Die leere Karton

Laura wachte auf, bevor der Tag richtig begonnen hatte. Ihr Körper war schwer von der kurzen Nacht, aber ihr Geist war seltsam klar. Neben ihr atmete Patrick tief und gleichmäßig, das Gesicht im Kissen vergraben. Sie betrachtete ihn einen Moment, dann stand sie leise auf. Draußen schob sich fahles Licht zwischen die Häuserschluchten von Hamburg. Es roch nach nassem Asphalt und Oktober.

Sie zog ihren Bademantel über und tappte barfuß ins Wohnzimmer. Die große Kiste stand noch dort, wo sie gestern Abend für Applaus gesorgt hatte. Hochglanzkarton, darauf das unverkennbare Emblem von Miele. Ein Geschirrspüler der Spitzenklasse, hatte Patrick verkündet, ihr Geschenk zum fünfunddreißigsten Geburtstag. Alle hatten geklatscht. Nur sie selbst sollte nicht reinschauen. „Morgen, Schatz, nicht vor den Gästen. Zu kompliziert, die Technik.“ Und sein Grinsen. Und das Grinsen seiner Mutter, dieser feuchte, triumphierende Zug um ihre Lippen.

Laura kniete sich hin. Mit einem Cuttermesser aus der Küchenlade schnitt sie das breite Klebeband durch. Der Deckel gab mit einem dumpfen Knistern nach. Eine Lage formschönes Styropor. Sie hob es heraus, darunter Packpapier. Ihr Atem ging schneller, ihre Finger suchten Halt. Kein kühler Edelstahl, kein Bedienfeld, kein Netzkabel. Nur Hohlraum. Noch eine Schicht Papier – und dann der kahle Kartonboden, auf dem ein paar Styroporflocken lagen, leicht wie Asche.

Sie saß vor der leeren Hülle und spürte, wie ihr die Kälte in die Knie kroch. Es gab nichts zu verstehen.

Hinter ihr Schritte, ein Gähnen. Patrick kratzte sich den nackten Bauch und blinzelte verschlafen ins Zimmer. „Na? Konntest du’s nicht abwarten? Ist sie nicht ein Prachtstück?“

Laura hob den Kopf. Ihre Stimme klang fremd. „Wo ist der Geschirrspüler, Patrick?“

„Wieso?“ Sein Blick huschte kurz zur Kiste, dann wieder zu ihr. „Na ja, die Maschine selbst – also die, die wäscht – die habe ich gestern früh meiner Mutter gebracht. Ihre ist doch letzte Woche verreckt, und du weißt doch, sie kann sich so was nicht leisten. Ich dachte, wir helfen ihr, und dir schenk ich die Inszenierung. War doch genial. Die Gäste dachten, wir hätten das große Los gezogen. Hast du gehört, wie sie getuschelt haben?“

Laura stand auf. Sie musste sich an der Sofalehne abstützen. „Du hast unser Geld genommen, einen Geschirrspüler für deine Mutter gekauft und mir eine leere Kartonschachtel zum Geburtstag geschenkt?“

Er verzog das Gesicht, als hätte sie etwas Unanständiges gesagt. „Mensch, du hast doch zwei gesunde Hände, Laura. Mutti hat Rücken. Und die Schachtel ist ja nicht nichts. Die ist hochwertig. Als Symbol sozusagen. Hauptsache, alle dachten, du wärst die verwöhnte Ehefrau. Das ist doch mehr wert als so ein Gerät. Außerdem – du hättest es ja nie richtig genutzt, das kenn ich von dir.“

Laura dachte an den gestrigen Abend. Sie hatte den ganzen Tag geschuftet: Fenster geputzt, den Sauerbraten angesetzt, die Wohnung für zwanzig Gäste poliert. Ihre beste Freundin Nele hatte die Deko mitgebracht, ihre Eltern hatten eine Riesentorte aus der Konditorei geholt. Patrick hingegen war ständig verschwunden und hatte heimlich mit seiner Mutter Sieglinde telefoniert. Als die Gäste an der Tür standen, war Sieglinde extra früh erschienen, hatte ohne Hallo die Töpfe kontrolliert und mit ihren hellen Augen jede Soßen-Unregelmäßigkeit taxiert. Beim großen Auftritt dann hatten Patrick und Sieglinde die Kiste gemeinsam hereingetragen, als transportierten sie den Kronschatz. Und Sieglinde hatte dünn gelacht: „Endlich bekommt deine Küche mal einen anständigen Schliff, Laura. Wenn man schon selbst nicht… na ja, ihr wisst schon.“ Alle hatten es für einen ihrer üblichen bissigen Späße gehalten. Niemand ahnte, dass die Maschine zu diesem Zeitpunkt bereits in Sieglindes Vorstadtküche stand und summend das alte Kaffeegeschirr polierte.

Jetzt, in der Stille des Morgens, zog Laura ihr Handy aus der Tasche und wählte, ohne Patrick aus den Augen zu lassen. Es klingelte einmal, dann meldete sich Sieglinde mit dieser sämigen Zufriedenheit, die nur ältere Damen perfekt beherrschen.

„Laura, Schätzchen? Ist was? Ich bin gerade dabei, den Backofenrost einzulegen, der neue Geschirrspüler macht das ja spielend. So ein Segen. Dein Patrick hat wirklich ein gutes Herz.“

Laura atmete ruhig. „Wusstest du, dass er mir eine leere Verpackung hinstellt, während du das Gerät geschenkt bekommst?“

Sieglinde lachte perlend. „Aber natürlich wusste ich das. Es war Patricks Idee! Er hat gesagt: Mama, wir müssen den Gästen zeigen, wozu wir fähig sind, und Laura genügt das gute Gefühl, beneidet zu werden. Das ist doch eine rührende Geste. Sei nicht albern. Du bist jung und gesund, du brauchst keine Maschinen. Ich danke dir wirklich sehr für deine Großzügigkeit. Ich wusste ja, dass du einverstanden bist, sonst hätte er das Geld gar nicht nehmen können. Tja, man lernt nie aus. Also, schönen Tag noch!“

Das Klicken in der Leitung war wie ein Peitschenschlag. Laura ließ das Handy sinken und sah Patrick an. Der zuckte mit den Schultern. „Siehst du? Alles in Ordnung. Komm, lass uns frühstücken. Du musst doch nicht so ein Drama machen, nur weil der Karton leer ist. Das war halt Showbusiness. Du stehst doch sonst nicht so auf Materielles.“

Laura presste die Lippen aufeinander. Sie dachte an acht Jahre Ehe. Acht Jahre lang hatte sie Sieglindes Sticheleien ertragen, hatte Patricks ständige Vergleiche mit seiner Mutter weggelächelt, hatte das Geld für Reparaturen zurückgelegt, während er teure Konzertkarten für sich und „die beste Mama der Welt“ kaufte. Sie hatte gehofft, dass er eines Morgens aufwachen und sie, seine Frau, als den wichtigsten Menschen sehen würde. Stattdessen hatte er ihr zum Geburtstag Luft und eine öffentliche Demütigung hinterlassen.

Ohne ein weiteres Wort ging sie ins Schlafzimmer und holte einen großen Koffer aus dem Schrank. Sie legte ihn aufs Bett, öffnete den Deckel und begann, seine Hemden hineinzulegen. Sorgfältig, ohne sie zu knüllen. Socken, Gürtel, das Sakko, das er so gern trug. Patrick kam nach, die Kaffeetasse in der Hand. Sein Grinsen war verschwunden. „Was soll das werden? Willst du verreisen?“

„Nein. Das sind deine Sachen. Pack den Rest zusammen. Du ziehst heute aus.“

Er lachte ungläubig auf. „Du hast sie ja wohl nicht mehr alle. Wegen einem leeren Karton? Du übertreibst maßlos, Laura. Das ist doch lächerlich!“

„Es ist nicht der Karton“, sagte sie, ohne die Arbeit zu unterbrechen. „Es ist die Rechnung. Acht Jahre, in denen ich immer an zweiter Stelle stand. Acht Jahre, in denen ich deine Witze über meine Kochkünste geschluckt habe, nur damit deine Mutter sie bei jedem Fest wiederholen konnte. Du hast ihr die Maschine geschenkt, heimlich, mit unserem Geld, und mir eine Show vorgeführt, um vor meinen Freunden und meinen Eltern den großzügigen Ehemann zu mimen. Das ist nicht lächerlich. Das ist erbärmlich. Und ich bin fertig damit.“

Patrick knallte die Tasse auf den Nachttisch. Kaffee schwappte über. „Das ist auch meine Wohnung! Du kannst mich nicht einfach rauswerfen!“

„Die Wohnung gehört mir, Patrick. Geerbt von meiner Oma, bevor wir geheiratet haben. Du bist nur hier gemeldet, weil ich zugestimmt habe. Ab morgen kümmere ich mich um die Ummeldung. Also such dir einen neuen Platz. Am besten bei deiner Mutter. Die hat jetzt ein sauberes Geschirr und bestimmt ein Bett frei. Ihr könnt dann gemeinsam die Teller einräumen und über mich lästern. Das ist doch dein Traum, oder?“

Er starrte sie an, fassungslos. Seine Hände ballten sich. Einen Augenblick sah es aus, als wollte er auf sie losgehen. Dann drehte er sich abrupt um, stürmte zum Schrank und begann, wütend seine Reste in Taschen zu stopfen. Bügel klapperten, Schranktüren schlugen gegen die Wand. Laura lehnte im Türrahmen und wartete, die Arme vor der Brust verschränkt. Kein Zittern, kein Weinen. Nur eine Klarheit, die sie noch nie gespürt hatte.

Zwanzig Minuten später stand er im Flur, zwei prall gefüllte Taschen und einen Rucksack zu seinen Füßen. Sein Atem ging schwer. „Du wirst das bitter bereuen. Allein wirst du enden, ohne Mann, ohne Familie. Diese Wohnung wird kalt sein, und du wirst drin sitzen wie eine traurige alte Jungfer!“

Laura öffnete die Tür. Kalter Luftzug strich herein. „Ich habe eine leere Kiste geschenkt bekommen, Patrick. Kälter kann es nicht werden. Tschüss.“

Er zischte etwas Unverständliches, packte sein Zeug und stolperte über die Schwelle. Die Tür fiel mit einem satten Klicken ins Schloss. Laura stand im Flur und spürte, wie sich ein Knoten in ihrer Brust löste. Es war, als hätte jemand einen schweren, nassen Mantel von ihren Schultern genommen.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer. Der Karton lehnte noch an der Wand, ein monströser Fremdkörper. Jetzt, wo die Stille sich ausbreitete, wirkte er beinahe harmlos. Sie griff zum Telefon und rief bei der Sperrmüllabfuhr an. „Ja, eine große Verpackungsbox mit Styropor. Heute noch? Wunderbar. Ich warte.“

Danach setzte sie sich mit ihrem Laptop aufs Sofa und gab eine Bestellung auf, die sie sich seit Jahren verkneift hatte. Ein Miele-Geschirrspüler, das neueste Modell, mit automatischem Türöffner und Besteckschublade. Lieferung in zwei Tagen. Sie bestätigte die Zahlung und atmete tief durch. Dann buchte sie noch etwas. Einen Flug nach Lissabon, Abflug nächste Woche, nur ein Ticket. Kein Kompromiss, keine Rücksprache.

Als die Männer vom Entsorgungsdienst klingelten, trug sie ihnen die Kiste eigenhändig bis zur Tür entgegen. Sie sahen sie kurz an, dann nickten sie und schleppten den Karton die Treppe hinunter. Laura schloss das Fenster und sah zu, wie der Wagen im leichten Nieselregen davonfuhr. Dann machte sie sich einen frischen Kaffee und setzte sich auf die Fensterbank.

Unten zogen die Lichter der Straße an, die Stadt erwachte richtig. Sie hielt die warme Tasse in den Händen und dachte an den ersten Abend in dieser Wohnung, damals, bevor Patrick eingezogen war. Wie hell die Räume gewesen waren, wie leicht. Sie hatte diesen Raum nie wirklich für sich allein gehabt. Jetzt war er da. Leer, ruhig und ganz und gar ihr.

Laura lächelte, ein kleines, privates Lächeln, das niemand sehen musste. Dann nippte sie an ihrem Kaffee und wartete auf den Lieferwagen.

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