Der Brief aus dem Rathaus

Der Brief vom Ordnungsamt lag auf dem Küchentisch, zwischen einer halb ausgetrunkenen Tasse Kaffee und dem Brötchen, das keiner mehr anfassen wollte. Frist: vierzehn Tage. Danach würde man die alten Platanen vor unserem Haus fällen, samt der Bank darunter, auf der mein Vater dreißig Jahre lang jeden Abend gesessen hatte.

„Die Wurzeln heben den Gehweg an“, sagte meine Mutter. Sie saß am Fenster, das Kinn auf die Faust gestützt, und sah nach draußen, wo der Wind die ersten gelben Blätter über den Asphalt trieb. „Stolpergefahr. Steht da schwarz auf weiß.“

Ihr Ton war ruhig. Fast sachlich. Aber ich kannte diesen Ton. Er bedeutete, dass sie bereits einen ganzen inneren Gerichtshof abgehalten und ihr Urteil gefällt hatte.

„Ich rede morgen mit denen“, sagte ich. „Es gibt Ausnahmen für ortsbildprägende Bäume. Paragraph achtundzwanzig, wenn ich mich richtig erinnere. Wir legen Widerspruch ein.“

Meine Schwester Sylvia, die bis dahin schweigend an ihrem Handy getippt hatte, ließ das Gerät auf die Tischplatte sinken. Das Klacken war lauter als nötig.

„Oder wir verkaufen endlich“, sagte sie. „Das Haus ist viel zu groß für euch beide. Das habt ihr doch selbst gesagt, als Papa gestorben ist. Jetzt kriegst du fast vierhunderttausend dafür, selbst mit dem kaputten Dach. Und ich könnte meinen Anteil echt gebrauchen.“

Da war er. Der wahre Grund, warum sie aus Berlin angereist war. Nicht die Bäume. Nicht der Brief. Sondern die Zahl, die sie seit dem Tod unseres Vaters im Kopf herumwälzte wie einen Kieselstein im Schuh.

„Du hast doch gerade erst geerbt“, sagte ich. „Papa hat dir das Depot überschrieben. Das weißt du genau. Wohin ist das Geld?“

Sie zuckte die Schultern. Eine Bewegung, die sagen sollte: Das geht dich nichts an.

„Angelegt. Wächst vor sich hin. Aber Immobilien in Leipzig steigen nicht mehr, Mara. Und du sitzt hier auf einem Grundstück, das jedes Jahr nur Arbeit macht. Die Hecke. Der Zaun. Jetzt noch der Rechtsstreit mit dem Amt. Wann wollt ihr das endlich einsehen?“

Sie sah zu unserer Mutter. Und in diesem einen Blick lag alles: die Erwartung, dass Mutter Partei ergreifen würde. Dass sie sagen würde: Sylvia hat recht, wir werden alt, das Haus ist eine Last, verkaufen wir. Schließlich hatte Mutter diesen Satz selbst in den Raum gestellt, an Papas Todestag, als wir mit schwarzen Kleidern in der Küche standen und niemand wusste, wohin mit den Händen.

Aber Mutter sagte nichts. Sie drehte den Brief vom Ordnungsamt um, glättete ihn mit dem Handballen, als wäre er eine Tischdecke, und legte ihn wieder hin.

„Ich geh mal rüber zu Herrn Kowalski“, sagte ich. „Der hat damals gegen die Fällung der Linden in der Eisenbahnstraße gekämpft. Vielleicht weiß er, an welchen Ausschuss wir uns wenden müssen.“

„Weißt du, was dein Problem ist?“, sagte Sylvia. Ihre Stimme war jetzt schärfer, aber sie versuchte noch, es wie Fürsorge klingen zu lassen. „Du klammerst dich an Sachen, die niemanden mehr interessieren. Die Bank. Die Bäume. Dieses Haus. Papa hat hier gelebt, ja. Aber er ist tot. Er kommt nicht wieder, bloß weil du den Gehweg nicht reparieren lässt.“

Ich blieb in der Tür stehen. Draußen fiel das Licht schräg durch die Scheibe und legte einen hellen Streifen über das alte Parkett, genau auf die Stelle, wo früher der Sessel unseres Vaters stand. Jetzt stand dort eine Palme im Topf, die meine Mutter vor zwei Jahren gekauft hatte und die sie seitdem konsequent übergoss.

„Ich bin heute Nachmittag wieder da“, sagte ich.

Draußen roch es nach feuchtem Laub und dem Rauch, der aus Kowalskis Schornstein aufstieg. Die Platanen warfen lange Schatten. Ihre Blätter raschelten über mir wie leise Stimmen. Ich wusste, dass Sylvia mir nachsehen würde. Ich spürte ihren Blick zwischen den Schulterblättern, so deutlich, als hätte sie mir eine Hand aufgelegt.

Am Abend saß ich mit meinem Mann Jan in der Küche. Er hatte die Heizungsrechnung mitgebracht und einen Zettel von der Hausverwaltung, aber er schob beides beiseite, als er mein Gesicht sah.

„Sylvia will das Haus verkaufen“, sagte ich.

„Hat sie das nicht schon letztes Jahr gewollt?“

„Letztes Jahr wollte sie nur ihren Anteil ausgezahlt bekommen. Jetzt redet sie von der ganzen Immobilie. Sie sagt, der Markt gibt vierhunderttausend her. Sie hat schon mit einem Makler gesprochen. Aus Berlin. Ohne uns zu fragen.“

Jan lehnte sich zurück. Er hatte diese ruhige Art, die mich normalerweise erdete. Heute fühlte sie sich an wie das Schweigen vor einem Urteil.

„Und was willst du?“, fragte er.

Ich sah auf meine Hände. Sie waren rau vom Umgraben im Garten, ein dunkler Halbmond unter jedem Fingernagel. Papas Rosen waren eingegangen, weil ich sie im Sommer zu wenig gegossen hatte. Auch das durfte ich nicht vergessen.

„Nicht verkaufen“, sagte ich. „Noch nicht. Die Bäume — man kann Widerspruch einlegen. Es gibt ein Gutachten von vor acht Jahren, das den Ortsbildwert festhält. Das ist im Stadtarchiv. Ich hab den Aktenzeichen-Zettel irgendwo…“

„Du willst also kämpfen. Für ein Haus, in dem du nicht mal mehr richtig wohnst. Wir haben eine Wohnung in Reudnitz, Mara. Hier schlafen wir, wenn deine Mutter Geburtstag hat. Sonst steht alles leer.“

„Es steht nicht leer. Mutter lebt hier.“

„Deine Mutter will vielleicht selbst nicht mehr. Hast du sie gefragt? Oder hast du auch ihr wieder erklärt, was richtig ist?“

Ich wollte etwas erwidern, aber das Klingeln meines Handys schnitt mir das Wort ab. Sylvia. Beim fünften Klingeln nahm ich ab.

„Mara, hör zu. Ich hab mit Mutter geredet. Sie ist müde. Das Haus ist zu groß. Sie hat gesagt, sie will in eine Seniorenwohnung in Zentrum-Süd. Es gibt da eine mit Balkon und betreutem Service. Ich hab heute mit der Verwalterin telefoniert.“

„Du hast was?“

„Du warst ja nicht da. Jemand musste sich kümmern. Diese Zwei-Zimmer-Wohnung ist frei ab dem Ersten. Man muss sich schnell melden, die sind sonst weg. Mutter ist begeistert. Wir müssen jetzt nur noch entscheiden, wie wir mit dem Haus verfahren. Ich sag ja nicht, dass du überstürzt irgendwas unterschreiben sollst. Aber wir sollten anfangen, es zu entrümpeln. Papa hat so viel Kram gesammelt, das dauert Wochen.“

Ich hörte, wie im Hintergrund eine Tür ging. Dann die Stimme unserer Mutter, gedämpft und doch nah: „Sag ihr, sie soll morgen kommen. Wir machen Quarkkeulchen. Wie früher.“

„Hast du mit ihr gesprochen, während ich bei Kowalski war?“, fragte ich.

„Mara, bitte. Ich bin den ganzen Weg aus Berlin gekommen. Natürlich rede ich mit unserer Mutter, wenn du nicht da bist. Sie ist schließlich auch meine Familie. Auch wenn du das manchmal vergisst, so wie du hier den Alleinvertretungsanspruch auf alles erhebst, was nach Erinnerung riecht.“

Ich legte auf. Jan sah mich an, und dieses Mal las ich in seinem Gesicht etwas, das ich dort selten sah: Ungeduld. Oder Mitleid. Ich konnte es nicht unterscheiden.

Drei Tage später stand ich im Stadtarchiv. Der Lesesaal lag im Souterrain, die Luft roch nach Papier und altem Bohnerwachs. Die Kopie des Gutachtens war in einem schmalen Aktenordner abgeheftet, auf dem Deckel ein Aufkleber aus DDR-Zeiten. Man musste kaum blättern, um zu finden, was ich suchte: ein Foto der Platanen, aufgenommen im Juni, und darunter ein Vermerk in gestochener Schreibmaschinenschrift. „Erhaltenswert als ortsbildprägende Baumgruppe. Sanierung des Wurzelwerks möglich ohne Fällung. Kosten: ca. 6.500,–.“ Genau neunundzwanzig Jahre alt war dieses Schreiben. Ich machte ein Foto mit dem Handy, bis ich merkte, dass die Hand, die das Gerät hielt, ruhig war.

Zuhause in Reudnitz legte ich den Ausdruck auf den Tisch, neben die Heizungsrechnung und den Zettel von der Hausverwaltung.

„Es gibt eine Lösung, die keine Fällung braucht“, sagte ich zu Jan. „Wenn wir das Wurzelwerk sanieren lassen. Sind sechseinhalbtausend. Jetzt. Das ist weniger als das, was der Verkauf an Maklerprovision verschlingen würde. Und die Bäume bleiben.“

Er sah auf das Papier. „Und Sylvia?“

„Sylvia will nicht die Bäume retten. Sie will ihren Anteil. Vor zwei Jahren waren es noch hundertzwanzigtausend, die sie für das Depot verlangt hat. Erinnerst du dich? Da war das Haus noch nicht mal geschätzt. Es ging nie um das Haus. Es geht um Geld, das sie woanders verplant hat.“

„Und wenn wir ihren Anteil auszahlen? Vom Ersparten?“

„Wir haben siebzig. Das reicht nicht. Nicht mal für die Hälfte.“

Stille zwischen uns. Jan nahm den Zettel der Hausverwaltung in die Hand, las ihn, als enthielte er eine Botschaft, die uns beide betraf.

„Dann musst du mit deiner Mutter reden“, sagte er. „Bevor Sylvia sie noch weiter bearbeitet. Sie ist zweiundachtzig, und wenn sie wirklich in die Seniorenwohnung will, kannst du sie nicht einfach dagegen aufbringen. Aber wenn ihr Haus verkauft wird, ohne dass du etwas dagegen hältst — dann verlierst du vielleicht nicht nur die Bäume. Du verlierst jeden Anspruch, in dieser Familie mitzureden.“

Mutter saß an dem Abend im alten Wohnzimmer, die Fernbedienung des Fernsehers in der Hand, obwohl der Bildschirm dunkel war. Auf dem Tisch standen zwei Tassen, beide mit einem Hauch von Sprung in der Glasur. Die gleichen Tassen wie damals, als Vater noch lebte.

„Sylvia sagt, du willst Widerspruch einlegen“, begann sie.

„Es gibt ein Gutachten. Von neunundachtzig. Da steht, die Bäume sind zu halten. Wenn wir das Wurzelwerk sanieren, haben wir die Rechtsgrundlage.“

„Und wer bezahlt die Sanierung?“

„Ich. Jan und ich. Es geht nicht ums Geld, Mama. Es geht darum, dass wir nicht einfach zusehen, wie man die Straße abräumt, bloß weil Sylvia den Verkaufserlös braucht. Wofür eigentlich? Hat sie dir gesagt, was mit dem Depot passiert ist?“

Mutter schwieg. Sie legte die Fernbedienung zur Seite, verschränkte die Hände im Schoß. Draußen fiel Nacht, die Straßenlaterne vor dem Fenster summte, und irgendwo bellte ein Hund, derselbe Hund wie jeden Abend, als hätte er die Uhr gelesen.

„Dein Vater hat immer gesagt, die Platanen gehören zur Straße wie das Pflaster“, sagte sie. „Er hat sich unter die Bank gestellt, wenn es regnete, und gesagt, der Baum hält mehr ab als jeder Schirm. Hast du das gewusst?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich will nicht mehr allein hier wohnen“, sagte sie. „Das ist es. Nicht wegen Sylvia. Nicht wegen des Geldes. Das Haus redet nachts mit mir. Jede Tür knarrt, wenn dein Vater nicht da ist. Wenn ich in die kleine Wohnung ziehe, hört das auf. Vielleicht.“

Sie sah mich an. Ihre Augen waren sehr klar, das Blau ausgebleicht wie ein Sommerhimmel, der zu lange in der Mittagssonne gestanden hat.

„Wenn du willst, dass die Bäume bleiben, musst du es allein machen“, sagte sie. „Ich unterschreibe keine Vollmacht mehr. Nicht für dich, nicht für Sylvia. Ich will nicht entscheiden, wer von euch recht hat. Ich will nur da raus, bevor der Winter kommt, und die Heizung wieder spinnt.“

Ich stand auf und trat ans Fenster. Die Platanen draußen warfen ihre Schatten über den Gehweg, kantig, unruhig im Wind. Irgendwo in der Ferne rumpelte die Straßenbahn. Sie fuhr noch immer, wie früher.

„Ich hab den Widerspruch vorbereitet“, sagte ich. „Mit dem Gutachten und der Kostenschätzung von damals. Wenn ich ihn morgen beim Ordnungsamt einreiche, haben wir eine Fristverlängerung. Danach brauche ich eine Anwohnervertretung. Mindestens drei Unterschriften. Kowalski macht mit. Und seine Tochter. Vielleicht reicht das.“

Mutter nickte nur. Dann nahm sie eine der Tassen, trank einen Schluck, ohne zu prüfen, ob der Tee noch warm war, und stellte die Tasse vorsichtig wieder auf den Tisch, genau auf den Rand des Briefumschlags vom Ordnungsamt.

Sylvia kam am Wochenende wieder. Sie trug einen Mantel, der nach Großstadt roch, und Schuhe, die man in Leipzig nur selten sah. Sie legte einen Ordner auf den Tisch. Auf dem Rücken stand, mit Edding: „Haus Georg-Schumann-Straße 214“.

„Ich hab die Unterlagen vom Makler“, sagte sie. „Du musst sie dir nicht anschauen, wenn du nicht willst. Aber die Fakten sind da drin. Wenn wir jetzt inserieren, kriegen wir im Frühjahr den besten Preis. Der Markt in Gohlis zieht an. Vierhundertzehn. Vielleicht zwanzig mehr, wenn du die Küche tauschst und den Garten machst. Das können wir professionell erledigen lassen, Kosten werden abgezogen. Ich mach dir einen Vorschlag: Du kümmerst dich um die Entrümpelung, ich übernehme den Papierkram, und Mutti zieht zum Ersten in die Wohnung. Da ist alles unterschriftsreif. Ich hab den Vorvertrag mitgebracht.“

Sie breitete Papiere aus, ein ordentlicher Halbkreis aus weißen und gelben Blättern. Ich sah die Bank darauf, die Platane darüber, das Haus dahinter, als wäre es schon nicht mehr das Haus, sondern eine Fotografie eines Hauses.

„Ich reiche morgen den Widerspruch ein“, sagte ich.

Sylvia hob den Kopf. Ihre Miene blieb glatt, nur die Pupillen zogen sich zusammen.

„Widerspruch wogegen?“

„Gegen die Fällung. Es gibt ein Gutachten. Die Bäume lassen sich retten, wenn das Wurzelwerk saniert wird. Sechseinhalb. Das Geld hab ich nicht. Aber ich finde es. Ich verkaufe Papas Orgel. Die steht seit drei Jahren ungenutzt im Wohnzimmer und staubt ein.“

Sylvia lachte auf. Es war ein kurzes, hartes Geräusch, wie das Anschlagen eines zu fest gespannten Drahts.

„Die Orgel? Die alte Ahlborn? Dafür kriegst du nicht mal tausend. Das Ding ist aus den Sechzigern. Weißt du, wer so was kauft? Niemand, der auch nur ansatzweise bei Verstand ist. Das war mal was, vor vierzig Jahren. Jetzt kannst du froh sein, wenn sie einer zum Brennholzpreis nimmt.“

„Dann verkaufe ich die Fotoausrüstung. Papas alte Linsen. Und die Münzsammlung. Und das Silberbesteck, das nie jemand benutzt. Ich brauche sechseinhalb. Wenn ich zum Ordnungsamt gehe und sage: Bäume sanieren statt fällen, hier ist das Gutachten, hier sind Unterschriften — dann wird niemand so leicht ein Rücktrittsschreiben unterschreiben. Nicht vor der Kommunalwahl.“

Ich hörte mich reden und spürte zugleich etwas in mir, das nicht mit redete. Einen kalten, aufmerksamen Beobachter, der meine Worte zählte und auf die Reaktion wartete, die kommen musste.

Sylvia drückte den Rücken durch. Sie stand sehr gerade, die Handkante auf dem Ordner, als hielte sie sich daran fest.

„Das ist also dein Plan. Mutters einzige Sicherheit mit Füßen treten, damit ein paar Bäume stehen bleiben, die keinem gehören außer der Stadt. Weißt du, was du da tust, Mara? Du investierst in Beton. In Wurzeln. In Dinge, die nicht antworten. Und wir, deine Familie — wir können sehen, wo wir bleiben.“

„Du redest von Familie“, sagte ich. „Aber du hast mit einem Makler aus Berlin telefoniert, bevor du mit mir geredet hast. Du hast Mutter in eine Wohnung getragen, von der ich bis vor zwei Tagen nichts wusste. Du nennst das Familie. Ich nenne das eine feindliche Übernahme.“

Jetzt nahm sie die Hand vom Ordner. Ihre Finger waren schmal, beringt, manikürt. Alles an ihr war darauf angelegt, nicht nach Hause zu riechen. Ich fragte mich, ob sie jemals barfuß über diesen Flur gegangen war, ohne zu frieren.

„Mutti hat mir gesagt, du willst das Haus behalten“, sagte sie. „Aber sie will da nicht mehr leben. Hab ich dir doch gesagt. Du kämpfst hier für ein Haus, das keiner bewohnen will. Jan ist in der Reudnitzer Wohnung. Deine Kinder sind ausgezogen. Du hältst das hier fest, weil Papa da gestorben ist. Aber Mara — er ist nicht in den Wänden. Er ist nicht in den Bäumen. Er ist nirgends mehr. Und je länger du das leugnest, desto härter trifft es dich irgendwann. Glaub mir. Ich hab das durch. Ich war diejenige, die nachts mit ihm im Krankenhaus gesessen hat, während du gearbeitet hast. Du hattest nie Zeit. Jetzt hast du plötzlich Zeit für einen toten Baum aus dem Stadtarchiv. Das ist krank. Weißt du das? Das ist krank.“

Sie stand da und wartete. Vielleicht darauf, dass ich aufschreien oder in Tränen ausbrechen würde. Aber ich spürte nur dieses Brennen in der Brust, das ich nicht benennen konnte, und die Kühle der Fensterscheibe, als ich mich an den Rahmen lehnte.

„Ich stell dir morgen die Kopien vom Gutachten zur Verfügung“, sagte ich. „Und den Einspruch, den ich einreiche. Du kannst reinschauen. Vielleicht lernst du was über die Straße, in der du aufgewachsen bist. Wenn du willst, kommst du mit zum Ordnungsamt. Wenn nicht — auch gut. Aber ich werde dir nicht mehr nach Berlin telefonieren, wenn du mir nicht mal die Chance gibst, dir zuzuhören.“

Ich griff nach dem Ordner, hob ihn auf und gab ihn ihr zurück. Sie nahm ihn, ohne zu zögern, presste ihn an die Brust wie einen Schild.

„Mutti zieht trotzdem aus“, sagte sie. „Da kann dein Gutachten nichts dran ändern. Und wenn die Wohnung erstmal leer ist, wirst du schon sehen, wie lange du die Bruchbude im Leerstand halten willst. Der Energieausweis allein wird dir den Rest geben. Du wirst irgendwann anrufen. Wahrscheinlich im Januar, wenn die erste Wasserleitung platzt. Dann reden wir weiter. Aber dann zu meinen Bedingungen.“

Sie drehte sich um und ging. Die Haustür fiel ins Schloss, und es klang wie das letzte Argument, das ich nicht gehört hatte.

Ich blieb noch lange im Wohnzimmer stehen. Draußen zog der Wind die Blätter von den Platanen, es raschelte und knisterte, als raschelte jemand mit Papier. Irgendwo bellte der Hund. Die Tassen standen noch auf dem Tisch, die mit dem Sprung in der Glasur. Ich nahm den Brief vom Ordnungsamt, faltete ihn zweimal zusammen und steckte ihn in die Innentasche meiner Jacke. Dann machte ich das Licht aus.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad Richtung Stadtverwaltung. In der Tasche: das Gutachten von neunundachtzig, der Ausdruck aus dem Stadtarchiv, drei Unterschriften, auf einem zerknitterten Zettel zusammengeschrieben wie eine Einkaufsliste. Die Luft war kalt und roch nach Herbst und Regen, der noch nicht gefallen war. Ich musste an meinen Vater denken, an die Art, wie er unter der Bank gestanden hatte, wenn es regnete, und gesagt hatte, der Baum hält mehr ab als jeder Schirm. Vielleicht war das gelogen. Vielleicht war es auch einfach nur das, was man sagt, wenn man nicht weiter nachdenken will.

Im Flur des Ordnungsamts setzte ich mich auf eine Bank, auf der schon ein Mann mit Aktentasche saß. Ich legte die Papiere auf den Schoß, glättete sie mit dem Handballen. Dann stand ich wieder auf und trat an den Schalter.

„Ich möchte Einspruch einlegen“, sagte ich. „Wegen vier Platanen. Sie wollen sie fällen, aber hier ist ein Gutachten, das besagt, sie könnten saniert werden. Kosten: sechseinhalbtausend. Dafür habe ich Unterschriften gesammelt. Und ich brauche jetzt jemanden, der mir das abnimmt. Das Original. Nicht nur die Kopie.“

Die Frau hinter dem Tresen trug eine Brille mit roter Kette und sah auf meine Blätter. Sie nickte. Ihr Blick war freundlich, aber er war der Blick von jemandem, der jeden Tag Papiere entgegennimmt und auf die Eingangsstempel drückt, die niemanden retten.

„Ich leite das an die zuständige Sachbearbeiterin weiter“, sagte sie. „Sie bekommen eine Eingangsbestätigung. Die gesetzliche Frist beginnt erst nach Klärung. Wir reden hier ja noch nicht von einer Fällung, die morgen stattfindet. Das ist ein Anhörungsverfahren. Kann einige Wochen dauern. Wir sind da nicht die Schnellsten.“

„Das macht nichts“, sagte ich. „Hauptsache, es ist aktenkundig.“

Sie stempelte, tippte etwas in den Computer, reichte mir einen gelben Zettel. Ich steckte ihn ein. Draußen war es kälter geworden. Ich setzte mich auf eine Mauer gegenüber dem Amt und atmete die Luft ein, die nach Asphalt und nassem Verputz schmeckte, nach einer Stadt, die nie aufhört, sich zu verändern, egal wie viele Briefe du dagegen aufsetzt.

Ich dachte an Sylvia, die jetzt im Zug nach Berlin sitzen würde, mit ihrem Ordner auf dem Schoß. Ich dachte an meine Mutter in der Wohnung, die Möbel, die bald abgeholt werden würden. Ich dachte an Papas Orgel, die vielleicht keine tausend wert war und trotzdem da stand, verstaubt und schwer, wie ein Möbel aus einer Zeit, in der Dinge noch lange halten mussten.

Dann nahm ich mein Handy aus der Tasche und schrieb Sylvia eine Nachricht. Nicht „komm zu mir zurück“ oder „vergib mir“. Ich schrieb: „Der Widerspruch ist eingereicht. Aktenzeichen 17/441-23. Falls der Makler nachfragt, warum das Haus nicht sofort zu vermarkten ist: Die Fällgenehmigung ist ausgesetzt, bis das Verfahren läuft. Das heißt nicht verkauft, aber es kauft im Moment auch keiner ein Haus mit anhängigem Baumbescheid zu dem Preis. Du kannst mich anrufen, wenn du willst. Oder dich beim Ordnungsamt selbst erkundigen. Die Nummer steht auf dem Band unten an der Tür.“

Ich schickte sie ab. Dann stand ich auf und ging zu meinem Fahrrad. Der Tag war noch jung, die Straße vor mir leer bis auf eine alte Frau, die langsam mit einem Rollator über das Pflaster ging. Sie bewegte sich auf die Platanen zu, als wären sie ein Ziel, das sie erreichen wollte, auch wenn es heute noch nicht sein würde.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Brief aus dem Rathaus