Nach dem Tod unserer Mutter vergaßen wir, dass wir Schwestern waren … Bis wir ihre alte Blechdose fanden

Nach Mamas Tod wurden Katharina und ich so leise zu Fremden, dass es anfangs niemand bemerkte. Kein Geschirr flog durch die Küche, kein Geschrei hallte durch das Treppenhaus, kein Anwalt zerrte uns vor Gericht. Es war nur diese Stille, die sich zwischen uns schob, Zentimeter für Zentimeter. Eines Tages begriff ich, dass ich ihre Nummer nicht mehr wählen konnte. Früher rief ich sie wegen jeder Kleinigkeit an: „Was kochst du heute?“, „Hast du den Bericht abgegeben?“, „Papa hat wieder zu hohen Blutdruck.“ Jetzt lag das Handy in meiner Hand, ihr Name leuchtete auf dem Display, aber mein Daumen hing in der Luft. Zwischen uns standen Mamas Eigentumswohnung in der Südstadt, ein altes Sparbuch und der eine Satz, den ich in meiner Wut herausgeschleudert hatte und der mich nachts nicht mehr schlafen ließ.

Ich heiße Johanna Vogler, damals war ich dreiundvierzig. Meine jüngere Schwester Katharina war achtunddreißig. Wir wuchsen in einer Altbauwohnung in Hannover-Linden auf, mit hohen Stuckdecken, einer klapprigen Heizung, die im Winter ständig ausfiel, und einem Balkon, auf dem Mama unermüdlich Tomaten zog, bis ihre Knie so wehtaten, dass sie kaum noch Treppen steigen konnte. Mama hieß Marianne, sie wurde zweiundsiebzig. Eine Frau, die morgens als Erste in der Bäckerei stand, nachmittags im Schrebergarten schuftete und abends ihre Kräutertees trank, mit diesem unwandelbaren Satz: „Mädchen, beißt euch nicht. Ihr seid Schwestern, kein loses Blatt, das man einfach zerreißt.“ Papa, Günther, war vor elf Jahren gestorben. Danach wurde Mama härter, kantiger. Sie hasste es, um Hilfe zu bitten.

Ich lebte in der List, arbeitete als Apothekerin, hatte einen Mann, Markus, und zwei Kinder im Teenageralter. Ich fuhr zweimal die Woche zu ihr, brachte Medikamente vorbei, maß ihren Blutdruck, putzte die Fenster vor Ostern, pflückte die Johannisbeeren oder saß einfach bei ihr, wenn die langen Abende kamen. Katharina wohnte in Hamburg, arbeitete als Steuerfachangestellte und zog ihre Tochter Leni nach einer sehr schmutzigen Scheidung allein groß. Sie kam seltener. Aber wenn sie kam, dann mit Tüten: guter Kaffee, ein Kaschmirschal, teure Handcreme, ein Scheck für die Heizungsreparatur. Ich sah das, doch in meinem Inneren dachte ich diesen einen bösen Gedanken: „Mama hat nicht auf Tüten gewartet. Sie hat auf dich gewartet.“

Die ersten Tage nach der Beerdigung hielten wir noch zusammen. Die Nachbarn kamen, brachten Aufläufe und Brot, umarmten uns mit ernsten Gesichtern, erzählten Geschichten von Mama. Die Wohnung roch nach Kerzenwachs, frischem Kaffee und Mamas Lavendel, der in kleinen Bündeln über der Tür hing. Als der letzte Gast gegangen war, wurde die Stille so dicht, dass ich meinte, daran zu ersticken. Auf dem Herd stand noch ihr Wasserkocher mit den Kalkflecken, über der Stuhllehne hing ihre hellblaue Strickjacke, neben dem Bett lagen die Brille und ein zerlesener Roman mit Eselsohr. Mir kam es vor, als würde sie endgültig verschwinden, wenn wir auch nur ein einziges Ding anfassten.

Der Riss kam nicht wegen des Erbes. Er kam wegen eines abgetretenen Hausschuhs. Ich wollte ihn neben der Tür stehen lassen, als wäre sie gleich zurück. Katharina sagte, es sei Zeit, die Sachen langsam wegzuräumen, sonst würden wir „im Schmerz versinken“. „Du redest, als ob es dir leichter fiele, je schneller du sie los wirst“, sagte ich. „Es ist nicht leichter, Johanna. Aber das Leben geht weiter.“ „Das Leben ging auch weiter, als Mama noch lebte. Da warst du nur nie da.“ Katharina legte den Schuh ganz langsam wieder zurück auf die Matte. Ihr Gesicht wurde zu einer Maske, die ich nicht kannte. Kalt. Verschlossen. „Da sind wir also beim Kern der Sache.“ „Stimmt es etwa nicht?“ „Es stimmt nicht, dass du die einzige Tochter warst.“ Danach fiel alles in sich zusammen. Ich zählte auf: jedes Krankenhaus, jedes Rezept, ihre nächtlichen Anrufe, ihre panische Angst vor dem Notarzt. Katharina konterte, Mama habe immer nur gesagt: „Johanna weiß das, Johanna kommt, Johanna macht das.“ Sie habe sich wie ein Gast im Haus ihrer eigenen Kindheit gefühlt. Sie erzählte, dass sie nachts im Badezimmer geweint und Cent-Stücke gezählt habe, damit Leni nichts merkte. Ich aber hörte nicht zu. Stattdessen sagte ich das Schlimmste, was mir einfiel: „Vielleicht war es dir auch einfach bequem, eine Mutter auf Distanz zu haben.“ Katharina schrie nicht. Sie starrte mich nur an, und mir wurde eiskalt. „Du weißt nichts über mein Leben. Aber du urteilst gern.“ Sie griff nach ihrer Tasche und fuhr zurück nach Hamburg. Ich dachte, ein, zwei Tage, und sie hätte sich beruhigt. Aber es verging eine Woche. Ein Monat. Drei Monate. Wir simsten nur noch über die Formalitäten: „Notar am Mittwoch“, „Hausgeld bezahlt“, „Schlüssel bei der Nachbarin“. Jede dieser Nachrichten war wie eine neue Schaufel Erde auf einem Grab.

Die alte Blechdose fand ich auf dem Dachboden. Eigentlich suchte ich den Grundbuchauszug, weil der Notar irgendeinen uralten Wisch haben wollte. Es roch nach Staub und Mottenkugeln. In der Ecke stand Mamas Bücherkiste, und ganz oben, wie auf einem Altar, lag eine verbeulte Keksdose von Bahlsen, zugeklebt mit silbernem Panzerband. Auf dem Deckel stand in Mamas zittriger Handschrift: „Für meine Töchter. Nur gemeinsam öffnen, wenn ihr vergessen habt, dass ihr Schwestern seid.“ Ich setzte mich auf einen alten Umzugskarton. Meine Hände zitterten. Mama hatte es gewusst. Sie hatte uns vorausgesehen: meine Selbstgerechtigkeit, Katharinas Schweigen, diese eisige Distanz zwischen Hannover und Hamburg. Ich riss die Dose nicht auf. Ich wählte ihre Nummer. „Ich habe eine Blechdose von Mama gefunden. Da steht was drauf, an uns beide“, sagte ich. Eine endlose Pause. Dann, ganz leise: „Hast du sie aufgemacht?“ „Nein.“ „Ich komme am Samstag.“

Am Samstag kam sie ohne ein „Hallo“. Übermüdet, fahl, in einem viel zu dicken Mantel für den milden Herbst. In der Hand trug sie eine Tüte von Mamas Lieblingskonditor, obwohl es niemanden mehr gab, der die Baumkuchenspitzen aß. Wir saßen am Küchentisch. Ich stellte die Dose zwischen uns. Lange wagte keine, sie zu öffnen. Dann flüsterte Katharina: „Sie hat uns immer durchschaut.“ „Ja“, sagte ich. „Auch dann, als wir uns selbst nicht verstanden.“ In der Dose waren kein Sparbuch und kein Schmuck. Es waren zwei dicke Notizbücher, ein Stapel alter Fotos, selbstgebastelte Kinderbriefe, ein Brief von Papa und ein winziger Umschlag, auf dem stand: „Teilt die Liebe nicht.“ Das erste Buch handelte von mir. Ich klappte es auf, und es war, als setzte sich Mama wieder neben mich. „Johanna nimmt von klein auf alles auf ihre Schultern. Sie denkt, wenn sie nicht die Welt zusammenhält, zerbricht alles. Aber sie sagt nie, wenn sie nicht mehr kann, und dann ist sie wütend auf jeden, der ihr nicht von den Augen abliest, was sie braucht.“ Katharina las ihr Buch und weinte lautlos. Mama hatte geschrieben: „Katharina hält sich immer für die Zweite. Ich bin schuld, weil ich zu oft sagte: Schau dir an, wie Johanna das macht. Ich wollte sie anspornen, dabei habe ich sie verletzt. Meine Kleine ist nicht gleichgültig, sie schweigt nur, wenn es wehtut.“ Dann fanden wir die Kontoauszüge. Katharina hatte fast zwei Jahre lang jeden Monat Geld für Mamas Herzmedikamente und die hohen Heizkosten überwiesen. Mama hatte es mir nie gesagt, „damit Johanna nicht denkt, ich beschwere mich über sie“. Und ich hatte ihr unzählige Zettel mit Medikamentenplänen, Blutdrucktabellen und Arztnummern hinterlassen. Mama hatte jeden einzelnen aufgehoben. Darunter ihr Satz: „Eine half mit den Händen, die andere so gut sie konnte aus der Ferne. Messt die Liebe nicht in Anfahrtskilometern.“ Am schlimmsten war Papas Brief. Geschrieben, als der Krebs schon in ihm wütete: „Marianne, wenn ich nicht mehr bin, erhalte die Mädchen füreinander. Johanna wird den Haushalt führen, weil es ihre Art ist. Katharina wird davonlaufen, weil sie fürchtet, zu viel zu sein. Lass sie nie glauben, dass deine Liebe nicht für beide reicht.“ Nach diesen Worten stand Katharina auf und ging zum Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich dachte, nun geht sie endgültig. Aber sie sagte, ohne sich umzudrehen: „Ich kam nicht so oft, nicht weil ich sie nicht liebte. Ich hatte Angst, diese Wohnung zu betreten und zu spüren, dass ich nur ein Besuch bin. Du wusstest alles, konntest alles, regeltest alles. Ich kam immer zu spät.“ Ich schwieg. Alles in mir drängte, mich zu verteidigen, zu schreien, dass ich doch auch Angst hatte, dass ich den Tod unserer Mutter gesehen und ganz allein mit dem Bestatter verhandelt hatte. Aber zum ersten Mal tat ich es nicht. „Und ich habe darauf gewartet, dass du errätst, was mit mir los ist. Ich habe nie um Hilfe gebeten. Nur angesammelt. Und dir dann alles ins Gesicht geschleudert.“ Sie drehte sich um. „Deine Worte haben mich so verletzt.“ „Ich weiß“, sagte ich. „Vergib mir.“ Es gab keine Kinoversöhnung. Keine pathetischen Umarmungen, kein hektisches „Alles wird gut“. Wir saßen einfach am Küchentisch, tranken kalten Tee und redeten, bis die Dämmerung hereinbrach. Über Mama und Papa, über die Kindheit, über das Alleinsein, das jede für sich jahrelang mit sich herumgetragen hatte, weil sie dachte, die andere hätte das leichtere Los. Und das Seltsamste: Nach dieser Nacht fühlte sich die Wohnung nicht länger wie ein Schlachtfeld an. Sie roch einfach nur noch nach Lavendel und dem Zuhause, in dem man uns beide geliebt hatte.

Wir verkauften die Wohnung nicht sofort. Wir gaben uns ein Jahr. Den Balkon und die Tomaten überließ ich dem Nachbarsjungen gegen eine kleine Pacht, und im Frühling pflanzten wir blaue Hortensien in die Kästen. Katharina nahm Mamas alte Strickjacke mit, weil sie sagte, sie wolle den Lavendelduft noch manchmal riechen. Ich gab sie ihr ohne Widerrede. Ich behielt die Brille und die Notizbücher, aber ich legte sie in Mamas Schrank, damit Katharina sie jederzeit holen konnte.

Heute steht die alte Blechdose mitten in der Wohnung auf dem Bücherregal. Wir verstecken sie nicht mehr. Denn manchmal muss man nicht nur Dosen öffnen, sondern auch das, was man jahrelang tief im Herzen vergraben hat. Nach Mamas Tod waren Katharina und ich wirklich Fremde geworden. Nicht, weil wir uns nicht mehr liebten. Sondern weil jede ihren Schmerz verschwieg und hoffte, die andere würde ihn von allein verstehen. Heute weiß ich: Das Schrecklichste, was nach dem Tod der Eltern passieren kann, ist nicht, dass man sich um eine Immobilie streitet. Sondern dass man die Liebe aufteilt, als hätte jemand mehr und jemand weniger bekommen. Denn Sachen kann man ausräumen, Eigentum kann man überschreiben, eine Wohnung kann man verkaufen oder behalten. Aber eine Schwester, die man aus gekränktem Stolz verliert, die bringt einem kein Grundbuch zurück. Mama hinterließ uns keinen Reichtum. Sie hinterließ uns eine verrostete Keksdose, zwei schwarze Notizbücher und eine Wahrheit, die wir uns nie mit unseren eigenen Stimmen zu sagen wagten. Und erst da verstand ich das Vermächtnis, das wirklich zählt. Es sind nicht die Dinge in einer Wohnung. Es ist der Mensch, den du noch in den Arm nehmen kannst, bevor es zu spät ist.

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Nach dem Tod unserer Mutter vergaßen wir, dass wir Schwestern waren … Bis wir ihre alte Blechdose fanden