Sabine stand vollkommen starr neben der Festtafel, die mit einer schneeweißen Tischdecke aus schwerem Leinen und feiner Hohlsaumstickerei gedeckt war. Sie spürte, wie der intensive, fast betäubende Duft von Maiglöckchen – das Parfüm, das ihre Schwiegermutter seit gefühlten Ewigkeiten trug – ihr die Luft zum Atmen nahm. Ringsum klirrten bleikristallene Weingläser, das gedämpfte Gemurmel der Verwandtschaft mischte sich mit dem feinen Klappern von Meissener Porzellan. Doch Sabine sah nur eines: Unter dem Tisch, genau zwischen dem Stuhlbein und ihrer Schuhspitze, lag ein dicker, dunkelblauer Aktenordner mit festen Bindebändern. Er drückte gegen ihren Knöchel wie eine ständige Erinnerung an die nackte Realität. Ihr Mann Thomas, völlig ungerührt von der offensichtlichen Anspannung seiner Frau, schnitt sich bereits das nächste Stück vom saftigen Krustenbraten ab. Auf seinen Lippen glänzte ein Fettfilm, der von seiner absoluten seelischen Gemütlichkeit und einem tiefen Desinteresse an allem anderen zeugte.
„Sabine, mein Gott, wie konntest du nur diese billigen Gerbera für die Tischgestecke aussuchen? Und hast du den schiefen Knick am Saum der Decke etwa nicht gesehen? Wie kann man die Vorbereitungen für ein so wichtiges Fest, für einen siebzigsten Geburtstag, nur so nachlässig angehen?“, Renate sprach diese Worte keineswegs leise. Sie sagte sie absichtlich laut, in den Raum hinein, während sie demonstrativ ihre schwere Bernsteinkette zurechtrückte und den Ellbogen anhob. Jeder der geladenen Gäste im Landgasthof sollte sehen, dass die Schwiegertochter an dieser Tafel wie ein fehlerhaftes, deplaziertes Stück Billiggeschirr wirkte.
Cousine Nadine, die am anderen Ende der langen Tafel saß, reckte bereits neugierig den Hals. Die Hülle ihres Smartphones, übermächtig mit glitzernden Strasssteinen besetzt, fing das Licht des Kronleuchters ein – bereit, jeden peinlichen Moment für den Familien-Chat auf Standbild festzuhalten.
„Sabine, nun steh da nicht so versteinert rum, komm rüber und stell dich neben das Geburtstagskind! Der Fotograf möchte das große Familienfoto machen!“, stichelte Nadine mit einem künstlichen, breiten Lächeln.
Sabine machte einen Schritt nach vorn und positionierte sich genau dort, wo man es von ihr verlangte. In diesem Moment hatte sie schlicht keine Wahl, obwohl in ihrem Inneren alles vor Demütigung und einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit kochte. Im Saal duftete es nach Entenbraten mit Rotkohl, frischer Schwarzwälder Kirschtorte und eben diesem schweren Maiglöckchen-Puder von Renate, der einem das Gefühl gab, man sitze nicht neben einer lebendigen Frau, sondern blicke in eine alte, verstaubte Theaterbühne.
„Jetzt lächle doch mal, warum guckst du, als wäre dir gerade die Existenz weggebrochen? Die Leute schauen schon“, raunte Thomas ihr durch die Zähne zu, ohne sie anzusehen, weil er damit beschäftigt war, sich noch mehr Spätzle auf den Teller zu laden. „Sei einfach einmal die Klügere und schweig. Wie immer.“
Schweig. Diese Aufforderung war in den fast dreißig Jahren ihrer Ehe das eigentliche Hauptgericht im Hause Weber gewesen. Es wurde täglich serviert, zusammen mit der Sonntagssuppe, Thomas’ ewigen Versprechungen und Sabines unendlicher Geduld. Doch an diesem Nachmittag waren die Vorräte dieser Geduld endgültig aufgebraucht.
Als die Gesellschaft endlich saß, hob Renate majestätisch ihr Glas mit spätreifem Riesling und ergriff das Wort mit dieser herrischen, glasklaren Stimme, vor der die jungen Servicekräfte im Raum sofort die Schultern strafften:
„Eine solide, ehrbare Familie steht und fällt mit den Älteren. Mit denen, die das Dekorum, die Traditionen, den guten Namen und die finanzielle Disziplin wahren, anstatt zuzulassen, dass alles für die Launen der jüngeren Generation verpulvert wird.“ Beim Wort „Disziplin“ durchbohrte sie Sabine mit einem wertenden Blick, als wäre sie es gewesen – und nicht ihr eigener Sohn Thomas –, die nun schon im vierten Jahr in Folge die Kredite für seine marode Kfz-Werkstatt am Stadtrand nicht bedienen konnte. Als wäre Sabine diejenige gewesen, die ständig neue Ledersessel für das Wohnzimmer, teure Einbauschränke und jährliche Kuren in Bad Füssing „für die geplagten Gelenke“ forderte.
Die Teller klapperten leise, ein Onkel dritten Grades bat höflich darum, ihm das Brot zu reichen, und Nadine tuschelte bereits mit ihrer Nachbarin darüber, wie viel Mühe und Geld es wohl gekostet habe, „ein Fest auf diesem Niveau zu organisieren“. Sabine saß aufrecht, die Knie fest geschlossen, und strich mit den Händen über den schweren Stoff ihres dunkelblauen Kleides. Es war ein älteres, aber extrem hochwertiges Modell aus reiner Schurwolle, das sie nur für wirklich wichtige Tage aufhob. Und heute Morgen hatte sie entschieden, dass dieser Tag gekommen war.
„Unsere Sabine ist ja eine sehr praktisch veranlagte Frau“, begann Renate plötzlich mit honigsüßer Stimme und lenkte die Aufmerksamkeit der gesamten Tafel auf ihre Schwiegertochter. „Sie spart, wo sie kann, ich würde sagen, manchmal grenzwertig. Aber was will man machen, diese Buchhalter-Natur legt man eben nicht ab. Jeder Cent wird dreimal umgedreht.“
Einige Gäste rutschten unbehaglich auf ihren Stühlen hin und her und lächelten gequält. Es war keine direkte Bosheit, eher die Angewohnheit von Menschen, sich auf die Seite des Stärkeren zu schlagen, wenn jemand öffentlich zum schwachen Glied erklärt wird.
Thomas nahm sich im selben Moment einen zweiten Löffel vom Kartoffelsalat, und Sabine fixierte seine breiten, kurzen Finger. Genau mit diesen Fingern hatte er im letzten Herbst mit den Schlüsseln ihres kleinen Ferienhauses im Allgäu gespielt, seiner Mutter tief in die Augen geschaut und gesagt: „Mama, die Bergluft wird deinen Bronchien guttun. Fahr hin, bleib ein paar Wochen, erhol dich vom Stadtlärm.“ Doch es ging nicht um ein paar Wochen. Sabine hatte es von der ersten Sekunde an gewusst, aber auch damals geschwiegen, um den sprichwörtlichen Familienfrieden zu retten.
„Mensch Sabine, warum sitzt du hier rum wie bei einer Betriebsprüfung?“, warf ihr Mann ein, als er ihren starren Blick bemerkte. „Die Leute wollen feiern.“
Die Leute feierten, doch Sabine ordnete in ihrem Kopf mit mathematischer Präzision Zahlen an. Fünftausend Euro für die neue Einbauküche der Schwiegermutter. Viertausend Euro für Zahnimplantate. Zweitausend für die Kur. Weitere zehntausend Euro, um Thomas’ Geschäft zu retten, als er zum hundertsten Mal angekrochen kam: „Hilf mir ein letztes Mal aus der Klemme, mir steht das Wasser bis zum Hals.“ Und das waren nur die großen Beträge, jene, die sofort an die Oberfläche trieben wie Fettaugen auf einer abgekühlten Suppe.
Der blaue Ordner unter dem Tisch fühlte sich plötzlich so schwer an, als lägen darin keine Dokumente, sondern die gesamte Last der vergangenen Jahrzehnte. Im Laufe einer Ehe hat man oft das Gefühl, man zähle nicht mit – man kauft Lebensmittel, bezahlt die Nebenkosten, besorgt teure Vorhänge für die Schwiegermutter, weil sie von „tristen Farben“ angeblich Depressionen bekommt. Alles summiert sich durch Kleinigkeiten, bis man eines Tages die Kontoauszüge öffnet und begreift, dass das kein gemeinsames Leben mehr ist, sondern ein riesiger Kredit, den man ganz alleine abbezahlt.
Dieses Geld gehörte ihr. Ihr Vater hatte ihr die Hälfte eines alten Stadthauses in Bamberg hinterlassen – mit einem mächtigen Walnussbaum vor dem Tor und einem gepflasterten Innenhof. Sie hatte diesen Anteil verkauft, mit dem Plan, das Geld für das Alter anzulegen und das Ferienhaus zu renovieren: Das Dach musste neu gedeckt, der Kamin instand gesetzt und die Veranda verglast werden. Thomas hatte sie damals fest umarmt und geraunt: „Gut gemacht, Biene, so haben wir im Alter wenigstens ein bisschen Komfort.“ Und sie hatten Komfort. Renate entschied sofort, dass sie vor den Nachbarn nicht auf dem alten Sofa sitzen könne. Dann surrte ihr der Kühlschrank zu laut. Kurz darauf fuhr eine Bekannte zur Kur und sie brauchte dringend genau dasselbe. Und Thomas ging, wie zum Trotz, schon wieder ein Auftrag flöten. Jedes Mal sah er dabei auf den Boden oder aus dem Fenster und spulte dieselbe alte Leier ab: „Wir sind doch keine Fremden, wir sind eine Familie.“
Anfangs hatte sie ihm das Geld noch überwiesen, später nahm er sich ihre Karte direkt aus der Handtasche „auf dem Weg zum Baumarkt“. Erst jetzt verstand Sabine, dass sie die Einzige gewesen war, die Buch über diese Verluste geführt hatte. Vor drei Tagen, als ihr Mann dachte, sie würde in der Küche das Gemüse putzen, hatte sie seine Stimme aus dem Flur gehört: „Mama, das Haus im Allgäu lasse ich dir für den ganzen Sommer umschreiben. Nein, mach dir wegen Sabine keine Gedanken. Die mault ein bisschen und dann beruhigt sie sich wieder. Wo soll sie denn auch hin?“
In diesem Moment war in Sabines Seele etwas endgültig zerbrochen. Sie hatte sich ruhig die Hände abgetrocknet, sich an den Schreibtisch gesetzt, alle Belege hervorgeholt und zum ersten Mal nach all den Jahren jeden einzelnen Kassenzettel zusammengezählt. Ursprünglich wollte sie das Gespräch zu Hause suchen, doch sie erinnerte sich daran, wie oft diese Diskussionen im Sande verlaufen waren. Die Wände ihrer Wohnung hatten genug gehört, geändert hatte sich nie etwas.
„Sabine, warum bist du denn so still?“, tönte plötzlich von der rechten Seite Nadines Stimme. „Fällt dir kein festlicher Trinkspruch auf das Wohl von Thomas’ Mama ein?“
„Doch, durchaus“, antwortete Sabine gelassen. „Und ich glaube, es wird der ehrlichste Trinkspruch meines Lebens.“
Als die Kellner begannen, den Hauptgang zu servieren, war Renate bereits völlig gelöst und ließ sich von der Feststimmung tragen.
„Ich habe es immer gesagt und ich werde es immer wiederholen: Eine Frau im Haus muss nachgiebig sein, anpassungsfähig, ohne falschen Stolz und dumme Ambitionen. Nur dann kommt der Mann gerne nach Hause“, verteilte sie Ratschläge über das Familienglück.
Thomas nickte eifrig und kaute hingebungsvoll. Sabine bemerkte genau in diesem Moment auf der Manschette seines weißen Hemdes einen kleinen, braunen Fleck von der Bratensauce. Und genau dieser winzige Schmutzfleck war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Dieser Fleck. Weil er sich nicht einmal die Mühe machte, eine Serviette zu nehmen – er war felsenfest davon überzeugt, dass nach ihm immer jemand kommen würde, der aufräumte, wusch und die Reste beseitigte.
Nadine schlug lautstark mit dem Messer gegen den Rand ihres Glases, um den Saal zur Ruhe zu bringen.
„Und jetzt übergeben wir das Wort unserer Schwiegertochter! Sabine ist zwar von Natur aus eher wortkarg, aber heute hat sie sicher etwas Besonderes für uns vorbereitet. Schließlich ist ein siebzigster Geburtstag ein Meilenstein!“
Die Gäste klatschten, jemand drehte sich mit der Gabel in der Hand zu Sabine um, der Kellner mit dem Tablett blieb an einer Säule stehen. Renate lehnte sich im Stuhl zurück und verzog die Lippen zu diesem honigsüßen Lächeln, von dem Sabine seit Jahren Kieferschmerzen bekam.
„Sag was, Sabine. Aber fass dich kurz, bitte, lass deine buchhalterischen Belehrungen weg.“
Sabine bückte sich ruhig, hob den schweren blauen Ordner vom Boden auf und legte ihn mitten auf den Tisch, genau neben die Blumenvase. Sie warf ihn nicht, sie knallte ihn nicht hin – sie platzierte ihn dort mit einer langsamen, unmissverständlichen Bewegung. Die Schleifen der Bindebänder ließen sich nicht leicht öffnen, ihre Finger waren trocken vom Adrenalin. Im Saal entstand eine so grabesähnliche Stille, dass man deutlich hören konnte, wie in der Restaurantküche jemand ein Backblech fallen ließ.
„Sabine, was soll das werden?“, flüsterte Thomas, der plötzlich kreideweiß im Gesicht wurde.
„Das ist mein Trinkspruch“, erklärte sie mit einer festen, klaren Stimme, die den gesamten Raum ausfüllte.
Renate versuchte immer noch zu lächeln, obwohl in ihren Augen der erste, deutliche Schatten von Panik auftauchte.
„Sabine, nicht genug, dass du die billigsten Blumen ausgesucht hast, jetzt schleppst du auch noch irgendwelche Akten an, als wären wir bei einer Eigentümerversammlung. Was für ein seltsamer Humor…“
Sabine sah ihr direkt in die Augen und wich dem Blick nicht den Bruchteil einer Sekunde aus.
„Und jetzt, liebe Familie, wollen wir einmal ein bisschen gemeinsam lesen“, sagte sie und zog das erste Blatt Papier heraus.
„Fünftausend Euro – neue Einbauküche inklusive Geräten. Die Rechnung wurde vollständig von mir beglichen, hier ist die Kopie der Banküberweisung mit dem Stempel der Filiale. Das ist genau die Küche, Renate, vor der Sie dann den Nachbarn erzählt haben, wie aufmerksam Ihr Sohn doch sei und dass er alles aus eigener Tasche bezahlt habe“, Sabines Stimme klang kontrolliert, ohne jede Spur von Unsicherheit oder Groll.
Jemand aus der Verwandtschaft in der Mitte der Tafel holte tief Luft, verschluckte sich am Wein und begann lautstark zu husten. Sabine legte das erste Dokument direkt neben den Teller ihrer Schwiegermutter, gleich neben den Krustenbraten, und zog das nächste Papier hervor.
„Viertausend Euro. Zahnimplantate und Kronen. Hier sind der ärztliche Befund und die Quittungen der Zahnklinik. Das war genau in der Phase, als Sie in der ganzen Nachbarschaft herumerzählt haben, Sie hätten dafür jahrelang von Ihrer Rente gespart, um den Kindern im Alter bloß nicht zur Last zu fallen.“
Das Lächeln verschwand augenblicklich aus Renates Gesicht, und die Haut an ihrem Hals begann sich vor Zorn rot zu färben.
„Sabine, hör augenblicklich auf mit dieser peinlichen Show!“, fuhr Thomas auf, stellte sich hin und konnte seine Demütigung nicht mehr verbergen. „Du hast völlig den Verstand verloren, du weißt überhaupt nicht, was du da redest!“
„Setz dich“, schnitt Sabine ihm kalt das Wort ab, ohne ihn überhaupt anzusehen. „Iss deinen Braten auf und schweig, solange du noch kannst.“
Nadine blieb mit offenem Mund sitzen, während der Onkel neben ihr völlig vergaß, das Besteckt abzulegen.
„Zweitausend Euro – der Kuraufenthalt. Zehntausend Euro – die Schulden der Werkstatt deines Sohnes, die ich mit meinem privaten Geld aus dem Erbe meines Vaters beglichen habe. Und das hier, Thomas, ist der Darlehensvertrag, den du mit deiner eigenen Hand unterschrieben hast. Du wolltest das Geld für zwei Monate und hast auf alles geschworen, was dir heilig ist, dass du es mir zurückzahlst.“
Sabine schob das Papier in die Richtung ihres Mannes. Auf der weißen Fläche prangte seine Unterschrift – krakelig, hastig, so vertraut und in diesem Moment doch so vollkommen fremd.
„Mach mich hier nicht vor der ganzen Verwandtschaft unmöglich!“, zischte Thomas halblaut und packte sie am Handgelenk, in dem Versuch, ihr die Unterlagen zu entreißen.
Die Frau riss ihren Arm mit absoluter Gelassenheit, ohne einen Funken Angst, aus seinem Griff.
„Nicht die Dokumente oder die Wahrheit machen dich unmöglich, Thomas. Es sind Menschen unmöglich, die jahrzehntelang auf fremde Kosten parasitieren, die Gutmütigkeit ihres Partners ausnutzen, den Heiligen spielen und großzügig Eigentum verschenken, das ihnen gar nicht gehört.“ Sie holte tief Luft und zog das letzte Papier heraus, das wichtigste von allen. „And das hier ist die Kopie meines Antrags beim Grundbuchamt bezüglich unseres Ferienhauses im Allgäu. Nur für den Fall, dass jemand von euch auf die Idee kommen sollte, es ohne mein Wissen und meine schriftliche Zustimmung zu überschreiben oder zu verschenken.“
Thomas wurde so blass, dass seine Gesichtsfarbe mit dem Porzellanteller vor ihm verschmolz.
„Du… du hast in meinem Handy geschnüffelt?!“, seine Stimme begann vor Angst zu zittern.
„Nein, du hast einfach nur zu laut telefoniert. Weil du dir absolut sicher warst, dass sowieso nie jemand etwas sagen würde und dass dir alles ganz automatisch zusteht.“
Nadine senkte schnell den Blick auf ihren Teller, während ihre Ohren vor Scham und ungesunder Neugier glühten. Die Gäste rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her, jemand griff hastig nach dem Wasserglas, andere lehnten sich zurück, wohl wissend, dass sie dieses Mittagessen so schnell nicht vergessen würden. Renate versuchte ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen ihrer alten Autorität und erhob die Stimme:
„Den eigenen Angehörigen Geld vorzuhalten, ist erbärmlich, stillos und absolut geschmacklos, Sabine!“
„Und dreißig Jahre von genau diesem Geld zu leben und so zu tun, als wäre das eine Selbstverständlichkeit – das zeugt von viel Stil und Edelmut?“, konterte Sabine und blickte ihrer Schwiegermutter direkt in die Augen.
Im Saal herrschte eisiges Schweigen. Niemand sagte auch nur ein einziges Wort. Thomas stieß seinen Stuhl mit einer solchen Wucht zurück, dass eine heruntergefallene Gabel mit einem lauten Klirren auf dem Parkettboden landete.
„Wir fahren nach Hause. Sofort. Dort klären wir das so, wie es sich gehört.“ Das war sein letzter ehelicher Befehl, ausgesprochen in genau dem Tonfall, in dem er morgens seinen Kaffee verlangte.
„Nach Hause fahre ich. Du entscheidest am besten jetzt sofort, wo du die heutige Nacht verbringen wirst“, entgegnete sie kaltblütig.
„Sabine, du hast das ganze Fest ruiniert, so ein bedeutender Tag…“, schaltete sich Nadine ein, die kein Hehl daraus machte, wie sehr sie dieses Drama faszinierte. „Das hätte man doch im Stillen klären können, zu Hause, in den eigenen vier Wänden.“
„Im Stillen wurde es dreißig Jahre lang geklärt, Nadine“, drehte sich Sabine zu ihr um. „And dreißig Jahre lang war es bei uns zu Hause so still wie in einem Grab.“
Renate sackte plötzlich hilflos in ihrem Stuhl zusammen. Sie kniff die Lippen zusammen, versank tiefer in dem Polstersessel, griff nach der Stoffserviette und begann, sie mit zitternden Fingern nervös zu zerknüllen.
„Ich war euch also nur eine Last? So einen Lebensabend musste ich wegen meiner Schwiegertochter erleben…“, jammerte sie mit falschen Tränen in den Augen.
Sabine sah zu, wie ihre Schwiegermutter das Stück Stoff ruinierte, und spürte, wie jeglicher Zorn in einer einzigen Sekunde aus ihr wich. Zurück blieb nur eine klare, befreiende Leere.
„Sie waren nicht nur eine Last, Renate. Sie haben es sich bequem auf meinem Leben gemütlich gemacht und so getan, als nenne man das familiäre Liebe.“
Thomas schlug auf den Tisch.
„Es reicht jetzt mit diesem Unsinn!“
„Ja, Thomas, für dich reicht es wirklich“, Sabine stand auf, nahm ihre Handtasche und den Strauß jener einfachen Gerbera, die ihre Schwiegermutter kurz zuvor noch so kritisiert hatte. In diesem Moment kamen ihr die Blumen am schönsten auf der Welt vor – echt, kräftig, ohne irgendwelche künstlichen Satinbänder. Auf dem Tisch blieben der offene Ordner und die riesige Geburtstagstorte mit den Cremerosen zurück, von der niemand mehr kostete.
Das Taxi kam überraschend schnell. Im Wagen roch es nach Tabak und Mentholkaugummi, aus dem Radio lief ein altes, ruhiges Lied mit der leicht rauen Stimme eines Sängers. Sabine ließ sich auf den Rücksitz sinken, legte die Blumen auf ihre Knie und bemerkte erst jetzt, dass sie in ihrer Handfläche immer noch das abgerissene Bindeband des Ordners umklammert hielt – es musste in der überstürzten Eile gerissen sein, als sie die Unterlagen schloss.
„Wohin darf es gehen?“, fragte der Taxifahrer, als er ihren Blick im Rückspiegel auffing.
Sie nannte ihm die Adresse ihrer Wohnung und spürte plötzlich eine unglaubliche Leichtigkeit auf der Brust. Es war genau das Gefühl, das einen nach einem großen, anstrengenden Frühjahrsputz überkommt, wenn man endlich die alten Müllsäcke nach draußen gebracht hat und die Fenster weit öffnet, damit der frische Wind einer neuen Jahreszeit in die Räume strömen kann.
Die Wohnung empfing sie mit vollkommener Stille. In der Küche auf der Abtropffläche standen zwei Tassen – seine, mit einer leicht abgeschlagenen Kante am Henkel, und ihre, hellblau mit feinem Rand. Sie schaltete den Wasserkocher ein, legte ihre Ohrringe ab und steckte sie dann wieder an – sie wollte sich bis zum ganz bitteren Ende elegant und stark fühlen, obwohl sie nun mit sich allein war.
Thomas tauchte nach anderthalb Stunden auf. Der Schlüssel drehte sich mit dem vertrauten metallischen Geräusch im Schloss und die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen.
„Was sollte diese Aktion vorhin? Ist dir eigentlich klar, wie sehr du mich vor der gesamten Verwandtschaft blamiert hast?“, legte er direkt vom Flur aus los. „Meine Mutter liegt zu Hause, völlig blass, ihr Blutdruck ist wegen dir in die Höhe geschossen!“
„Liegt sie auf dem neuen Ledersofa, das ich bezahlt habe?“, fragte Sabine mit ruhiger Stimme.
Ihr Mann stockte, mit dieser Reaktion hatte er überhaupt nicht gerechnet.
„Dir ist auch noch nach Lachen zumute?!“
„Nein, mir ist nur jetzt alles vollkommen klar.“
Er betrat die Küche, ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und seine Hand schnellte aus Gewohnheit zum Brotkasten, als sollte sich dieser Konflikt vor dem Abendessen ganz von alleine in Luft auflösen.
„Du hast aus einer Mücke einen Elefanten gemacht, wir hätten doch…“
„Versuch es erst gar nicht, Thomas.“
„Ich wollte doch nur, dass Harmonie in der Familie herrscht, dass wir uns alle gut verstehen“, murmelte er, den Blick auf die Tischplatte gerichtet.
„Harmonie für wen? Für dich und für deine Mutter?“
Thomas antwortete nicht. Dann kramte er wieder seine Lieblingsphrase hervor:
„Ach komm schon, wir sind doch keine Fremden…“
Und genau in dieser Sekunde fügte sich in Sabines Kopf alles endgültig zusammen.
„Fremde Menschen vergreifen sich nicht an meinen privaten Konten, Thomas. Fremde Menschen versprechen nicht, mein Ferienhaus an jemand anderen zu verschenken, und besitzen wenigstens ab und zu ein Fünkchen Stolz und Gewissen.“
Er saß da und kratzte mit dem Fingernagel am Rand des Holztisches. Er hatte viel zu lange versucht, sich einen bequemen Platz durch das Balancieren zwischen mir und seiner Mutter zu sichern, bis er schließlich ungebremst auf dem Boden gelandet war.
„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte er halblaut.
„Jetzt packst du die nötigsten Sachen in diese Tasche und gehst zu deiner Mutter. Für drei Tage. Und danach treffen wir uns beim Anwalt, um die Scheidung und die Vermögensaufteilung zu regeln.“
„Das ist dein Ernst?! Wegen eines beschissenen Essens im Restaurant wirfst du eine ganze Ehe weg?“
„Ich habe es dir doch gesagt – mein Trinkspruch war schon sehr, sehr lange vorbereitet.“
Er packte lautstark, knallte demonstrativ die Schranktüren zu, warf Socken umher und fluchte halblaut. Doch am Ende nahm er alles mit. Als er mit der Tasche und der Jacke im Flur stand, drehte er sich noch einmal um:
„Es ging also am Ende wirklich nur um Geld und Stolz?“
„Nein, Thomas. Es ging darum, dass du dreißig Jahre lang seelenruhig dein Essen gekaut hast, während deine Mutter mich bei lebendigem Leibe aufgefressen hat.“
Die Tür schloss sich. Es war vorbei. Sabine drehte den Schlüssel im Schloss zweimal um und betrachtete lange ihre Hände. Dann spülte sie sorgfältig seine Tasse, stellte sie in die hinterste Ecke des Küchenschranks und holte ein Glas Feigenkonfitüre aus der Speisekammer. Sie öffnete es und bestrich sich, ohne jedes schlechte Gewissen oder Spargedanken, eine dicke Schicht auf eine Scheibe Brot.
Drei Tage später kam Thomas zurück, um zwei weitere Taschen mit Kleidung zu holen, wobei er sie erneut bat, „keine voreiligen Schlüsse zu ziehen“. Nach einer Woche tauchte er in Begleitung einer Immobilienmaklerin auf und wollte über das Ferienhaus sprechen, doch Sabine zeigte ihm schlicht den unterschriebenen Darlehensvertrag und die Kontoauszüge. Er versuchte noch, irgendetwas zu stammeln, aber er hatte seinen einstigen Appetit völlig verloren.
Renate hatte ihr seit diesem Nachmittag kein einziges Mal mehr angerufen. Über Nadine ließ sie ausrichten, die Schwiegertochter habe „buchstäblich den wichtigsten Tag ihres Lebens zerstört“. Mag sein. Aber das Ferienhaus im Allgäu hat danach niemand mehr angerührt, das Geld auf Sabines Konto blieb sicher und in der Küche war von da an nur noch das leise, beruhigende Summen des Wasserkochers zu hören und nicht mehr die Ansprüche eines fremden, unersättlichen Appetits. Noch an jenem Morgen hatte sie die Vase mit den Gerbera auf den Tisch gestellt. Sie stehen immer noch dort – schlicht, kräftig und sie haben nicht ein einziges Blatt verloren.
