Klara, das Geld von unserem Konto habe ich ausgegeben.

Klara hielt mitten in der Bewegung inne, die halb ausgetrunkene Tasse Kaffee schwebte auf halbem Weg zum Mund. Thomas stand in der Tür zur Altbauküche, die Autoschlüssel noch in der Hand, und sagte diesen Satz mit einer Beiläufigkeit, als würde er vom Wetter berichten.

„Was hast du?“

„Das Geld. Von unserem Sparkonto. Für die Flusskreuzfahrt meiner Mutter. Habe ich heute Morgen überwiesen.“

Die Tasse klirrte leise, als Klara sie auf der Arbeitsplatte aus Eichenholz abstellte. Draußen vor dem Fenster röhrte ein Bus die Straße entlang, aber hier drinnen war es plötzlich totenstill.

„Welches Sparkonto?“

Thomas seufzte und fuhr sich mit der Hand durch den Bart. „Klara, bitte. Du weißt genau, welches Konto ich meine. Das für den Hausbau in Tangstedt. Da waren knapp über vierzigtausend drauf. Jetzt sind es noch etwa siebzehnhundert Euro. Der Rest ging an die Reederei.“

Klara spürte, wie ihre Finger kalt wurden. Jeder gesparte Euro der letzten drei Jahre: verschoben, geplant, verteidigt gegen Spontanurlaube und Restaurantbesuche.

Thomas nahm sich ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Leitungswasser. Seine Bewegungen waren ruhig, fast meditativ. Er hatte diese unerschütterliche Ruhe, die sie früher an ihm geliebt hatte und die sie heute in den Wahnsinn trieb.

„Eine Flusskreuzfahrt“, wiederholte Klara tonlos. „Für deine Mutter.“

„Margit wird fünfundsiebzig. Das ist ein besonderer Geburtstag. Eine ganze Woche auf der Donau, mit Vollpension und Landausflügen. Sie hat sich das immer gewünscht. Schon als ich ein Junge war, hing in ihrer alten Wohnung ein Poster von der Wachau. Weißt du eigentlich, dass sie seit Papas Tod nie wieder verreist ist?“

„Und wann genau wolltest du mich fragen?“

Thomas stellte das Glas ab. „Ich wusste, dass du es mir ausreden würdest. Du verstehst einfach nicht, was Familie bedeutet. Du siehst nur den Kontostand. Immer.“

Das war der Schlag, der traf. Sie sah nur den Kontostand.

„Weil ich drei Jahre lang jeden Monat siebenhundert Euro auf dieses Konto gepackt habe“, sagte Klara, und ihre Stimme zitterte kein bisschen. Sie war ganz ruhig. Gefährlich ruhig. „Weil ich meine Ausbildung auf Eis gelegt habe, um mehr Klienten zu coachen. Weil ich jeden Abend bis nach zehn an meinen Onlinekursen saß, während du Tatort geschaut hast, und wir gesagt haben: Einmal kurz die Zähne zusammenbeißen. Einmal. Und du? Du gibst fast alles aus. Ohne ein Wort. Ohne eine Nachricht. Ohne überhaupt den Hauch eines Gedankens an mich zu verschwenden.“

Thomas presste die Lippen aufeinander. Dieses Gesicht kannte sie. Es war die Miene eines Mannes, der innerlich längst eine Entscheidung getroffen hatte und jetzt nur noch auf das Ende der Szene wartete wie auf einen Wolkenbruch, der vorüberzieht.

„Wann fährt sie?“, fragte Klara.

„In zwei Wochen. Am Samstag geht es in Passau los. Meine Schwester Birgit kommt auch mit, und Onkel Wolfgang mit seiner neuen Freundin. Margit freut sich riesig. Sie hat mich heute Nachmittag angerufen und fast geweint vor Glück. Fast geweint, Klara. Das ist meine Mutter. Ich bin ihr einziger Sohn. Was hätte ich denn tun sollen?“

„Du hättest mit mir reden können. Reden. Weißt du noch, wie das geht? Zwei Menschen in einem Raum, die Worte austauschen, bevor einer von ihnen vierzigtausend Euro überweist?“

Er sagte nichts. Nur das Wasser aus dem undichten Hahn über der Spüle tropfte. Plink. Plink. Plink.

Die Party war in einer alten Villa an der Alster, gemietet für den Abschiedsabend vor der großen Reise. Margit stand in einem marineblauen Kostüm am Fenster, das Sektglas in der Hand, und ließ sich von den Gästen feiern. Ein Pianist spielte Jazz, Kellner balancierten Tabletts mit Häppchen durch den Raum.

„Ist das nicht herrlich?“, flüsterte Margit, als Klara mit einem gequälten Lächeln neben sie trat. „Mein Thomas hat das alles ermöglicht. Er hat schon als Kind gesagt: Mama, wenn ich groß bin, mache ich dich zur Königin. Und schau. Er hat Wort gehalten. Mein Junge. Einfach mein Junge.“

Klara blickte aufs Wasser hinaus. Die Abendsonne glitzerte auf den Wellen. Er hat Wort gehalten, dachte sie, und es schmeckte bitter.

„Weißt du, Margit“, sagte sie leise und drehte sich um, „hast du dich jemals gefragt, woher das Geld für all das kommt?“

Die alte Dame musterte sie kurz, dann winkte sie ab. „Ach, Kind. Geld kommt und geht. Aber solche Momente bleiben. Was ist schon Geld gegen die Liebe eines Sohnes?“

„Die Liebe eines Sohnes. Das ist schön gesagt. Aber was ist mit der Liebe eines Ehemannes? Weißt du, wofür wir gespart haben? Für ein Haus. Für ein winziges, einfaches Reihenhaus am Stadtrand, in dem wir vielleicht einmal Kinder großziehen wollten. Weißt du das?“

Margit wurde still. Die Musik spielte leise weiter. Irgendwo im Raum lachte Onkel Wolfgang.

„Dieses Haus ist jetzt eine Woche auf der Donau“, sagte Klara. „Mit Vollpension und Landausflügen. Guten Appetit.“

Sie stellte ihr Glas ab und ging.

Thomas fand sie später am Ufer der Alster. Das Fest war vorbei. Er roch nach Sekt und Zigarettenrauch.

„Du hast mir den ganzen Abend ruiniert. Alle haben gefragt, was mit deiner Frau los ist. Meine Schwester meinte, du seist hysterisch. Onkel Wolfgang hat sich richtig unwohl gefühlt. Und meine Mutter saß zwanzig Minuten auf der Toilette und hat geweint. Ist es das, was du wolltest? Dass eine alte Frau an ihrem Abschiedsabend weint?“

Klara starrte auf das dunkle Wasser. Die Lichter der Stadt spiegelten sich darin, verzerrt und zittrig.

„Ich war heute bei einer Anwältin“, sagte sie.

Thomas blieb stehen. „Was?“

„Nur ein Erstgespräch. Ich wollte wissen, wie das ist mit dem Zugewinnausgleich. Ich habe drei Jahre lang die Hälfte von dem beigesteuert, was du ausgegeben hast. Eigentlich ein bisschen mehr. Ich habe die Kontoauszüge von damals alle noch.“

Sein Gesicht verfinsterte sich. „Du machst das alles wegen Geld? Du willst unsere Ehe wegwerfen wegen vierzigtausend lächerlichen Euro?“

„Nein“, sagte Klara, und ihre Stimme war sehr leise, aber fest. „Das Geld ist mir egal. Schon lange. Aber du hast mir heute gezeigt, dass ich für dich keine Partnerin bin. Ich bin das Anhängsel, das funktionieren soll, während du die großen Gesten für deine Mutter machst. Und als ich dich damit konfrontiert habe, hast du nicht eine Sekunde lang innegehalten. Du hast sofort deine gesamte Familie gegen mich in Stellung gebracht. Ich bin die Böse, Thomas. Ich bin immer die Böse. Und ich kann das nicht mehr. Ich will ein Leben, in dem ich auch mal gesehen werde. Von dem Mann, den ich vor sieben Jahren geheiratet habe. Erinnerst du dich? Große, blaue Augen. Stand in einer kleinen Buchhandlung und hat so getan, als würde er Kafka lesen, bis ich ihn ansprach. Wo ist der hin?“

Er antwortete lange nicht. Dann kramte er umständlich sein Handy aus der Jacke, tippte mit zittrigen Fingern darauf und hielt es ihr wortlos hin. Der Bildschirm zeigte eine SMS der Reederei: Stornierungsbestätigung. Bearbeitungsgebühr 4.850 Euro.

„Ich hab's storniert“, sagte er heiser. „Vorhin. Als du… gegangen bist. Ich hab da einfach…“ Er brach ab, fuhr sich mit der Hand über den Mund, drückte die Daumen in die Augen. „Ich stand da und dachte… sie ist weg. Einfach weg. Wegen… ich weiß auch nicht. Das ist so… Ich kann das nicht erklären. Ich wollte ihr was Gutes tun. Aber nicht so. Nicht dafür.“ Er tippte wieder auf das Display, hielt es ihr hin, die Ziffern der Gebühr leuchteten. „Ist ’ne Menge Holz. Aber ich dachte… vielleicht… Das war’s. Mehr hab ich nicht. Mehr habe ich nicht gedacht.“

Klara starrte auf die SMS. Die Nachricht war kalt und geschäftsmäßig, aber Thomas’ Hände zitterten. Sie konnte die kleinen Schweißränder seiner Finger auf dem Glas des Displays sehen.

„Und deine Mutter?“, fragte sie. Ihre eigene Stimme klang fremd, hart. „Die weint jetzt wieder, und du machst es rückgängig?“

Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. „Ich… ja. Ja, sie weint. Aber…“ Er atmete aus. „Ich hab ihr gesagt, dass ich einen Fehler gemacht habe. Einen großen. Einfach so. Sie hat nichts gesagt. Nur genickt. Mehr nicht.“ Seine Stimme senkte sich. „Ich glaube, sie hat’s verstanden. Dass ich nicht mehr so weitermachen kann. Nicht für sie. Nicht gegen dich.“ Er sah auf das Wasser, dann auf das Handy. „Fünftausend Euro Strafe. Einfach so. Dafür, dass ich zu feige war, vorher mit dir zu reden. Fünftausend. Ich Idiot.“

Klara sah ihn an. Er sah nicht aus wie der Mann, der große Gesten macht. Er sah aus wie jemand, der in eine Grube gefallen war und sich den Dreck nicht einmal von den Knien wischte. Sein Bart war zerzaust, die Augen gerötet. Er bot keine großen Worte an. Nur diese SMS und dieses kapitale „Ich Idiot“.

„Ja“, sagte sie leise. „Ein Idiot.“ Sie schluckte. „Aber meiner.“ Sie griff nach seiner Hand, die immer noch zitterte. „Keine Alleingänge mehr. Keine Überraschungsüberweisungen. Wenn ich das nächste Mal auf deinem Gesicht sehe, dass du so was vorhast… ruf mich an. Oder geh eine Runde um den Block. Aber sprich mit mir. Ist das ein Deal?“

Er nickte nur. Heftig. Seine Finger schlossen sich um ihre.

Drei Tage später klingelte es an ihrer Wohnungstür. Draußen stand Margit. Im grauen Regenmantel, eine kleine Schachtel in den Händen. Sie sah müde aus, und sie sah älter aus als auf der Party.

„Darf ich hereinkommen?“

Sie saßen in der Küche. Dieselbe Küche, in der Thomas vor einer Woche beiläufig gesagt hatte, er habe das Geld ausgegeben. Margit schob die Schachtel über den Tisch. Keine großen Worte, sie schob sie einfach rüber.

„Mach auf.“

Klara öffnete den Deckel. Darin lag eine kleine Brosche in Hausform. Gold, angelaufen an den Kanten.

„Die gehörte meiner Großmutter“, sagte Margit leise. „Ich wollte sie immer einer Tochter schenken. Aber ich hatte keine. Ich hatte nur Thomas. Und jetzt…“ Sie räusperte sich. „Ich war nicht immer einfach. Ich weiß. Ich habe ihn zu sehr an mich gebunden. Ich hab es an dem Abend gesehen, als du gegangen bist. Er stand einfach nur da. So hilflos. Da hab ich begriffen…“ Sie brach ab, presste die Lippen aufeinander. „Ich schäme mich. Das wollte ich nur sagen. Ich schäme mich. Nimm sie. Für euer neues Haus. Wenn es dann steht.“ Sie zögerte. „Und wenn es steht… kriegt man da vielleicht einen Kaffee? Nur einfach so? Ohne Ansprüche?“

Klara nahm die Brosche aus der Schachtel. Das Gold war kalt in ihrer Hand, abgegriffen und echt. Sie sah Margit an. Keine große Versöhnung. Nur eine alte Frau, die in ihrer Küche saß und nicht wusste, wohin mit den Händen.

„Kaffee ist immer da“, sagte sie. „Ich koche einen. Jetzt gleich.“

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Klara, das Geld von unserem Konto habe ich ausgegeben.