Der Schal mit den Mohnblumen

„Wozu brauchst du das denn jetzt noch, Mama?“

Seit ich aus Salzburg zurück bin, verfolgt mich dieser Satz. Er klebt an der Küchentür, liegt im Dampf des Morgenkaffees und tropft aus jeder noch so beiläufigen Unterhaltung. Am Anfang dachte ich, Sabine meint es gut. Vielleicht macht sie sich Sorgen, dass ich mir nach den anstrengenden Jahren zu viel zumute. Vielleicht will sie mich einfach vor Enttäuschungen bewahren. Aber irgendwann habe ich den Unterton gehört. Das war keine Fürsorge. Das war der stille, unerschütterliche Glaube, mein eigenes Leben sei bereits abgehakt und ich hätte mich gefälligst als stumme Statistin im Glück ihrer Familie einzurichten.

Achtzehn Jahre habe ich in Österreich geschuftet. Achtzehn Jahre fremde Krankenbetten gemacht, nachts bei verwirrten Senioren gesessen, den Dialekt der Einheimischen gelernt und mir die Füße auf den kalten Fluren des St.-Vinzenz-Hospizes plattgestanden. Nach Hause, in unseren kleinen Ort bei Sankt Pölten, kam ich nur alle Jubeljahre. Mein Mann, der Klaus, starb, als Sabine gerade dreizehn war. Mit dem mageren Lohn in der hiesigen Tischlerei war kein Blumentopf zu gewinnen, geschweige denn ein Studium für die Tochter. Also ging ich. Und dort, in Salzburg, begegnete ich nach ein paar Jahren einer feinen Seele, dem Josef. Ein ruhiger, liebevoller Mann, der eine kleine Konditorei führte. Wir waren uns fast ein Jahrzehnt lang gute Weggenossen, ohne jeden Skandal, auch wenn die Nachbarn hier in der Siedlung hinter vorgehaltener Hand tuschelten. Als Josef starb, ging die Wohnung in Salzburg an seine Nichte. Ich spürte: mein Auftrag dort ist erfüllt. Es war Zeit, heimzufahren.

Mit dem Ersparten habe ich hier ein helles, großzügiges Haus mit Blick auf die Donauauen gebaut. Ich habe Sabines BWL-Studium in Wien finanziert, ihrem Mann Florian die Meisterprüfung zum Bauingenieur bezahlt und den beiden Enkeln, Laura und Jonas, den Führerschein samt erstem eigenem Kleinwagen geschenkt. Ich habe nie nachgerechnet, wie viele Zehntausend Euro in diesen zwanzig Jahren überwiesen wurden. Wenn sie etwas brauchten – für die Hochzeit, für die Anzahlung der Eigentumswohnung, für den Urlaub auf Kreta – habe ich nie gefragt: „Muss das sein?“ Sie wollten etwas, ich half. Ich war glücklich, dass meine Schwielen und mein verschlissener Rücken sich in ihre sorglosen Gesichter verwandelten.

Jetzt bin ich neunundsechzig. Aber ich fühle mich nicht so. In Salzburg habe ich gesehen, wie Frauen in meinem Alter ins Café Central gehen, sich einen neuen Lippenstift in der Getreidegasse kaufen, ins Konzert fahren und mit dem Rad den Mönchsberg hochschnaufen. Ich liebe farbige Tücher, ich liebe Bewegung, ich liebe es, morgens lang zu frühstücken und dabei die Vögel zu beobachten. Ich denke nicht daran, den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen und darauf zu warten, dass die Kaffeekanne leer ist.

Es fing an einem verhangenen Oktobertag an. Ich saß mit Sabine in meiner neuen Wohnküche, der Regen lief in Streifen am Fenster herunter, und ich blätterte im Prospekt der Volkshochschule.

„Sabine“, sagte ich und tippte auf eine Seite. „Schau mal, die bieten jetzt Smartphone-Fotokurse an. Richtig mit Bildgestaltung und Nachbearbeitung. Das würde mich reizen. Ich will endlich verstehen, wie man diese schönen unscharfen Hintergründe hinbekommt. Im Frühjahr will ich nämlich nach Venedig, und da will ich nicht nur knipsen.“

Sabine blickte kaum von ihrem Telefon hoch. Sie zog die Augenbrauen zusammen, als hätte ich vorgeschlagen, einen Fallschirmsprung zu machen.

„Wozu brauchst du das denn jetzt noch, Mama? Ein Fotokurs? Du machst doch wunderbare Bilder mit deinem alten Apparat. Und dieses ganze neumodische Zeug mit den Apps, das verwirrt dich doch nur. Da ärgerst du dich bloß, wenn’s nicht gleich klappt. Für Venedig reicht ein Reiseführer, die Fotos kannst du doch dem Florian überlassen, der hat ein gutes Auge.“

Ihr Ton war so endgültig, so gnädig herablassend, dass mir die Lust verging, weiter zu erklären. Ich erinnerte mich an eine italienische Urlaubergruppe in Salzburg, lauter Frauen über siebzig mit Stativen und Wechselobjektiven, diskutierend über Lichteinfall. Aber ich schwieg. Vielleicht hatte sie ja recht, redete ich mir ein.

Ein paar Wochen später rief mich meine Freundin Brigitte an. Wir kennen uns seit der Handelsschule. Brigitte hat nie im Ausland gearbeitet, ihr Mann war Postbeamter, sie haben immer bescheiden gelebt. Ihre Tochter hatte ihr zum Geburtstag eine fünftägige Busreise an den Plattensee geschenkt, und sie fragte, ob ich nicht mitkommen wolle. Ein Einzelzimmer wäre noch zu haben, und die Seeluft würde uns beiden guttun.

„Mensch, Brigitte, das ist eine wunderbare Idee!“, rief ich ins Telefon. „Ich habe doch noch das Geld für schöne Dinge. Ich rede kurz mit Sabine und buche. Wir beide am Plattensee!“

Am Abend, als Sabine mit einem Topf selbstgemachter Kürbissuppe vorbeikam, erzählte ich ihr begeistert davon. Sie stellte den Topf hart auf die Granitarbeitsplatte.

„An den Plattensee? Mit dem Bus? Mama, das ist doch eine Zumutung. Stundenlang eingepfercht sitzen, irgendwelche Absteigen mit unfreundlichem Personal, und das Essen schmeckt dir doch auch nicht. Wozu brauchst du das denn jetzt noch? Du weißt doch, wie anstrengend dir lange Fahrten aufs Kreuz schlagen. Außerdem haben Florian und ich gehofft, du könntest in den Herbstferien ein Auge auf die Kinder haben, wir müssen dringend das Bad sanieren lassen und sind dann im Baustaub. Spar dir das Geld lieber für was Vernünftiges."

Da stand ich nun. Brigitte, die jeden Cent umdrehen muss, fuhr, weil ihre Tochter sie ermutigte. Und ich, die die ganze Familie mit Autos und Wohnungen ausgestattet hatte, sollte babysitten, weil mein Geld angeblich besser in ihre Badsanierung investiert war als in meine Lebensfreude. Ich rief Brigitte am nächsten Tag an und log, mein Rheumatologe hätte mir von der Reise abgeraten.

Aber der Tropfen, der den berühmten Kübel zum Überlaufen brachte, war eine andere Geschichte.

Kurz vor Weihnachten fuhren Sabine und ich nach Wien, um Geschenke zu besorgen. Wir schlenderten durch die Mariahilfer Straße, die Schaufenster glitzerten. Vor einer kleinen, alteingesessenen Hutmanufaktur blieb ich wie angewurzelt stehen. Im Fenster hing ein Damenhut – ein Meisterwerk aus weichem, taubengrauem Wollfilz, die Krempe elegant geschwungen, und an der Seite ein atemberaubendes Accessoire: eine handgemalte Seidenblüte, eine Mohnblume in tiefstem Rot, mit zarten schwarzen Staubgefäßen.

Der Hut war kein Gebrauchsgegenstand. Er war ein Statement. Er flüsterte von Konzertabenden, von Spaziergängen im Museumsquartier, von einer Frau, die das Leben noch mit beiden Händen liebkost. Mein Herz machte einen Satz.

„Sabine, sieh dir den an…“, hauchte ich.

„Ein Hut“, sagte sie abwesend und tippte eine Nachricht. „Komm, wir müssen noch zu Thalia, Jonas braucht neue Schulbücher. Und ich will noch schnell zum Schweden, bevor der Verkehr schlimmer wird.“

„Nein, warte. Ich möchte ihn anprobieren.“

Ich betrat das Geschäft. Eine Verkäuferin mit samtenem Lächeln holte den Hut aus der Auslage. Als ich ihn aufsetzte und in den großen Spiegel sah, stockte mir der Atem. Er saß perfekt. Mein müdes Gesicht bekam Kontur, meine Augen leuchteten auf. Unter diesem Hut war ich nicht mehr die alte Anneliese, die immer nur gegeben hat. Ich war eine Frau, die sich etwas nahm.

„Was kostet er?“, fragte ich, bereit, einen hohen Preis für dieses Gefühl zu zahlen.

„Zweihundertzwanzig Euro, gnädige Frau. Reine Handarbeit, und die Seidenblume ist ein Unikat der Modistin.“

Zweihundertzwanzig Euro. Für meine österreichischen Verhältnisse, für meine sauber abgegrenzte „Spaßkasse“, kein Problem. Ich öffnete meine Handtasche und zog das Portemonnaie heraus.

Genau in diesem Moment schaute Sabine von ihrem Handy auf. Ihr Blick fiel auf das Preisschild an der Hutkrempe. Sie riss die Augen auf und stürzte zu mir. Sie packte mich nicht sanft, sondern recht fest am Unterarm und zischte mir ins Ohr:

„Bist du verrückt geworden? Zweihundertzwanzing Euro für einen lumpigen Filzhut? Wozu brauchst du das denn jetzt noch, Mama? Willst du zur Gartenparty bei einem Fürsten gehen? Das ist doch rausgeschmissenes Geld! Da vorne bei C&A gibt’s schicke Mützen für fünfzehn Euro, die wärmen genauso gut und sehen nicht so altmodisch aus!"

Sie zerrte mich praktisch vom Spiegel weg. Die Verkäuferin, der das Lächeln gefroren war, nahm den Hut behutsam zurück. Mir schossen die Tränen in die Augen, ein heißer Schwall aus Scham und Zorn. Sabine dirigierte mich aus dem Geschäft, schwadronierend von Heizkosten, die diesen Winter explodieren würden, und von der neuen Waschmaschine, die sie Florian zu Weihnachten schenken wollte. Vor dem C&A-Schaufenster blieb ich stehen und schaute auf die Pyramide aus billigen Kunstfaser-Mützen. Sie waren nicht dasselbe. Sie waren kalt, seelenlos, ein Allerweltsartikel für jemanden, der sich selbst längst aufgegeben hat. Ich wollte keine billigere Variante meiner selbst mehr sein.

In diesem Augenblick, umgeben vom vorweihnachtlichen Gedränge und dem Geruch nach gebrannten Mandeln, machte es Klick. Ich stand auf der Mariahilfer Straße und hörte auf zu frieren.

Ich sah mein großes Haus vor mir, das halbe Auto von Florian, die Wohnung von Laura, die zahllosen Urlaube. In all den Jahren hatte ich Sabine nie gesagt: „Wozu brauchst du das denn jetzt schon, das Auslandssemester? Reicht die lokale Uni nicht auch?“ oder „Wozu brauchst du eine Hochzeit mit achtzig Gästen? Standesamt tut's doch auch!“ Ich hatte nie ihre Träume seziert und auf das Kleingedruckte im Budget verwiesen. Warum also wird über jeden meiner Handgriffe Gericht gehalten, als stünde ich unter Kuratel? Sie hatten sich an den Geldautomaten mit zwei Beinen gewöhnt, der nicht auf die Idee kommen darf, selbst eine Auszahlung zu wollen.

Ich löste meinen Arm aus ihrem Griff und sagte, ganz ruhig, aber mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete: „Sabine, ich kaufe keine Mütze für fünfzehn Euro. Ich kaufe den Hut mit der Mohnblume. Und jetzt geh bitte schon mal zum Auto, ich komme gleich nach.“

Sabine starrte mich an, als hätte ich sie geohrfeigt. Ihre Lippen wurden schmal. „Dann mach doch, was du willst! Wirf dein Geld zum Fenster raus, wenn’s dir Spaß macht!“ Sie drehte sich um und stapfte davon, die Einkaufstüten schlenkerten wütend gegen ihre Beine. Die Heimfahrt im Auto war eisig. Sie sprach kein Wort, nur die Heizung summte. In den folgenden Tagen herrschte Funkstille, eine bestrafende Kälte, die mir zeigen sollte, wer hier die Regeln bricht.

Aber ich fühlte mich nicht bestraft. Ich fühlte mich wach. Am nächsten Tag fuhr ich allein mit dem Zug nach Wien, betrat die kleine Hutmanufaktur und kaufte den Filzhut mit der handgemalten Mohnblume. Zu Hause, vor dem großen Spiegel in meinem Schlafzimmer, setzte ich ihn auf. Der graue Filz schmiegte sich an meine Schläfen, das rote Feuer der Blüte warf einen warmen Ton auf meine Haut. Da stand keine Bittstellerin mehr. Da stand eine Frau, die einen ganzen Ozean überquert, ein Leben aufgebaut und ein Recht auf Schönheit hatte.

Am nächsten Morgen, ohne jemanden um Rat zu fragen, rief ich Brigitte an. Die Reise an den Plattensee hatte sie storniert, ihre Tochter fuhr nun mit. Aber sie hatte eine neue Idee: eine Kulturreise nach Dresden, Semperoper, Grünes Gewölbe, organisiert von der Seniorenakademie. Ich buchte sofort für uns beide, ein schönes Hotel in der Altstadt, Frühstück inklusive.

Als Sabine davon erfuhr – natürlich nicht von mir, sondern von Brigittes Mann beim Bäcker – stand sie unangekündigt in meiner Tür. Ihr Gesicht war eine Gewitterwolke.

„Mama, stimmt das? Du fährst mit Brigitte nach Dresden? Mit dem Reisebus? Eine Woche?“

„Ja, Sabine. Eine Woche Kultur und gutes Essen, mit meiner Freundin. Ich freue mich sehr darauf.“

„Wozu brauchst du…“, setzte sie an, der Reflex saß tief.

„Sabine“, unterbrach ich sie, und meine Stimme war fest wie der Boden unter unseren Füßen. „Ich brauche das, weil es mein Leben ist. Nicht eine Warteschleife vor deinem. Ich habe dich nie nach dem ‚Wozu‘ deiner Wünsche gefragt. Und ich werde dir darauf ab jetzt auch keine Antwort mehr geben. Ich werde tun, was mich lebendig hält. Und das wird eine ganze Menge sein, so viel kann ich dir versprechen.“

Sie schwieg, überrumpelt und sprachlos. Zum ersten Mal stand da keine Mutter, die um Verständnis bat, sondern eine Frau, die eine Entscheidung verkündete.

Jetzt sitze ich hier, der Mohnblumen-Hut liegt auf meinem Koffer für Dresden. Ich weiß, ich werde mit Brigitte durch die Gemäldegalerien schlendern, wir werden uns nachmittags ein Stück Torte gönnen und abends vergnügt über die alten Geschichten lachen. Und wenn ich zurückkomme, melde ich mich für genau diesen Smartphone-Fotokurs an. Ich will lernen, wie man das Licht einfängt, wenn ich im Frühling in Venedig die Tauben auf dem Markusplatz fotografiere.

Denn in diesen Wochen habe ich nur eines wirklich verstanden: Kinder können uns aufrichtig lieben. Sie können sich Sorgen um uns machen. Aber sie haben nicht das Recht, für uns zu entscheiden, wann unser eigener Vorhang fällt. Wenn ein Mensch sein halbes Leben geschuftet, sich zurückgenommen, andere gepäppelt und eine ganze Familie auf seinen Schultern getragen hat – dann hat er jedes Recht der Welt, sich endlich seine eigenen, leuchtenden Wünsche zu erfüllen. Ohne Rechtfertigung.

Wenn mich jetzt jemand fragt, mit schief gelegtem Kopf, ob sich „das denn noch lohnt“ – dann lächele ich nur, rücke meinen wunderbaren roten Mohn an der grauen Krempe zurecht und sage:

„Weil ich es mir wert bin. Und das war ich schon immer.“

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Schal mit den Mohnblumen