Der Wind vom Warnow-Ufer riss ihr die Kapuze vom Kopf, während sie mit einer Tüte voller Sonderangebote und der Hand ihres Sohnes Richtung Bushaltestelle hastete. Das Handy klemmte zwischen Schulter und Ohr.
„Wo bleibst du eigentlich? Willst du überhaupt noch nach Hause kommen?"
Anetts Finger um den Tütenhenkel wurden weiß. „An der Kasse hat's gedauert. Schlange bis zum Kühlregal."
„Immer dasselbe Lied bei dir."
Die Verbindung brach ab. Sie steckte das Handy weg, ohne zurückzurufen, und beschleunigte den Schritt. Ihr Sohn Finn, den Plüsch-Triceratops unter dem Arm, trat mit dem Stiefel in eine Pfütze und stolperte. Sie fing ihn unter den Achseln auf.
„Vorsichtig, Mäuschen. Gleich sind wir im Bus."
Im Bus döste Finn fast sofort an ihrer Schulter ein. Sie schob ihm die Mütze zurecht, drückte ihm den Dino wieder in die Arme und starrte auf die vorbeiziehenden Häuserzeilen von Rostock-Lichtenhagen, ohne zu bemerken, wie in ihrer Tasche das Handy erneut kurz aufsummte.
In der Wohnküche hing der Geruch von aufgewärmtem Rotkohl – nicht der von zu Hause, mit Nelken und einem Schuss Apfelessig, sondern der aus der Dose, drei Tage alt, ständig neu erwärmt. Der Fernseher auf dem Küchenschrank lief mit den Regionalnachrichten vom NDR. Ihr Mann, Torben, stand mit einer Bierflasche da und diskutierte lautstark mit seinem Bruder über Fußball.
„Ah, die Chefin ist eingetroffen!" Torben löste sich von der Anrichte und baute sich vor ihr auf. „Das soll Abendessen sein?" Er tippte mit dem Finger gegen den Topf. „Meinst du das ernst? Ich, ein erwachsener Kerl, soll diese Pampe essen? Hast du eigentlich noch Selbstachtung?"
Anett schwieg. Sie deckte den Topf zu, packte Brot, Besteck und zwei Teller in eine Tasche und ging ins Kinderzimmer. Dort, zwischen Decken und Bausteinen, baute Finn eine Tankstelle aus Lego.
„Guck, Mama, hier ist die Waschanlage. Echt jetzt!"
Sie lächelte, half ihm, die Einfahrt zu befestigen, und stellte das Essen aufs Fensterbrett.
Der Morgen roch nach fast übergekochter Milch, die sie gerade noch vom Herd ziehen konnte. Torben kam in die Küche, kratzte sich am Bauch.
„Schon wieder dein Haferbrei. Kannst du nicht mal richtig kochen? Jeden Tag dieser Fraß, als wär ich in der Kaserne."
„Hast du eingekauft?" Sie rührte weiter, ohne sich umzudrehen. „Kein Brot mehr da. Keine Wurst, kein Käse, kein Fleisch. Und du liegst immer noch auf der Couch rum wie der Herr im Haus. Wird's mal Zeit, dass du was tust?"
„Du willst mir jetzt Befehle geben?" Er kam näher, die Stimme drohend.
Sie legte den Löffel weg, wischte sich die Hände ab und ging in den Flur. Wenig später zog sie Finn an – Mütze, Schal, Jacke. Der Junge rieb sich die Augen.
„Und der Brei, Mama?"
„Unterwegs holen wir was. Komm."
An der Bäckerei am Doberaner Platz kaufte sie ihm ein Schokocroissant und für sich einen Kaffee to go. Finn setzte sich auf eine Bank und aß, nickte zufrieden.
Vor der Kita-Tür hing er sich an ihr Bein. „Ich will nicht allein bleiben."
„Mäuschen, ich muss arbeiten. Ich hol dich ganz bald ab, versprochen. Heute Abend gucken wir Dinosaurier." Sie küsste ihn auf die warme Wange.
Anett arbeitete an der Kasse im Kaufland an der Warnowallee. Es roch nach feuchtem Karton und Bodenreiniger. Ihre Filialleiterin, eine Frau mit kurzem grauem Bob und ruhigem Blick, presste die Lippen zusammen.
„Am Wochenende springst du für Sabine ein. Ihre Tochter hat entbunden. Machbar?"
„Klar", nickte Anett. Zum Streiten fehlte die Kraft.
Freitagabend brachte Torben zwei Kumpel mit, Bierdosen klirrend. Finn verkroch sich sofort unter der Bettdecke, den Dino fest umklammert. Anett räumte Tassen und Brotreste vom Tisch. Aus der Küche drangen Gelächter und Fluchen.
„Nicht so griesgrämig, Chefin, die Jungs brauchen mal Feierabend." Torben beugte sich mit Bierfahne zu ihr. Einer der Kumpel drehte sich um, grinste anzüglich. Sie wischte sich die Hände ab und ging raus ins Treppenhaus.
Es war kalt dort. Sie lehnte sich an die Wand. Durch die Tür hörte sie: „Mama…" Sie ging zurück, drückte Finn an sich. Er zitterte.
„Ist gut. Ich bin da."
Sonntags besuchten sie Tante Karin in Toitenwinkel, dritter Stock ohne Aufzug, Geruch nach Baldriantropfen, Zwieback in der Schale, ein alter Kater auf der Fensterbank. Anett wischte den Boden, sortierte Medikamente. Finn rollte ein Wollknäuel über den Teppich.
„Lebst du immer noch so?", fragte die Tante und rückte die Brille zurecht.
Anett blickte aus dem Fenster. Draußen fiel vereinzelt Schnee, ein Fliederzweig schwankte im Wind. „Wohin denn sonst?", sagte sie leise, während sich innen alles zusammenzog.
„Hier, nimm." Die Tante reichte ihr einen Karton. „Ein Tablet. Nicht mehr neu, aber es tut's noch. Nur das Ladekabel ist hin. Ich brauch's nicht mehr."
Am nächsten Tag kaufte Anett am Hauptbahnhof ein neues Kabel. Abends, während Finn Dinosaurier ausmalte, scrollte sie durch YouTube. Sie stieß auf ein Schminktutorial. Ein Video, noch eins, noch eins. Sie erinnerte sich an die Zeit, als sie in der Schule vor Abibällen ihre Freundinnen geschminkt hatte.
Im Kaufland kam eine neue Kollegin dazu – Bärbel, Mitte vierzig, redselig, warmherzig.
„Du bist hübsch, du solltest nicht hier stehen. In einem Salon. Du hast ruhige Hände."
Anett lachte. „Ach was, welcher Salon."
„Sag niemals nie, Mädel. Klein fängt's an. Und irgendwann bist du Meisterin."
Abends fand sie online einen kostenlosen Fernkurs für Visagistik. Man musste nur Fotos eigener Arbeiten einschicken. Sie kramte ihre alte Kosmetiktasche hervor – Wimperntusche, Kajal, Puder – und probierte an sich selbst. Unregelmäßig, aber ihr Gesicht wirkte plötzlich anders.
Sie klopfte bei der Nachbarin. Die war überrascht, sagte aber zu. „Erschreck nur deinen Mann nicht damit", scherzte sie. Finn reichte Wattepads. „Mama, du bist eine Zauberin!"
Sie fotografierte das Ergebnis und schickte es ab. Die Antwort kam am nächsten Abend: Bewerbung angenommen, Kurs beginnt Montag.
Als Torben die Kisten mit Kosmetik auf dem Tisch sah, brüllte er: „Was, jetzt Visagistin? Influencerin? Du hast doch zwei linke Hände!"
Anett packte die Pinsel schweigend weg. Finn stand in der Tür. Sie ging zu ihm, kniete sich hin. „Geh ins Zimmer, Sonnenschein." Sie schloss die Tür, zog ihn an sich, schaltete ihm ein Hörspiel ein und setzte sich an den Laptop.
Am Morgen holte sie einen Briefumschlag aus dem Schrank – darin vier Scheine, sorgfältig gefaltet. Der erste Auftrag: Make-up für Bärbels Bekannte. Sie befestigte die Lampe mit einer Klemme am Vorhang, legte ein frisches Handtuch bereit, ordnete die Pinsel.
„Mama, darf ich Assistent sein?", fragte Finn ernst.
„Klar, mein Helfer." Sie küsste ihn auf die Stirn.
Die Kundin kam etwas zu früh, hochgewachsen, rothaarig, im einfachen Pullover. „Ist das wirklich in Ordnung so? Ich dachte, du hättest einen Salon."
„Noch bin ich zu Hause. Aber alles sauber, alles steril. Setz dich."
Die Arbeit ging langsam voran, die Hände zitterten leicht, doch als sie mit der Grundierung begann, wurde alles ruhig um sie herum. Finn reichte mit ernster Miene Schwämmchen an, wie ein kleiner OP-Assistent.
„Du hast ruhige Hände. Und mein Gesicht sieht auf einmal anders aus. Danke", sagte die Kundin beim Gehen und legte etwas mehr Geld hin als vereinbart.
Am Abend zählte Anett nach: fast die Hälfte der Kaution für einen eigenen Raum war zusammen.
Zwei Tage später ein weiterer Auftrag, eine andere Bekannte von Bärbel. Anett stand um sechs auf, brachte Finn zur Kita, kaufte Wattestäbchen und Mizellenwasser, bat um eine Stunde später Feierabend – die Filialleiterin schaute schief, sagte aber nichts.
„Man hat mir erzählt, du zauberst richtig. Meine Nichte heiratet, ich muss top aussehen."
Finn kam mit seinem Malbuch angerannt, reichte ein Wattepad. „Hier. Brauchst du das, Mama?"
Die Kundin lachte: „So ein Assistent ist Gold wert."
Abends saß Anett mit Notizblock da, rechnete. Die Summe stimmte fast. Sie fand eine Anzeige: „Vermiete Zimmer für Kosmetikerin. Eigener Eingang. Nur nach Vereinbarung." Eine ältere Frau meldete sich, misstrauisch: „Läuft da ständig Kundschaft durchs Treppenhaus?"
„Nur nach Termin. Ganz ruhig, keine Warteschlangen."
Sie fuhren hin, um sich das Zimmer anzusehen – ein Plattenbau in der Nähe, hohe Decke, Fenster zum Hof. „Miete im Voraus. Sonst fliegst du raus", sagte die Vermieterin.
„Ich bin ordentlich."
Noch am selben Abend hängte Anett ein Schild an die Tür: „Visagistin. Anett." Finn zog zwei Reißnägel aus dem Rucksack und drückte sie ins Pappschild.
„Ich hab mitgeholfen. Unser Schild. Cool, oder?"
Sie lachte, das Herz klopfte. Zum ersten Mal seit langer Zeit blickte sie nicht mit Angst, sondern mit Neugier in die Zukunft.
Nach Hause gingen sie schweigend. Finn erzählte von einem Dino aus Knete. Vor der Haustür hörte sie eine Stimme, gereizt und nach Bier riechend:
„Na, die Prinzessin. Jetzt Geschäftsfrau, was?" Torben trat aus dem Dunkel, Jacke offen, Blick wütend. „Komm runter von deinem hohen Ross. Wer bist du überhaupt ohne mich?"
„Ich bin nicht dein Schatten mehr. Ich hab genug von deinem Geschrei, dem Biergestank, davon, dass du aus mir eine Fußmatte gemacht hast. Vorbei."
Finn drückte sich an ihr Bein. Torben schnaubte: „Ernsthaft? Du gehst? Na dann, viel Glück. Kommst eh angekrochen."
Sie ging an ihm vorbei, ohne sich noch einmal umzudrehen, öffnete die Haustür mit ihrem eigenen Schlüssel und ließ Finn vorgehen. Drei Wochen später stand sie in dem gemieteten Raum, den ersten Kunden des Tages im Termin-Kalender, als das Telefon klingelte – ihr Bruder, mit der Nachricht, dass Torben vorbeigekommen sei und nach ihr gefragt habe, betrunken, vor der Wohnung der Tante. Sie legte den Pinsel zur Seite, wischte sich die Hände am Handtuch ab und rief den Anwalt zurück, dessen Nummer sie sich seit einer Woche in der Notizen-App gespeichert hatte.
Zwei Tage danach saß sie im Standesamt Rostock, Abteilung Familienrecht, mit der Scheidungsakte auf den Knien. Zwölftausend Euro hatten sie in acht Ehejahren gemeinsam angespart – auf einem Konto, das nur auf Torbens Namen lief, weil sie es damals bequemer gefunden hatte. Sie unterschrieb die Vereinbarung, die die Sachbearbeiterin ihr reichte: hälftige Teilung, sechstausend auf ihr neues Konto, binnen vierzehn Tagen. Kein Wort mehr, kein Streit. Sie faltete das Papier, steckte es in die Klarsichthülle neben dem Mietvertrag für das Zimmer und ging zurück zur Straßenbahn, wo Finn mit Bärbel auf sie wartete, den Dino in der Hand und ein neues Malbuch unter dem Arm.
Als Torben zwei Wochen später vor der Tür des kleinen Studios stand und klingelte, öffnete Anett nicht selbst – die Vermieterin tat es, sah ihn kurz an und sagte, hier gebe es keine Anett mehr für ihn, nur Kundinnen mit Termin. Er blieb einen Moment auf der Treppe stehen, dann ging er. Drinnen legte Anett gerade die letzte Wimper an eine Kundin, ohne dass ihre Hand auch nur zitterte.







