Die Frikadellen im Koffer

Gisela wusste, dass ihre Tochter es ernst meinte, als sie sah, wie Mia den alten Emaille-Becher einwickelte. Diesen angerosteten, blau-weiß gesprenkelten Becher, den sie vor zehn Jahren für fünfzig Cent auf einem Flohmarkt gekauft hatte und der seitdem unbenutzt im Schrank stand. Gisela hatte ihn dutzende Male aussortieren wollen. Jetzt lag er in Seidenpapier, sorgfältig zwischen die Socken gestopft.

Es standen überall Kartons in der kleinen Bremer Wohnung. Mia zog nach Berlin. Ein Start-up in Kreuzberg hatte sie als UX-Designerin angeworben, und sie hatte eine Einzimmerwohnung in der Nähe vom Görlitzer Park gemietet, im vierten Stock ohne Aufzug. Gisela hatte sich die Anzeige dreimal durchgelesen und festgestellt, dass die Wohnung über einem Späti lag, der bis zwei Uhr nachts Bier verkaufte. Sie hatte es Mia gesagt. Mia hatte nur mit den Schultern gezuckt.

Gisela war vor drei Jahren in Rente gegangen. Achtundsechzig. Ihr Mann lebte seit neun Jahren nicht mehr. Die Wohnung in Bremen war ordentlich, die Rentnerfahrten nach Bad Zwischenahn gut besucht, und trotzdem hatte ihr Tag immer aus dem bestanden, was bei Mia anstand. Ein Anruf, ob sie die Stromrechnung überwiesen hatte. Ein Besuch mit Auflauf, weil Mia zu dünn war. Ein Termin beim Optiker, den sie längst alleine hätte machen können. Es war keine Last. Es war Struktur.

Am Tag des Packens brachte Gisela Medikamente vorbei, einen Ersatzschlüssel für die alte Wohnung, einen klappbaren Regenschirm und einen Schnellhefter mit Kopien der wichtigsten Dokumente. Sie hatte eine Liste der Berliner Kliniken ausgedruckt, mit Bewertungen. Sie hatte die Telefonnummer des zuständigen Bürgeramts herausgesucht und auf einen gelben Zettel geschrieben. Mia bedankte sich zuerst. Dann kürzer. Gegen Abend sagte sie: „Mama, setz dich doch einfach hin.“

Gisela setzte sich auf einen gepackten Koffer. Sie sah zu, wie Mia die Kartons zuklebte, und es war, als sähe sie lauter falsche Entscheidungen. Die Bücher zu schwer aufeinander gestapelt. Der Föhn zwischen den Turnschuhen. Auf dem Karton mit dem Geschirr stand nicht *Vorsicht Glas*.

„Du rufst jeden Abend an, ja?“, fragte sie.

Mia hob nicht sofort den Kopf. Dann sagte sie, sie werde anrufen, aber nicht jeden Abend, und schon gar nicht zu einer festen Zeit. Es werde Überstunden geben, vielleicht neue Kollegen, vielleicht wolle sie einfach mal ins Kino, ohne vorher Bescheid zu sagen.

Gisela spürte, wie ihre Tochter lauter Dinge aufzählte, bei denen eine Mutter störte.

Am Bahnhof kontrollierte sie dreimal das Ticket. Sie fragte die Schaffnerin, wann der Wagen geschlossen werde. Sie bat Mia, nicht an fremden Bahnhöfen auszusteigen und kein Wasser von Mitreisenden anzunehmen, als wäre die Fahrt von Bremen nach Berlin eine Expedition ins letzte Jahrhundert und nicht eine zweieinhalb Stunden mit dem ICE.

Kurz vor der Abfahrt umarmte Mia sie. Dann sagte sie leise, sie wolle um eine Sache bitten. Einen Monat. Keine unangemeldeten Besuche. Keine Anrufe zehnmal am Tag. Keine Erkundigungen über Kollegen, die Hausverwaltung oder gemeinsame Bekannte. Wenn sie Hilfe brauche, werde sie fragen.

Gisela löste sich aus der Umarmung.

„Störe ich dich?“

Mia schloss die Augen. Es war offenbar genau der Satz, den sie hatte vermeiden wollen. Sie erklärte, ihre Mutter störe nicht. Sie nehme nur alles vorweg. Mia habe noch gar nicht gemerkt, ob etwas schwierig sei, da habe Gisela schon eine Lösung parat. Sie kriege keine Luft zum eigenen Stolpern.

Der Zug fuhr ein. Sie verabschiedeten sich schlecht.

Zu Hause merkte Gisela, dass die Wohnung nicht stiller wurde. Sie wurde sinnlos. Mia hatte seit Jahren in der eigenen Wohnung gelebt, aber nur zwei S-Bahn-Stationen entfernt. Man konnte Suppe vorbeibringen, die Jacke aus der Reinigung holen, beim Gardinenkauf beraten. Mia hatte auf dem Heimweg von der Arbeit angerufen, um sich über Nachbarn zu beschweren oder einen Vertrag vorlesen zu lassen. Gisela lebte allein, aber sie war nie einsam gewesen. Ihr Tag war eng verwoben mit dem einer anderen.

Jetzt stand da dieser Monat im Kalender. Eine Sperre.

Den ersten Tag überstand sie leicht. Sie schrieb eine Nachricht: „Gut angekommen?“. Ein Wort kam zurück. Sie schrieb: „Ruf an, wenn du Zeit hast.“ Es kam kein Anruf.

Am zweiten Tag war für Berlin Sturm angesagt. Gisela öffnete die Wetter-App, sah die orangefarbene Warnung und tippte die Nummer. Sie drückte weg, bevor es klingelte. Einen Regenschirm hatte sie ihrer Tochter selbst in die Seitentasche des Koffers gesteckt.

Am dritten Tag las sie online von einem Wasserrohrbruch. Die Straße lag ein paar Querstraßen von Mias neuer Adresse entfernt, aber das reichte. Sie rief bei der Hausverwaltung an, stellte sich als zukünftige Mieterin vor und fragte, ob es noch Wasserdruck gebe. Der Mann am anderen Ende wollte die Wohnungsnummer wissen. Gisela legte auf. Sie schämte sich. Nicht so sehr, dass sie es jemandem erzählt hätte.

Am Sonntag rief Mia an. Sie klang wach. Erzählte von der Arbeit, von der Wohnung, davon, wie sie sich am zweiten Tag im Kiez verlaufen hatte. Gisela wartete auf die Klage. Die Tochter musste sich doch über den Vermieter beschweren, über die Kälte, die Kollegen, den Lärm vom Späti unten. Es kam nichts.

Gisela fand die Probleme dann selbst. Sie fragte, warum Mia noch keinen Elektriker für die lose Steckdose angerufen habe. Sie erinnerte an die Ummeldung beim Einwohnermeldeamt. Sie riet, dem Chef nicht zu viel zu lächeln, sonst werde ihre Freundlichkeit ausgenutzt.

In der Leitung wurde es still.

„Mama, du machst es schon wieder.“

Die zwei Wörter kannte Gisela seit Jahren und hatte sie immer ungerecht gefunden. *Schon wieder* bedeutete, ihre Fürsorge war ein Fehler. Sie beendete das Gespräch kühl und antwortete die nächsten zwei Tage auf Nachrichten erst mit Verzögerung, damit Mia merkte, wie es ohne Mutter war.

Mia merkte es offenbar nicht. Sie schickte Fotos aus Berlin. Der Schreibtisch im Büro. Die Spree bei Sonnenuntergang. Ein Straßenkater vor dem Hauseingang. Auf einem Bild stand ein selbst aufgebautes Wandregal. Es hing schief, links zwei Zentimeter tiefer.

Gisela zoomte. Sie wollte schreiben, die Dübel seien falsch, das Regal könne mitten in der Nacht herunterkrachen. Sie tippte die Nachricht dreimal und löschte sie. Nachts träumte sie, das Regal falle ihrer Tochter auf den Kopf. Am nächsten Morgen schickte sie einen Link zu richtigen Fischer-Dübeln. Mia antwortete mit einem Herzchen. Gekauft hat sie nichts.

Nach einer Woche traf Gisela ihre Freundin Elke in der Markthalle. Sie erzählte von Mias Wegzug, als habe ihre Tochter sie Hals über Kopf verlassen und einem ungewissen Schicksal überantwortet. Elke rührte in ihrem Cappuccino und fragte, was Gisela jetzt mit sich anfangen wolle.

Die Frage war unverschämt. Gisela war vierzig Jahre lang medizinische Fachangestellte gewesen, hatte nach der Rente Mias Umzug organisiert, dann bei der Jobsuche geholfen, dann die Katze des Exfreunds gepflegt. Die Katze war jetzt beim Ex, der Umzug vorbei, der Job gefunden. Es gab Bücher, den Schrebergarten der Cousine, den Fernseher, den Seniorentreff im Gemeindehaus. Aber nichts davon brauchte sie dringend.

„Ich ruhe mich aus“, sagte sie.

Elke lachte und meinte, Gisela ruhe sich seit drei Jahren aus, bloß ziemlich aktiv. Sie stritten ein bisschen. Gisela ging früher und kaufte auf dem Heimweg Mias Lieblingsjoghurt, den ohne Zucker, dazu Gouda und Äpfel. Erst an der Kasse fiel ihr ein, dass ihre Tochter in Berlin war. Sie aß den Joghurt selbst. Er schmeckte sauer.

Am zehnten Tag rief Mias Vermieterin an. Gisela hatte ihr beim Mietvertrag die eigene Nummer gegeben, für alle Fälle. Die Frau erzählte, aus der Wohnung unter ihr habe man einen Wasserschaden gemeldet. Mia habe einen Handwerker gerufen, alles sei behoben, aber es habe eine Rechnung gegeben.

Gisela fühlte im ersten Moment Schrecken und Triumph zugleich. Da war es. Die Tochter kam nicht zurecht. Geld weg. Ärger mit den Nachbarn. Und die Mutter hatte es über Dritte erfahren.

Sie rief Mia an und redete, bevor ein Hallo kam. Warum habe sie nicht angerufen? Was für ein Handwerker? Gibt es eine Rechnung? Wer hat den Preis bestätigt?

Mia antwortete zuerst, dann schwieg sie. Es war der alte Zulaufschlauch der Waschmaschine gewesen. Der Vermieter hatte die Kosten übernommen. Kein Schaden bei den Nachbarn. Das Ganze hatte zwei Stunden gedauert.

„Ich hab’s hingekriegt, Mama“, sagte sie. „Nicht perfekt, aber allein.“

Gisela entgegnete, es gehe nicht ums Können, sondern um Vertrauen.

Mia fragte leise, warum Vertrauen immer bedeute, ihr Rechenschaft abzulegen.

Das Gespräch riss.

Danach saß Gisela lange in der Küche. Vor ihr lag das Ringbuch, in dem sie alle wichtigen Nummern notierte: Mias Ärzte, Versicherungstermine, Fristen. Auf der ersten Seite klebte ein vergilbter Zettel mit einer Liste von Lebensmitteln, die ihre Tochter seit der Schulzeit nicht aß. Gisela blätterte durch die Seiten und sah zum ersten Mal keine Liebe, sondern ein System. Ein riesiges, sorgsam gebautes Gerüst aus brauchbaren Ratschlägen und hilfreichen Nummern. Jede von ihnen für sich genommen völlig richtig. Zusammen ließen sie der Tochter keinen Zentimeter, einen Fehler ohne Zeugin zu machen.

Diese Erkenntnis machte Gisela nicht weise. Sie kränkte sie nur noch tiefer. Zwei Tage meldete sie sich nicht. Am dritten wartete sie auf eine Entschuldigung. Am vierten fand sie ihre Tochter undankbar. Am fünften packte sie eine Tasche.

Selbstgemachte Frikadellen kamen hinein. Warme Socken. Ein neuer Panzerschlauch für die Waschmaschine. Der Schnellhefter mit den Dokumenten. Sie kaufte ein Zugticket für den nächsten Morgen. Sie wollte sich nicht einmischen. Nur schauen, ob alles in Ordnung sei. Vom Bahnhof aus anrufen, eine Überraschung machen. Erst würde Mia sich ärgern, dann freuen.

Am Hauptbahnhof war sie früh. Sie saß vor der Anzeigetafel, die Tasche zwischen den Füßen. Die Leute um sie herum fuhren zu ihren Kindern, Eltern, Geschäftsterminen. Niemand brauchte eine Erlaubnis, um jemanden zu lieben.

Die Durchsage für den ICE nach Berlin kam. Gisela stand auf. Und plötzlich sah sie das Gesicht ihrer Tochter vor sich, wenn die Tür aufging. Keine Freude. Kein Ärger. Nur Müdigkeit. Genau die Müdigkeit, mit der Mia am Bahnhof um einen Monat gebeten hatte.

Bis zum Wagen waren es vielleicht hundert Meter. Gisela blieb stehen. Die Leute zogen mit Rollkoffern an ihr vorbei. Die Schaffnerin hob die Kelle. Jemand hinter ihr murrte.

Sie ging nicht.

Der Zug fuhr ohne sie.

Auf der Rückfahrt in der Straßenbahn öffnete sie die Tasche. Die Frikadellen rochen nach Majoran und Pfeffer. Der neue Schlauch lag obenauf, der Beweis eines Problems, das längst ohne sie gelöst war. Sie weinte nicht, weil ihre Tochter fort war, sondern weil Mia ihr seit zwanzig Jahren das Recht zu leben abverlangte und sie immer nur gehört hatte: *Verlass mich nicht*.

Zu Hause gab sie die Frikadellen der Nachbarin von nebenan, deren Enkel zu Besuch waren. Den Schlauch brachte sie zurück in den Baumarkt. Das Ticket warf sie in den Altpapierkorb, ohne davon ein Foto zu machen, ohne es ihrer Tochter je zu erzählen.

In den verbleibenden Tagen des Monats tat Gisela ein paar seltsame Dinge. Sie meldete sich zum Seniorenschwimmen an, obwohl sie befürchtete, lächerlich auszusehen in der Badekappe. Sie ging in den Literaturkreis der Bücherei und hielt einen ganzen Abend den Mund, selbst als eine Frau Kafka mit Thomas Mann verwechselte. Sie half Elke beim Aussortieren alter Fotos und ging, als die Arbeit getan war, ohne einen neuen Grund zu erfinden, zu bleiben.

Das Leben füllte sich nicht sofort. Meistens langweilte Gisela sich. Sie saß mit dem Handy da und fühlte sich wie ein Gerät, das nach getaner Arbeit vergessen wurde auszuschalten.

Mia schrieb. Gisela antwortete kurz. Nicht aus Strafe. Sie übte, kein Rezept an jede Zeile zu hängen.

Auf den Tag genau einen Monat später rief ihre Tochter abends an. Gisela sah den Namen auf dem Display und ließ es dreimal klingeln, bevor sie ranging, um nicht gierig zu wirken.

Mia erzählte, die Probezeit sei vorbei. Der Chef habe ihr ein eigenes Projekt übertragen. Das Regal hänge immer noch schief, aber es sei nichts heruntergefallen. Am Wochenende wolle sie die richtigen Dübel kaufen.

Gisela hörte zu. Die Ratschläge drängten im Hals, fertig formuliert. Welche Dübel, welcher Baumarkt, wie man eine Gehaltserhöhung anspricht. Sie presste die Hand auf den Mund.

Mia brach ab und fragte, ob bei ihr alles in Ordnung sei.

Gisela hätte erzählen können, dass sie beinahe ohne Einladung in den Zug gestiegen wäre. Sie hätte aus dem Nichtstun eine Heldentat machen können und einen Dank dafür einfordern. Aber dann wäre der Monat wieder nur eine Geschichte darüber geworden, was die Mutter für die Tochter geleistet hatte.

Also erzählte sie vom Seniorenschwimmen. Dass Badekappen allen gleich schlecht stünden. Vom Literaturkreis und der Frau, die Brecht mit Fallada verwechselte, aber erstaunlich überzeugend referierte.

Mia lachte. Dann sagte sie, sie vermisse ihre Mutter.

Gisela schloss die Augen. Auf diesen Satz hatte sie gewartet. Aber er war kein Sieg mehr. Man kann jemanden vermissen, ohne dass die andere Seele den Steuerknüppel in die Hand nimmt.

„Ich vermisse dich auch“, sagte sie.

Mia fragte, ob sie am nächsten Wochenende kommen könne. Nicht, weil es ein Problem gab. Einfach so, nach Hause.

Gisela sah sich im Wohnzimmer um. Sofort schoss ihr das Menü in den Kopf, die Fenster mussten geputzt, ein Zeitplan geschrieben werden. Sie spürte den alten Automatismus anspringen und schob ihn beiseite.

„Komm“, sagte sie. „Was wir machen, überlegen wir zusammen. Bring deine Dübel mit und wir bauen das Regal gemeinsam noch mal ab. Aber nur, wenn du willst.“

Nach dem Auflegen nahm sie sich nicht den Notizblock, um eine Einkaufsliste zu schreiben. Das war schwerer gewesen als der verpasste Zug.

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