— Weil du unfruchtbar bist, habe ich mit einer anderen ein Kind gezeugt. Gewöhn dich daran, — sagte Artjom.
Lisa antwortete nicht sofort. Sie stellte ihre Tasse so leise auf den Tisch, als könnte jedes Geräusch den brüchigen Frieden zerstören. Zwischen ihnen breitete sich eine Stille aus, die Artjom fälschlicherweise für Kapitulation hielt.
— Hast du mich überhaupt gehört? Ich rede wie ein Erwachsener mit einem Erwachsenen, — fuhr er fort. — Vika bekommt ein Kind. Von mir. Und du … na ja, du weißt selbst Bescheid.
— Ich habe jedes Wort gehört, — sagte Lisa. — Jedes einzelne.
— Und? Keine Hysterie? Kein Geschrei? — Er grinste herablassend. — Siehst du, ich hatte recht. Du bist zu nichts fähig, nicht mal zu echten Gefühlen. Kalt wie deine Gipsmasken.
— Ich denke nur nach, Artjom, — entgegnete sie sanft. — Bevor ich antworte, denke ich immer. Ist dir das in acht Jahren nie aufgefallen?
— Dann denk schneller, — schnauzte er. — Ich habe keine Zeit, deinem Weltschmerz zuzusehen.
Lisa betrachtete ihn mit einer beinahe mütterlichen Geduld. Sie kannte ihn zu lange, um ihn mit einem einzigen Schlag auszuradieren.
— Lass uns in Ruhe reden, — schlug sie vor. — Setz dich. Ich mache uns Tee.
— Ich brauche deinen verdammten Tee nicht, — wehrte er ab. — Ich will, dass du die Fakten akzeptierst. Ich werde nicht so tun, als täte es mir leid. Es tut mir nämlich nicht leid.
— Das sehe ich, — nickte sie. — Aber sag mir eins: Bist du sicher? Warst du beim Arzt?
— Wozu brauche ich einen Arzt? — schnaubte er. — Die Natur hat längst gesprochen. Acht Jahre und nichts. Leere, genau wie nachts in deiner Werkstatt. Mit Vika dagegen – ein Versuch, und Treffer.
— Acht Jahre sind lang, — sagte Lisa leise. — Darüber habe ich auch viel nachgedacht. Sehr viel.
— Eben. Und der Schluss ist klar: Das Problem bist du.
Sie faltete die Hände im Schoß, ihre Stimme blieb ruhig, fast zärtlich.
— Und wenn ich dir sage, dass das Problem nicht bei mir liegt?
— Dann sage ich, du erfindest Märchen, — winkte er ab. — Du hast schon immer diese schönen Geschichten geliebt. Deine Masken, die Gesichter, das Theater … Schade, dass man im Leben seine Gesichter nicht wählen kann.
— Manchmal schon, — erwiderte Lisa. — Man erkennt nur nicht gleich, welches das echte ist.
Artjom verstand die Anspielung nicht. Er schritt in der Küche auf und ab, zufrieden wie jemand, der endlich eine Last abgeworfen hat.
— Ich ziehe vorübergehend aus, — verkündete er. — Wohne bei Vika. Du kannst in Ruhe überlegen, wie es weitergeht. Die Wohnung lass ich dir, ich bin ja kein Unmensch.
— Danke für die Großzügigkeit, — sagte sie ohne jede Ironie.
— Keine Ursache, — nahm er die Worte für bare Münze. — Siehst du, ich bin menschlich.
Lisa stand auf, trat an die Kommode und zog einen dünnen weißen Umschlag aus der Schublade. Er war bereits geöffnet. Artjom verfolgte die Bewegung mit leichtem Ärger.
— Was ist das?
— Später, — antwortete sie und schob den Umschlag in ihre Hosentasche. — Fahr erst mal zu deiner Vika. Freu dich. Wir reden, wenn du bereit bist zuzuhören.
— Ich bin sofort bereit zuzuhören, — er verschränkte die Arme.
— Nein, — sagte sie ruhig. — Im Moment bist du nur bereit zu brüllen.
Zwei Tage später saß Lisa in einem kleinen Café an der Uferpromenade, ihrer Freundin Marina gegenüber. Auf dem Tisch standen zwei Tassen und ein Teller mit Mandelgebäck, an dem sich niemand vergriff.
— Willst du mich veräppeln? — Marina beugte sich über den Tisch. — Er erklärt dir so etwas, und du bietest ihm Tee an?
— Habe ich, — nickte Lisa. — Was hätte ich sonst tun sollen? Schreien?
— Ja, wenigstens das! Ich hätte gebrüllt, dass die Nachbarn die Polizei gerufen hätten. Du sitzt da wie eine antike Statue.
— Vom Schreien verziehen sich Gesichter, — Lisa lächelte schwach. — Ich arbeite jeden Tag damit. Ein entstelltes Gesicht ist kein schöner Anblick, glaub mir.
— Lisa, es geht nicht um Gesichter! — Marina schlug die Hände zusammen. — Es geht um dein Leben! Er zeugt ein Kind mit einer anderen und teilt dir das mit, als würde er das Wetter ansagen!
— Ich weiß, — erwiderte Lisa gelassen. — Deshalb verschwende ich keine Kraft ans Brüllen. Ich stecke sie in eine Lösung.
— Und wie sieht die Lösung aus? — Marina kniff die Augen zusammen.
— Zuerst die Fakten, — Lisa holte den weißen Umschlag aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. — Erinnerst du dich, dass Artjom und ich vor einem Monat endlich klären wollten, bei wem es liegt? Er ist allein zum Arzt gegangen, ohne mich. Aus Stolz. Er meinte, er habe nichts zu befürchten.
— Und?
— Die Ergebnisse kamen mit der Post. Adressiert an ihn. An dem Tag war er unterwegs, also habe ich den Umschlag geöffnet. Nicht aus Versehen. — Lisa schob Marina die Papiere hin. — Lies.
Marina überflog die Zeilen, ihre Augenbrauen wanderten langsam nach oben.
— Moment mal … das heißt, er ist es? Er kann keine Kinder kriegen?
— Genau, — bestätigte Lisa. — Er ist unfruchtbar, Marina. Nicht ich. Und er weiß es nicht mal. Die Befunde hat er nie in der Klinik abgeholt. Er hat einfach entschieden, dass ich schuld bin, weil das bequemer war.
— Warum hast du ihm das nicht auf der Stelle gesagt?! — Marina wäre beinahe aufgesprungen. — Voller Breitseite, wie ein Ziegelstein ins Gesicht!
— Weil ich verstehen wollte, was das für ein Kind von Vika ist, — antwortete Lisa ruhig. — Wenn er nicht der Vater sein kann, steckt diese Geschichte viel tiefer im Dreck, als es scheint. Und da lügt nicht nur einer.
Marina lehnte sich erschüttert zurück.
— Lisa, ist dir klar, was du da in der Hand hältst? Er hat dich acht Jahre lang für etwas erniedrigt, das er selbst verbockt hat. Du hast eine Bombe.
— Mir ist das klar, — Lisas Stimme wurde fester. — Und genau das macht mich wütend. Nicht der Seitensprung. An Seitensprünge gewöhnt man sich irgendwann. Mich macht die Verachtung wütend. Er hat auf mich herabgesehen, mich für unvollständig gehalten. Bei jedem Abendessen, an jedem Feiertag, dieses mitleidige Grinsen.
— Dann drück es ihm endlich rein! — Marina haute mit der Handfläche auf den Tisch. — Er soll an der Wahrheit ersticken. Kauf ihm gleich eine Packung Beruhigungstabletten dazu.
— Werde ich, — versprach Lisa. — Aber nicht aus Rache. Sondern damit er aufhört, fremde Gesichter nach seinen bequemen Geschichten zu verformen.
— Was für fremde Gesichter? — Marina verstand nicht.
— Alle, — sagte Lisa. — Meins. Vikas. Das seines ungeborenen Märchens. Er modelt die Wirklichkeit wie Ton. Es wird Zeit, ihm den Abdruck des Echten zu zeigen.
— Du bist ein unheimlicher Mensch, wenn du ruhig bist, — atmete Marina aus.
— Ich bin nicht unheimlich, — Lisa nahm endlich ein Gebäck. — Ich mache nur kein Aufhebens. Das tun nur die, die Angst haben. Ich habe keine. Ich habe Fakten.
Lisas Werkstatt roch nach Gips und Farbe. Zwischen den Dutzenden Theatermasken an den Wänden fühlte Artjom sich unwohl. Er war gekommen, um seine restlichen Sachen abzuholen, und war verärgert, dass Lisa ihn ausgerechnet hierher gebeten hatte.
— Was soll das? — brummte er und sah sich um. — Deine Fratzen an der Wand glotzen, als wären sie lebendig.
— Sie sind lebendiger als manche Menschen, — bemerkte Lisa, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. — Setz dich, das Gespräch ist kurz.
— Ich hab keine Zeit, — demonstrativ blickte er auf sein Handy. — Vika wartet. Sie darf sich nicht aufregen.
— Natürlich darf sie das nicht, — Lisa legte das Modellierholz beiseite. — Schwangere sollten sich wirklich nicht aufregen. Sag mal, bist du absolut sicher, dass du der Vater bist?
Artjom ruckte mit dem Kopf hoch.
— Was soll der Quatsch? Klar bin ich das. Wer denn sonst? Willst du mir jetzt Zweifel einpflanzen?
— Ich weiß nicht, — Lisa zuckte mit den Schultern. — Ich frage nur. Du hast doch keinerlei Zweifel, oder?
— Keine, — fauchte er. — Vika ist nicht so. Du bist die ewig Eiskalte, aber sie ist eine normale Frau. Eine richtige.
— Eine richtige, — wiederholte Lisa. — Schön. Dann erzählt sie dir sicher alles.
— Was führst du im Schilde? — Er trat näher und ragte drohend über der Werkbank auf. — Ich kenne dich. Du bastelst an irgendwas.
— Ich bastle nicht, Artjom, — sie sah ihm direkt in die Augen. — Basteln tun andere. Sag mir lieber: Kam es dir nicht seltsam vor, dass es acht Jahre mit mir nicht klappte, mit ihr aber sofort?
— Genau das ist der Beweis, — er tippte mit dem Finger in die Luft. — Mit mir ist alles in Ordnung. Das Problem warst von Anfang an du.
— Da irrst du dich, — Lisas Stimme senkte sich. — Und zwar gewaltig.
— Hör zu, — er wurde lauter. — Ich bin wegen meiner Jacke hier, nicht wegen deiner Rätsel. Wenn du die geheimnisvolle Märtyrerin spielen willst, bitte. Aber ohne mich.
— Deine Jacke ist im Schrank, — nickte sie. — Hol sie. Danach zeige ich dir etwas.
Wütend stapfte er zum Schrank, zerrte die Jacke heraus und knüllte sie zusammen.
— Na dann, zeig her deinen faulen Zauber, — zischte er. — Aber schnell.
Lisa zog den weißen Umschlag hervor, die Kanten schon abgegriffen. Sie legte ihn mitten auf die Werkbank, zwischen all die Gipsgesichter.
— Mach auf, — sagte sie. — Der Brief kam vor einem Monat für dich. Du hattest Proben abgegeben und alles vergessen. Ich nicht.
— Was ist das? — Er wurde misstrauisch, rührte ihn nicht an.
— Deine Ergebnisse, Artjom. Die du nie lesen wolltest, weil du längst entschieden hattest, wer schuld ist.
— Ich brauche keine Zettel, — wich er einen Schritt zurück. — Ich weiß Bescheid.
— Weißt du, — nickte Lisa. — Das Falsche bloß. Mach auf und lies laut vor. Ich will die Worte aus deinem Mund hören.
Zitternde Stille lag eine Minute über der Werkbank. Dann riss Artjom den Umschlag auf, überflog die Zeilen, und all seine aufgeblasene Sicherheit entwich wie Luft aus einem zerstochenen Ballon. Er las und las, das Papier in beiden Händen, bis das Wort „infertil“ wie ein Brandmal darin zu stehen schien.
— Das … das ist ein Irrtum, — murmelte er. — Vertauscht. Kommt vor.
— Kommt vor, — bestätigte Lisa. — Aber dann stellt sich eine höchst interessante Frage. — Sie stand auf und griff nach ihrem Mantel. — Komm, wir fahren zu deiner Vika. Es wird Zeit, dass wir zu dritt reden.
Vikas Wohnung war eng und aufgedonnert – zu viele Kissen, zu viel Glitzer. Artjom stürmte eine Stunde später hinein, den zerknitterten Umschlag in der Faust, Lisa ein paar Schritte hinter ihm, ruhig wie eine Frau, die eine Sache zu Ende bringt.
— Vika, — keuchte er von der Tür aus, — sag es ihr. Sag dieser … dass das Kind meins ist.
Vika erhob sich vom Sofa, der Blick von ihm zu Lisa huschend.
— Was hat die hier überhaupt zu suchen? — Ihre Stimme klang schrill. — Artjom, du hast versprochen, dass sie aus unserem Leben verschwunden ist.
— Ich bleibe nicht lange, — sagte Lisa sanft. — Ich möchte nur, dass ihr beide ein Dokument lest. Dann bin ich weg.
— Welches Dokument? — Vika erstarrte.
— Seine Analyse, — Lisa deutete auf den Umschlag. — Er hat Angst, sie aufzumachen. Vielleicht liest du sie vor?
— Finger weg! — Artjom riss den Arm zurück. — Das ist eine Falle. Vika, sie will uns auseinanderbringen.
— Ich will die Wahrheit, — entgegnete Lisa. — Und ihr beide tänzelt so emsig drum herum, dass es einen schon juckt.
Vika packte den Umschlag, zog den Bogen heraus und las. Ihr Gesicht verlor schlagartig jede Farbe.
— Hier steht … — sie stockte. — Artjom, hier steht, dass du … dass du gar keine Kinder zeugen kannst.
— Was?! — Er entriss ihr das Blatt. — Das ist gefälscht! Lisa hat gefälscht!
— Ich kann keine medizinischen Formulare fälschen, — sagte Lisa ruhig. — Ich mache Masken, keine Wunder. Dein Name, dein Geburtsdatum. Du warst selbst in der Klinik. Mit stolzgeschwellter Brust, erinnerst du dich?
Artjom las, und jedes Wort meißelte eine neue Rille der Verzweiflung in sein Gesicht. Die Arroganz bröckelte und legte eine nackte Fassungslosigkeit frei.
— Das ist ein Fehler, — flüsterte er. — Kann nur ein Fehler sein.
— Das kann sein, — Lisa trat einen Schritt auf Vika zu. — Aber dann stellt sich eine viel spannendere Frage: Wenn er nicht der Vater ist, von wem erwartest du dann das Kind?
Die Luft im Zimmer wurde schwer und drückend. Vika presste eine Hand auf ihren Bauch, die andere krallte sich in den Blusensaum.
— Das … das ist doch jetzt egal, — stammelte sie. — Artjom, hör nicht auf sie.
— Wie, egal? — Er wirbelte zu ihr herum. — Du hast gesagt, es ist von mir. Du hast es geschworen.
— Es ist deins! — kreischte Vika. — Der Zettel lügt, ich nicht!
— Der Zettel lügt nicht, — sagte Lisa gelassen. — Lügen tun Menschen. Und einer von euch belügt den anderen seit Monaten. Ich bringe nur Licht in dieses niedliche Märchen.
— Halt den Mund! — brüllte Artjom, aber es war kein wütendes Brüllen mehr, es war panisch. — Lasst mich denken.
— Denk, — nickte Lisa. — Du liebst es doch, erst über Schuld zu urteilen und dann zu denken. Versuchs jetzt mal umgekehrt. Es ist nicht schwer.
Vika sank aufs Sofa, ihre Stimme wurde hastig.
— Artjom, hör zu, — sprudelte es aus ihr heraus. — Ist doch egal, von wem es ist. Hauptsache, wir haben eine Familie. Du wolltest doch ein Kind. Hier ist das Kind. Die Art und Weise …
— Was für eine Art und Weise?! — Er wich zurück, als hätte sie ihn geschlagen. — Du hast mich zum Narren gemacht. Ich habe meine Frau wegen dir verlassen. Ich habe ihr ins Gesicht gesagt, sie sei unfruchtbar, und dabei …
— Und dabei hast du einer Geliebten geglaubt, der es in den Kram passte, so zu reden, — vollendete Lisa. — Gratuliere. Du hast dich selbst betrogen, Artjom. Ich war da völlig außen vor.
Er starrte die beiden Frauen an, das Papier in seiner Hand zitterte. Die plötzliche Klarheit brannte heller als jeder Streit. Ohne ein weiteres Wort schnappte er nach seiner Jacke und taumelte aus der Tür. Vika blieb mit offenem Mund zurück, allein mit einer Wahrheit, die sich nicht mehr weglächeln ließ. Lisa nahm den Umschlag vom Couchtisch, strich ihn glatt und verließ die Wohnung, ohne die Tür zu laut ins Schloss fallen zu lassen.
Eine Woche später saß Lisa wieder mit Marina im selben Café. Diesmal verschwand das Mandelgebäck im Rekordtempo, weil Marina vor Neugier brannte.
— Also? — Sie beugte sich vor. — Wie ist es ausgegangen? Kam er angekrochen?
— Hat er versucht, — nickte Lisa und nahm einen Schluck Tee. — Am dritten Tag rief er an. Ganz kleinlaut, mit schuldbewusster Stimme. Sagte: „Lisa, ich hab einen Fehler gemacht, lass uns alles vergessen.“
— Und du?
— Ich sagte ihm, dass ich ein gutes Gedächtnis habe, — lächelte Lisa. — Gesichter merke ich mir beruflich. Und sein Gesicht an dem Abend in der Küche vergesse ich nie. Das war kein Fehler. Das war Verachtung.
— Gut so, — atmete Marina aus. — Und er?
— Hat versucht, auf Mitleid zu machen, — Lisa schüttelte den Kopf. — Er habe nirgends mehr hin gekonnt, Vika habe ihn rausgeworfen, er sei ganz allein. Als ob mich das rühren müsste.
— Und Vika?
— Vika hat nicht nur ihn an der Nase herumgeführt. Das Kind ist nicht von ihm, das wussten wir ja. Aber es war auch nicht von dem, den Artjom im Verdacht hatte. Eine ganze Geschichte, in die ich mich nicht reingehängt habe. Ging mich nichts mehr an.
— Moment, — Marina runzelte die Stirn. — Er ist also von dir zu einer Frau gegangen, die ihn noch ärger belogen hat, als er dich?
— Genau so ist es, — Lisa breitete die Hände aus. — Manchmal schreibt das Leben das Finale besser als jeder Drehbuchautor. Er suchte jemanden, der ihn bedauert, und fand jemanden, der ihn ausnutzt.
— Und er tut dir gar nicht leid?
— Ein kleines bisschen, — gab Lisa zu. — Aber Mitleid ist kein Grund, einen Menschen wieder ins Haus zu lassen, der mich wie ein Bandfehlerprodukt angesehen hat. Ich habe viel zu lange schöne Gesichter für andere modelliert. Jetzt war mein eigenes dran.
— Und die Wohnung? Die Sachen? — fragte Marina.
— Alles in Ruhe geregelt, — sagte Lisa. — Ich habe keine Zeit mit Gezerre verschwendet. Seine Klamotten in Kartons, meine Pläne nach vorn. Die Wohnung gehört sowieso mir. Ich bin nicht der Typ, der monatelang auf der Stelle tritt.
— Typisch du, — grinste Marina. — Andere hätten ein halbes Jahr geheult. Du hast in einer Woche alles sortiert.
— Heulen bringt nichts, — zuckte Lisa die Schultern. — Tränen ändern keine Fakten. Und die Fakten waren von Anfang an auf meiner Seite. Ich habe sie nur im richtigen Moment sprechen lassen.
— Mal ehrlich, — Marina kniff die Augen zusammen. — Du hättest ihm die Wahrheit sofort in der Küche sagen können. Warum die Warterei?
— Ich habe nicht gewartet, — verbesserte Lisa. — Ich habe vorbereitet. Hätte ich es ihm in der ersten Minute hingeschleudert, hätte er gesagt, ich erfinde es aus Kränkung. Aber als er mit dem Umschlag vor Vika stand, gab es kein Zurück mehr. Ja, vielleicht war da auch ein Funken Genugtuung. Aber vor allem habe ich Fakten ausgelegt.
— Hart, — bemerkte Marina.
— Gerecht, — erwiderte Lisa. — Hart gemacht hat er mich. Ich habe nur aufgehört, meine Krallen unter Samtpfoten zu verstecken.
Marina lachte und nahm sich endlich ein weiteres Gebäck.
— Und wie fühlt es sich an, allein?
— Weit und luftig, — lächelte Lisa. — In der Werkstatt habe ich eine neue Maske gemacht. Weißt du, welche? Das Gesicht einer Frau, die mit geschlossenen Augen lächelt. Ganz friedlich. Ich nenne sie „Die, die sich nicht mehr rechtfertigt“.
— Das klingt wunderschön, — sagte Marina leise.
— Es ist ein Selbstporträt, — Lisa zwinkerte ihr zu. — Das erste ehrliche seit acht Jahren.
— Und wenn er noch mal anruft?
— Geh ich nicht ran, — antwortete Lisa ruhig. — Ich habe ihm einmal alles gesagt, was nötig war. Deutlich. Weshalb wiederholen, wenn einer beim ersten Mal nicht zuhört?
— Hat er eigentlich kapiert, was er verloren hat? — Marina sah sie forschend an.
— Nicht wirklich, — überlegte Lisa. — Er denkt immer noch, es waren die Umstände. Dass er Pech hatte. Er hat nicht begriffen, dass er verloren hat in der Sekunde, als er glaubte, eine andere würde ihm das Kind schenken und ich würde aus Angst stillhalten.
— Hast du aber nicht.
— Ich habe geschwiegen, — präzisierte Lisa. — Genau so lange, bis er an seinen Sieg glaubte. Dann habe ich den Umschlag aus der Tasche gezogen. Manchmal ist die lauteste Antwort ein zur rechten Zeit überreichter Zettel.
Sie verfielen in ein kurzes, gedankenschweres Schweigen. Lisa leerte ihre Tasse und strich eine Krümelspur vom Tellerrand.
— Das eigentlich Komische ist, — fügte sie hinzu, — er kam, um mir das Urteil zu verkünden. Und ging, mit dem Urteil über sich selbst. Und er hat es eigenhändig ausgesprochen, als er die Zeilen laut vorgelesen hat.
— Du bist ein unheimlicher Mensch, Lisa, — sagte Marina, diesmal voller Bewunderung.
— Ich bin nicht unheimlich, — Lisa erhob sich und warf sich ihren Mantel über. — Ich bin nur die, die sich nicht mehr rechtfertigt. Und das werde ich auch nie wieder tun.
Sie trat aus dem Café auf die Uferpromenade hinaus, den Kragen gegen den Wind hochgeschlagen. In ihrer Manteltasche steckte kein weißer Umschlag mehr, sondern die Schlüssel zur Werkstatt, wo Dutzende Gesichter auf sie warteten – und keines davon trug noch die Maske fremder Verachtung.







