Am letzten Sommerabend im August roch es in Mariannes kleiner Küche nach frisch gebackenem Apfelstrudel und Zimt. Der Teig war ihr dieses Mal besonders gut gelungen – hauchdünn und goldbraun, mit einer knusprigen Zuckerkruste, die bei der kleinsten Berührung splitterte. Sie wischte sich die mehligen Hände an der Schürze ab und warf einen prüfenden Blick auf die festlich gedeckte Tafel im Wohnzimmer. Gleich würden die Gäste kommen, um die Silberhochzeit mit ihr und Klaus zu feiern.
Klaus saß bereits draußen auf der Terrasse, ein Bier in der Hand, und starrte auf den leeren Grillrost. Eigentlich hatte er das Fleisch holen sollen. Stattdessen hatte er bis mittags geschlafen und dann zwei Stunden mit irgendeinem Bekannten telefoniert. Marianne hatte den Strudel gebacken, drei Salate vorbereitet, den Tisch dekoriert und war dann selbst noch zum Metzger gefahren. Klaus hatte sie dabei mit einem müden Schulterzucken beobachtet.
„Machst du dir den Stress schon wieder selbst“, hatte er gemurmelt.
Dabei war es ihr Tag gewesen. *Ihr* Hochzeitstag. Vor fünfundzwanzig Jahren hatten sie sich das Jawort gegeben, im Festsaal der alten Molkerei in Marburg, mit einem viel zu großen Brautstrauß und einem Ring, der damals sein halbes Monatsgehalt gekostet hatte. Damals hatte er ihre Hand genommen und versprochen, sie immer glücklich zu machen. Wann genau dieses Versprechen zu einer Erinnerung verblasst war, die nur noch sie allein zu kennen schien – Marianne konnte es nicht sagen.
Die Gäste trudelten gegen sechs ein. Ihr Sohn Tim mit seiner Verlobten Laura, die Nachbarn Johanna und Robert. Johanna brachte eine Flasche Prosecco mit und bewunderte den Strudel. Robert begann sofort mit Klaus über die anstehende Steuererklärung zu diskutieren. Tim setzte sich und schaute auf sein Handy.
Marianne schenkte allen Getränke ein, während der Grill endlich angeworfen wurde. Im Garten wurde es langsam dunkel, die ersten Windlichter flackerten in der Dämmerung. Es war ein warmer, weicher Abend mit dem fernen Geruch von gemähtem Gras. Marianne spürte eine leise Hoffnung in sich aufsteigen. Vielleicht würde es doch noch schön werden.
Das Fleisch war durch, die Salatschüsseln halb geleert. Man unterhielt sich über Urlaubspläne, die steigenden Mieten in der Stadt und Tims neue Stelle bei einem Logistikunternehmen in Gießen. Laura, die neben ihm saß, mischte sich kaum ein. Sie war blass und still, lächelte nur ab und zu höflich. Marianne hatte sie in den letzten Monaten nie richtig kennenlernen können – die beiden waren erst seit einem Jahr zusammen, und Tim hielt Besuche bei den Eltern eher kurz.
Klaus hatte inzwischen sein viertes Bier offen und war auf Betriebstemperatur. Als Johanna fragte, ob es den Strudel noch gebe, lachte er kurz auf und klopfte mit dem Flaschenhals auf die Tischplatte.
„Ach, unsere Marianne und ihre Backwut. Echt süß, ne? Aber ehrlich – wenn man die Frau nicht ans Herdfesselt, steht sie morgens um sechs auf und macht Plätzchenteig. Sie ist ein bisschen wie so ein altes Relikt aus den Sechzigern. Man stellt’s in die Ecke, und es brummt weiter vor sich hin. Kennt ihr diese elektrischen Heizdecken von früher? Genau so eine. Warm, aber irgendwie aus der Zeit gefallen. Und man weiß nie, ob sie nicht irgendwann einen Kurzschluss kriegt.“
Er lachte dröhnend und prostete Robert zu. Robert zögerte einen Moment, hob dann aber sein Glas. Tim grinste breit.
Laura erstarrte.
Johanna schaute erst Klaus an, dann Marianne. In ihren Augen lag ein Ausdruck, den Marianne nicht deuten konnte – Mitleid? Sorge? Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, aber es war nicht die Hitze des Grills. Etwas in ihrem Inneren zog sich mit einem Ruck zusammen, als würde ein alter, festgerosteter Mechanismus plötzlich nachgeben.
„Das ist eine Heizdecke, die sich in fünfundzwanzig Jahren übrigens nicht ein einziges Mal darüber beschwert hat, dass sie den Hauptteil der Hypothek für dieses Haus mit ihren eigenen Ersparnissen getilgt hat“, sagte Marianne ruhig. Ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren – zu klar, zu fest.
Klaus blinzelte irritiert. Die Bierflasche verharrte auf halbem Weg zum Mund.
„Und die Heizdecke hat auch nie gemeckert, als sie nach Tims Geburt drei Jahre Nachtschichten in der Apotheke geschoben hat, während ihr Mann eine Auszeit von der Arbeitswelt genommen hat“, fuhr sie fort. „Die Heizdecke war übrigens auch diejenige, die die Anzahlung für den gebrauchten Audi zusammengespart hat. Aber klar – eine Heizdecke jammert ja nicht. Sie brummt einfach fröhlich vor sich hin, nicht wahr?“
Totenstille am Tisch. Tims Handy landete endlich mit dem Display nach unten auf der Tischdecke. Die Grillenkohle knackte leise.
Klaus setzte die Flasche ab. „Marianne, jetzt komm mal wieder runter. Das war doch nur ein Witz. Mein Gott, die Leute verstehen doch Spaß – oder etwa nicht?“ Er schaute in die Runde, suchte Bestätigung. Robert starrte wie paralysiert auf den Rest seines Grillsteaks.
„Ein Witz“, wiederholte Marianne. Sie stand auf. Ihre Knie fühlten sich an wie Kieselsteine – hart, trocken, unverrückbar. „Ein Witz ist es, wenn beide lachen. Hast du mich lachen sehen, Klaus? In den letzten fünf Jahren? Zehn? Fünfundzwanzig? Ich habe vergessen, wie das geht, glaube ich. Aber das ist jetzt nicht mehr dein Problem.“
Sie griff nach ihrem halbvollen Glas, hielt es einen Moment lang gegen das flackernde Kerzenlicht, als könnte sie darin etwas erkennen.
„Ich werde mir nächste Woche einen Anwalt nehmen. Das Haus gehört zur Hälfte mir, die Eigentumswohnung in der Altstadt auch. Dein heißgeliebter Audi – na ja. Der läuft auf meinen Namen, weil du damals mit der Schufa Probleme hattest. Ich war so blöd, das zu vergessen. Aber besser spät als nie, oder?“
Klaus sprang auf. Sein Stuhl kippte nach hinten ins feuchte Gras. „Du spinnst wohl! Wegen so einer blöden Bemerkung willst du jetzt fünfundzwanzig Jahre Ehe wegwerfen? Wegen ein paar Worten?“
„Es sind nicht die Worte von heute Abend, Klaus.“ Mariannes Stimme wurde leiser, aber sie brach nicht. „Es sind die Worte von gestern. Und von vorgestern. Und von jedem einzelnen Tag, an dem du mich hast spüren lassen, dass ich für dich nichts weiter bin als eine Maschine, die kocht, putzt und schweigt. Es ist die Summe von fünfundzwanzig Jahren voller Witze, bei denen nur einer gelacht hat. Und das war nie ich.“
Sie drehte sich um und ging durch die Terrassentür zurück ins Haus. Hinter ihr schlug die Tür leise zu. Drinnen blieb sie im Flur stehen, den Blick auf das gerahmte Hochzeitsfoto an der Wand gerichtet. Es zeigte zwei junge, verliebte Menschen, die nicht ahnten, was aus ihnen werden würde. Sie nahm es behutsam vom Haken und legte es mit dem Glas nach unten auf die Kommode.
Draußen hörte sie Johanna mit brüchiger Stimme sagen: „Klaus, ich glaube, wir gehen jetzt besser.“ Dann das Klappern von Tellern, Tims aufgebrachtes Flüstern, das Quietschen der Terrassengittertür. Es klang alles weit weg, wie ein Radio aus dem Nebenzimmer. Sie spürte keine Wut. Keine Trauer. Nur diese merkwürdige Leichtigkeit, die sich in ihrer Brust ausbreitete wie warmer Tee.
Sie ging in die Küche und begann, den restlichen Strudel in eine Dose zu packen. Für Johanna. Die würde morgen vorbeikommen, da war sie sich sicher. Und vielleicht hatte sie Hunger.
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Der Scheidungsprozess war eine ruhige, fast klinische Angelegenheit. Klaus tobte die ersten Wochen – erst am Telefon, dann über Tim. Er drohte mit Anwälten, mit Gegenklagen, mit angeblichen Schulden, die sie ihm noch schulde. Marianne ließ ihn reden. Ihr Anwalt, ein nüchterner Mann mit Brillengläsern dick wie Aschenbecher, regelte alles mit einer Effizienz, die Klaus offenbar vollkommen überraschte. Das alte Haus in Marburg wurde verkauft, der Erlös geteilt. Die Altstadtwohnung – eine schmale, sonnendurchflutete Drei-Zimmer-Bleibe mit Blick auf einen verwilderten Innenhof – behielt sie. Es war die Wohnung, in der sie vor ihrer Ehe mit ihrer besten Freundin gewohnt hatte, als sie noch Pharmazie studierte und nicht ahnte, dass aus einer Semesterliebe fünfundzwanzig Jahre Stillstand werden würden.
Tim meldete sich unregelmäßig. Er pendelte zwischen der Wut auf seine Mutter und einer irritierenden Unsicherheit, mit der er selbst nicht umzugehen wusste. „Papa ist am Boden“, sagte er eines Abends am Telefon. „Du kannst ihn doch jetzt nicht im Stich lassen, Mama. Er weiß doch gar nicht, wie man eine Waschmaschine bedient.“
„Dann hat er ja jetzt endlich Gelegenheit, es zu lernen“, sagte Marianne. „Mit Bedienungsanleitung und allem. Das wird ihm guttun. So viel Digitalelektronik hält das Gehirn jung.“
Tim legte auf.
Laura hingegen kam zwei Wochen nach dem Grillabend unangemeldet bei Marianne vorbei. Sie stand im Hausflur, das Haar vom Regen zerzaust, und in den Augen diesen eigentümlichen Ausdruck, den Marianne von früher kannte – der Ausdruck einer Frau, die zu lange versucht hatte, sich selbst davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung sei.
„Ich hab Tim verlassen“, sagte sie, ohne Vorrede. „Er hat mich gestern vor seinen Kumpels als seine persönliche Wärmflasche bezeichnet. Als ich mich beschwert habe, meinte er nur, ich solle nicht so empfindlich sein – das sei doch nur ein Witz. Genau die gleiche Formulierung, die sein Vater bei Ihnen benutzt hat. Da ist mir klar geworden, dass ich das nicht will. Nicht noch ein Jahr. Nicht für den Rest meines Lebens. Ich wusste nicht, wohin ich jetzt sollte. Ich hoffe, es ist okay, dass ich einfach hierhergekommen bin.“
Marianne breitete wortlos die Arme aus und zog die junge Frau an sich. Sie roch nach Regentropfen und einem leichten, blumigen Parfum. Im Treppenhaus quietschte eine Tür, irgendwo lief ein Wasserhahn. Sie standen einfach da, zwei Frauen, die denselben Knoten im Hals hatten und dieselbe Erleichterung darüber, dass er sich endlich zu lösen begann.
Am nächsten Morgen frühstückten sie zusammen in der neuen Altbauküche. Marianne hatte frischen Kaffee aufgebrüht und Honigbrötchen aufgebacken. Das Radio spielte einen alten Chanson, die Sonne lag warm auf dem Fensterbrett, und auf dem Hof gegenüber flatterte Wäsche im Wind.
„Wissen Sie, was das Verrückte ist?“, sagte Laura und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich dachte immer, wenn ich mich nur genug anstrenge, wenn ich nur die richtige Mischung finde zwischen Liebe und Nachgiebigkeit, dann hören die dummen Sprüche irgendwann auf. Aber sie hören nicht auf. Sie werden nur leiser, wenn man nicht mehr da ist, um sie zu hören. So einfach ist das eigentlich, oder?“
Marianne lächelte und schob ihr den Honig rüber.
„Ja. So einfach ist das. Es dauert nur manchmal fünfundzwanzig Jahre, bis man draufkommt. Oder einen Abend im August. Kommt ganz auf den Strudel an.“







