Ich heiße Jonas Brenner, ich bin vierunddreißig, und seit sieben Jahren gehört mir – oder gehörte mir, das ist jetzt die Frage – eine Kfz-Werkstatt in Duisburg, gleich hinter dem Kaufland an der Dieselstraße. Riecht immer nach Bremsenreiniger und kaltem Kaffee aus dem Automaten, der seit Monaten nur noch Suppe zieht statt Espresso. Meine Frau Katharina hat mich dort in den letzten zwei Jahren öfter angerufen als jeder Kunde. Fünfmal am Tag, manchmal öfter. Wo ich bin. Mit wem. Warum das Telefon zwanzig Sekunden geklingelt hat, bevor ich rangegangen bin.
Am Anfang fand ich das noch süß, ehrlich gesagt. Man fühlt sich ja geschmeichelt, wenn jemand wissen will, wo man steckt. Aber irgendwann hört es auf, Fürsorge zu sein, und wird zu etwas anderem – zu einem Netz, das sich enger zieht, jede Woche ein bisschen mehr.
Katharina ist Fahrlehrerin, arbeitet für eine Fahrschule in Rheinhausen, drüben auf der anderen Rheinseite. Sie hat selbst wenig Zeit tagsüber, sitzt neben Achtzehnjährigen im Auto und bringt ihnen das Einparken bei – und trotzdem findet sie zwischen zwei Fahrstunden immer eine Minute, mir zu schreiben: „Wo bist du gerade genau." Nicht „Wie geht's". Genau.
Ihre Mutter, Frau Adelheid Wolters, wohnt seit dem Tod ihres Mannes bei uns im Haus, in der Einliegerwohnung unten. Sie war früher Sekretärin bei einer Anwaltskanzlei in Moers, sehr genau, sehr ordentlich, und sie hat mir schon vor drei Jahren mal beim Kaffee gesagt: „Katharina war schon als Kind so. Sie hat ihre Puppen gezählt, jeden Abend, damit ja keine fehlt." Ich dachte damals, das wäre eine niedliche Anekdote. Heute weiß ich, es war eine Warnung, die ich nicht verstanden habe.
Vor vier Monaten kam der erste richtige Bruch. Ich hatte eine neue Mitarbeiterin eingestellt, Selin, fünfundzwanzig, Kfz-Mechatronikerin, verdammt gut in ihrem Job – kann eine Lichtmaschine schneller wechseln als ich einen Kaffee trinke. Katharina kam einmal vorbei, angeblich um mir Essen zu bringen, blieb aber eine halbe Stunde in der Werkstatt stehen und hat einfach nur zugesehen, wie Selin und ich über einem Motorblock stehen. Kein Wort. Nur dieser Blick, der einem sagt: Ich zähl mit.
Am Abend hat sie mein Handy durchsucht. Ich hab's gemerkt, weil die Reihenfolge der Apps anders war. Ich hab nichts gesagt, aus Feigheit vielleicht, oder weil ich dachte, es geht vorbei, wenn ich es ignoriere.
Es ging nicht vorbei.
Vor sechs Wochen hat sie angefangen, mir zur Werkstatt zu folgen. Nicht heimlich – ganz offen, mit ihrem alten Opel Corsa, zwei Autos hinter mir auf der Kaiser-Wilhelm-Straße. Ich hab sie im Rückspiegel gesehen und einfach weitergefahren, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Anhalten und diskutieren, mitten im Berufsverkehr? Ihre Mutter hat mir später erzählt, Katharina hätte ihr am Telefon gesagt: „Ich muss doch wissen, ob er wirklich dort ist, wo er sagt."
Das war der Moment, wo mir klar wurde: Das ist keine Eifersucht mehr, die aus Liebe kommt. Das ist Kontrolle, die aus Angst kommt – und ich weiß bis heute nicht genau, wovor sie eigentlich Angst hat. Vielleicht davor, verlassen zu werden, so wie ihr Vater ihre Mutter irgendwann verlassen hat, für zwei Jahre, bevor er wiederkam und dann an einem Herzinfarkt starb. Das hat Frau Wolters mir mal erzählt, mit dieser trockenen Stimme, mit der sie eigentlich alles erzählt, sogar das Schlimmste.
Vor drei Wochen ist es eskaliert. Katharina hat auf eigene Faust – ohne mich zu fragen, ohne es überhaupt zu erwähnen – bei unserem Steuerberater angerufen und sich als ich ausgegeben, um an die Geschäftsunterlagen der Werkstatt zu kommen. Sie wollte wissen, ob ich Geld beiseiteschaffe. Ob es ein zweites Konto gibt. Der Steuerberater, Herr Nowak, hat mich zum Glück am nächsten Tag angerufen, weil ihm die Stimme komisch vorkam, und so ist es aufgeflogen.
Ich saß da, in meinem eigenen Büro, zwischen Rechnungen für Bremsscheiben und einem alten Kalender von einem Reifenhändler, und hab gedacht: Wie bin ich hierhergekommen. Wir hatten uns vor neun Jahren auf einem Sommerfest in Rheinberg kennengelernt, sie hat mich zum Tanzen aufgefordert, nicht umgekehrt, sie war diejenige mit dem Mut. Und jetzt sitzt dieselbe Frau zu Hause und rechnet mein Leben nach wie einen Kassenbon.
Ich hab sie an dem Abend zur Rede gestellt, in der Küche, während unten bei ihrer Mutter der Fernseher lief, irgendeine Krimiserie, man hörte die Musik durch die Decke. Katharina stand am Herd, hat Nudelwasser abgegossen, der Dampf ist ihr ins Gesicht gestiegen, und sie hat gesagt: „Ich wollte doch nur wissen, dass wir sicher sind." Ich hab gefragt: Sicher wovor. Sie hatte keine Antwort, nur die Nudeln, die sie zu heftig durch das Sieb geschüttelt hat, sodass zwei Stück auf den Boden gefallen sind.
Wir haben zwei Wochen kaum geredet. Ich hab in der Werkstatt übernachtet, auf der alten Couch im Pausenraum, unter dem Werbeplakat von einem Ölfilterhersteller, das da schon hing, als ich die Bude übernommen habe. Selin hat mir morgens manchmal einen Kaffee mitgebracht und nichts gefragt, was ich ihr hoch angerechnet habe – sie hat einfach gespürt, dass ich nicht reden wollte.
Frau Wolters hat mich vor zehn Tagen zu sich runtergerufen, in ihre Wohnung, die immer nach Lavendelseife riecht, und mir bei einem Tee gesagt: „Jonas, ich hab meiner Tochter beigebracht, immer genau zu wissen, wo alles ist. Nach der Sache mit ihrem Vater dachte ich, das schützt sie. Ich hab ihr das Falsche beigebracht." Sie hat dabei die ganze Zeit den Teebeutel im Wasser gedreht, immer im Kreis, obwohl der Tee längst durchgezogen war.
Das war ehrlich das erste Mal, dass mir jemand in dieser Familie zugegeben hat, dass etwas kaputt ist. Nicht bei mir. Bei ihnen. Und es hat mir – so seltsam das klingt – wieder ein bisschen Boden unter den Füßen gegeben, weil ich anfing zu verstehen, dass ich nicht der Grund für Katharinas Angst bin, sondern nur derjenige, an dem sie sich gerade abarbeitet.
Vor vier Tagen kam der eigentliche Knall. Katharina ist in die Werkstatt gekommen, mitten am Vormittag, während ich mit einem Kunden über einen Zahnriemenwechsel gesprochen habe, ein Golf Baujahr 2015, gar keine große Sache. Sie hat vor allen Leuten angefangen, mich zu fragen, warum Selins Jacke über meinem Bürostuhl hängt. Es war ihre eigene Jacke gewesen, die Selin sich für zwei Minuten ausgeliehen hatte, um in den Hof zu gehen und Öl zu holen, weil es draußen geregnet hat. Der Kunde stand daneben, unangenehm berührt, hat sich schließlich entschuldigt und ist gegangen, ohne den Termin zu machen. Zweihundertdreißig Euro Auftrag, futsch.
Da bin ich zum ersten Mal in unserer ganzen Beziehung richtig laut geworden. Nicht geschrien, aber laut, mit dieser Stimme, die ich sonst nur benutze, wenn jemand mit der Flex ohne Schutzbrille arbeitet. Ich hab gesagt: Du zerstörst gerade mein Geschäft, Katharina, wegen einer Jacke. Sie ist rausgerannt, ist in ihren Corsa gestiegen und einfach losgefahren, ohne Ziel, wie sich später rausstellte – sie ist zwei Stunden lang durch den Landschaftspark Duisburg-Nord gefahren und dann auf einem Parkplatz stehengeblieben, bis ihre Mutter sie angerufen hat.
Gestern Abend haben wir uns endlich richtig gesetzt, alle drei, am Küchentisch, mit einer Flasche Wasser zwischen uns, weil keiner Lust auf Wein hatte. Frau Wolters hat den Anfang gemacht, hat von ihrem eigenen Fehler erzählt, davon, wie sie Katharina als Kind beigebracht hat, jeden Abend die Puppen zu zählen, „damit du nie das Gefühl hast, etwas zu verlieren, ohne es zu merken". Katharina hat dabei die ganze Zeit ihre Hände um das Wasserglas gelegt, ohne zu trinken, die Fingerknöchel weiß.
Ich hab ihr gesagt, ganz ruhig, dass ich nicht mehr in der Werkstatt-Couch schlafen will, dass ich sie liebe, aber dass ich nicht bereit bin, mein Geschäft, meine Mitarbeiterin, meine Termine und mein Telefon jemand anderem zu unterstellen, nur damit sie sich sicher fühlt. Dass Sicherheit nicht aus Kontrolle kommt, sondern daraus, dass beide Seiten sich entscheiden zu bleiben, jeden Tag neu.
Katharina hat lange nichts gesagt. Dann hat sie ihr Handy auf den Tisch gelegt – nicht symbolisch, ganz praktisch – und gesagt, sie will zu einer Therapeutin gehen, alleine erstmal, zu einer Praxis in Neudorf, die ihr eine Kollegin aus der Fahrschule empfohlen hat. Termin ist schon für nächsten Dienstag gemacht, den 8. September.
Heute Morgen, bevor ich zur Werkstatt gefahren bin, hat sie mir noch etwas gegeben: einen Ordner, schwarz, mit Gummiband drum, in dem alle Ausdrucke ihrer eigenen Kontrollversuche lagen – die Steuerunterlagen-Anfrage, ausgedruckte Chatverläufe, in denen sie meinen Standort abgefragt hat, sogar ein handgeschriebener Zettel mit Datum und Uhrzeit, wann sie mir wie lange gefolgt ist. Sie hat gesagt: „Das gehört jetzt der Therapeutin, nicht mehr uns beiden. Ich will nicht, dass du das mit dir rumträgst."
Ich hab den Ordner ins Handschuhfach von meinem Passat gelegt, bin zur Dieselstraße gefahren, hab die Rolltür hochgezogen, den Automaten mit der komischen Suppe angemacht, und Selin kam rein, hat gefragt, ob alles okay ist. Ich hab gesagt: Wird's. Nicht heute, aber es wird.







