierzehn Tage. Reicht dicke.“

Ich legte auf und sah aus dem Fenster. Draußen war es endlich Frühling. Die ersten Knospen an den Kastanien vorm Rathaus Neukölln. In einer halben Stunde hatte ich eine Besprechung mit dem Senat zum neuen Medienkonzept für Bezirke mit hohem Migrantenanteil. Mein Handy summte schon wieder.

Es war Hendrik Vogel.

„Frau Weber, verzeihen Sie die Störung. Nur eine kurze Frage zum Protokoll der Kommissionssitzung. Das Bezirksamt möchte wissen, ob …“

„Schicken Sie mir die Mail, Herr Vogel. Ich kümmere mich darum.“

„Danke. Vielen Dank. Und, Frau Weber …“ Er zögerte. „Nichts. Nur danke. Wirklich.“

Er legte auf, bevor ich antworten konnte.

Ich nahm meine blaue Tasse und trank den letzten Schluck Kaffee. Ich war siebenundfünfzig. Ich hatte noch viel vor.

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