Ich stand am Ufer des Maschsees, den Kragen meiner Jacke hochgeschlagen, und starrte auf das trübe Wasser. Es war kurz nach halb vier an einem Mittwochnachmittag, der Himmel über Hannover hing bleiern und tief. In meiner Hand hielt ich eine Tasse Kaffee, der längst kalt war. Sie würde jeden Moment kommen. Helena.
Wir hatten uns vor exakt drei Wochen kennengelernt, in der Schlange vor dem Bürgeramt. Ich hatte mein Portemonnaie vergessen, sie hatte mir die zwölf Mark achtzig für den neuen Personalausweis geliehen. Ein banaler Moment. Aber ihre ruhige Art, dieses leise Lächeln, mit dem sie mir das Geld hinhielt, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt – das hatte mich vom ersten Augenblick an aus den Latschen gekippt.
Seitdem trafen wir uns regelmäßig. Immer hier, an derselben Bank am Maschsee. Immer zur selben Zeit. Und immer endete der Nachmittag mit demselben Ritual: Sie drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand in Richtung Ricklingen, ohne dass ich sie je nach Hause bringen durfte.
"Meine Mutter ist schwierig", hatte sie einmal gesagt, mehr nicht. Ich fragte nicht weiter. Mit vierundzwanzig hatte ich gelernt, dass jeder Mensch seine Päckchen zu tragen hat. Meine eigenen Eltern, beide Lehrer am selben Gymnasium, waren nicht schwierig – sie waren präsent. Auf eine Art, die manchmal das Atmen schwer machte. Vor allem mein Vater, der jeden meiner Schritte mit jener stillen, professoralen Skepsis verfolgte, die deutlicher sagte als jedes Wort: Aus dir wird nie etwas Ordentliches, Fabian.
"Du siehst aus, als würdest du den See austrinken wollen."
Ich fuhr herum. Helena stand drei Meter hinter mir, die Hände in den Taschen ihres olivgrünen Parkas vergraben. Ihr dunkelblondes Haar, das ihr bis zu den Schultern fiel, bewegte sich kaum im Wind. Sie trug keinen Schmuck, kein Make-up, nichts. Und genau darin lag diese vollkommene, beinahe schmerzhafte Klarheit, die mich jedes Mal aufs Neue entwaffnete. Als würde sie die Welt genau so nehmen, wie sie war, und darauf warten, dass die Welt dasselbe mit ihr tat.
"Hallo, Helena."
"Hallo, Fabian." Ihre Mundwinkel zuckten. "Dein Kaffee dampft nicht mehr."
Ich blickte auf den Pappbecher. "Er ist kalt. Wie meine Füße."
Sie lachte, dieses kurze, tiefe Lachen, das von irgendwo ganz unten aus ihrer Kehle kam. Dann hakte sie sich bei mir unter. Ihre Finger, kalt und schmal, schoben sich durch die Schlaufe meiner Jacke. Wir gingen los, den Kiesweg entlang, vorbei an den vereinzelten Joggern und einer alten Frau mit einem Chow-Chow, der aussah wie ein missmutiger Löwe.
Eine Weile sagten wir nichts. Das war eine weitere Sache, die mich an Helena um den Verstand brachte: dieses selbstverständliche Schweigen zwischen uns. Bei früheren Freundinnen – nennen wir sie der Fairness halber Bekanntschaften – war jedes Schweigen eine Leere gewesen, die ich mit Worten stopfen musste. Mit Helena war es eine Hängematte, in der man sich fallen lassen konnte.
Ich warf ihr einen Seitenblick zu. Ihr Profil, die gerade Nase, das leichte Kinn. In drei Wochen hatte ich nicht herausgefunden, wo genau sie wohnte. Ich kannte weder ihren Nachnamen noch ihre Telefonnummer. Nur, dass sie Nachtschichten in der Vermittlungsstelle der Stadtwerke schob und dass ihr Vater vor sechs Jahren abgehauen war.
"Fabian." Sie blieb stehen, mitten auf dem Weg. "Wir müssen reden."
Mein Magen zog sich zusammen. Dieser Satz. Immer dieser Satz.
"Okay", sagte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten.
"Nicht so, wie du denkst." Sie sah mich an, und in ihren Augen lag etwas, das ich nicht lesen konnte. Keine Distanz, nein. Eher eine seltsame, fast zärtliche Entschlossenheit. "Ich merke doch, wie du mich ansiehst. Und ich… ich sehe dich auch so an. Aber es geht nicht schnell, Fabian. Nicht bei mir."
Der Krampf in meinem Magen löste sich nicht, aber er veränderte sich. Wurde dumpfer, tiefer.
"Ich habe kein Problem mit langsam", sagte ich.
"Doch, hast du." Sie lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. "Das hast du. Ich sehe es doch. Du willst Gewissheit. Einen Anker. Aber Gewissheit gibt es nicht. Nicht im Voraus."
"Und was gibt es?" Meine Stimme klang rauer, als ich beabsichtigt hatte.
"Vertrauen", sagte sie einfach. "Zum Beispiel."
Ich starrte auf den Kies unter unseren Füßen. Vertrauen. Als ob das eine Sache wäre, die man einfach so auf den Tisch legen konnte.
"Ich vertraue dir", sagte ich. Und meinte es. Das war das Verstörende an der ganzen Sache – dass ich es ernst meinte.
Sie nickte, als hätte sie das längst gewusst. Dann zog sie mich weiter, und wir liefen schweigend bis zur Brücke am Ende des Sees. Der Wind frischte auf, und ich spürte Helenas Schulter, die sich fester an meinen Arm drückte. Ein winziges, beinahe unmerkliches Signal.
Später, in dem kleinen griechischen Lokal in der Südstadt, bei lauwarmem Moussaka und zwei Gläsern Retsina, erzählte sie mir zum ersten Mal von ihrer Arbeit. Von dem fensterlosen Raum mit den zwölf Vermittlungspulten, dem permanenten leisen Sirren der Schaltrelais, dem Geruch nach kaltem Kaffee und dem surrenden Neonlicht.
"Und dieser eine Apparat", sagte sie, während sie mit der Gabel kleine Muster in die Béchamelsauce malte. "Der technische Prüfanschluss. Da ruft nie jemand an, außer die Techniker von der Fernmeldezentrale, und auch die nur vielleicht zweimal im Jahr. Aber er hat eine eigene Durchwahl. Mit direktem Zugang von außen."
Mir entging die Veränderung in ihrem Tonfall nicht. Das leichte Absenken der Lautstärke, der prüfende Blick aus den Augenwinkeln.
"Warum erzählst du mir das?", fragte ich.
"Weil ich keine Lust mehr habe, dich nicht anrufen zu können", sagte sie, und jetzt war da wieder dieser Ton, resolut und zart zugleich. "Weil ich kein Münztelefon mehr sehen kann. Und weil…" Sie zögerte. "Weil ich vielleicht auch ein bisschen mehr Gewissheit will, Fabian."
Mein Herz machte einen Sprung, den ich körperlich spürte. Aber mit dem Sprung kam auch das flaue Gefühl, dass dieser Vertrauensvorschuss einen Preis hatte.
"Helena. Du riskierst deinen Job. Wenn das rauskommt…"
"Ich weiß, was ich riskiere." Ihre Stimme war ruhig. "Ich habe die Vorschriften gelesen. Missbrauch dienstlicher Einrichtungen. Fristlose Kündigung. Eintrag in der Personalakte, nach dem mich keine Telefonvermittlung mehr einstellt." Sie legte die Gabel hin. "Ich habe drei Wochen gebraucht, um diesen Entschluss zu fassen. Also komm mir jetzt nicht mit Vorträgen über Arbeitsrecht."
Ich schwieg. Meine Kehle war trocken. Diese Frau, die nicht einmal zwanzig Meter von hier entfernt bei ihrer Mutter in einer winzigen Souterrainwohnung wohnte und deren gesamte Existenz an diesem Job hing, war bereit, für mich – für uns – ihre verdammte Existenz aufs Spiel zu setzen. Nicht mit einem großen dramatischen Opfer, sondern mit einer siebenstelligen Nummer.
"Um drei", sagte sie leise. "Heute Nacht um drei. Alle Kolleginnen außer Inge schlafen um die Zeit. Ich rufe dich an und diktiere dir die Nummer."
"Um drei", wiederholte ich dumpf.
"Ja, Fabian. Um drei." Sie schob ihren Teller zur Seite und stand auf. "Und jetzt bring mich zur Haltestelle."
Vor der Glasfront des Restaurants regnete es. Dicke, schwere Tropfen, die auf den Asphalt klatschten und kleine Krater in die Pfützen schlugen. Ich hielt ihr die Tür auf. Der Regen rauschte in den Platanen am Straßenrand, und der Geruch nach nassem Laub mischte sich mit dem Duft von gegrilltem Zaziki und dem leisen Dieselröcheln eines Linienbusses, der um die Ecke bog.
An der Haltestelle nahm sie meine Hand. Einfach so. Ihre Finger waren immer noch kalt.
"Fabian."
"Ja?"
"Wenn du die Nummer hast… ruf nicht sofort an. Warte eine Stunde. Nur für den Fall, dass jemand am Pult vorbeigeht. Und wenn's besetzt ist, versuch's einfach zehn Minuten später wieder."
"Klingt wie eine verdammte Agentenübung."
Weil sie lächelte, lächelte ich auch. Und dann kam der Bus, ein klappriger Mercedes mit beschlagenen Scheiben, und sie stieg ein, und ich blieb im Regen stehen und sah den Rücklichtern nach, bis sie in der grauen Dämmerung der Ricklinger Straße verschwanden.
—
Das Haus meiner Eltern lag still in der Nacht, als ich den Schlüssel ins Schloss schob. Eine Jugendstilvilla in der List, stuckverziert und vollgestopft mit schweren Möbeln und noch schwereren Erwartungen. Ich zog die Schuhe aus und schlich auf Socken durch den Flur, die Dielen knarrten trotzdem.
Aus dem Wohnzimmer drang ein schwacher Lichtschein. Mutter saß im Ohrensessel, eine Illustrierte auf dem Schoß, eine Tasse Tee neben sich auf dem Beistelltisch. Sie trug ihren flanellenen Morgenmantel und die Hornbrille, die sie sonst nie in meiner Gegenwart trug.
"Du bist spät." Sie blätterte um, ohne aufzublicken.
"Ich war essen."
"Mit ihr?"
"Mit ihr."
Stille. Das leise Ticken der Standuhr. Draußen der Regen, der gegen die Fensterscheiben trommelte.
"Ist sie das wert?", fragte Mutter schließlich und sah mich über den Rand ihrer Brille an.
Ich antwortete nicht sofort. Stattdessen ging ich zum Fenster und starrte in den regennassen Vorgarten hinaus, wo der alte Walnussbaum seine kahlen Äste in den Nachthimmel reckte. "Ja", sagte ich. "Das ist sie."
Meine Mutter klappte die Illustrierte zu. Das Geräusch klang endgültig, wie das Schließen einer Tür.
"Dann geh schlafen, Fabian."
"Gute Nacht."
"Gute Nacht."
In meinem Zimmer setzte ich mich auf die Bettkante und starrte das Telefon auf dem Nachttisch an. Ein altes Wählscheibengerät, dunkelgrün, schwer wie ein Ziegelstein. Ich hatte den Apparat vor zwei Jahren von Opa geerbt, und in all der Zeit hatte er nie so massiv und bedeutungsschwer vor mir gestanden wie in dieser Nacht.
Ich legte mich nicht hin. Stattdessen zog ich den Stuhl vom Schreibtisch heran und setzte mich direkt vor das Telefon. Mein Wecker zeigte halb eins. Noch zweieinhalb Stunden. Ich nahm einen Stift zur Hand, legte einen Zettel bereit und wartete.
Die Minuten krochen. Der Regen ließ nach. Irgendwann hörte ich die Turmuhr der Lutherkirche in der Ferne, erst die Viertelstunde, dann halb, dann dreiviertel. Mein Atem ging flach, meine Hände waren feucht. Nicht vor Angst. Vor etwas anderem. Vor der ungeheuren Wucht dieses simplen Aktes, den Helena für mich vollzog.
Um Punkt drei schrillte das Telefon. Der Ton zerschnitt die Stille wie ein Skalpell.
Ich riss den Hörer ans Ohr, bevor der erste Klingelton verklungen war.
"Helena."
"Fabian." Ihre Stimme klang gedämpft, als spräche sie durch einen Pulloverärmel. "Bereit?"
"Ja."
Sie diktierte die Nummer. Zweimal. Langsam. Jede Ziffer eine einzeln gesprochene Perle. Meine Hand, die über das Papier fuhr, war merkwürdig ruhig. Null, eins, sieben, vier. Die Ziffern standen da, schwarz auf weiß, eine kryptische Reihe, die ab jetzt mein Tor zu ihr war.
"Hast du's?"
"Ich hab's."
"Gut."
Kurzes Schweigen. Ich hörte sie atmen, ein fernes, weiches Geräusch, fast verschluckt vom Rauschen der Leitung. Ich stellte sie mir vor, allein vor dem Vermittlungspult, das schwache Summen der Apparate um sie herum, die einzige brennende Lampe im Saal, Inge, die irgendwo in der Ecke döste.
"Fabian?"
"Ja?"
"Ich will dich morgen sehen."
"Ja."
"Am See?"
"Zur selben Zeit wie immer."
"Gut."
"Helena? Danke."
"Ich hab's nicht für ein Danke getan."
"Ich weiß."
"Gute Nacht, Fabian."
"Gute Nacht."
Das Klicken, als sie auflegte, hallte noch lange in meinem Kopf nach. Ich starrte auf den Zettel mit der Nummer, auf meine eigene krakelige Handschrift, und plötzlich spürte ich ein Grinsen auf meinem Gesicht, das so breit war, dass meine Wangen schmerzten. Es war kein triumphierendes Grinsen. Es war eines voller Staunen.
Siebzehn Minuten später wählte ich die Nummer. Erst die Null fürs Amt, dann den Code für die Amtsleitung, dann die sieben Ziffern. Der Wählton, ein langgezogenes Tuten, zweimal, dreimal. Und dann, ein vertrautes, fast beiläufiges: "Ja?"
"Rate mal, wer dran ist."
Ihr Lachen. Leise, fast ein Kichern. "Du bist unmöglich, Fabian."
"Dafür hast du ja die Durchwahl gestellt."
"Stimmt." Kurze Pause. "Warte."
Ich hörte ein leises Schaben, vielleicht einen Stuhl, der zurückgerutscht wurde. Dann, noch leiser als zuvor: "Inge hat sich gerade gestreckt. Ich dachte schon…"
"Ist sie wach?"
"Nein. Sie schläft wie ein Stein." Wieder dieses Kichern. "Gott, ich bin verrückt. Absolut verrückt."
"Verrückt genug für ein Treffen um fünf?"
"Ja. Verrückt genug für ein Treffen um fünf."
Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Draußen hatte der Regen gänzlich aufgehört, und zwischen den Wolkenrissen zeigte sich ein blasses Stück Mond. Alles war seltsam still, als hielte die ganze Stadt den Atem an.
"Helena", sagte ich.
"Ja?"
"Ich bin froh, dass du zwölf Mark achtzig für mich hattest."
Sie lachte leise. "Ich auch."
"Bis morgen."
"Bis morgen."
Ich legte auf und blieb noch lange sitzen, den Telefonhörer in der Hand und den Zettel mit der Nummer vor mir auf dem Tisch. Irgendwann stand ich auf, faltete den Zettel zweimal in der Mitte und schob ihn in meine Brieftasche, hinter den alten Studentenausweis und die Payback-Karte. Sieben Ziffern. Eine Tür, die für mich offenstand, und eine Frau, die für mich ihren Job riskierte.
Wenn das kein Vertrauen war, dann wusste ich auch nicht.







