Der Schlüssel zu Garage 122 in Rosenheim

Zweiundsechzig Jahre war ich mit Werner verheiratet, und ich hätte geschworen, jeden Winkel seines Lebens zu kennen – bis mir ein fremdes Mädchen am Sarg einen Umschlag in die Hand drückte und ohne ein Wort zwischen den Grabsteinen verschwand.

Ich heiße Margarethe, ich bin achtzig Jahre alt, und an jenem Novembertag auf dem Waldfriedhof von Rosenheim fror ich so sehr, dass ich die Kälte fast als Erlösung empfand. Es roch nach nassem Laub und nach dem Wachs der Grabkerzen, jemand hatte irgendwo ein Autoradio nicht ausgestellt, und leise drang Blasmusik zwischen die Grabreihen. Meine beiden Söhne, Klaus und Peter, standen links und rechts von mir, jeder hielt einen meiner Arme, als könnte ich sonst einfach umkippen wie ein leerer Sack.

Die Trauergäste gingen schon zu den Autos, als ich sie sah. Ein Mädchen, vielleicht zwölf, mit einer viel zu großen Strickjacke, die eindeutig nicht ihre eigene war. Sie kam direkt auf mich zu, ignorierte alle anderen, als hätte sie mein Gesicht von einem Foto auswendig gelernt.

„Sind Sie Frau Brandtner? Die Frau von Werner?"

Ich nickte nur, mehr brachte ich nicht heraus. Sie drückte mir einen cremefarbenen Umschlag in die Hand, ihre Finger waren eiskalt.

„Er hat gesagt, ich soll es Ihnen genau heute geben. Bei der Beerdigung. Nicht früher."

Und weg war sie, zwischen den geparkten Wagen, ein Fleck aus grüner Wolle, der zwischen den BMWs und Opels verschwand. Ich rief ihr nach, aber Peter legte mir die Hand auf die Schulter: „Mama, lass sie. Wir finden sie schon."

Zu Hause, in unserer Doppelhaushälfte in der Rosenstraße, saß ich abends allein in der Küche, die Herdplatte war noch warm vom Tee, den ich mir gemacht und nicht getrunken hatte. Ich schnitt den Umschlag mit dem Brotmesser auf, weil ich kein anderes griffbereit hatte. Darin: ein Brief in Werners Handschrift, diesen eckigen Buchstaben, die er sich als Ingenieur bei den Bayerischen Motorenwerken über vierzig Jahre angewöhnt hatte, und ein kleiner Messingschlüssel mit einer Plastikmarke: Garage 122, Kolbermoorer Straße.

Er schrieb, er bitte mich um Verzeihung für sein jahrzehntelanges Schweigen. Er schrieb, ich solle zur angegebenen Adresse fahren, allein, wenn ich könne. Der Schlüssel öffne Garage 122.

Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Am nächsten Morgen zog ich meinen grauen Wintermantel an, bestellte ein Taxi, weil ich seit Jahren nicht mehr selbst fuhr, und ließ mich zur Kolbermoorer Straße bringen, an den Rand der Stadt, wo Garagenreihen aus Blech in langen Zeilen stehen wie Legosteine. Der Fahrer wartete mit laufendem Motor, ich sagte ihm, er solle nicht warten, ich wüsste nicht, wie lange ich brauchen würde.

Der Schlüssel drehte sich schwer im Schloss. Drinnen roch es nach altem Papier, nach Sägespänen, nach Motoröl, das seit Jahren nicht mehr benutzt worden war. Kein Auto stand darin – nur, mitten auf dem grauen Estrichboden, eine große Holztruhe, mit einer dicken Staubschicht bedeckt, als hätte sie dort seit Jahrzehnten gewartet.

Ich kniete mich hin, was mit meinen Knien eine eigene Geschichte für sich war, und klappte den Deckel auf. Kinderzeichnungen, mit ausgeblichenen Bändern zusammengehalten. Geburtstagskarten, adressiert an „lieber Werner". Zeugnisse, ordentlich gefaltete Briefe, eine Mappe mit Dokumenten. Alle Briefe trugen denselben Namen als Unterschrift: Virginia.

Aus den Papieren wurde mir klar: Mein Mann hatte über Jahre heimlich einer jungen Frau und ihrer Tochter geholfen – Miete bezahlt, Schulgeld, das Nötigste. Für einen Moment dachte ich, er hätte ein zweites Leben geführt, irgendwo, ohne mich. Meine Hände zitterten so, dass ich die Blätter kaum noch halten konnte, ich setzte mich einfach auf den kalten Boden, die Truhe vor mir, und wartete, dass sich etwas in mir sortierte. Es sortierte sich nicht.

Da stand plötzlich wieder das Mädchen aus der Kirche in der offenen Garagentür, das Licht hinter ihr.

„Ich hab gewartet. Bis Sie kommen." Sie hieß Jenny. „Meine Mama heißt Virginia. Sie liegt im Klinikum Rosenheim. Sie braucht eine Operation, und wir haben nicht das Geld dafür."

„Wie alt bist du, Jenny?"

„Zwölf. Warum?"

Ich rechnete im Kopf und kam auf keine Zahl, die passte. Virginia musste, wenn sie Jennys Mutter war, Ende dreißig, höchstens Anfang vierzig sein. Aber die Handschrift auf den ältesten Karten in der Truhe war eindeutig eine Kinderhandschrift gewesen, ungelenk, mit Buntstift. Ich schob die Frage beiseite. Dafür war später noch Zeit.

Wir fuhren zusammen mit dem Bus zum Klinikum, ich in meinem Beerdigungsmantel, Jenny neben mir, die Knie zusammengepresst, die Finger ineinander verschränkt. Im Zimmer 214 lag eine Frau, blass, an Schläuche angeschlossen. Sie schlief. Der Stationsarzt nahm mich beiseite: Es sei dringend, jeder Tag zähle, ohne die Operation werde sich ihr Zustand rapide verschlechtern.

Ich setzte mich neben das Bett und wartete zwei Tage, in denen ich kaum nach Hause ging. Ich saß dort mit dem grünen Aktenordner auf dem Schoß, in den ich inzwischen alle Papiere aus der Truhe sortiert hatte, und las Werners Tagebuch, das ich aus der Kommode in der Rosenstraße geholt hatte, in Leder gebunden, das Gummiband darum schon brüchig. Die Einträge reichten vierzig Jahre zurück.

Er hatte darin geschrieben, wie eine junge Frau namens Ilse eines Abends bei ihm an der Werkstatt in Rosenheim aufgetaucht war, mit einem Säugling im Arm und nirgendwo hin. Sie hatte ihn erkannt – sie waren zusammen zur Berufsschule gegangen, bevor sie von zu Hause weglief. Sie hatte ihn angefleht, niemandem zu sagen, dass sie noch lebte, am wenigsten ihrer Schwester Margarethe. „Sie soll mich für tot halten", hatte sie gesagt, stand da in Werners Schrift, „das ist leichter für alle, auch für mich." Er hatte ihr Geld gegeben, damals, für das Kind, das Virginia hieß, und später, als Ilse gestorben war, hatte er stillschweigend weiter für Virginia gesorgt, weil er es ihr versprochen hatte, und nach Virginias eigener Geburt eines Kindes auch für Jenny.

Ich saß da mit dem Buch auf den Knien und begriff erst nach und nach, was das bedeutete. Nicht Virginia war das Kind auf dem alten Foto – das musste Ilse selbst gewesen sein, jung, mit Virginia im Arm. Virginia war also nicht Ilses Schwester, sondern ihre Tochter. Meine Nichte.

Am zweiten Tag schlug Virginia die Augen auf. Ich stand auf, die Ordnermappe fiel mir aus dem Schoß, Papiere rutschten über den Linoleumboden, ich bückte mich nicht danach.

„Wer sind Sie?", fragte sie, die Stimme rau vom Schlauch in der Kehle.

„Ich bin Margarethe. Ich war mit Werner verheiratet. Deine Mutter war meine Schwester Ilse."

Virginia starrte mich lange an, dann wandte sie den Kopf zum Fenster. „Sie hat nie von einer Schwester gesprochen. Sie hat überhaupt nie von früher gesprochen."

„Ich auch nicht mehr von ihr. Fünfundsechzig Jahre lang habe ich gedacht, sie sei tot. Oder schlimmer – dass sie einfach nie mehr an uns gedacht hat."

Ich musste mich auf den Besucherstuhl setzen, meine Beine trugen mich nicht mehr richtig. Ich dachte an Ilse mit vierzehn, wie sie mir heimlich ihre Erdbeermarmelade vom Brot abgab, weil ich meine verschüttet hatte. Ich dachte an den Tag, an dem unsere Mutter ihr Zimmer leer vorfand, das Bett gemacht, kein Zettel. An die Jahre, in denen ich jede fremde Frau auf der Straße kurz ansah, ob sie es sein könnte. Jetzt saß ich hier, achtzig Jahre alt, und erfuhr, dass meine Schwester nicht einmal ein Wort für mich übriggehabt hatte, als sie im Sterben lag. Die Wut kam später als die Trauer, aber sie kam, heiß und unwillkommen, mitten im Krankenzimmer, wo ich sie nirgendwohin richten konnte.

„Warum hat Werner das mir gegenüber verschwiegen?", fragte ich, mehr mir selbst als Virginia.

„Vielleicht, weil meine Mutter ihn darum gebeten hat", sagte Virginia leise. „Manche Menschen wollen tot sein für die, die sie verletzt haben. Das macht es für sie erträglicher."

Ich saß noch eine Weile da, ohne etwas zu sagen, meine Hände lagen auf dem grünen Ordner in meinem Schoß, und ich strich mit dem Daumen über die Kante des Einbands, immer wieder, bis der Karton an einer Stelle aufweichte.

Die Operation fand zwei Tage später statt. Ich hatte inzwischen unser gemeinsames Sparbuch aufgelöst, achtzehntausend Euro, die für „irgendwann, falls was ist" gedacht waren, und dem Klinikum übergeben. Während Virginia im Operationssaal war, saß ich mit Jenny im Wartebereich, auf den harten Plastikstühlen, und erzählte ihr von ihrer Urgroßmutter Ilse, von der Erdbeermarmelade, von unserem Elternhaus in Bad Aibling. Jenny hörte zu, ohne mich zu unterbrechen, und als ich fertig war, legte sie ihren Kopf an meine Schulter, so selbstverständlich, als hätten wir das schon oft getan.

Die Operation gelang. Als Virginia sich erholt hatte, saßen wir zu dritt in ihrem Zimmer, und ich erklärte ihr und Jenny, wie die Fäden zusammenliefen: Ilse war meine Schwester und Virginias Mutter gewesen, Werner hatte ihr Versprechen gehalten und über Jahrzehnte für Virginia und dann für Jenny gesorgt, ohne mir je ein Wort zu sagen. Für Virginia war ich nun die Tante, von der sie nie gewusst hatte. Für Jenny die Großtante. Sie umarmte mich, fest, ihre Arme um meinen Hals, und ich hielt sie, so lange sie wollte.

Ich ging noch in derselben Woche zu meiner Bank in der Innenstadt und ließ Jennys Namen als Zweitkontoinhaberin auf einem neuen Sparkonto eintragen, das ich mit dem Erlös aus dem Verkauf von Werners altem BMW einrichtete – zwölftausend Euro, für Jennys Ausbildung, egal was daraus wird. Die Kontounterlagen liegen jetzt in demselben grünen Ordner, zusammen mit dem Tagebuch und den Briefen aus der Truhe, auf dem Küchentisch in der Rosenstraße.

Virginia kommt inzwischen jeden zweiten Sonntag zum Kaffee, Jenny bringt immer ihren Hund mit, einen kleinen, ungezogenen Dackel, der unter meinem Küchentisch nach Krümeln sucht. Die Garage 122 habe ich behalten. Den Schlüssel trage ich seitdem an meinem eigenen Bund, neben dem für die Haustür.

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